Pop ist allgegenwärtig. Von vielen Litfasssäulen
strahlen uns immer mehr Heroen des Pop an, kein Fernsehsender kommt
mehr ohne die Stars und Sternchen der Musikindustrie aus. Pop ist
zum Werbeträger Nummer eins geworden, Britney Spears und N'Sync,
aber auch Madonna und Guy Ritchie sind längst Tagesgespräch
geworden. Doch ist Pop politisch? Sicherlich gab es und gibt es
auch weiterhin populäre Musik, die auch politisch Stellung
bezieht, ich denke dabei an "The Wall" von Pink Floyd
oder an die Aktivitäten von BAP und anderen gegen Rechtsextremismus.
Doch bisher ignoriert die Politik weitestgehend den Pop. Auch wenn
alle Parteien laut schreiend das Desinteresse der Jugend an Politik
beklagen, so sind es doch die Politiker und Parteien, die der Jugend
den Rücken zugewandt haben. Längst können und möchten
sich nur noch die wenigsten mit "der" Politik auseinandersetzen,
die jenseits ihrer Lebenswirklichkeit und ihres Erfahrungshorizontes
geschieht und vorwiegend aus unmodernen Ritualen besteht. Nun ist
auch ein ravender Oskar Lafontaine eher peinlich, doch drängt
sich hier wieder die Frage auf, ob es nicht doch einen Zusammenhang
zwischen Pop und Politik geben kann, der jenseits eines Besuchs
des Herrn "nennt-mich-Guido" Westerwelle im Big-Brother-Container
stattfindet und zu einem wirklichen Dialog führt.
Dabei ist es mit Sicherheit so, dass Pop mit seiner
Schnelllebigkeit längst Schrittmacher einer ganzen Gesellschaft
geworden. Politischen Trends und Themen wechseln im Stakkato-Schnitt
von Musikvideos. Langfristige Entwürfe sind nicht mehr gefragt
- das Produkt interessiert nicht mehr, was zählt ist die Vermarktung.
Umgesetzt auf die Politik bedeutet dies für uns eine immer
stärkere Fokussierung auf Personen - Themen werden an den Rand
gedrängt und politischen Profile sind nicht mehr voneinander
abzugrenzen. Andererseits ist Pop globaler als alle anderen Bereiche
des Lebens. In ganz Europa hängen die gleichen Plakate in den
Kinderzimmern - eine Einigkeit, die es trotz europäischer Union
in keinem anderen Bereich gibt. Hier wächst eine Jugend heran,
die sich genährt durch Internet und MTV, längst keiner
kulturellen Unterschiede mehr bewusst ist. Doch wo Licht ist, ist
auch Schatten. Bedeutet dies langfristig einen Einheitsbrei mehr
oder weniger monotoner Musik, oder bietet es eine Chance für
eine neue Identitätsfindung jenseits der ausgetretenen Pfade
des alten Nationalstaats? Hier wiederum ist eine zentrale Eingriffsmöglichkeit
der Politik. Es gilt, den kulturellen Austausch auch auf dem Gebiet
der Musik zu fördern. Denn: das Schmoren im eigenen Saft hat
noch niemanden weitergebracht. Im Bereich der Popkultur und vor
allem der Musik ist das Potential, mit dem man dem Unsinn von der
Leitkultur wirksam bekämpfen kann. Provokant könnte man
sagen: Pop ist längst internationale Leitkultur.
Doch wohin führt uns diese Erkenntnis? Klar ist, dass sich
Politik offener zeigen und darstellen muss. Ebenso klar ist es,
dass wir unseren Kindern das Rüstzeug an die Hand geben müssen,
sich den Möglichkeiten der Popkultur selber zu erschliessen.
Internetkenntnisse sind dabei genauso wichtig,
wie eine gezielte Nachwuchsförderung im Musikbereich, der meines
Erachtens schon in der Schule beginnen sollte. Nach wie vor ist
der Musikunterricht an deutschen Schule eine rückwärtsgewandte
Angelegenheit, die zwar geeignet ist, Mozart und Beethoven zu vermitteln,
jedoch kaum einen dazu anhält, selber eine Band zu gründen
oder ein Instrument zu erlernen. Gerade im musikalischen Bereich
jedoch gilt: Vielfalt ist der größte Feind der Einfalt.
Warum nicht Terzen mit Britney Spears oder ein Tremolo von Mariah
Carey? Hier sollten sich die Kultusminister in den Ländern
Gedanken machen, ob sich so nicht vielleicht eine offenere Weltsicht
und eine vielfältigere Musikszene gerade in ländlichen
Gebieten erreichen lässt.
Kultur ist und bleibt in Bewegung, dies als Gefahr
für die "deutsche Leitkultur" zu sehen wäre
ignorant. Schon einmal ist Avantgarde unterdrückt worden, die
Ergebnisse sind bekannt: "Leg Dein Ohr auf die Schiene der
Geschichte."