Sehr geehrte Damen und Herren,
Es wundert mich manchmal, daß die meisten Fragen,
die mit den modernen Informations- und Kommunikationstechniken zusammenhängen,
in der Öffentlichkeit, aber auch in der Politik deutlich weniger
Aufmerksamkeit erfahren, als ihnen eigentlich gebührt. Dabei sollte
es sich doch inzwischen herumgesprochen haben, daß der Computer
und das Internet die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland,
in Europa, ja weltweit den nächsten Jahren weit stärker beeinflussen
wird, als manch anderes Thema, daß die politischen Debatten bestimmt
und Schlagzeilen produziert.
Es ist ja nicht so, als wären Computer und Internet
lediglich beliebige technische Neuerungen unter einer Vielzahl anderer.
Es wird in absehbarer Zukunft keinen Bereich des gesellschaftlichen
Lebens, des Alltags der Menschen mehr geben, wo der Computer nicht
eine herausragende, ja tragende Rolle spielte. Wirtschaft und Gesellschaft
sind bereits heute in hohem Maße informationstechnisch gestützt
und werden es in Zukunft erst recht sein.
(Anrede)
Der Eintritt in die das letzte Jahrhundert so prägende
Industriegesellschaft war durchdrungen von dem harten, viele Menschen
existentiell bedrohenden Konflikt zwischen Kapital und Arbeit. Der
lange Zeit anhaltende Ausschluß der arbeitenden Menschen vom gesellschaftlichen
Reichtum war der kapitalistisch verfaßten Industriegesellschaft
von Anfang an in die Wiege gelegt. Es bedurfte vieler und härter
Kämpfe der Arbeiterbewegung, um die Teilhabe der arbeitenden Menschen
an Staat und Gesellschaft durchzusetzen.
Der Übergang von der Industrie- zur Informations-
und Wissensgesellschaft ist ebenfalls von Gefahren sozialer und
kultureller Ausgrenzung bedroht. Die Benachteiligungen, von denen
zu reden sein wird, sind bei weitem nicht so weitreichend, nicht
so scharf und nicht so existentiell bedrohend wie die Konflikte,
die prägend für die Frühphase der Industriegesellschaft gewesen
waren. Ernst nehmen muß man sie doch.
(Anrede)
Die Beobachtung des "digital divide" oder auf deutsch:
der "Digitalen Spaltung der Informationsgesellschaft" ist nicht
neu. Vor gut zehn Jahren, als man allmähliche eine Vorstellung davon
bekam, daß die technische und kulturelle Beherrschung des Computers
irgendwann die Eintrittskarte in das gesellschaftliche und berufliche
Leben sein würde, ist zugleich deutlich geworden, daß es noch lange
eine große Anzahl Menschen geben würde, die aus vielerlei Gründen
von der Teilhabe an der Informationsgesellschaft ausgeschlossen
bleiben würden. Die Aufgabe der Politik besteht also darin, dafür
Sorge zu tragen, daß die bereits bestehende digitale Spaltung nicht
noch tiefer sondern nach und nach überwunden wird. Die Bundesregierung
hat mit ihrem 10-Punkte-Programm "Internet für alle" die Richtung
und die Inhalte, um die es gehen wird, vorgegeben.
(Anrede)
Die Anschaffung und der Betrieb eines internetfähigen
Computers kosten Geld. Gemessen am Durchschnittseinkommen kosten
sie sogar viel Geld. Deswegen ist es wichtig, daß all diejenigen,
die sich gegenwärtig einen Computer noch nicht leisten können, die
Chance erhalten, über öffentliche Terminals die modernen Informations-
und Kommunikationstechniken zu nutzen. Neben der vom Bundesbildungsministerium
geförderten Einrichtung von Medienecken in öffentlichen Bibliotheken
wird es verstärkt darauf ankommen, darüber hinaus öffentliche Einrichtungen
zu Kommunikationszentren auszubauen.
Ein besonderes Augenmerk müssen wir auf jene Gruppen
in der Gesellschaft richten, die zumindest gegenwärtig noch "internetfern"
sind. Dazu gehören Arbeitslose. Dazu gehören Behinderte. Und dazu
gehören ältere Menschen. Die Bundesregierung hat auch hier die Weichen
richtig gestellt. Das im 10-Punkte-Programm der Bundesregierung
vorgesehene "Internetzertifikat für Arbeitslose" ist ein wichtiger
Schritt und hilft bei der Wiedereingliederung in das Berufsleben.
Diese Maßnahme ist ein Beitrag zur Wiedereingliederung in das Berufsleben.
Weitere Anstrengungen bleiben nötig.
Um mehr behinderte Menschen an den Computer heranzuführen
müssen sich vor allem Hard- und Softwareanbieter um technische Vereinfachungen
und Hilfen bemühen. Dazu gehört insbesondere die benutzerfreundliche
und behindertengerechte Handhabung des Gerätes.
Das Nutzungsverhalten zeigt deutlich: Der Computer
und das Internet spalten immer noch die Generationen. Aber auch
ältere Menschen dürfen vom gesellschaftlichen Leben in der Wissens-
und Informationsgesellschaft nicht ausgeschlossen werden. Was wir
brauchen sind gezielte Fördermaßnahmen, die Entwicklung spezieller
Seminarkonzepte und -angebote für Senioren und mit Blick auf den
Arbeitsmarkt gezielte Qualifikationsmaßnahmen für ältere Arbeitnehmer
und Arbeitslose. Das vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte
"Senior-Mobil" ist eine richtige Maßnahme, reicht aber auf Dauer
natürlich nicht aus.
(Anrede)
Exemplarisch kann man die Generationenkluft immer
noch in der täglichen Schulpraxis erleben. Noch immer ist der Satz,
wonach die Schüler ihre Lehrer in die Geheimnisse des PC einweihen,
keineswegs falsch. Ich habe es eingangs erwähnt und wiederhole:
Beherrschung des Computers ist die Eintrittskarte in das Berufsleben.
Und nicht nur das: Sie ist inzwischen zu einer unverzichtbaren Kulturtechnik
geworden. Die einzige Schlußfolgerung, die aus diesem Zusammenhang
gezogen werden kann, besteht darin, unsere Kinder und Jugendlichen
möglichst früh mit dem PC und dem Internet vertraut zu machen, Lehrer
auszubilden und das gesamte Bildungssystem mit den erforderlichen
Anschlüssen, Geräten und der Software auszustatten. Das ist ein
schwieriger und kostentreibender, aber letzten Endes alternativloser
Weg. Aber auch umgekehrt wird ein Schuh daraus: Vom Grad der Bildung
und Ausbildung der Menschen in Deutschland hängt die Zukunftsfähigkeit
unserer Gesellschaft und die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft
ab. Die Bundesregierung befindet sich diesbezüglich in einer schwierigen,
aber nichts ausssichtslosen Lage: Sie muß einerseits die schweren
Versäumnisse ihrer Vorgänger überwinden und zugleich noch an Tempo
zulegen, um international gleichzuziehen.
Für die Bundesregierung ist das Internet Bestandteil
der Allgemeinbildung. Gemeinsam mit den Ländern und der Wirtschaft
setzt sie sich für die Anwendung moderner Informations- und Kommunikationstechniken
in unserem Bildungssystem ein.
Die beschleunigte Ausstattung der Berufsschulen
wurde vom Bundesbildungsministerium in Angriff genommen.
Die Initiative "e-europe" in der Europäischen Union,
der eigentlich Anlaß der heutigen Debatte, will eine verbesserte
und modernisierte Internet-Infrastruktur der Hochschulen sowie den
Zugang zu relevanten Informationen und Multimedia-Vorlesungen für
Studierende. Sie will den Internetzugang für alle Schulen auch in
benachteiligten Gebieten. Und sie will Unterstützungsdienste für
Lehrer und Schüler.
Diese Ziele sind auch die Ziele der Bundesregierung.
In Zusammenarbeit mit der IuK-Branche sollen alle deutschen Schulen
so schnell wie möglich mit Internetzugängen versehen werden. Eine
anhaltende, kontinuierliche Kooperation mit IT-Fachleuten und Sponsoren
soll durch Patenschaften für Schulen gewährleistet werden.
Unverzichtbar ist die informationstechnische Aus-
und Weiterbildung. Die Bundesregierung verfolgt das Ziel, Abgängern
aus IuK-Berufen, Quereinsteigern und Berufsanfängern eine systematische,
hochqualifizierte Weiterbildung im IuK-Bereich zu ermöglichen. Sozialpartner,
Branchen- und Unternehmensvertreter und Experten aus der Herstellerbranche
und verschiedenen Anwenderbereichen wirken daran mit.
Es wird darauf ankommen, den jetzt eingeschlagenen
Weg des Aufbaus eines modernen Weiterbildungs- und Qualifizierungssystems
unbeirrt weiter zu verfolgen. Eine informationstechnische Grundausbildung
sollte aber auch zum Standard in anderen als informationstechnischen
Ausbildungsberufen werden. Die Ausbildungsordnungen müssen weiter
modernisiert werden.
(Anrede)
Zum Schluß wünsche ich mir, daß dem Megatrend zur
Informations- und Wissensgesellschaft in der Öffentlichkeit mehr
Aufmerksamkeit gewidmet wird. Es ist höchst unbefriedigend, wenn
das Internet immer nur in Zusammenhang mit Nazis und Kinderpornographie
Erwähnung findet. Wie jedes Medium hat auch das Internet seine -
in diese beiden Fällen besonders widerliche - Schattenseiten. Das
Internet ist aber vor allem und hauptsächlich ein Medium, das uns
allen nutzen kann und nutzen wird.
Das mit 670 Mio. DM ausgestattete Programm "Neue
Medien" fördert die Entwicklung hochwertiger Lehr- und Lernsoftware.
Mit der Förderung "virtueller Hochschulen" sollen die Voraussetzungen
für überregionales, multimediales Lernen und Arbeiten an den Hochschulen
verbessert bzw. erst geschaffen werden.
Die zeit- und ortsunabhängige Nutzung wissenschaftlicher
Publikationen wird für Wissenschaftler und Studierende immer wichtiger.
Deshalb ist der Aufbau einer "Digitalen Bibliothek", die den Zugang
zu den global vorhandenen wissenschaftlich-technischen Informationen
ermöglichen.