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Ausschuss für Kultur und Medien
22. April 2002
 

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Kulturförderung und kulturelle Vielfalt

Monika Griefahn - MdB, Vorsitzende des Kulturausschusses des Deutschen Bundestages
Eröffnungsstatement beim Kongreß „Musik als Wirtschaft“ am 22. April 2002 in Berlin

Kulturpolitik in Deutschland subventioniert eine Vielzahl kultureller Aktivitäten und weite Bereiche des kulturellen Lebens - ich denke da an so unterschiedliche Dinge wie das zeitgenössische Theater oder die Museen. Es gibt aber ein höchst bedeutsames kulturelles Spektrum, das vom Staat kaum auf diese Weise erhalten wird, sich aber dennoch sehr erfolgreich entfaltet oder mehr noch, sogar ein wesentlicher Teil der Kulturindustrie ist - die Rock- und Popmusik nämlich, oder, besser gesagt: die Musikwirtschaft.

Wir werden uns mit dem Potential der deutschen Musikindustrie als nationaler Wirtschaftsfaktor und als Exportartikel beschäftigen und dabei auch versuchen, den Dialog zwischen Politik und Unterhaltungsindustrie zu intensivieren. Dabei geht es nicht nur um die Bedeutung von Musik als Standortfaktor, sondern auch um die internationale Dimension und die kulturpolitischen Rahmenbedingungen der Musikwirtschaft. Unser gemeinsamer Hintergrund: Die deutsche Musikwirtschaft hat sich zum wirtschaftlich bedeutendsten Bereich innerhalb der Kulturindustrie entwickelt. Allein der Verkauf von Tonträgern erreicht einen jährlichen Umsatz von etwa drei Mrd. Euro. Schließlich weisen Musikindustrie und -handel unmittelbar ca. 36.000 Beschäftigte aus, weitere rund 60.000 arbeiten bei Musikverlagen, Studios, Agenturen, Veranstaltern usw., die von der Tonträgerindustrie abhängig sind. Und nicht zuletzt sind die gut 100.000 ausübenden Künstler, Komponisten und Textdichter zu nennen.

Ein anderer wichtiger Aspekt ist das Verhältnis von Musikwirtschaft und Internet, von Musik und E-Commerce. Die deutsche Tonträgerindustrie hat bereits vor zwei Jahren einen Schwerpunkt auf das Thema „Internet und Musikwirtschaft“ gelegt. Mit der Phonokomm, einem sechswöchigen Online-Auftritt der deutschen Musikbranche, wurde der Startschuss für eine Entwicklung gegeben, durch die heute praktisch sämtliche Tonträgerhersteller in Deutschland im Internet mit eigenen Auftritten präsent sind. Einmal abgesehen von der Frage, wie die Renditeentwicklung mit dem Online-geschäft weitergeht: Das Internet bietet unbestritten ganz neue Chancen für die Musikbranche. Natürlich ist hier eine wesentliche Voraussetzung der Schutz des geistigen Eigentums von Komponisten, Autoren, ausübenden Künstlern und Tonträgerherstellern, der auch ein besonderes Anliegen der Bundesregierung ist. Mit der Berufung einer Beauftragten für die Angelegenheiten der Kultur und der Medien im Range einer Staatsministerin hat die Bundesregierung deutlich gemacht, dass Kultur - und zwar jede Art von Kultur - für sie einen neuen Stellenwert hat. In Zusammenarbeit mit dem Ausschuss für Kultur und Medien sind viele für Künstlerinnen und Künstler relevante Entscheidungen getroffen worden.

Ob nun Urhebervertragsrecht, Künstlersozialkasse oder die Regelung der Besteuerung ausländischer Künstlerinnen und Künstler, alle diese Reformen haben gerade für die Musikwirtschaft Auswirkungen. Dabei ist es ganz egal, ob es sich um E- oder U-Musik handelt. Für uns sind beide Richtungen gleichermaßen wichtig. Allerdings bedarf die so genannte U-Musik einer näheren Betrachtung, wurde sie doch bisher aufgrund der traditionellen Trennung zwischen ernster und unterhaltender Musik, die im internationalen Vergleich vermutlich so nur in Deutschland existiert und im Ausland auf Unverständnis stößt, vernachlässigt und weit weniger gefördert als die E-Musik. In diesem Zusammenhang muss allerdings auch eine Diskussion darüber geführt werden, wieviel staatliche Aktivität überhaupt von nöten ist, und welche Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen, um eine möglichst optimale Entfaltung der Musikbranche zu erreichen.

Für die weitere Entwicklung des Musikbereiches wird allerdings ganz entscheidend sein, dass - gerade bei der Popkultur - auch künftig Vielfalt gewährleistet ist. Es darf nicht zu einer „McDonaldisierung“ der Popkultur kommen, indem sich die Branche auf die Nachahmung einzelner Pop-Ikonen wie zum Beispiel Britney Spears beschränkt. Gerade für die Wahrung von Vielfalt gibt es hierzulande gute Grundlagen, denn verschiedene Stilrichtungen sind auch in einem ganz entschiedenden Maß von Deutschland ausgegangen - wie zum Beispiel Hip-Hop, Techno und Rap. Schon vor einigen Jahrzehnten gab es die „Neue deutsche Welle“ oder Bands wie „Kraftwerk“ und „CAN“, die heute noch in College-Sendern in den USA gespielt werden. Deutsche Musiker wie Sarah Connor, Echt oder die Söhne von Mannheim sind auch international erfolgreich und vertreten ganz unterschiedliche Stilrichtungen. Der Musiksender VIVA setzt verstärkt auf Musik deutscher Künstler.

Die staatliche Subventionierung von Theater macht es möglich, dass auch weniger geförderte Branchen wie die Musikwirtschaft subventionierte Theatern als Spielorte nutzen können. Als Beispiel sind hier in Berlin der Rote und Grüne Salon der Volksbühne aufzuführen, in denen Chanson- und Tangoabende und auch zahlreiche Partys stattfinden. Das Hebbel-Theater bietet sowohl der Berliner Kammeroper als auch der Zeitgenössischen Oper Berlin regelmäßig Aufführungsmöglichkeiten. Subventionierung von Theatern und Möglichkeiten für die Musikbranche können also durchaus miteinander verbunden werden.

Die föderale Struktur der Förderungen im Kulturbereich trägt zudem dazu bei, dass sich in zahlreichen Städten wie München, Frankfurt, Berlin und Hamburg die Musical-Kultur mit Musicals wie Cats, Phantom der Oper etc. in ihrer ganzen Vielfalt entwickeln und zugleich auch kommerzielle erfolgreich sein kann, ohne sich auf eine Stadt, wie z.B. die Hauptstadt Berlin, zu beschränken.

Traditionell sind wir Politiker oft Zielscheibe der Rock- und Pop-Kultur - und das ist auch gut so. Es soll uns aber nicht davon abhalten, die bestmöglichen Rahmenbedingungen für die Künstlerinnen und Künstler zu schaffen - ganz im Geiste von Pink Floyd: „We dont`t need no thought-control".