Archiv für den Monat: November 2015

Wir sind Paris

Von Monika Griefahn

Ich bin zutiefst betroffen, nach Charlie Hebdo erneut mit meinen Freunden in Paris trauern zu müssen.

Was soll ich sagen? Seit drei Tagen sprachlos komme ich zu der Erkenntnis, dass das Wort „Krieg“ nicht das ist, was wir antworten sollten. Seit drei Tagen sprachlos wird doch deutlich, was die Menschen, die vor dem IS-Terror und den Truppen Assads in Syrien in die Nachbarländer und nach Europa fliehen, in den vergangenen fünf Jahren ausgehalten haben. Seit drei Tagen sprachlos formt sich ein „Jetzt erst recht“ in mir: Jetzt erst recht für unsere Werte kämpfen – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Demokratie. Freie Meinungsäußerung. Menschenrechte, aber auch die westliche Lebensart und Kultur. Im Namen der Religion zu morden, ist nur Barberei.

Ich kenne Länder, in denen der bewaffnete Polizist in den Straßen die Regel ist. Ich war in Ländern, in denen ich mit gepanzerten Autos vom Flughafen in die Botschaft gefahren worden bin. Länder, in denen es nicht sicher ist, ob man abends heile nach Hause kommt, wenn man morgens aus dem Haus gegangen ist. Und immer wieder freue ich mich, hier in Europa in Gesellschaften fallen zu können, die anders sind: offen, empathisch, frei. Ich freue mich, dass meine Kinder mit dem Fahrrad zur Schule fahren können und sich am Nachmittag alleine mit ihren Freunden im Sportverein oder Eiskcafé treffen können. Die Gefahr, dass die Staaten all dies opfern für vermeintliche Sicherheit, ist groß. Es wäre der größte Erfolg, den der IS erzielen könnte – dass Rechtsstaat und Freiheit, also das, was man schützen will, kaputt gemacht werden.

Das Wort „Besonnenheit“ machte unter Politikern am Wochenende auch die Runde, und es ist allemal die bessere Wahl als „Krieg“.

Selbst wenn es so war, dass einer der Attentäter als Flüchtling nach Europa eingereist ist, werden geschlossene Grenzen nicht die Lösung sein. Die Flüchtenden und die Täter sollte niemand verwechseln. Und für Menschen auf der Flucht bieten wir Werte und eine Gesellschaftsordnung, die dem Terror das Wasser abgraben kann. Darum müssen wir Schulen und Arbeitsmärkte öffnen, Menschenrechte wahren, uns generelles Misstrauen verbieten. Für die eigene Würde ist für jeden Menschen wichtig, selbst etwas beizutragen zur Gesellschaft und für das Auskommen seiner Familie. Deshalb sind wir aufgefordert, konsequent weiterzumachen damit, unsere Werteordnung vorzuleben und andere aufzunehmen. Das ist die gebotene Reaktion auf die Anschläge in Paris. Am Ende, vielleicht nach vielen Jahren, wird es die richtige Lösung sein. Krieg war noch nie eine Lösung.

Klimaschutz: Hoffnung für Paris?

Von Monika Griefahn

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Viele Länder haben die Bedrohung unseres Lebens auf der Erde durch den Klimawandel erkannt und machen sich mit konkreten Absichten und konkretem Engagement auf den Weg nach Paris, wo am 30. November die UN-Klimakonferenz beginnt. Zu diesem Schluss kamen die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion sowie die Preisträger des diesjährigen DBU-Umweltpreises, des am höchsten dotierten Umweltpreises in Europa, verliehen durch den Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland, Joachim Gauck. In Paris soll endlich ein völkerrechtlich verbindliches Abkommen für den Schutz des Klimas abgeschlossen werden.

Auch zwei mir sehr liebe Bekannte waren dieses Jahr unter den Preisträgern bei der DBU, der Deutschen Bundesstiftung Umwelt:

Klimaforscher Mojib Latif, der wissenschaftliche Zusammenhänge auch für Kinder verständlich erklärt und mit mir bei AIDA in seiner Funktion als Schirmherr der Organisation „atmosfair“ für eine klimafreundliche Kreuzfahrt arbeitet. Er zeigt eindringlich, dass Meeresschutz auch Klimaschutz ist, weil versauerte Meere keine Puffer mehr für die CO2-Speicherung haben.

Und Michael Succow, der auch als Alternativer Nobelpreisträger von 1997 vorgestellt wurde. Er hat gezeigt, dass guter Naturschutz und der Erhalt der Artenvielfalt viel zum Klimaschutz beiträgt. Er ist mein Vorbild, da er in den letzten Tagen der DDR auf einen Schlag zehn Großschutzgebiete (Nationalparke und Biosphärenreservate) ausgewiesen hat, während man zu der Zeit in Westdeutschland schon zehn Jahre lang über ein einziges diskutierte. (In meiner Amtszeit als Umweltministerin in Niedersachsen habe ich drei Großschutzgebiete verwirklichen können: Harz, Elbtalaue und die Ergänzung zum UNESCO-Welterbe „Man and Biosphere“ des Niedersächsischen Wattenmeeres).

Besonders gefreut hat mich, dass diese Mal die Stadt Essen Gastgeber für den Umweltpreis war. Essen wird 2017 Umwelthauptstadt Europas sein (nachdem sie 2010 bereits Kulturhauptstadt war) und zeigt sich als ein Motor der Umwelttechnik und Konversion. So fand die Verleihungsgala beispielsweise in einer alten Krupp-Werkhalle statt. Hier erlebt die spröde Malocher-Architektur ein Recycling als Kulturort (Colosseum Theater) und die Versöhnung mit der Umwelt (DBU-Preise). So also stelle ich mir die Verwirklichung des Mottos „Schwerter zu Pflugscharen“ im 21. Jahrhundert vor – nachdem in den 1990er Jahren zum Beispiel schon die Kaserne von Lüneburg zur Universität umgewidmet und umgebaut wurde.

Zum Foto:

Das Foto zeigt (v.l.): Preisträger Prof. Dr. Mojib Latif und Prof. Dr. Johan Rockström, DBU-Kuratoriumsvorsitzende Rita Schwarzelühr-Sutter, Ehrenpreisträger Prof. em. Dr. Michael Succow, Bundespräsident Joachim Gauck, NRW-Umweltminister Johannes Remmel und DBU-Generalsekretär Dr. Heinrich Bottermann. © DBU/Peter Himsel

„Die Lösungen sind da“

Pressemitteilung zum erfolgreichen Cradle-to-Cradle-Kongress in Lüneburg

Lernortwechsel

Viele gute Beispiele für eine Welt ohne Abfall beim zweiten Cradle to Cradle Kongress in Lüneburg „Es gibt sie, die Lösungen für zahlreiche Herausforderungen unserer Zeit. Aber es braucht mehr Menschen mit dem Mut, ihre guten Ideen umzusetzen.“ – Das war das zentrale Ergebnis des zweiten Cradle to Cradle Kongresses, der am vergangenen Samstag in Lüneburg über die Bühne ging. An der Leuphana Universität trafen sich in einer bunten Mischung aus engagierten, kreativen Menschen auch jene Pionier-Unternehmen und – Organisationen, die bereits Lösungen anbieten – so zum Beispiel Vertreter der Firma Werner & Mertz, bekannt durch die Reinigungsprodukte der Marke „Frosch“, oder Helmy Abouleish als Verfechter und Praktiker einer biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Dass selbst Politiker dem C2C-Designkonzept nicht mehr abwehrend gegenüberstehen, zeigte sich in einer Diskussionsrunde mit dem niedersächsischen Umweltminister Stefan Wenzel (Bündnis 90/Die Grünen) und dem Bundestagsabgeordneten Michael Thews (SPD). Fazit der Veranstalter: Es waren inspirierende Diskussionen, und rund 600 Teilnehmer sind mit dem Gefühl nach Hause gegangen, dass sie die Welt positiv verändern können.

Die Schirmherrschaft haben erneut die Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks und Prof. Dr. Sascha Spoun, Präsident der Leuphana Universität, übernommen. Nach dem fulminanten Auftakt im vergangenen Jahr schafften die Veranstalter, der Cradle to Cradle e.V. es mit der zweiten Auflage, den Kongress als bedeutende Plattform für den Gedankenaustausch zur C2C Denkschule zu etablieren. Das zentrale Anliegen ist, Akteure mit guten Ideen und Fähigkeiten aus allen gesellschaftlichen Bereichen zusammenzubringen und an Lösungen dafür zu arbeiten, wie Menschen einen positiven Fußabdruck auf der Erde hinterlassen können.

Cradle to Cradle, übersetzt „von der Wiege zur Wiege“, steht für kontinuierliche Stoffkreisläufe und positiv definierte Materialien, die für Mensch und Umwelt gesund sind. Das Konzept umfasst die Nutzung erneuerbarer Energien, um Kreisläufe zu ermöglichen. In einer Cradle to Cradle Welt gibt es keinen Abfall, da alle Produkte bereits während der Konzeption aus gesunden und kreislauffähigen Materialien erdacht sind und durch neue Geschäftsmodelle clever in sortenreinen Materialpools geführt werden. Cradle to Cradle versteht sich als Qualitäts- und Innovationskonzept.

Der Cradle to Cradle e.V. verfolgt ein Ziel im Besonderen: Die C2C Denkschule in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu etablieren. Dies tut er mit einer breit aufgestellten Bildungs- und Vernetzungsarbeit, in deren Rahmen der alljährliche Kongress zentraler Dreh- und Angelpunkt ist. In der C2C Denkschule steht der Mensch im Fokus. Menschen werden hier als Nützlinge betrachtet, die einen positiven Fußabdruck hinterlassen können. Statt sich immer nur darauf zu konzentrieren, „weniger schlecht“ zu sein, soll das menschliche Handeln darauf gerichtet sein, etwas Positives zu bewirken.

Diese Denkweise lag in Lüneburg buchstäglich in der Luft – von Pessimismus und Weltuntergangsstimmung keine Spur. Schon in der Begrüßung lobte die Vorsitzende des Cradle to Cradle e.V., Dr. Monika Griefahn, die Vielfalt in der Zuhörerschaft – von Studierenden bis hin zu den Chefetagen international agierender Unternehmen war alles vertreten.

Zukunftsforscher Matthias Horx stimmte die Gäste mit einer – wie er es nannte – “liebevollen Provokation” auf das Thema ein. Seinen Ausführungen nach sei Weltuntergangsstimmung eine Atmosphäre, in der es sich trefflich verweilen ließe. Bevor der Mensch die Welt zugrunde gerichtet habe, noch einmal mit einem SUV über die Straße brausen, das sei doch feiner, als nach Lösungen für den Klimawandel zu suchen. Er forderte einen „ökologischen Hedonismus“, eine „lustbetonte Ökologie“ und mahnte: „Wer sich zu sehr auf das Problem fixiert, der findet die Lösung nicht.“

Dr. Verena Metze Mangold, die Präsidentin der deutschen Unesco-Kommission, nahm die Zuhörer mit auf eine Zeitreise der Kulturpolitik: Eine Änderung der Kultur wichtig. Metze-Mangold betonte, dass Kulturgüter zwar handelbar seien, aber auch „vehicles of value“. Kultur und kulturelle Vielfalt würden über die Konvention zur kulturellen Vielfalt geschützt und entwickelt.

Eine intensive Diskussion über Ernährung und Ernährungssicherung spannte sich über anderthalb Stunden in einer weiteren Diskussionsrunde. Gutes Beispiel war das Projekt Sekem, dessen Geschäftsführer Helmy Abouleish aus Ägypten angereist war. Sekem wirtschaftet seit Jahrzehnten auf großen Flächen biologisch-dynamisch. „Es läuft gut, jeder lobt unsere Herangehensweise. Warum ist sie dann noch nicht Mainstream?“ fragte Abouleish, dessen Ziel es ist, dass die gesamte ägyptische Landwirtschaft einmal biologisch-dynamisch arbeiten soll. Er stellte damit die Frage, die sich durch alle Foren zog: Warum ist es so schwer, gute Beispiele aus der Nische zu bekommen?

In den Wirtschaftsforen diskutierten darüber zum Beispiel Timothy Glaz, Leiter Corporate Affairs bei Werner & Mertz, und Michel Giannuzzi, Geschäftsführer der Tarkett Gruppe. Beide haben den Gedanken einer positiven Wirtschaftsweise schon seit Jahrzehnten integriert und sich nun mit dem Ziel, Produkte nach dem Cradle to Cradle Konzept herzustellen, einer neuen Herausforderung gestellt. „Cradle to Cradle bedeutet, die Perspektive zu ändern“, sagt Timothy Glaz. Man müsse Recycling von Anfang an mitdenken. Und C2C Pionier Prof. Dr. Michael Braungart stellt fest: “Wenn Sie etwas komplett Neues machen, konkurrieren Sie mit perfekt optimierten Produkten aus dem derzeitigen, falschen System.“ Das mache es schwer, Innovationen in den Markt zu bringen. Die Unternehmer lobten unterdessen die Offenheit des C2C-Konzeptes und die Bereitschaft der Pionier-Unternehmen, ihre Erfahrungen und Entwicklungen zu teilen. Darin sahen sie die große Chance dafür, dass C2C sich weiter durchsetzt.

In einer munteren Abschlussrunde mit gesellschaftlich sehr engagierten Akteuren wie Jakob von Uexküll, dem Gründer des World Future Councils, Francoise Wilhelmi de Toledo, Ärztin und Leiterin der Buchinger Wilhelmi Klinik, und dem “Ritter Sport”-Unternehmer Alfred T. Ritter ging der Kongress zu Ende. Die Ausstellungsstände mit Glasflaschen und ökologischem Tee, der Cradle to Cradle Online-Shop Cradlelution und die Quellwasser-Tankstelle packten ein, dann ging es zum vegetarischen Büffet. Und wer noch Energie hatte, tanzte bis spät in die Nacht.

Kongress 2016

Nach dem Kongress ist vor dem Kongress: Mit wichtigen Themen und guten Beispielen wird der Cradle to Cradle Kongress am 24. September 2016 wieder an der Leuphana Universität in Lüneburg stattfinden.

Fotos: Hannes Harnack, www.fotografiemh.de