Archiv für den Monat: Januar 2016

Olaf Schwencke – ein Mann mit Herz für Europa und die Kultur

Von Monika GriefahnBei der Buchvorstellung.

 

Olaf Schwencke war Europa immer wichtig, solange ich ihn kenne. Und Kultur war ihm immer wichtig! Wenn es nicht ein kulturelles Projekt Europa gibt, dann bricht alles auseinander – so sein Plädoyer. Europa existiere nicht ohne ethische Grundlage, aber auch die Region sei ein wichtiger Faktor für Europa. Eine größere Krise gab es da bereits 2005, als Frankreich und die Niederlande in Volksentscheiden die neue Verfassung Europas abgelehnt haben. Der Lissabon-Vertrag brachte eine Korrektur, doch heute scheint dieses (kulturelle) Projekt Europa gefährdeter denn je.

Dieses und viele weitere europäische und bundesdeutsche Hintergründe und Geschichten erzählt Olaf Schwenke in seinem Buch Europa. Kultur. Politik. Die kulturelle Dimension im Unionsprozess“, das kürzlich von Thorsten Schäfer Gümbel, Vorsitzender des Kulturforums der Sozialdemokratie, und dem Bundestagsabgeordneten Axel Schäfer im Willy-Brandt-Haus in Berlin vorgestellt wurde. Es ist eine spannende Textsammlung über die letzten 70 Jahre ohne Krieg in Europa, mit Zeitzeugen aus Deutschland und Gedanken an die über 60 Loccumer Kulturpolitischen Kolloquien in Kooperation mit der Kulturpolitischen Gesellschaft in Bonn, dessen Gründungspräsident Schwencke war und die er von 1976 für zwei Jahrzehnte geleitet hat.

Vieles aus dem Leben Schwenckes, der Bundestags- und Europa-Abgeordneter war, der als Studienleiter an der Evangelischen Akademie Loccum arbeitete, der Professor und Doktorvater vieler (so auch meiner) kultur- und europapolitischen Dissertationen war, kann man in dem Buch nachlesen. Die Diskussion zu den Texten hat in der Veranstaltung lebendig deutlich gemacht, wie vielfältig das Leben von Olaf Schwencke ist! Denn nicht nur Europa und Kultur beschäftigt ihn, sondern auch Umwelt und Partizipation. Als Wegbegleiter von Robert Jungk hat er die kritische Atomdebatte aber auch das positive Konzept von Zukunftswerkstätten begleitet. Und immerhin hat er vor seinem Studium der Germanistik, Theologie, Soziologie und Pädagogik eine grundsolide Ausbildung als Schiffsmaschinenschlosser gemacht, um seinen Jugendtraum zu erfüllen, zur See zu fahren!

Nun wird Olaf Schwencke 80 Jahre alt. Ich sage herzlichen Glückwunsch und wünsche ihm, dass er noch lange auf seinen geliebten Wanderwegen tippeln kann. Wir feiern ihn am 29. Januar von 15 bis 19 Uhr im Willy-Brandt-Haus mit der Veranstaltung „Kulturpolitik als Demokratiepolitik“. Darin wird es einen Blick auf die Kulturpolitik der vergangenen Jahrzehnte geben, und mit der Diskussion darüber, ob wir die Neue Kulturpolitik noch brauchen, auch einen Blick nach vorn. Ich bin außerdem schon sehr gespannt auf die Laudatio, die Wolfgang Thierse halten wird.

Das Foto zeigt: (v.l.) Axel Schäfer, Thorsten Schäfer Gümbel und Olaf Schwencke bei der Buchvorstellung.

Das Programm mit dem Link zur Anmeldung (bis 27.1.2016): Kulturpolitik als Demokratiepolitik

 

„Demokratie stärken – Rechtsextremismus bekämpfen“

Von Petra Reinken

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Auf der Bühne steht Machu: dunkle Klamotten, dunkle Haut und in der Hand ein knallrotes Musikinstrument. Er beginnt zu spielen auf diesem – was immer das ist – und es wird ruhig im Raum. Er braucht nicht einmal die vollen zwei Lieder, um das Publikum zu verzaubern. Machu, ein Flüchtling aus Eritrea. Einer wie wir, der Musik mag und Gesang. Sein Instrument ist eine Krar.

Wenige Tage vorher hatten die Anschläge in Paris die westliche Welt aus den Angeln gehoben. Im Gymnasium Tostedt, wo Machu sein Gastspiel gegeben hat, zündeten wir eine Kerze an und schwiegen für eine Minute – wie der Rest Europas. Irgendwie und indirekt hatte das, weswegen wir hier versammelt waren, mit Machu zu tun und mit Paris. Die weiterführenden Schulen in Tostedt luden nämlich ein zur Eröffnung der Ausstellung „Demokratie stärken – Rechtsextremismus bekämpfen“ – eine Wanderausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Inzwischen haben die Geschehnisse in Köln, Hamburg und anderen Städten, wo mutmaßlich viele Flüchtlinge Frauen belästigt und bestohlen haben, es vielen Vertretern einer Willkommenskultur schwerer gemacht; haben das Vertrauen in das Gute erschüttert. Nun der Anschlag in Istanbul. Tagtäglich Anschläge in den arabischen Ländern, aber wenn es in Europa passiert, oder wenn es deutsche Opfer sind, trifft das ins Mark, was sonst nur in den Nachrichten passiert. Aber dennoch – ist nicht die Antwort immer noch die gleiche?

Eine starke Demokratie benötigen wir: um ein gutes Modell gegen den Terror des IS und anderen fanatischen Gruppen leben zu können und um eine Antwort gegen die inneren Feinde von rechts zu haben. Um so zu leben, wie wir es wollen: frei. Wir haben das bei Veranstaltungen des Aktionskreises „Gesicht zeigen! im Landkreis Harburg“ selbst erlebt: Wenn Neonazis im Raum sind und versuchen, die Diskussion an sich zu reißen, dann wird die Stimmung kalt und der Nachhauseweg ist angstbegleitet. Doch Pegida zeigt, wie ungemütlich es in dieser Gesellschaft erst einmal wird, wenn die Demokraten zu Hause bleiben.

Andreas Speit ist einer, der seit Jahren gegen diesen Trend arbeitet. Der Journalist und Kenner der rechtsextremistischen Szene hielt bei der Ausstellungseröffnung in Tostedt einen beeindruckenden Vortrag. 182 Tote habe es in Deutschland durch Rassisten und Rechtsextreme schon gegeben – das Jahr 2015 hat hunderte Angriffe auf Flüchtlingsheime gezählt. Auf ganz normale Menschen wie Machu mit der Krar. Es sei bei einigen Übergriffen nachzuzeichnen, dass der verbalen Hetze im Internet Taten gefolgt seien – mit Alkohol als Katalysator.

Beim Thema Islam und Flüchtlinge, da gingen alle Szenen zusammen: rechte Parteien, Hooligans, das Rockermilieu, die intellektuelle Rechte und Bürger. Wer früher noch Hemmungen gehabt habe, mitzumarschieren, wenn die NPD dabei war, habe heute jede Scham verloren, konstatierte Speit.

Tostedt und seine Schulen setzen seit vielen Jahren Aufklärung und Engagement dagegen – mit dieser Ausstellung und vielen anderen Veranstaltungen in der Vergangenheit. Wo er konnte, hilft der Aktionskreis „Gesicht zeigen!“. Nach einem Benefizkonzert, das Monika Griefahn mit Konstantin Wecker vor Jahren in der Buchholzer Empore organisierte, verfügt der Aktionskreis über einen Geldbetrag, mit dem er bis heute Projekte fördert. Nicht nur die Tostedter Ausstellung, für die mit dem Geld Ausstellungslotsen unter den Schülern ausgebildet worden sind, gehört dazu. Erst kürzlich wurde die Oberschule Meckelfeld „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, und wir konnten diesen Prozess unterstützen. Wir machen das weiter, solange noch Geld da ist. Weil es wichtig ist.

Die Ausstellung „Demokratie stärken – Rechtsextremismus bekämpfen“ ist weitergezogen und zum Beispiel vom 8. bis zum 19. Februar 2016 im Albert-Einstein-Gymnasium in Buchholz (Nordheide) zu sehen.

Bericht auf der Seite des Gymnasiums Tostedt

Politisches Vermächtnis vom Querdenker der SPD

Von Monika Griefahn Buchvorstellung Willy Brandt Haus

Ich kenne Erhard Eppler natürlich als „Urgestein“ der SPD. Schon in den 1970er Jahren hat er von „Lebensqualität“ gesprochen und ist durch seine Arbeit als Entwicklungsminister auch zu dem Umwelt- und Friedenspolitiker der SPD geworden. Lange war er bei den Obergenossen nicht en vogue, wie auch sehr schön in seinem neuen Buch „Links leben“, das er im Willy-Brandt-Haus vorgestellt hat, in der Auseinandersetzung mit Helmut Schmidt beschrieben wird. Er trat sogar als Minister zurück, weil nach dem Rücktritt Willy Brandts als Bundeskanzler und Helmut Schmidts Amtsübernahme dieser den Entwicklungshilfeetat erheblich kürzte.

Für meine Doktorarbeit habe ich Erhard Eppler interviewt. Wir saßen bei ihm zu Hause, seine Frau servierte Tee. Wir aßen selbstgezüchtetes Biogemüse aus seinem Garten, und wir sprachen über seine aktive Zeit in der SPD. Wie er als Entwicklungsminister erkannt hat, dass Umweltschutz wichtig ist in der internationalen Zusammenarbeit, wie er versuchte, Willy Brandt das Thema Nachhaltigkeit in seine Reden zu schreiben, wie er mit den Protesten gegen Whyl sein Nein zur Atomkraft formte, wie er als einer der ersten einen Unterschied machte zwischen dem finanziellen Lebenswohl und der allgemeinen Lebensqualität – und das auf einer IG-Metall-Tagung in den 1970er Jahren! Er ist ein weiser Mann, dessen Engagement sich aus den Erfahrungen speist, die er in seinem persönlichen Leben, in seiner Arbeit gemacht hat.

Erhard Eppler hat fast ein Jahrhundert Zeitgeschichte miterlebt, und so direkt wie er auch redet – heute mit Respekt angehört –, so ist auch sein Buch geschrieben.

Es ist ein Lebensbericht und ein Zeitzeugnis. Das Kulturforum der Sozialdemokratie nennt es auch ein „politisches Vermächtnis“. Und der Ullstein-Verlag schreibt: „Das sehr persönliche Buch eines politischen Vordenkers, das fast ein Jahrhundert deutscher Zeitgeschichte erzählt und einen ungeschminkten Blick hinter die Kulissen bundesrepublikanischer Macht wirft.“ Klar ist: Erhard Eppler hat wichtige Jahre der Bundesrepublik Deutschland mit geprägt. Es ist fein, dass er selbst mit fast 90 Jahren noch einen 27-jährigen taz-Redakteur beeindrucken konnte, der im Dezember zur Buchvorstellung gegangen war. Als einer, der Erhard Eppler gar nicht mehr in politischer Verantwortung erlebt hat, befand der Journalist am Ende seines Artikels „Dieser Eppler ist gar nicht so übel.“