Archiv für den Monat: November 2014

Das sind tolle Beispiele für den Cradle-to-Cradle-Gedanken!

Von Monika Griefahn

Diskussionsrunde in Weiden

Michael Spitzbarth (Foto unten, links), Gründer und CEO der „bleed clothing gmbh“ macht es vor: Er ist Textildesigner und war irgendwann nicht mehr zufrieden mit den herkömmlichen Kollektionen. Kurzerhand gründet er sein eigenes Label: bleed. „Bluten?“ fragte ich mich als Moderatorin der Veranstaltung „Ressourceneffizienz neu denken und neu handeln“ des Netzwerkes Ressourceneffizienz und des RKW Bayern in Weiden. Ich gruselte mich ein wenig. Doch da wird Michael Spitzbarth genauer. Er produziere Outdoor- und Freizeitkleidung aus biologischer Baumwolle – eine faire Produktion und vegan nach dazu, also ohne Leder und Fell. Stattdessen setzt der Designer Kork ein und unterstützt damit auch die klammen Korkbauern in Portugal.

Monika Griefahn im Gespräch

Der Betrieb von Michael Spitzbarth ist klein, nur sechs Mitarbeiter sind dort tätig. Deshalb macht der Chef viel selbst: Kontrolle der Lieferanten vor Ort, Kollektionen prüfen und eben auch über das reden, was er tut, auf Veranstaltungen wie dieser. Der Designer zeigt, dass man etwas ändern kann, wenn man sich nur drum kümmert. Und das ist ja auch das, was Cradle to Cradle will: dass man positive Substanzen aussucht, die dem Menschen und der Umwelt nicht schaden, sondern nützen. Substanzen, die faire Arbeitsverhältnisse erlauben in Unternehmen, die für ihre Produktion erneuerbare Energien nutzen.

Und solche Beispiele gab es einige bei der Veranstaltung in Weiden. So präsentierte Werner Maass, der Mitglied der Geschäftsleitung des VDI Zentrums für Ressourceneffizienz in Berlin ist, das Beispiel einer Firma, die jetzt LED-Glühbirnen in herkömmlichem Design aus nur sechs Komponenten zusammensteckt. Das macht die Einzelbestandteile wieder leichter trenn- und recyclebar. Das ist eine Revolution nach all den zusammengeklebten und ineffektiven, Müll verursachenden Energiesparlampen der letzten Jahre! Und das Beste: Diese neuen Lampen kann man in Zukunft bei einem großen nordeuropäischem Möbelhaus kaufen – auch das ist ein Fortschritt.

Mit auf dem Podium war auch Michael Korndörfer (Foto: rechts) von der CERC Umweltberatung, der darauf hinwies, dass gerade Holz in Kaskaden genutzt werden und nicht sofort als Pellet in Heizungsanlagen landen sollte. Ein Baum sollte mindestens eine so lange Lebensdauer haben, wie er gebraucht hat, um für uns zu Holz zu werden.

Dem RKW Bayern ist große Anerkennung und Dank auszusprechen, dass sie den bayrischen Mittelstandsunternehmen mit der Veranstaltung aufgezeigt hat, was alles möglich ist und dass die Innovationen gerade aus dem Mittelstand kommen. Wenn das kein Ansporn für mehr ist!

Michael Spitzbarth und Michael Korndörfer._blog

Hundertprozentig positiver Fußabdruck

Von Ina Rieck

Beim Cradle-to-Cradle-Kongress

„Es geht darum, die Menschen als Chance zu sehen und zu feiern!“ rief Professor Michael Braungart dem Auditorium zu. Und so kam es auch. Der erste Cradle to Cradle (C2C) Kongress am Wochenende an der Leuphana Universität in Lüneburg war ein regelrechtes Fest: ein Feuerwerk an Ideen und Inspiration, das Lust macht auf Mehr und Mut für die Zukunft. Mit dabei: Über 600 Menschen, quer durch alle Bereiche von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik bis Kultur und Zivilgesellschaft.
Dr. Monika Griefahn, Vorsitzende des Cradle to Cradle  – Von der Wiege zur Wiege e. V., nannte den Kongress ein Meilenstein zum Ziel, dass die Vision C2C in naher Zukunft selbstverständlich ist.

Was ist C2C? Dieses radikal andere Umweltverständnis verdanken wir Professor Michael Braungart und dem amerikanischen Architekten William McDonough: Wir sollen mit der Umwelt nicht sparsamer, sondern intelligenter umgehen! Es ist die Vision einer Welt ohne Abfall. Kompostierbare T-Shirts werden zu Humus, Metalle werden unendlich oft zu Waschmaschinen. In dieser Kreislaufwirtschaft sind Menschen Nützlinge mit positivem Fußabdruck.

In einer scharfsinnigen Rede kritisierte Braungart bisherige Strategien: „Ökoeffizienz reicht nicht. Falsches effizient gemacht, wird nicht gut.“ Die erste Frage müsse deshalb sein: Was ist das Richtige? Es geht ihm um Effektivität, nicht um Effizienz: „Treppensteigen kostet fünfmal mehr Energie, als den Aufzug zu nehmen und ist dennoch sinnvoll für die Gesundheit. Auch Lippenstift ist vollkommen ineffizient, aber sehr effektiv.“
Dr. Michael Schmidt-Salomon, Philosoph und Schriftsteller, bezeichnete in seiner Keynote C2C als vierte industrielle Revolution. Seine Antwort auf Kritik, das Konzept sei weder technologisch noch gesellschaftlich umsetzbar: „Mangel an Fantasie ist nicht zu verwechseln mit Realismus.“

Der C2C Verein hatte im Vorfeld betont, der Kongress sollte keine wissenschaftliche Veranstaltung werden. Das ist gelungen: Die Fantasie der Teilnehmenden wurde genährt, praktische Anregungen gab es in den zahlreichen Vorträgen, Workshops und Diskussionen im Überfluss. C2C begegnet einem im Alltag öfter als man meint: in Sitzbezügen, Teppichen, Verpackungen, Spülmitteln – und Lippenstiften. Schönheit, Vielfalt und Qualität sind also möglich, wenn Ingenieure, Designer und Marketing anders denken und zusammenarbeiten.

Anders, positiv anders, waren auch Stimmung und Atmosphäre. Das lag daran, dass die Veranstalter vieles auch anders organisiert hatten: vegetarisches Catering, zubereitet in Zelten, wiederbefüllbare Flaschen zum Mit-Nachhause-Nehmen, „essbare“ Kongressunterlagen auf C2C-Papier und Strom, sehr effektiv über Kunst generiert. Dr. Monika Griefahn und ihr junges Team aus vielen ehrenamtlichen Helfern wurden mit minutenlangem Standing Ovation gefeiert.
Die Bilanz des ersten Cradle to Cradle Kongresses? Ein hundertprozentig positiver Fußabdruck!

Ina Rieck ist Beraterin für Nachhaltigkeitskommunikation in Berlin

Der Cradle to Cradle e.V.

Die Akteure des Cradle-to-Cradle-Kongresses.