Sieg Tech: Die IFA als weltgrösste Messe
für Unterhaltungselektronik steht ganz im Zeichen der Konvergenz,
der Verschmelzung von Radio, TV, Internet und Handy. Wann werden
Konvergenzgeräte in jedem Haushalt in Deutschland präsent sein?
Monika Griefahn: Ich glaube, dass wird noch
eine Weile dauern, weil viele Menschen immer noch in der digitalen
Spaltung leben. Das heisst, der Zugang zum PC und der Zugang zum
Internet ist noch nicht für alle Bevölkerungsgruppen selbstverständlich.
Ich denke besonders an alte Menschen, an Frauen, an sozial Schwache
und an Arbeitslose. Die Bundesregierung hat ein Programm aufgelegt,
um diese Gruppe zu verringern und ans Internet zu führen. Dass
heisst aber immer noch nicht, dass sie sich auch neue Geräte kaufen
können. Wenn ein Mensch in diesen Gruppen ein Gerät zu Hause hat,
beispielsweise einen alten Fernsehapparat, dann wird der auch, solange
wie er funktioniert genutzt. Insofern wird das alles vor dem Ende
der Lebensdauer dieses Gerätes nicht zur Neuanschaffung eines Konvergenzgerätes
führen.
Die Frage des E-Commerce stellt sich in diesem Zusammenhang ebenfalls.
Es gibt gerade in der Bundesrepublik u.a. in der Frage der Datensicherheit
und des Datenschutzes ein grosses Misstrauen dagegen. Deshalb ist
der E-Commerz nicht so eingeschlagen, wie es eigentlich erwartet
worden ist.
Sieg Tech: Welche gesellschaftlichen Auswirkungen
wird die Verbereitung von Konvergenzgeräten haben?
Griefahn: Ich denke, dass insbesondere nach
Einführung der UMTS-Technologie ab dem nächsten Jahr nach und nach
die Vorteile des Zusammenfügens von den verschiedenen Medien wie
Fernsehen, Rundfunk und den interaktiven Angeboten auch stärker
wahrgenommen wird. Aber man muss deutlich dazu sagen, dass es auch
komsumptive Interessen der Menschen gibt. Es wird weiterhin Unterhaltung
oder eine rein passive Rezeption von Medien geben. Denn man will
nicht immer interaktiv sein. Dies ist ja mit den neuen, konvergenten
Medien möglich. Die Interaktion ist durch entsprechende Internet-Angebote
schon heute ein Bindungsmittel für Programme. Auch der öffentlich-rechtliche
Rundfunk muss diese Möglichkeit nutzen können. Das ist derzeit sehr
umstritten. Gerade die Privaten wünschen das nicht.
Sieg Tech: Liegt in der Konvergenz, der
Verschmelzung von verschiedenen Dienstleistungen in einem Gerät,
die Gefahr einer verstärkten Medienkonzentration?
Griefahn: Ich denke, wir haben hier gerade
mit dem Streit um die Übertragung der Fussballweltmeisterschaft
und die Bundesliga-Kurzberichterstattung in der Tagesschau ein paar
Geschmacksproben bekommen. Das war ein kleiner Vorgeschmack dessen,
was die Öffentlich-Rechtlichen ja immer stärker betreffen wird,
nämlich die Fragen: Was ist Grundberichterstattung, was ist der
öffentlich rechtliche Auftrag.
Ich kämpfe dafür, dass der öffentliche Auftrag sehr breit gefächert
wird. Meiner Ansicht nach hat jeder Bürger ein Recht auf breite
Information und zwar vom Unterhaltungsangebot über ein Kinderprogramm
bis zur die Sachinformation. Dies darf nicht reduziert werden auf
die reine Nachrichteninformation oder kulturelle Information. Ich
glaube, dass es zu einer Vielfalt dazu gehört, dass man ein breites
Spektrum anbietet. Dazu gehört in einer Welt der Konvergenz eben
auch das Online-Angebot. Das muss entweder durch gesetzliche Rahmenbedingungen
und durch Koordination auf Bundesebene und auf der Länderebene
geregelt werden. Wir haben im Moment eine Trennung in der Medienordnung
der Zuständigkeit der Länder und des Bundes, was die Teledienste
auf der einen Seite und die Medien und Mediendienste auf der anderen
Seite betrifft. Diese Fragen muss man zusammenführen. Dies kann
beispielsweise, wie die SPD das vor längerer Zeit vorgeschlagen
hat, in einem Kommunikationsrat geschehen.
Sieg Tech: Welche wirtschaftlichen Chancen
sehen Sie gerade im Hinblick auf Arbeitsplätze durch Trend zur Konvergenz
?
Griefahn: Wenn man die Fragen der Datensicherheit
der elektronischen Signatur oder der Sicherheit der persönlichen
Daten in den Griff bekommt, woran wir arbeiten, dann wird mit dem
Vertrauen auch die Nutzung des E-Commerce verstärkt wachsen.
Ich denke allein daran, dass auch die öffentliche Verwaltung verstärkt
Dienstleistungen online anbietet. Es ist ein Ziel der Bundesregierung
bis zum Jahr 2005 die Verwaltungsstruktur auf diese Weise zu verbessern.
Löst man die derzeitigen Probleme der Datensicherheit, dann kann
die Konvergenz auch tatsächlich Beschäftigungseffekte erzielen.
Hierbei werden natürlich auch von der Bundesregierung Impulse ausgehen.
Im Moment ist es ja so, dass die Nachfrage nach diesen Dienstleistungen
im E-Commerce aufgrund der ungeklärten Sicherheitsfragen, beispielsweise
bei der Bezahlung mittels Kreditkarten, eher gering ist. Ansonsten
hätten wir auch nicht diese schlechten Zahlen im neuen Markt.
Sieg Tech: Welchen Beitrag kann in dieser
Situation die Politik zur Stärkung der deutschen Unterhaltungs-Elektronik-Industrie
leisten?
Griefahn: Es gibt drei Rahmenbedingungen
die sehr wichtig sind. Erstens, dass die Frage der Medienordnung
so geregelt wird, dass Zuständigkeit in dieser Angelegenheit nicht
auf 15 verschiedene Stellen auf EU-, Bundes und Länderebene verteilt
sind.
Zum Zweiten muss die Datensicherheits- und Datenschutzfrage so
geregelt werden, dass die Bürger Vertrauen haben, dass mit ihren
Daten auch kein Missbrauch betrieben wird. Hier ist die Frage der
Gütesiegel besonders wichtig. Diese Arbeit wird im Moment - auch
von den Providern und den Anbietern der elektronischen Waren oder
Dienstleistungen - in Angriff genommen.
Zudem brauchen wir Aufsichtsstrukturen und Konzentrationskontrollen.
Denn dem Internet ist es egal, ob ein Angebot aus Malaysia oder
aus Afrika kommt. Deshalb müssen wir solche Rahmenbedingungen schaffen,
die dafür sorgen, dass die Angebote in der Bundesrepublik bleiben
und wir hier nicht Arbeitsplätze vernichten, sondern durch diese
Angebote neue Stellen schaffen.
Sieg Tech: Manche sprechen davon, dass wir
jetzt ins Informationszeitalter eintreten und Information der fünfte
Produktionsfaktor ist...
Griefahn: Man kann natürlich auch von Information
erschlagen werden. Insofern ist die Entwicklung von Medienkompetenz
eine ganz wichtige Frage. Ich glaube, dass in den Schulen nicht
nur der Umgang mit dem technischen Medium gelehrt werden muss, sondern
die Fähigkeit zur Informationsauswahl eine ganz wichtige Rolle spielt.
Wie lernt man, mit Informationen so umzugehen, dass man eben nicht
von der Information erschlagen wird. Dieses Phänomen kennt jeder,
der schon einmal im Internet gesurft ist. Da sind ganz schnell zwei
Stunden herum und man ist übervoll von der Vielfalt, die man aufnehmen
konnte. Trotzdem weiss man immer noch nicht besser Bescheid als
vorher.
Das ist eines der wichtigen Themen, die sich jetzt im Lehrplan und
in den Bildungsansätzen, auch in der Fortbildung, niederschlagen
müssen. Dies ist auch ein Teil des Aktionsplanes der Bundesregierung
ist und auch in den vielen Massnahmen, die derzeit im Bildungs-
und Wissenschaftsministerium vorrangig vorangebracht werden sollen.
Sieg Tech: Welche Wachstumschancen räumen
sie den Konvergenzprodukten ein?
Griefahn: Nun, es wird natürlich - ähnlich
wie beim Handy - auch zu einer Sättigung kommen. Bei der Handytechnologie
hat man unglaubliche Zuwachsraten gehabt und hat gedacht, das geht
immer so weiter. Aber nun haben viele schon zwei Handys, eins für
die Arbeit und eins privat. Irgendwann ist es dann auch mal genug.
Das ist bei diesen neuen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten
auch so. Zunächst wird es natürlich erst einmal eine Steigerungsrate
geben. Denn mit zunehmender Verbilligung der Technik und mit zunehmender
Technikkompetenz der Verbraucher wird sicherlich ein Zuwachs zu
verzeichnen sein. Aber dann wird auch hier eine Sättigung erreicht
werden.
Darauf müssen sich dann die Hersteller auch vorbereiten, indem
sie berücksichtigen, dass neben der rein technischen Herstellung
auch der Inhalt, der content eine ganz wichtige Rolle spielt. Wenn
der content so unsinnig wird, dass die Leute kein Interesse mehr
daran haben, dann muss man sich eben auch auf realistische Zahlen
einstellen.
Das ist ganz wichtig bei der Planung, bei aller Euphorie, die teilweise
vorherrscht.
Sieg Tech: Wo sehen Sie technische Entwicklungsmöglichkeiten
für die Konvergenzprodukte?
Griefahn: Ich denke, dass die Bedienerfreundlichkeit
das Entscheidende ist. Dass man keine Tastatur oder Maus benutzen
muss, sondern dass etwa für die Senioren das Fernsehen auch zum
Touch-Screen wird, wo man alles auf dem per Fingerdruck 'anklicken'
kann oder per Sprachanweisung auswählen kann.
Wenn die Nutzung von Konvergenzprodukten so selbstverständlich wird
wie das Telefon, dann werden sie auch von den Leuten angenommen.
Das ist die eigentliche technische Herausforderung, die jetzt an
die Firmen gestellt wird.