Pascale Hugues hat uns gestern die offene, aber
provozierende Frage gestellt, ob wir unsere Identität als Deutsche
offensiver vertreten sollen oder dürfen? Sie sprach sich auch dafür
aus, neue Methoden zu finden. Das deutsch-französische Jugendwerk
etwa, als Vermittler von Dialog und Identität, habe sich überlebt.
Ich vertrete eine andere These: gerade in der Zeit
von Globalisierung und kultureller Revolution nach der Erfindung
des Buchdrucks, wie mein Kollege Jörg Tauss es zu sagen pflegt,
suchen die Menschen überall ihre Wurzeln. Die Folge ist neben der
scheinbar grenzenlosen Mobilität des Geldes und damit gezwungenermaßen
der Arbeitnehmer, eine zunehmende Renationalisierung. Hatten wir
vor 10 Jahren noch etwa 180 Staaten auf der Erde, zählen wir heute
um die 200. Und die Auswanderungen im damaligen Jugoslawien auch
in den letzten Tagen haben wieder die Debatte laut werden lassen,
ob man ein serbisches und ein albanisches Kosovo schaffen soll,
aber eben als Trennung von Nationalitäten statt ein Zusammenwachsen.
Auch im Rest von Europa ist noch nicht alles so paneuropäisch und
kosmopolitisch wie unsere Diskussionen es erscheinen lassen. Nicht
zufällig haben rechtspopulistische Charaktere wie Haider Konjunktur,
hält die nordirische Regierung nicht und gab es wieder Opfer im
Baskenland und das nicht im letzten oder vorletzten Jahrhundert
- sondern im Jahr 2000! Und noch nie gab es so viele bewaffnete
Konflikte wie zur Zeit - die letzte mir bekannte Zahl ist 49!
Daran sehen wir, dass die Kluft zwischen armen
und reichen Ländern, zwischen Beschleunigung und Nicht-mehr-mitkommen,
zwischen Anonymität und dem Wunsch nach "warm bodies", wie die Polynesier
die einzige Kommunikationsmöglichkeit nennen, die sie kennen, größer
und nicht kleiner wird. Gestern wurde erwähnt, dass wenige Kilometer
von hier die CeBit schwarz von Menschen ist - ich vermisse hier
ein Forum über die Neuen Medien und deren kulturellen Auswirkungen.
Was passiert denn eigentlich mit uns, wenn wir die Brötchen übers
Internet anfordern, 3-Wort-messages auf das Handy der Freundin spielen,
in den Nachrichten mit Staunen erfahren, dass die Telekomaktien
das 6fache des Kaufpreises wert sind, ich keine Zeit mehr habe,
Freunde zu treffen, weil die Arbeitszeiten so unterschiedlich sind,
dass man nicht mehr zusammen Volleyball spielen kann, sondern es
gerade zum Gang ins Fitnesscenter reicht? Was heißt das für die
zivilisatorische Entwicklung unserer Kinder, die jetzt alle schnell
computerkompatibel geschult werden müssen und was heißt das für
die Entwicklung unserer Wurzeln, unserer Identität?
Wir haben gemeinsam mit den französischen Kollegen
darauf gedrungen, dass die Frage der kulturellen Vielfalt ein Thema
in den WTO-Verhandlungen wird. Ich halte das für zentral wichtig
und nicht für einen Nebenaspekt. Ich glaube, auch das DFJW (Deutsch-Französisches
Jugendwerk) hat neue Aufgaben: Durch das Vorhalten von Spiegeln
- wie Pascale Hugues es gestern mit uns gemacht hat - könne wir
Identität wiederfinden und behalten. Und dafür ist Sprache zentral
wichtig. Haben wir internationale, ja selbst nur europäische Zusammenhänge,
ist die einzige gemeinsame Sprache Englisch. Auch ich muß gestehen,
dass, obwohl ich in deutsch-französischen Zusammenhängen sozialisiert
bin, mein Englisch heute besser ist als mein Französisch.
Und da setzt auch die Aufgabe von Kulturpolitik
an: Wir als Politiker setzen keinen Glanz oder Gloria - wir können
nur Rahmen setzen, damit eigene Identität sich vermitteln kann:
So haben wir endlich einen Kulturminister - der mit den Kulturministern
der anderen Ländern diskutieren kann (und das auch tut wie bei der
Buchpreisbindung). Wir haben im Parlament endlich einen Kulturausschuss,
der die verschiedenen Ebenen, die leider in der Regierung verstreut
sind, zusammen bringen soll: die Auswärtige Kulturpolitik aus dem
Auswärtigen Amt, die Informationsarbeit im Ausland über Deutschland
aus dem BPA (Bundespresseamt) und die Rahmenbedingungen für Kultur
im Inlandsbereich des Kulturstaatsministers. So kann sicherlich
der Staatsminister Glanzpunkte setzen wie eine neue Filmförderung
oder die Beschleunigung der Sanierung des Preussischen Kulturbesitzes.
Wir schaffen Rahmenbedingungen wie Stiftungsgesetz, ein neues Gedenkstättenkonzept
oder den überfälligen Abschluss der Diskussion um das Holocaust
Mahnmal.
Wir versuchen das Bild mit zu entwickeln, das wir
im Ausland präsentieren können: ein Volk nach der Vereinigung, dass
nicht übermütig ist, Selbstzweifel hat und auf der Suche ist, aber
mithelfen will, Demokratie in anderen Ländern oder Dialogfähigkeit
zwischen Gruppen unterschiedlicher Auffassung zu entwickeln. Dafür
brauchen wir diese Eigenschaften auch hier! Deshalb fördern wir
hier soziokulturelle Zentren und nicht nur Hochkultur. Deshalb haben
wir gerade einen neuen Unterausschuss "Neue Medien" gegründet. Aber
deshalb legen wir auch Wert darauf, dass die Deutsche Welle Krisenradio
im Kosovo macht oder den Sender in der Ukraine startet. Wir wollen
verstanden werden - im direkten und übertragenen Sinne. Dafür sind
die Goethe-Institute existentiell wichtig - denn auch über die Sprache
erschließt sich unsere Kultur. Und deshalb grübeln wir, mit welchen
Strukturen wir mehr Institute mit weniger Mitteln schaffen können.
Deshalb versuchen wir, neue Wege zu finden, mehr Wissenschaftler
über DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) und Humboldt-Stiftung
zu uns zu bekommen. Denn wenn Menschen aus anderen Ländern uns kennen,
bleiben sie auch dem Land verbunden. Gleichzeitig versuchen wir,
mit den europäischen Nachbarn, v.a. Grossbritannien und Frankreich,
gemeinsame Wege zu finden und z.B. Konsulate und Programme zusammen
zu betreiben. Diese Debatte steht noch am Anfang, ist aber dringend
notwendig.