Archiv für den Monat: September 2015

Inspiration und Innovation – der Cradle-to-Cradle-Kongress 2015 steigt am 31. Oktober

Von Monika Griefahn

c2c_2015_save_the_dateWäre der Cradle to Cradle Kongress ein Musikfestival, würde man vom hochkarätigen Line-up sprechen. So sind die Gäste am 31. Oktober in Lüneburg Akteure und keine Bands, hochkarätig aber sind sie auch. Der Cradle to Cradle e.V. begrüßt zum zweiten Cradle to Cradle Kongress unter anderem Helmy Abouleish, den Geschäftsführer der Sekem-Initiative in Kairo, die Schauspielerin Inez David, Bärbel Dieckmann, die Präsidentin der Deutschen Umwelthilfe oder Verena Metze-Mangold, die Präsidentin der deutschen UNESCO-Kommission. Die bunte Mischung entspricht der interdisziplinären Herangehensweise von Cradle to Cradle an die Herausforderungen der Gegenwart – und sie verspricht eine inspirierende Tagung, die hoffentlich alle Teilnehmer am Ende des Tages verlassen in dem Gefühl, die Welt verändern zu wollen.

Der C2C Kongress ist die einzige Plattform in Deutschland, die Menschen zum Thema Cradle to Cradle zusammenbringt und einen breiten Austausch zum Thema ermöglicht. Das Innovationskonzept bedeutet übersetzt „von der Wiege zur Wiege“ und steht für kontinuierliche Stoffkreisläufe und positiv definierte Materialien, die für Mensch und Umwelt gesund sind. Umdenken für einen positiven Fußabdruck, nennen wir das. Wir wollen nicht schädlich sein, auch nicht weniger schädlich, indem wir unseren Fußabdruck minimieren, sondern nützlich. Einen positiven Fußabdruck hinterlassen, das wollen wir. Nutzen wir also regenerative Energien, verbannen wir perspektivisch gefährliche Stoffe aus unseren Produkten, fördern wir die biologische und kulturelle Vielfalt, die unser Leben lebenswert macht. Wir wollen nicht nur nachhaltig leben, wir wollen ein Leben von umfassender Qualität.

Schon beim ersten Cradle to Cradle Kongress haben wir diskutiert, was möglich ist. Wir haben Häuser als Rohstofflager betrachtet, von kompostierbaren T-Shirts erfahren oder aus Kunststoffflaschen getrunken, die für den mehrfachen Gebrauch konzipiert waren. Das Themenspektrum beim zweiten Kongress am 31. Oktober umfasst so wichtige Aspekte wie Ernährung und Landwirtschaft, politische Entscheidungsprozesse oder wirtschaftlichen Mut. Wichtig ist uns vor allem eines: Wir wollen nicht nur reden, wir wollen Dinge umsetzen. Darum sind zum Beispiel Menschen wie Helmy Abouleish dabei, der mit Sekem seit Jahren eine Wirtschafts- und Lebensweise praktiziert, die viele Elemente des Cradle to Cralde Designkonzepts enthalten – und funktionieren!

Geht nicht, gibt es nicht, hat meine Mutter immer gesagt. Ich habe schon viele Dinge selbstverständlich werden sehen, die angeblich nicht gingen – angefangen beim chlorfrei gebleichten Papier bis hin zu sauberen Flüssen, die einst so verschmutzt waren, dass man ins Krankenhaus kam, wenn man ins Wasser fiel. Es ist immer noch Luft nach oben.

Inspiration und Innovation, tolle Menschen und ein Programm, das auf eine bessere Welt Lust macht, das bietet der Cradle to Cradle Kongress 2015 in Lüneburg. Sie haben die Chance, dabei zu sein. Nutzen Sie sie – zur Anmeldung geht es hier:

Der Cradle to Cradle e.V.

Einweg-„To go“ echt uncool

Von Monika Griefahn

Die Zahlen, die die Deutsche Umwelthilfe (DUH) ermittelt hat, sind beängstigend: 3 Milliarden Einwegbecher fallen jedes Jahr in Deutschland an. Allein 460.000 davon werden Tag für Tag in Berlin benutzt und weggeworfen. Rein rechnerisch also kauft jeder siebte Bewohner der Hauptstadt täglich einen Kaffee to go und produziert damit Müll, Müll, Müll.

Rohstoffe (Holz, Kunststoffe, Wasser, Energie) für drei Milliarden Becher, Transportwege für drei Milliarden Becher, Umverpackungen für drei Milliarden Becher – und dann wird das Gefäß im Schnitt 15 Minuten lang gebraucht und anschließend weggeworfen. Im allerbesten Fall wird es zu irgendetwas recycelt, im schlechtesten Fall besteht es aus einem Material oder Materialmix, bei dem Recycling unmöglich ist.

Müll, Müll, Sondermüll. Nur weil wir zu faul sind, uns den Kaffee zu Hause für die Thermoskanne zu brauen. Oder weil es irgendwie nicht „in“ ist. Das kann nicht gut gehen! Die Deutsche Umwelthilfe will mit der Kampagne „Becherheld – Mehrweg to go“ aufklären und Alternativen deutlich machen. Wer Zeit hat, könnte sich einfach die 15 Minuten in einem Café gönnen und stilvoll aus einer Porzellantasse trinken. Wer auf dem Sprung ist, kann sich einen Mehrwegbecher zulegen – ebenfalls etwas mit Stil – und seinen Kaffee dort hinein füllen lassen. Lassen Sie sich nicht von Ausreden – („Dürfen wir nicht“, „Hygiene“ etc.) ausbremsen. Wer Ihnen nichts in den Mehrwegbecher füllt, kann auch nichts an Ihnen verdienen! Die DUH empfiehlt für Kaffeehausketten auch ein Poolsystem. Wer einen Mehrwegbecher in Filiale 1 bekommt, kann ihn in Filiale 2 wieder abgeben. Bei Mietwagen ist das längst Usus – das wäre echte Verbraucherfreundlichkeit!

Ich persönlich hänge an meiner roten Thermoskanne. Das liegt daran, dass sie mich über viele Stationen meines Berufslebens begleitet hat, aber auch daran, dass ich mit ihr keinen Müll mache. Es ist ein gutes Gefühl, meinen Tee to go ressourcenschonend zu trinken. Ich hasse die Situationen, in denen ich sie nicht dabei habe und meinen Durst dann doch über Getränke in Plastikflaschen oder eben aus dem Einwegbecher stillen muss.

Was die Deutsche Umwelthilfe versucht, ist ein Stück kultureller Wandel. Ich weiß nicht, ob es jetzt cool ist, mit Müll machenden Einwegbechern herumzulaufen. In jedem Fall muss es cool sein und werden, mit Mehrwegbechern oder Thermoskannen unterwegs zu sein. Es würde das Bild dieser Gesellschaft verändern und es wäre ein Mosaikteilchen auf dem Weg hin zu einer wirklich nachhaltigen Welt, in der – wie es in der Definition heißt – auch zukünftige Generationen die Wahlmöglichkeit zur Gestaltung ihres Lebens haben.

Also, nicht zögern – mitmachen ist echt einfach!

Zur Deutschen Umwelthilfe und der Becherheld-Kampagne

Foto oben: Sascha Krautz

Machtlust statt Verantwortung in der Türkei

Von Monika Griefahn

Nun soll es Neuwahlen in der Türkei geben. Das ist nicht die Konsequenz aus einer gewollten und nicht gekonnten Regierungsbildung, das ist reines politisches Kalkül. Präsident Erdogan hat bei den Parlamentswahlen im Juni seine absolute Mehrheit verloren. Seine Pläne, eine Präsidialregierung mithilfe einer Verfassungsänderung durchzusetzen, gingen nicht auf. Nun hofft er, mit Neuwahlen eine andere parlamentarische Zusammensetzung hinzubekommen, die ihm dann seine Wünsche erfüllt. Und: Es ist seine Chance nicht selbst vor einem Gericht zu landen. Denn viele Korruptionsvorwürfe belasten ihn und seine Familie.

Bei meinem Türkeibesuch in diesem Sommer habe ich mit zahlreichen Menschen gesprochen. Viele von ihnen glauben nicht daran, dass dieser Plan aufgeht. Oder sollte ich sagen, sie hoffen? Sie hoffen, dass er es nicht schafft, Parteien wie die kurdisch orientierte HDP aus dem Parlament zu drängen. Die Zehn-Prozent-Hürde ist jedoch ein dicker Brocken für kleinere Parteien. Auf Deutschland bezogen hieße das, außer der CDU und der SPD würden derzeit keine weiteren Parteien im Bundestag sitzen. Selbst Linke und Grüne wären nicht vertreten. Sie konnten in das deutsche Parlament einziehen, weil bei uns die Fünf-Prozent-Hürde gilt.

Erdogan hat mit den jüngsten Bombardierungen nicht nur der Einheiten des IS, sondern auch der PKK, den Friedensprozess mit den Kurden beendet. Das gibt ihm vermeintlich die Chance, bei Neuwahlen die absolute Mehrheit wieder zu erlangen. Ich habe bei meinem Türkei-Aufenthalt auch mit Medienvertretern gesprochen, die bestätigen, dass die Presse eingeschüchtert wird. Wir erinnern uns auch an die Abschaltung von Twitter und Youtube in der Türkei 2014. Einige der Journalisten und Medien lassen sich nicht einschüchtern: Sie machen weiter – schreiben, was besser werden muss in ihrem Land, lassen sich beschimpfen, schieben die Angst weg, überfallen, angeklagt oder inhaftiert zu werden. Das ist sehr mutig! (Es kursierten Zahlen, dass mehr Journalisten in der Türkei im Gefängnis sitzen als in China). Und welches Demokratieverständnis hat Herr Erdogan? Erdogan hat einen 1000-Zimmer-Palast gebaut. Er will damit eine Nebenregierung aufbauen und verhält sich so wie ein absolutistischer Präsident.

Was aber noch schlimmer ist: Das Land ist derzeit nicht handlungsfähig. Neuwahlen bedeuten Wahlkampf, und die Bildung einer Übergangsregierung bedeutet Koalitionsverhandlungen. Es ist so, dass wenig inhaltliche Politik gemacht wird in diesen Phasen. Die ankommenden Flüchtlinge und die fortlaufenden Taten des Islamischen Staates IS gleich hinter der Grenze vor Augen ist eine Lähmung der Türkei alles andere als wünschenswert. Eitelkeiten, Machthaber-Gehabe, Egoismus, all das hat keinen Platz, wenn eigentlich dringend geboten ist, wirkliche Herausforderungen zu bewältigen. Wenn eigentlich alle helfen und alle an einem Strang ziehen müssten. Die Türkei ist wichtig und ich wünsche mir, dass all die Menschen unterstützt werden, die an dem Weg zu einer funktionierenden Demokratie arbeiten.