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Ausschuss für Kultur und Medien
 

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Kulturpolitischen Mitteilungen

Welche Kultur soll wen leiten?

Die gegenwärtige Debatte um den äußerst mißglückten, uneindeutigen und deshalb auch zum "Unwort des Jahres" gekürten Begriff der "Leitkultur" macht vor allem eins deutlich: die Frage, wer hier wen mit welcher Kultur leiten soll, ist die falsche Frage. Natürlich sollen unsere grundgesetzlichen Werte von allen, die in Deutschland leben, anerkannt und gelebt werden. Bereits im Grundgesetz verankert sind die "Würde des Menschen" (Art. 1), die "Gleichberechtigung von Männern und Frauen" (Art. 2), die "Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit" (Art. 4) sowie die "Pressefreiheit" (Art. 5). Dies ist im Grundsatz so selbstverständlich, wenn auch nicht von jedem und immer befolgt, dass es schlicht falsch ist, darüber zu streiten, welcher Kultur jemand sich aneignen muss, um hier zu leben und zu arbeiten.

Vielmehr sollten wir uns darum kümmern, dass ein echter Dialog über Werte, Einstellungen und Gebräuche entsteht und dass wir die unterschiedlichen Kulturen, die sonst existieren, kennen und verstehen lernen. Es gibt so etwas wie eine Nationalkultur nicht, also kann sie auch keine "Leitfunktion" übernehmen. Denn was würde man als solche übergreifend verstehen? Dass man in Lederhosen herumläuft und Volkstanz macht (wie mancher amerikanische Freizeitpark als Deutschlandbild suggeriert), dass man humorlos ist (was in angelsächsischen Ländern manchmal verbreitet wird), oder dass man Andersdenkende verfolgt - wie Paul Spiegel es provokativ auf der Demonstration am 9. November in Berlin beschrieben hat? Nein, denn Deutschland ist vielfältig: wir haben ostfriesiche und sächsische Traditionen, wir haben das Oktoberfest und den Hannoveraner Schützenausmarsch, wir haben die Skorpions und die Berliner Philharmoniker, wir haben Günter Grass und Anna Seghers, wir haben SAP und Intershop: und alles entstanden in Deutschland. Es ist also viel wichtiger, die verschiedenen Kulturen kennenzulernen, anstatt denen, die nach Deutschland kommen und hier leben wollen, eine "leitende Kultur" darbieten zu wollen. Der Begriff ist "unpräzise" und "mißverständlich", wie die Pons-Redaktion bei Ihrer Wahl zum "Unwort des Jahres" bemängelte. Nur wenn auf allen Seiten eine Bereitschaft besteht, sich auf das Gegenüber einzulassen, zuzuhören und sich auseinanderzusetzen, kann ein Dialog entstehen, der beide weiterbringt. Natürlich gibt es Sitten, Gebräuche und Traditionen, die die Mehrheit einer Bevölkerung für wichtig hält und danach lebt. Damit ist aber noch keine "Leitkultur" etabliert. Erst der Austausch macht diese Werte, Gebräuche und Sitten lebendig. Gegenseitiges Verständnis und Toleranz sind die wesentlichen Voraussetzungen für friedvolles Miteinander.

Nächstes Jahr begehen die Vereinten Nationen das "Jahr des Dialogs der Kulturen und Zivilisationen". Der Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages hat bereits mit einer Reise in den Nahen und Mittleren Osten (Ägypten, Israel, Palästina und Iran) im Sommer dieses Jahres begonnen, den Dialog mit der arabischen Welt zu suchen. Dieser fällt uns Deutschen besonders schwer, weil er uns in die fremde orientalisch/islamische Welt führt.Im nächsten Jahr sollen Reisen in den asiatischen Raum folgen, um mit dieser Initiative fortzufahren. Auf diesen Reisen hat sich gezeigt, dass Dialogstrukturen in den internationalen Kulturbeziehungen gute Früchte tragen, wenn alle beteiligten Seiten mit der Absicht des Verstehenwollens und des Respekts daran arbeiten. So findet echter Kulturaustausch statt, der ein großes Potenzial für die Prävention von Konflikten hat. Menschen, die man kennt und mit denen man sich auch auf kulturellem Wege versteht, verfolgt man mit geringerer Wahrscheinlichkeit mit der Waffe. Das ist der große Erfolg des europäischen Nachkriegsprozesses: hätte jemand vor 60 Jahren sich vorstellen können, dass Deutschland und Frankreich gemeinsam Achse und Motor der europäischen Entwicklung sind? Dass wir in Westeuropa tatsächlich Frieden halten? Genau diese vorbeugenden Mechanismen sind es aber, die auch bei uns im Innern etabliert werden müssen, um gesellschaftlichen Konflikten zwischen den in Deutschland lebenden Bevölkerungsgruppen vorzubeugen. Im Moment strahlt Deutschland Bilder von sich in die Welt hinaus, die den Begriff "Kultur" fragwürdig erscheinen lassen. In diesem Zusammenhang von einer "deutschen Leitkultur" reden zu wollen, bedeutet, die rund 100 Opfer zu verhöhnen, die seit 1990 in rassistischen Verfolgungen umgekommen sind. Wir müssen uns darüber klar werden, dass es nicht "die" Kultur unseres Landes gibt und es sie niemals geben wird. Kultur in Deutschland hat verschiedene Quellen, ist gewachsen und deshalb ist sie lebendig. Und je mehr Quellen dazu kommen, desto reicher wird die "Kulturlandschaft" eines Landes. Daraus eine "leitende Kultur" konstruieren zu wollen, ist schier Unsinn und deshalb von Paul Spiegel zu Recht zurückgewiesen. Unsere Verfassung bietet den Rahmen für das Miteinander der Kulturen, ausgefüllt werden kann dieser Rahmen nur durch die Menschen. Dass unsere Grundwerte auch verfassungsmäßig festgeschrieben sind, ist eine der grossen demokratischen Errungenschaften unserer Geschichte. Dies darf durch niemanden in Frage gestellt werden. Damit die in unserem Grundgesetz festgeschriebenen Werte lebendig bleiben, brauchen wir den Dialog über ihre Bedeutung und Wesensgehalt, damit gewährleistet ist, dass alle, die in Deutschland leben, sie auch verstehen und danach leben können. Das ist meiner Auffassung nach eine Aufgabe, der wir uns täglich stellen müssen. Es bedeutet auch, sich mit Zivilcourage gegen diejenigen zu stellen, die diese Werte nicht achten.