|
»Nachhaltige Entwicklung« bezieht sich schon lange nicht mehr nur auf die Ökologie. Schon bei der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro unterzeichneten in Rio mit der Agenda 21 mehr als 170 Staaten ein weltweites Programm, welches die verschiedenen Handlungsebenen und politischen Handlungsfelder beschreibt, auf denen das Prinzip der Nachhaltigkeit umgesetzt werden soll. Doch in den folgenden Jahren traf man den Begriff oft zwar als international gebräuchliches aber dennoch inhaltsleeres Schlagwort an. Nach wie vor kann man feststellen, dass das Konzept selten wirklich umfassend angewandt wird. Es gilt jedoch, die Idee der Nachhaltigkeit so zu entfalten, dass Ökonomie, Ökologie, Soziales und Kultur gleichberechtigt nebeneinander stehen und dass die die ersten drei Bereiche in ihrer Gesamtheit auch als kulturell-ästhetische Ausformung von Nachhaltigkeit gesehen werden. Unter diesem Blickwinkel lässt sich auch die Soziokultur verstehen.
In einer Antwort auf eine Große Anfrage der CDU/CSU bekräftigte die Bundesregierung bereits im Jahr 2000, dass sie der Soziokulturellen Arbeit einen besonders bedeutenden Stellenwert im Gefüge der Institutionen einräumt. „Die Soziokultur und ihre Einrichtungen stellen – stärker als andere kulturelle Bereiche – darauf ab, sich neuen gesellschaftlichen Themen, Problemen und Aufgaben zu öffnen und sich mit diesen auseinander zu setzen. In einer Zeit gefährlicher gesellschaftlicher Entwicklungen – Gewaltbereitschaft, Arbeitslosigkeit, Ausländerfeindlichkeit, Generationskonflikte u. a. – kommt der Soziokultur und ihren Einrichtungen nach Auffassung der Bundesregierung deswegen eine zunehmend wachsende Bedeutung zu, da diese durch ein zielgruppenorientiertes kulturelles Angebot und die aktive Einbeziehung der Besucherinnen und Besuchern eine integrative und präventive Funktion ausüben können.“ Genau in dieser richtigen Feststellung finden sich konkrete Verbindungen zum Prinzip der Nachhaltigkeit.
Maßnahmen, wie beispielsweise ein Integrationsprogramm für straffällige Jugendliche, einfalten ihre Wirkung zwar am konkreten Problem, doch haben sie nie so einen langen Atem wie die präventive Arbeit. Um beim Beispiel der Arbeit mit Jugendlichen zu bleiben. Viele soziokulturelle Einrichtungen ermöglichen Jungen und Mädchen soziale Kontakte in einem sicheren Umfeld, in dem sie begleitet werden können mit Projekten, die Fähigkeiten von ihnen sichtbar werden lassen, die niemand vermutet hätte: Beim Theaterprojekt baut jemand tolle Kulissen, stellt sich als hervorragende Schauspielerin oder kreative Designerin dar. Welche Chance vertan wurde, wenn solche Institutionen fehlen, bemerkt man oft erst dann, wenn der oder die Jugendliche im Negativen auffällig werden und daraufhin dann sozialisierende Maßnahmen greifen müssen. Zu einem Zeitpunkt, an dem jemand bereits straffällig geworden ist, ins Gefängnis muss, er vereinsamt oder ihm andere soziale Defizite im Wege stehen, ist schon viel verloren und er steht vor einem schwierigen Weg zurück in die Gesellschaft. Hier sage ich, kann Soziokulturelle Arbeit erwiesenermaßen viel helfen, um solche Probleme nachhaltig zu verringern und zu verhindern.
Ein großes Problem, das gerade im Zusammenhang mit öffentlicher Kulturfinanzierung leider immer wieder auftaucht, ist der Stellenwert, der dieser Arbeit zugemessen wird. Soziokulturelle Arbeit ist kein zusätzliches Angebot – sie ist Pflicht, nicht Kür. Dabei sind ganz besonders Länder und Bund gefragt, in deren Kompetenz die Soziokultur liegt. Die Auswirkungen von fehlenden Soziokulturellen Zentren sieht man nicht sofort, aber gerade wegen der auf Nachhaltigkeit angelegten Arbeit im Laufe der Jahre dann umso mehr. Im Bundesland Niedersachsen waren wir lange Zeit führend in der Soziokulturellen Arbeit, die vom Land unter der SPD intensiv gefördert wurde. Die CDU/FDP Regierung unter Christian Wulff hat mit massiven Kürzungen das funktionierende Gleichgewicht der Kulturförderung nun ins Wanken gebracht. Das betrifft ganz konkret auch die Soziokultur. Die Absicht der Niedersächsischen Regierungskoalition, die Förderpraxis der Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultur Niedersachsen zum Jahresende einzustellen und teils an staatsnähere Organisationen abzugeben bzw. in das Kulturministerium zurückzuverlagern, bedeutet einen Rückschritt. Außerdem läuft das dem eigenen Anspruch möglichst viele Aufgaben zu dezentralisieren und entbürokratisieren zu wollen völlig zuwider. Jetzt werden den nicht-staatlichen Fördereinrichtungen, die in den vergangenen fünfzehn Jahren beispielhaft gezeigt haben, wie intelligente und reflektierte Förderpolitik im Kulturbereich aussehen kann, die Kompetenzen entzogen. Solch eine bundesweit anerkannte und funktionierende Struktur nun umzudrehen, macht keinen Sinn. Das Land war bereits zuvor direkt an der Mittelvergabe beteiligt. Wenn bald nur noch die kleineren Summen unter Mitsprache der betroffenen Bürger in den nicht-staatlichen Organisationen verteilt werden können, würde das Know-How derjenigen fehlen, die jeden Tag praktisch mit Soziokultureller Arbeit beschäftigt sind. Zugleich muss darauf geachtet werden, dass im Zuge dieser Veränderungen sich nichts an der Höhe der Mittel ändert. Soziokultur ist zu wichtig, als an ihr zu sparen!
Die soziokulturelle Arbeit ist nachhaltiger als die Sozialarbeit und zeigt gleichsam in anderen Feldern, warum sie besser ist. Nämlich, weil sie präventiv ist. Hier werden Menschen nicht nur betreut, sondern sie werden aktiviert. Am Beispiel der Obdachlosenzeitungen wird schnell deutlich, worin der Vorteil liegt. Die Obdachlosen werden nicht nur von Sozialarbeitern betreut, von denen sie mit einem Wohnheimplatz, medizinischer Versorgung oder Essen versorgt werden können. Mit einer Zeitung stellen die Obdachlosen in dem jeweiligen Soziokulturellen Zentrum ein eigenes Presseerzeugnis mit Artikeln, Werbung und allem was dazu gehört her, um dieses selbst zu verkaufen. Hier werden Fähigkeiten befördert, die bei der rein betreuenden sozialen Arbeit gar nicht benötigt werden.
Wie wertvoll und vor allem nachhaltig Soziokulturelle Arbeit ist, zeigt sich schlussendlich nicht nur in den sozialen Sicherungssystemen, die dadurch entlastet werden. Sie hat auch konkrete positive Auswirkungen auf die Lebensumstände der zahlreichen Menschen, die diese Angebote nutzen. Einen Verlust dürfen wir uns deshalb nicht leisten.
|