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In der Diskussion um die »Grenzen des Wachstums« (Meadows et al. 1972) Anfang der 70er Jahre kam der Problemzusammenhang von ökonomischer, ökologischer und sozialer Entwicklung erstmals in aller Deutlichkeit zur Sprache. Auslöser dieser Diskussion war nicht zuletzt die »Ölkrise «, die uns allen die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen schmerzlich bewusst machte. Inzwischen wird allgemein anerkannt, dass das weltweite Umweltproblem nur zu lösen ist, wenn man dabei auch die sozialen und wirtschaftlichen Lebensverhältnisse der Menschen berücksichtigt Der Begriff »Nachhaltige Entwicklung« wurde 1987 im Brundtland-Bericht der »Weltkommission für Umwelt und Entwicklung« geprägt. Dort finden wir erstmals den Leitgedanken von der Einheit und wechselseitigen Abhängigkeit ökonomischer Entwicklung, ökologischer Bewahrung und sozialen Ausgleichs formuliert. Dem Produzieren ohne Rücksicht auf die Interessen der nachfolgenden Generationen wird das Konzept einer »dauerhaften«, »zukunftsfähigen« oder »nachhaltigen« Entwicklung entgegengesetzt. Eine wesentliche Empfehlung der Brundtland-Kommission war die Durchführung einer internationalen Konferenz der Vereinten Nationen zu Fragen von Umwelt und Entwicklung.
Mit dieser Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro wurde die Zielkategorie »Nachhaltige Entwicklung« in einer internationalen Vereinbarung völkerrechtlich festgelegt. Mit der Agenda 21 unterzeichneten in Rio mehr als 170 Staaten ein weltweites Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert, welches die verschiedenen Handlungsebenen und politischen Handlungsfelder beschreibt, auf denen das Prinzip der Nachhaltigkeit umgesetzt werden soll. Inzwischen ist die Agenda 21 zu einem international anerkannten Maßstab der Politik geworden. Die Themen Ökologie, Wirtschaft und Soziales in ihren wechselseitigen Abhängigkeiten betrachtend, werden die möglichen Lösungsansätze in einen breiten gesellschaftlichen Diskussionszusammenhang gestellt. Auch wenn kulturelle Aspekte wegen der bestehenden Unterschiede zwischen den Kulturen nicht explizit in die Agenda 21 aufgenommen wurden, hat Kultur bei den Diskussionen in Rio durchaus eine Rolle gespielt.
Nicht auf Kosten künftiger Generationen oder der Menschen in anderen Teilen der Welt zu leben – das ist das wichtigste Prinzip einer Nachhaltigen Entwicklung. Ausgewogene Balancen zwischen den heutigen Bedürfnissen und den Lebensperspektiven künftiger Generationen sollen eine hohe Lebensqualität, die Bewahrung von Natur und Umwelt, den sozialen und kulturellen Zusammenhalt und die Wahrnehmung internationaler Verantwortung in einer globalisierten Welt gewährleisten. Seit der Unterzeichnung der Agenda 21 sind bereits ein Reihe von Fortschritten bei der Umsetzung der Rio-Vereinbarungen erzielt worden. Woran es jedoch ganz offensichtlich noch mangelt, ist eine breite soziale und kulturelle Einbettung dieser Diskussionsprozesse. Die Folge: Nachhaltigkeit ist zwar zu einem international gebräuchlichen Schlagwort geworden, das in allen Politikfeldern Anwendung findet, doch sagt der Begriff trotz vieler politischer Deklarationen und umfangreicher Konferenzberichte den meisten Menschen inhaltlich bislang noch recht wenig.
Kultur – eine vernachlässigte Größe im Nachhaltigkeitsdiskurs?
Wiewohl das Prinzip der Nachhaltigkeit heute auf vielen Gebieten ein allgemein anerkanntes Kriterium für politisches Handeln ist, bestimmt es noch nicht überall die praktische Politik und das Verhalten der Menschen. Insbesondere von Kulturschaffenden, aber auch von Sozialwissenschaftlern wird beklagt, dass die Auseinandersetzungen noch zu sehr auf der Ebene der Experten aus Wissenschaft und Politik stattfinden und die kulturellen Grundlagen einer Nachhaltigen Entwicklung zu wenig mitgedacht werden. Fortschritte werden eher im konzeptionellen Bereich gesehen und weniger auf der praktischen Ebene der Politik oder in der Lebenswelt der Menschen. Betont wird in diesem Zusammenhang, zu einer Konzeption Nachhaltiger Entwicklung gehöre eine Kultur der Nachhaltigkeit, und umgekehrt müsse auch die Kulturpolitik stärker auf die Themen der Nachhaltigkeit ausgerichtet werden.
Dies legt zunächst eine kulturpolitische Erweiterung des Nachhaltigkeitsdiskurses im Hinblick auf eine breite Definition von Kultur nahe. Ein solcher weit gefasster Begriff von Kultur beinhaltet die Gesamtheit der geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte, die eine Gesellschaft kennzeichnen. Über das künstlerische Schaffen hinaus gehören dazu auch Lebensformen, Wertvorstellungen, Traditionen und Glaubensrichtungen. Kultur ist in dieser Sicht der Schlüsselbegriff für das Gesamtgeflecht von Verhaltensmustern, Normen und Werten, die innerhalb einer Gesellschaft die Vorstellungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft prägen.
Während kulturelle Aspekte in der bisherigen Nachhaltigkeitsdebatte tatsächlich keine zentrale Rolle spielen, blendet die Kulturpolitik ökologische Fragestellungen weithin aus. Als Gründe für dieses beidseitige Defizit werden u. a. genannt:
• Die ausgeprägte Dominanz technischer Aspekte und Lösungsansätze verleitet dazu, die sozialen und kulturellen Grundlagen einer Nachhaltigen Entwicklung zu vernachlässigen.
• Infolge der Verengung der Nachhaltigkeitspolitik auf umweltpolitische Maßnahmen wird das Thema Nachhaltigkeit in Bund und Ländern, aber auch in den Kommunen vornehmlich von den Umwelt-Ressorts bearbeitet.
• Während der das Bezugsfeld Nachhaltigkeit beherrschende Expertendiskurs dazu geführt hat, dass sich die Politik dem Thema nicht mehr verschließen kann, ist jenseits der Expertendebatte von Nachhaltiger Entwicklung immer noch relativ wenig bekannt.
Es gilt das Konzept Nachhaltigkeit so zu entfalten, dass es gleichberechtigt mit Ökonomie, Ökologie und Sozialem auch Kultur als zusätzliche Dimension erfasst, und dass die Verschränkung von Ökonomie, Ökologie und Sozialem als kulturell-ästhetische Ausformung von Nachhaltigkeit verstanden wird.
Ansätze zur Verbindung von Kultur und Nachhaltigkeit
Eine der ersten Initiativen, Kulturpolitik und Nachhaltigkeitsdiskurs zu verbinden, waren die vom Öko-Institut Tirol veranstalteten Toblacher Gespräche, wo man seit den 80er Jahren versuchte, die Umwelt und später Nachhaltigkeitsdebatte zu einem Diskurs über Ästhetik, Werte, Kultur und Lebensstile zu erweitern.
Eine wichtige Etappe dieser Diskussion war auch die UNESCO-Konferenz von 1998 zu Kultur und Entwicklung, die Nachhaltige Entwicklung als Grundlage für den Erhalt und die weltweite Förderung kultureller Vielfalt erkannt hat. Diese Diskussion ist im Verlauf der nationalen Vorbereitung auf« den Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung im Jahr 2002 intensiviert worden. Mittlerweile gibt es zahlreiche Initiativen mit dem Ziel, die Wechselbeziehung zwischen natur- und sozialwissenschaftlich fundierten Strategien einerseits und kulturell-ästhetischer Gestaltungskompetenz andererseits zu untersuchen und sie für die Weiterentwicklung der Agenda 21 nutzbar zu machen.
Zu nennen wäre insbesondere das »Tutzinger Manifest «, in dem es u. a. heißt: »Das Konzept Nachhaltige Entwicklung kann und muss in der Weise vertieft und weiterentwickelt werden, dass es gleichberechtigt mit Ökonomie, Ökologie und Sozialem auch Kultur als quer liegende Dimension umfasst. Es geht darum, die auf Vielfalt, Offenheit und wechselseitigem Austausch basierende Gestaltung der Dimensionen Ökonomie, Ökologie und Soziales als kulturell- ästhetische Ausformung von Nachhaltigkeit zu verstehen und zu verwirklichen. Eine Zukunftsperspektive kann in einer eng verflochtenen Welt nur gemeinsam gesichert werden. Globalisierung braucht interkulturelle Kompetenz im Dialog der Kulturen. «
Der Rat für Nachhaltige Entwicklung, der im April 2001 als Beratungsgremium der Bundesregierung einberufen wurde und dem seitdem 17 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens angehören, hat diese Überlegungen aufgenommen und die Kulturpolitik als einen wichtigen Eckpfeiler für eine Nachhaltige Entwicklung ausgewiesen. In seinem Dialogpapier stellt er u. a. fest: »Kulturelle Grundwerte der Gesellschaft, Lebensstile, Religion und ethische Verhaltensnormen, Bildung und soziales Engagement verhelfen dem Individuum (dazu), seine geistigen und sozialen Fähigkeiten auszubilden. «
Kulturelle und ökologische Vielfalt haben gleiche Wurzeln
Sowohl Natur als auch Kultur gewinnen ihre Stabilität aus Vielfalt. Gegenwärtig aber werden, um ein Beispiel von vielen zu nennen, weltweit nur noch ungefähr vier Weizensorten gezüchtet. Wenn in einer dieser Sorten irgendein Fehler auftritt, dann bricht ein riesiger Teil des Versorgungssystems zusammen. Die Stabilität von Systemen ist nur durch Vielfältigkeit, durch Diversität gewährleistet. Eine Zeit lang hing in meinem Büro eine Fotoserie der Düsseldorfer Künstlerin Ursula Schulz-Dornburg mit 36 verschiedenen, jeweils einzeln porträtierten Weizensorten. Viele der Leute, die das bei mir sahen, wussten noch nicht einmal, dass es sich um Weizen handelte, weil die Ähren vollkommen verschieden aussahen.
Das Gleiche gilt für Kultur. Auch Kultur bezieht ihre Lebensfähigkeit und Stabilität aus Vielfalt – und ich meine keineswegs nur den künstlerischen Ausdruck, sondern Vielfalt als solche. Wir brauchen die Vielfalt, um uns insgesamt weiterzuentwickeln. Kultur und Nachhaltigkeit leben gleichermaßen durch das Zusätzliche, die Ergänzung. Denn wir wollen ja nicht nur immer wieder den Kölner Dom reparieren, was gewiss nachhaltig im Sinne seiner Erhaltung ist, womit wir aber nichts Neues schaffen. Wir brauchen eine Weiterentwicklung, weil das konventionelle abendländische Herangehen an Nachhaltigkeit eine Begrenztheit enthält, die, wenn man wirklich einmal weiterdenken würde, genau dieses System zum Ende führen kann. Wir brauchen ein Mehr an Toleranz, an Wissen und an Vielfalt als Grundlagen für ein nicht mehr quantitatives, sondern qualitatives Wachstum. Genau dafür setzen wir uns im Moment beispielsweise in der UNESCO-Konvention zum Schutz der kulturellen Vielfalt ein. Hier geht es darum, im Zusammenhang des GATS genau diese Vielfalt zu erhalten und klar zu machen, dass Kultur eine Doppelnatur hat. Einerseits ist sie Handelsware, andererseits ist sie auch Kulturgut.
Erhard Eppler hat schon Anfang der 70er Jahre beschrieben, dass wir uns in eine Sackgasse manövrieren, wenn wir weiterhin dem Mythos des quantitativen Wachstums frönen. Dann sind wir bei der einsteinschen Formel E =mc², wo wir im Prinzip Müll und Energie produzieren, um damit Wachstum gestalten können. Diese Problematik lässt sich nur umgehen, wenn wir verstärkt Wissen, Bildung, Kultur fördern als Qualitäten, die nicht zwangsläufig Müll und Zerstörung produzieren. Das ist der entscheidende Punkt, an dem ich auch im Blick auf die Pisa-Studie ansetzen würde. In Ländern wie etwa Finnland, wo man sehr viel in diesen Bereich – in Bildung, in Wissen, in Kultur – investiert, gibt es weniger Konsum, weniger zerstörerischen Verbrauch, weil der kulturelle Wert des »Etwas-miteinander-Tuns« eine ganz wesentliche Rolle spielt. Da wird viel gelesen, und der Energieverbrauch ist geringer – was miteinander zusammenhängt. Denn beim bloßen Konsumieren wachsen anstelle des Erlebniswertes nur noch der Energieverbrauch und der Müll.
Kreativität – Voraussetzung für die Zukunft
Hier müssen wir meiner Ansicht nach ansetzen. Das ist keine rein kulturpädagogische Frage, sondern eine Einstellungsfrage, die nicht nur Kindern vermittelt werden sollte, sondern auch in Firmen, in Verwaltungen und überall in der Fortbildung. Wie gehen wir an die Dinge heran, wie planen wir, wie gestalten wir Räume? Wir müssen unsere Kultur dahingehend ändern, dass wir sagen: Es macht Spaß, etwas gemeinsam mit anderen Leuten zu tun. Zum Beispiel macht es Spaß, in der Schule gemeinsam Dinge zu erarbeiten; vielleicht im Orchester zu spielen. In der Zeit, die wir so verbringen, können wir erleben, ohne konsumieren zu müssen. Das ist ein wichtiger Schritt hin zu einer Kultur, die nicht mehr protestantisch effizient, sondern effektiv und zugleich Ressourcen sparend an die Dinge herangeht.
Noch ein Vergleich mit der Natur: Ein Kirschbaum braucht Tausende von Blüten, um ein Kilo Kirschen zu produzieren. Die Natur ist verschwenderisch, sie ist nicht effizient. Sie braucht nicht wenig, um etwas herzustellen, aber sie funktioniert in Kreisläufen, die nicht zerstörerisch sind. Sie produziert ohne unseren Energieverbrauch und unser Müllaufkommen. »There is enough for everybody’s need, but not for everybody’s greed.« Dieser Spruch Mahatma Gandhis vergegenwärtigt, wo der Unterschied zwischen der abendländischen Kultur und einer Kultur, die auch an Wiedergeburt denkt, liegt.
Einrichtungen wie das Haus der Kulturen der Welt in Berlin bieten uns heute die Möglichkeit, den Reichtum kultureller Vielfalt zu erleben, ohne dass wir selbst in die Welt ziehen und anderen Leuten klar zu machen versuchen, wie man mit Ressourcen umgeht. Gleichzeitig können Besuche in anderen Ländern, wo es kulturelle Güter wie Naturdenkmäler oder das jeweils spezifische kulturelle Erbe gibt, den Austausch intensivieren. Überall auf der Welt haben die Menschen ihre unverzichtbaren Werte, die es zusammenzubringen gilt. Das Ziel ist nach wie vor – wie 1992 in Rio –, die Lebensqualität insgesamt und für alle zu verbessern.
Doch sind Kultur und Kunst keineswegs bloß instrumentell als Mittel zum Zweck zu sehen, sondern als die Grundlage, die wir zur Zufriedenheit, zur Erfüllung und zur Weiterentwicklung brauchen. Wir brauchen Kultur und Kunst, damit unsere jungen Leute sich nicht, wie das heute bei den Schülern teilweise der Fall ist, den Kopf voll packen mit Nebenwissen, etwa mit Wissen über Kleidermarken, Stars oder Videospiele, sondern damit wir stattdessen andere Werte miteinander teilen, die uns glücklicher und zufriedener machen.
Das ist das Ziel der Nachhaltigkeit. Und mir scheint, die Politik beginnt im Grunde erst jetzt, darüber nachzudenken. Zwar hat sich die auswärtige Kulturpolitik während der letzten Jahre um den Dialog der Kulturen, um Entwicklung für Menschenrechte und Demokratie gekümmert, aber sie hat dies bislang noch nicht konsequent mit der internationalen Nachhaltigkeitspolitik verschränkt. Das ist heute nach wie vor unsere Aufgabe.
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