Archiv für den Monat: Dezember 2016

„Alternativer Nobelpreis“ – Besuch beim Bundespräsidenten und im Bundestag

Von Monika Griefahn, Vorsitzende des „Alternativen Nobelpreises“

Right Livelihood Award 2016 Stockholm 11 / 2016 Photo: Wolfgang Schmidt

Right Livelihood Award Stockholm 11/2016; Foto: Wolfgang Schmidt

Zunächst war es eine Hiobsbotschaft, dann machten wir das Beste daraus – und vielleicht ist es jetzt sogar besser als vorher: Der Right Livelihood Award („Alternativer Nobelpreis“) durfte 2016 nicht mehr im schwedischen Reichstag verliehen werden, wo er seit 1985 alljährlich verliehen worden ist. In diesem Jahr also waren wir gezwungen, für die Zeremonie ein Umfeld zu finden, das genauso gut deutlich macht, wie wertvoll dieser Preis für die ist, die ihn bekommen. So erhielten die Preisträger ihre Urkunden 2016 im Stockholmer Vasa Museums vor der Kulisse des pompösen und so kläglich untergegangenen historischen Kriegsschiffes Vasa. Ein wunderbares Symbol für unser Anliegen!

In diesem Jahr ging der Preis an die russische Menschenrechtlerin Svetlana Gannushkina, an die ägyptische Frauenrechtlerin Mozn Hassan, an die Redakteure der türkischen Zeitung Cumhuriyet und an den syrischen Zivilschutz „Weißhelme“. Mozn Hassan wurde die Ausreise aus Ägypten verweigert, sie konnte ihre Urkunde nicht persönlich entgegennehmen. Das mag deutlich machen, wie wichtig es ist, dass unser Preis, den Jakob von Uexküll einst ins Leben rief, Öffentlichkeit schaffen kann.

In einem mehrtägigen, internationalen Programm in Schweden, Deutschland und der Schweiz haben wir den Preisträgern Türen geöffnet, ihre Arbeit bekannt zu machen. Besonders hat mich gefreut, dass sich in Deutschland eine neue Parlamentsgruppe „Alternativer Nobelpreis“ gegründet und die Preisträger empfangen hat. Im Europasaal des Bundestages gab es viele Gespräche und bewegende Momente – besonders, als Ahmad al-Jussuf von der riskanten Arbeit der syrischen Weißhelme erzählte (Blog-Artikel „Weißhelme“).

Auch, dass der scheidende Bundespräsident Joachim Gauck sich Zeit für die Gäste nahm, war Balsam für die Seelen. Alle Preisträger hatten Gelegenheit, weitere Menschen zu treffen, die ihnen bei ihrem Engagement helfen könnten, die ihnen zumindest deutlich machen können, dass sie mit ihrem Anliegen nicht allein sind – darunter Justizminister Heiko Maas und die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung Bärbel Kofler. Das war auch in den vergangenen Jahren schon so: Unsere Preisträger sind sehr mutige Leute, sie kämpfen oft unter Einsatz ihres Lebens dafür, die Welt besser zu machen. Mit dem „Alternativen Nobelpreis“ versuchen wir, ihnen jede mögliche Unterstützung zu geben. Öffentlichkeit kann helfen, sie zu schützen.

Das Deutschlandprogramm umfasste zum Beispiel einen Besuch bei „Reporter ohne Grenzen“ für die Vertreter der Tageszeitung Cumhuriyet, einen Auftritt im Deutsch-russischen Forum für Svetlana Gannushkina und ein Gespräch der Weißhelme mit „Human Rights Watch“. In Genf war die Podiumsdiskussion „Speaking Truth to Power“ mit allen Preisträgern hervorragend besucht, und in Zürich sprach Can Dündar in einer öffentlichen Vorlesung an der Universität. Dündar ist der ehemalige Chefredakteur von Cumhuriyet. Er wurde in der Türkei der Veröffentlichung von Staatsgeheimnissen für schuldig befunden, nachdem er darüber berichtet hatte, dass der türkische Geheimdienst islamische Milizen in Syrien mit Munition versorgt hat. Dündar ist nach Deutschland geflohen.

Indes – die Geschichten dieses Jahres waren auch besonders bedrückend. Alljährlich zeigen uns die Preisträger, wie viel Ungerechtigkeit, Willkür und Unglück auf der Welt herrschen. Die Probleme in Deutschland werden kleiner in solchen Momenten. Selten kommt bei ihnen Hoffnungslosigkeit durch, sie sind alle stark und zuversichtlich. Doch in diesem Jahr, vor allem mit dem Blick nach Syrien, war das ein bisschen anders. Wertvoll ist und bleibt jedoch, die Menschen kennenzulernen, die an das Gute glauben. Wenn wir ihnen helfen können, müssen wir es tun.

Mehr zur Right Livelihood Award Foundation

Krieg ohne Regeln: Weißhelme in Syrien zwischen Anerkennung und bitterer Realität

Von Monika Griefahn, Fotos Janine Escher

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Wir wollten mit der Right Livelihood Award Stiftung („Alternativer Nobelpreis“) ein Zeichen setzen gegen den Krieg in Syrien und haben in diesem Jahr einen der vier Right Livelihood Awards („Alternative Nobelpreise“) an die Weißhelme in Syrien vergeben. Was für mutige Menschen! In diesem jahrelang andauernden Krieg, der keine Regeln mehr zu kennen scheint, retten sie verletzte, verschüttete Zivilisten aus zerstörten Häusern, aus den Trümmern ihres Lebens. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich die Bilder ihrer Arbeit sehe. Und dann, am Tag nach der Bekanntgabe der Auszeichnung, wurden große Teile ihre Ausrüstung im Bombenhagel von Aleppo zerstört. Ohnmächtig vor Wut.

Die syrischen Weißhelme, auch Zivilschutz genannt, sind eine Gruppe aus rund 3000 Freiwilligen, die seit 2013 ihr eigenes Leben riskieren, um das anderer zu retten. Mehrere zehntausend Menschen konnten sie schon aus den Trümmern des Krieges befreien, ungeachtet ihrer Religion oder ihrer politischen Einstellung. Sie versuchen auch, zerstörte Infrastruktur wieder aufzubauen und über Sicherheitsmaßnahmen aufzuklären, damit die Menschen besser wissen, wie sie sich schützen können. Aus Schneidern, Lehrern und Händlern machte der Krieg Feuerwehrleute und Katastrophenhelfer.

Viele von ihnen sind in den letzten Gefechten ums Leben gekommen. Wir trauern um sie!

Es ist gut zu wissen, dass selbst in Zeiten solch dramatischer Verhältnisse, wie sie derzeit in Syrien herrschen, noch Menschlichkeit existiert. Es ist gut, dass die Barbarei anderer nicht abgefärbt hat auf jene, die an das Gute glauben. Ich wünsche mir, dass die Auszeichnung mit dem „Alternativen Nobelpreis“ den Weißhelmen in Syrien hilft, nicht den Mut zu verlieren.

Ahmad al-Jussuf gehört dem syrischen Zivilschutz an. Er ist zur Preisverleihung nach Stockholm gekommen und hat dann auch Ende November vor der neu gegründeten Parlamentariergruppe „Alternativer Nobelpreis“ des deutschen Bundestages gesprochen haben. Der Abgeordnete Michael Brand trug danach die Rede von Ahmad al-Jussuf im Parlament vor. Dafür herzlichen Dank.

Rede von Ahmad al-Jussuf:

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„Mein Name ist Ahmad al-Jussuf. Ich bin aus Syrien, repräsentiere hier den syrischen Zivilschutz, die sogenannten Weißhelme, die einzige Organisation in Syrien zur Rettung von Zivilisten, die Opfer des täglichen Bombardements werden. Bei uns arbeiten etwa 3000 Freiwillige in 120 Stützpunkten in acht syrischen Provinzen, die sich dafür entschieden haben, ihr Leben einzusetzen für die Rettung von Menschenleben an einem der gefährlichsten Orte der Welt, wo die Moral der Welt angesichts der Barbarei verschwunden ist und angesichts des organisierten Verbrechens, das dem syrischen Volk, aber auch der ganzen Menschheit angetan wird. Ganz ehrlich gesagt, ich bin ratlos und stehe hilflos vor Ihnen und hilflos vor meinen Angehörigen in Syrien, insbesondere in der östlichen Region von Ghuta bei Damaskus und in Aleppo. Aleppo, wo die Welt heute zusieht, wie Menschen abgeschlachtet werden, und wo die Welt zusieht, wie ganze Städte zerstört werden.

Ehrlich gesagt, ich habe gezögert, bevor ich mich entschied, hierherzukommen. Ich erinnere mich an meine Kameraden, meine 150 Kameraden vom Zivilschutz, die bei ihrer Arbeit, bei ihrem Versuch, Menschenleben zu retten, selbst ums Leben kamen. Ich habe mit vielen von ihnen gesprochen, und ich habe sie zurückgelassen. Sie blicken dort dem Tod ins Auge, und ich weiß nicht, mit welcher Botschaft ich zu ihnen zurückkommen soll.

Wir schätzen es sehr, dass Sie uns diesen Preis verliehen haben. Wir bedanken uns für alle Preise; denn sie sind eine Botschaft der Solidarität, die uns Hoffnung gibt. Wir bedanken uns auch für die Krankenwagen und die Feuerwehrfahrzeuge, die Sie uns schicken und die uns dabei helfen, Zivilisten zu retten, bevor sie von syrischen und russischen Flugzeugen bombardiert werden. Gleichzeitig ist es mir aber auch peinlich, solche Preise entgegenzunehmen, während unsere Angehörigen in Syrien Tag für Tag getötet werden.

In diesem Moment, während ich zu Ihnen spreche, werden Zivilisten in Aleppo, in Ost-Aleppo, obdachlos gemacht. Sie fliehen aus der Katastrophe. Sie laufen durch Trümmer und suchen nach einem Schutz. Währenddessen verbluten Verwundete angesichts der Ohnmacht der Ärzte, die ihnen keine Medikamente mehr und keine Behandlung mehr zuteilwerden lassen können, nachdem syrische und russische Flugzeuge alle Krankenhäuser und Kliniken zerstört haben. Stellen Sie sich einmal vor, welch dramatische Situation das ist! Was in Syrien passiert, ist ein unbeschreiblicher und unglaublicher Schrecken, und das Unvermögen der Welt, Schritte zu unternehmen, um all das zu beenden und um das Töten zu beenden, ist ebenso unglaublich! Was sich daraus entwickeln wird, aus Tragödien, Schmerz und Hass, ist ebenso unglaublich.

Wir tragen die Botschaft des Lebens an unser Volk und an die Welt. Wo sind unsere Partner? Wer wird sich bereiterklären, uns angesichts dieses Todes in Syrien beizustehen und uns auf dem Weg des Lebens zu begleiten? Stehen Sie zu uns, meine Damen und Herren! Stehen Sie uns bei! Stehen Sie der Menschlichkeit bei!“

Video der Rede von Michael Brand im Deutschen Bundestag

Mehr zu den syrischen Weißhelmen