Anrede,
die neue Bundesregierung in Deutschland ist unter
dem Motto "Aufbruch und Erneuerung" angetreten. Der Weg Deutschlands
in das 21. Jahrhundert soll vorbereitet werden. Eine Menge Themen
stehen auf der Agenda.
Innenpolitisch wird sich die neue Regierung vor
allem um die Arbeitslosigkeit, die ökologische Erneuerung, den Ausstieg
aus der Atomkraft und die Vollendung der deutschen Einheit zu kümmern
haben. Dieses Aufgabenfeld ist gewaltig. Eine Menge Altlasten und
Widerstände waren und sind zu überwinden, Sie alle kennen die Diskussionen.
Auf dem Gebiet der Außenpolitik haben sich Gerhard
Schröder und sein Kabinett, haben sich die SPD und die GRÜNEN von
Anfang an zwei großen und schweren Aufgaben gegenüber gesehen: der
Konflikt im Kosovo stand vor dem Beginn seiner heißen Phase und
die Präsidentschaft des Europäischen Rats wurde übernommen.
Außenpolitik ist Friedenspolitik
Im Selbstverständnis der Vereinbarungen der neuen
Koalition aus SPD und Bündnis 90/DIE GRÜNEN ist deutsche Außenpolitik
als Friedenspolitik konzipiert. Diese Auffassung bildet das Fundament
auswärtiger Sicherheits-, Wirtschafts- und Kulturpolitik. Mir liegt
viel daran, dies hier festzuhalten, auch und gerade vor dem Hintergrund
der gegenwärtigen Situation im Kosovo.
Dabei werden die Grundlinien deutscher Außenpolitik
weiterentwickelt. Die Einbindung in das transatlantische Bündnis,
die gesamteuropäische Zusammenarbeit im Rahmen der OSZE, die Verantwortung
für die Stabilität in Mittel-, Süd- und Osteuropa, die Förderung
nachhaltiger Entwicklung in den Ländern des Südens und die Vertiefung
und Erweiterung der Europäischen Union sind die Hauptlinien der
Außenpolitik der neuen Regierung.
Wir haben in Deutschland eine lange und stabile
Kontinuität, ja man kann fast schon von Tradition sprechen, wenn
es darum geht, die Integration Europas zu fördern. Deutschlands
Einbindung in die Europäische Union ist von zentraler Bedeutung;
für Deutschland und für Europa. Aus deutscher, aber auch aus meiner
persönlichen Sicht, kann es in Europa nur darum gehen, die Bemühungen
zur Weiterentwicklung der EU zu einer Politischen Union voranzutreiben.
Auch die Sozial- und Umweltunion sollte kein Fernziel bleiben.
Nur so lassen sich die Menschen in Europa näher
bringen. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir an einer bürgernahen
Gestaltung der Union noch hart arbeiten. Ich komme später darauf
zurück; gerade die bei dieser Veranstaltung wieder einmal deutlich
gewordenen guten französisch-deutschen Beziehungen bieten einen
guten Ansatz dafür.
Die deutsche Regierung hat sich vorgenommen, die
Arbeitslosigkeit nicht nur im eigenen Land zu bekämpfen. Auch in
Europa ist das ein Hauptanliegen der Politik. Das Ziel ist ein europäischer
Beschäftigungspakt. Er soll beim Europäischen Rat in Köln im Juni
verabschiedet werden. Die EU sollte bei ihren Anstrengungen davon
ausgehen, eine Politik der ökologischen Modernisierung zu verfolgen,
um Arbeitsplätze zu schaffen. Dazu gehören auch Anstrengungen bei
Forschung und Entwicklung neuer Technologien und der Ausbau moderner
Infrastrukturen für transeuropäische Netze. Europäische Umweltpolitik
im Sinne eines grenzübergreifenden Umweltschutzes unter Anwendung
des Integrationsprinzips gehört unbedingt dazu. Auch allgemeine
sozial- und umweltpolitische Standards beim neuen Welthandelsabkommen
müssen auf europäischer Ebene verhandelt und festgeschrieben werden.
Lassen Sie mich nun den Kern der (neuen) deutschen
Europa- und Außenpolitik näher beleuchten.
Bundesaußenminister Joschka Fischer hat unlängst
in Berlin aus Anlaß des Besuches von Generalsekretär Kofi Annan
davon gesprochen, daß es in Zukunft darum gehen muß, neue Akzente
in der auswärtigen Politik zu setzen. Er meinte damit die Einbeziehung
der Zivilgesellschaft in den Dialog und damit in die Entscheidungsprozesse
der Außenpolitik. Die Probleme Europas, aber auch globale Fragen,
können nicht mehr von Nationalstaaten allein gelöst werden. Im Zeitalter
der viel beschworenen Globalisierung ist dies fast eine Binsenweisheit.
Aber Globalisierung kann eben nicht nur unter dem Gesichtspunkt
der wirtschaftlichen Globalisierung betrachtet werden.
Es geht darum, daß auch weltweite Migrationsströme,
das Wachstum der Weltbevölkerung, die Bekämpfung der Armut, die
Bedrohung unserer natürlichen Lebensgrundlagen und die organisierte
Kriminalität als Folgen der Globalisierung zu betrachten sind. Die
Folgen sind also im Bereich der Umwelt und der Gesellschaften zu
finden. Es betrifft uns direkt.
Diese Probleme sind in ihren Ursachen und Wirkungen
eng verbunden. Der Bundesaußenminister plädiert deshalb für einen
neuartigen zusammenführenden Ansatz, um diese Probleme in den Griff
zu bekommen. Er will eine Kultur der Vernetzung und der Kooperation
zum Markenzeichen der deutschen Außen- und damit auch Europapolitik
machen. Er sieht die Vereinten Nationen als die Plattform für eine
solche Globalpolitik an.
Unter dem Gesichtspunkt der Regionalisierung der
Außen- und Sicherheitspolitik, so möchte ich hinzufügen, läßt sich
aber auch die EU als eine solche Plattform denken.
Ein Beispiel: die Etablierung eines "Mister" oder
einer "Mrs." GASP bietet eine gute Chance, eine neue Kultur der
Vernetzung und Kooperation auszuprobieren. Jedenfalls ist dies ein
Schritt in die richtige Richtung. Wo anders, wenn nicht auf dem
Feld der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik, ließe sich in
Europa zeigen, daß Austausch mit Vertretern der Zivilgesellschaft
und "kreative Synergien" zu einem konstruktiven Miteinander führen
können. Der Integration Europas kann dies nur gut tun.
Andersherum könnte man auch sagen: gerade weil
die Integration Europas schon so weit fortgeschritten ist, liegt
es an uns, neue Wege zu gehen bzw. sie wenigstens auszuprobieren.
Denn vieles ist festgefahren und müßte gerade unter dem Gesichtspunkt
der Bürgernähe überdacht werden. Ich erinnere nur an die Korruptionsaffäre
in der Kommission. Solche Ereignisse sind den Bürgern nicht mehr
zu erklären. Noch schlimmer ist, daß sich viele Menschen resigniert
abwenden und von Europa nichts halten.
Was spricht dagegen, engagierte Bürger einzubinden,
bessere, aber vor allem gezieltere Informationspolitik in den Mitgliedsländern
der Union zu betreiben und Strukturen der Bürgerbeteiligung und
des europäischen Politikdialogs zu fördern bzw. zu etablieren? Es
gibt viele gute Ansätze, ich denke hierbei vor allem an die vielen
Wissenschafts- und Studentenprogramme in Europa.
Auf diesen Erfolgen muß aufgebaut werden. Ich betrachte
eine wirkliche europäische Kulturpolitik als ein besonders geeignetes
Mittel dazu. Ich rede dabei nicht von einer europäischen Kultur.
Sie gibt es nicht und sie ist nicht wünschenswert. Aber gerade die
Vielfalt der europäischen Völker, ihre Eigenarten und Sprachen,
ihre Musik und Literatur (und nicht zuletzt ihre Speisen und Getränke!)
sind der reiche Fundus, aus dem geschöpft werden kann. Hier liegen
die Chancen, die Menschen für Europa zu gewinnen.
Nur wenn es uns gelingt, das Interesse an der Erhaltung
der europäischen Vielfalt als europäisches Interesse zu definieren,
können wir ein Netzwerk europäischer Kulturen schaffen. Ich glaube,
daß ein solches Netzwerk das stärkste Band sein kann, um Europa
zusammen zu halten. Es wäre auch ein gutes Mittel, den beabsichtigten
Grundrechtsschutz auf europäischer Ebene zu stärken und mit Leben
zu erfüllen. Auch die im Amsterdamer Vertrag vorgesehene Ernennung
des Hohen Repräsentanten für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik,
(die ebenfalls in Köln erfolgen soll) kann im Sinne von europäischer
Kulturpolitik als präventiver Sicherheitspolitik genutzt werden.
Hier haben wir die große Chance, dieses Amt mit
Leben zu erfüllen. Wenn Europa durch die ernannte Person in der
GASP Gesicht und Stimme bekommt, werden wir nicht nur auf den klassischen
Gebieten der Außenpolitik mit einer Stimme reden können.
Die neue Regierung hat bisher mit ihrer Ratspräsidentschaft
gezeigt, daß sie auf dem europäischen Weg der Vorgänger weitergeht.
Der erfolgreiche Abschluß der Verhandlungen der Agenda 2000 Ende
März in Berlin und die Einführung des Euro zu Jahresbeginn haben
dazu beigetragen, daß es voran geht in Europa. Die Bundesrepublik
hat im Mai 1998 als erster Mitgliedsstaat den Amsterdamer Vertrag
ratifiziert. Sie will auch in Zukunft den europäischen Motor nicht
untertourig laufen lassen.
Die Bundesrepublik will noch während ihrer Präsidentschaft
dafür Sorge tragen, daß die Neuerungen in der Gemeinsamen Außen-
uns Sicherheitspolitik, wie sie im Amsterdamer Vertrag geregelt
sind, auf den Weg gebracht werden. Der Vertrag ist nun seit knapp
vier Wochen in Kraft (seit dem 1. Mai). In Köln wird die deutsche
Regierung vor allem auf drei Gebieten ihre Europapolitik vorantreiben.
Erstens:
Spätestens in Köln soll der Hohe Repräsentant/die Hohe Repräsentantin
GASP ernannt werden. Hier wird sich die Regierung für eine Persönlichkeit
mit politischen Gewicht, die den Kommissaren von gleich zu gleich
gegenübertreten kann, aber den Primat des Rates akzeptiert, einsetzen.
So wurde es im Konsens beim Europarat in Wien entschieden.
Zweitens:
Es wurde eine Strategie- und Frühwarneinheit für die GASP verabredet.
Für die deutsche Regierung ist es von zentraler Bedeutung, daß diese
Einheit so schnell wie möglich arbeitsfähig ist. Die Einheit muß
in die Lage versetzt werden, dem Rat zukünftig einheitliche Analysen
und Handlungsoptionen vorzulegen. Die Bundesregierung strebt an,
auf dem letzten Allgemeinen Rat unter deutschem Vorsitz Ende Juni
die letzten organisatorischen Einheiten zur Etablierung dieser Einheit
herbeizuführen.
Drittens:
Die Schaffung des neuen Instruments der Gemeinsamen Strategie geht
auf deutsch-französische Initiative zurück. Nun ist es das vorrangige
ziel der Bundesregierung eine erste Gemeinsame Strategie für Rußland
zu entwickeln. Die Bundesrepublik will damit eine Präzedenzwirkung
für weitere Gemeinsame Strategien schaffen. Ziel der Regierung ist
es, die Strategie für Rußland in Köln annehmen zu lassen. Parallel
dazu beüht sich die Bundesregierung um eine Gemeinsame Strategie
gegenüber der Ukraine.
Vor allem dieses Instrument in Verbindung mit der
Arbeit der Frühwarneinheit sehe ich als besonders hilfreich zur
Lösung bzw. Vermeidung von Konflikten an. Die Hoffnung ist, daß
künftig Konflikte wie im ehemaligen Jugoslawien vermieden werden
können. Die Bundesrepublik wird deshalb die neugeschaffenen Instrumente
der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik fördern und einzusetzen
wissen. Auch auf diesem Gebiet wird sie in der Zukunft ein verläßlicher
europäischer Partner sein.
Der unter deutscher Ratspräsidentschaft eingeschlagene
Weg, die weitergehende Integration der Union, sind notwendige Schritte
der europäischen Einigung. Nicht nur Deutschland, auch die Europäische
Union muß sich für den Weg ins 21. Jahrhundert bereithalten. Die
unter den Vorzeichen des Aufbruchs und der Modernisierung angetretene
deutsche Regierung wird sich, wie bisher, dafür einsetzen, die Vergemeinschaftung
in Europa fortschreitet. Niemand braucht dabei Angst vor einem zu
großen oder einem zu starken Deutschland haben. Deutschland ist
ein europäisches Land, kein Nationalstaat, der Alleingänge versucht.
Lassen Sie mich mit einem abgewandelten Wort von
unserem neugewählten Bundespräsidenten Johannes Rau schließen:
Man kann in Europa ruhig patriotisch gegenüber
seinem Land eingestellt sein. Dies ist aber streng von Nationalismus
zu trennen. Er hat in unserer Zeit nichts mehr verloren. In diesem
Sinne, ich denke, das kann ich hier sagen, werden wir, die Parlamentarier,
wird die deutsche Regierung und wird die deutsche Bevölkerung kontinuierlich
an einem vereinten Europa arbeiten. Wir haben keine Alternative.
Das Projekt Europa wird weiter voran gebracht.