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Unterausschuss Neue Medien
5. Juli 2001
 

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Plenarrede Digitale Spaltung

Sehr geehrte Damen und Herren,

Es wundert mich manchmal, daß die meisten Fragen, die mit den modernen Informations- und Kommunikationstechniken zusammenhängen, in der Öffentlichkeit, aber auch in der Politik deutlich weniger Aufmerksamkeit erfahren, als ihnen eigentlich gebührt. Dabei sollte es sich doch inzwischen herumgesprochen haben, daß der Computer und das Internet die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, in Europa, ja weltweit den nächsten Jahren weit stärker beeinflussen wird, als manch anderes Thema, daß die politischen Debatten bestimmt und Schlagzeilen produziert.

Es ist ja nicht so, als wären Computer und Internet lediglich beliebige technische Neuerungen unter einer Vielzahl anderer. Es wird in absehbarer Zukunft keinen Bereich des gesellschaftlichen Lebens, des Alltags der Menschen mehr geben, wo der Computer nicht eine herausragende, ja tragende Rolle spielte. Wirtschaft und Gesellschaft sind bereits heute in hohem Maße informationstechnisch gestützt und werden es in Zukunft erst recht sein.

(Anrede)

Der Eintritt in die das letzte Jahrhundert so prägende Industriegesellschaft war durchdrungen von dem harten, viele Menschen existentiell bedrohenden Konflikt zwischen Kapital und Arbeit. Der lange Zeit anhaltende Ausschluß der arbeitenden Menschen vom gesellschaftlichen Reichtum war der kapitalistisch verfaßten Industriegesellschaft von Anfang an in die Wiege gelegt. Es bedurfte vieler und härter Kämpfe der Arbeiterbewegung, um die Teilhabe der arbeitenden Menschen an Staat und Gesellschaft durchzusetzen.

Der Übergang von der Industrie- zur Informations- und Wissensgesellschaft ist ebenfalls von Gefahren sozialer und kultureller Ausgrenzung bedroht. Die Benachteiligungen, von denen zu reden sein wird, sind bei weitem nicht so weitreichend, nicht so scharf und nicht so existentiell bedrohend wie die Konflikte, die prägend für die Frühphase der Industriegesellschaft gewesen waren. Ernst nehmen muß man sie doch.

(Anrede)

Die Beobachtung des "digital divide" oder auf deutsch: der "Digitalen Spaltung der Informationsgesellschaft" ist nicht neu. Vor gut zehn Jahren, als man allmähliche eine Vorstellung davon bekam, daß die technische und kulturelle Beherrschung des Computers irgendwann die Eintrittskarte in das gesellschaftliche und berufliche Leben sein würde, ist zugleich deutlich geworden, daß es noch lange eine große Anzahl Menschen geben würde, die aus vielerlei Gründen von der Teilhabe an der Informationsgesellschaft ausgeschlossen bleiben würden. Die Aufgabe der Politik besteht also darin, dafür Sorge zu tragen, daß die bereits bestehende digitale Spaltung nicht noch tiefer sondern nach und nach überwunden wird. Die Bundesregierung hat mit ihrem 10-Punkte-Programm "Internet für alle" die Richtung und die Inhalte, um die es gehen wird, vorgegeben.

(Anrede)

Die Anschaffung und der Betrieb eines internetfähigen Computers kosten Geld. Gemessen am Durchschnittseinkommen kosten sie sogar viel Geld. Deswegen ist es wichtig, daß all diejenigen, die sich gegenwärtig einen Computer noch nicht leisten können, die Chance erhalten, über öffentliche Terminals die modernen Informations- und Kommunikationstechniken zu nutzen. Neben der vom Bundesbildungsministerium geförderten Einrichtung von Medienecken in öffentlichen Bibliotheken wird es verstärkt darauf ankommen, darüber hinaus öffentliche Einrichtungen zu Kommunikationszentren auszubauen.

Ein besonderes Augenmerk müssen wir auf jene Gruppen in der Gesellschaft richten, die zumindest gegenwärtig noch "internetfern" sind. Dazu gehören Arbeitslose. Dazu gehören Behinderte. Und dazu gehören ältere Menschen. Die Bundesregierung hat auch hier die Weichen richtig gestellt. Das im 10-Punkte-Programm der Bundesregierung vorgesehene "Internetzertifikat für Arbeitslose" ist ein wichtiger Schritt und hilft bei der Wiedereingliederung in das Berufsleben. Diese Maßnahme ist ein Beitrag zur Wiedereingliederung in das Berufsleben. Weitere Anstrengungen bleiben nötig.

Um mehr behinderte Menschen an den Computer heranzuführen müssen sich vor allem Hard- und Softwareanbieter um technische Vereinfachungen und Hilfen bemühen. Dazu gehört insbesondere die benutzerfreundliche und behindertengerechte Handhabung des Gerätes.

Das Nutzungsverhalten zeigt deutlich: Der Computer und das Internet spalten immer noch die Generationen. Aber auch ältere Menschen dürfen vom gesellschaftlichen Leben in der Wissens- und Informationsgesellschaft nicht ausgeschlossen werden. Was wir brauchen sind gezielte Fördermaßnahmen, die Entwicklung spezieller Seminarkonzepte und -angebote für Senioren und mit Blick auf den Arbeitsmarkt gezielte Qualifikationsmaßnahmen für ältere Arbeitnehmer und Arbeitslose. Das vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte "Senior-Mobil" ist eine richtige Maßnahme, reicht aber auf Dauer natürlich nicht aus.

(Anrede)

Exemplarisch kann man die Generationenkluft immer noch in der täglichen Schulpraxis erleben. Noch immer ist der Satz, wonach die Schüler ihre Lehrer in die Geheimnisse des PC einweihen, keineswegs falsch. Ich habe es eingangs erwähnt und wiederhole: Beherrschung des Computers ist die Eintrittskarte in das Berufsleben. Und nicht nur das: Sie ist inzwischen zu einer unverzichtbaren Kulturtechnik geworden. Die einzige Schlußfolgerung, die aus diesem Zusammenhang gezogen werden kann, besteht darin, unsere Kinder und Jugendlichen möglichst früh mit dem PC und dem Internet vertraut zu machen, Lehrer auszubilden und das gesamte Bildungssystem mit den erforderlichen Anschlüssen, Geräten und der Software auszustatten. Das ist ein schwieriger und kostentreibender, aber letzten Endes alternativloser Weg. Aber auch umgekehrt wird ein Schuh daraus: Vom Grad der Bildung und Ausbildung der Menschen in Deutschland hängt die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft und die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft ab. Die Bundesregierung befindet sich diesbezüglich in einer schwierigen, aber nichts ausssichtslosen Lage: Sie muß einerseits die schweren Versäumnisse ihrer Vorgänger überwinden und zugleich noch an Tempo zulegen, um international gleichzuziehen.

Für die Bundesregierung ist das Internet Bestandteil der Allgemeinbildung. Gemeinsam mit den Ländern und der Wirtschaft setzt sie sich für die Anwendung moderner Informations- und Kommunikationstechniken in unserem Bildungssystem ein.

Die beschleunigte Ausstattung der Berufsschulen wurde vom Bundesbildungsministerium in Angriff genommen.

Die Initiative "e-europe" in der Europäischen Union, der eigentlich Anlaß der heutigen Debatte, will eine verbesserte und modernisierte Internet-Infrastruktur der Hochschulen sowie den Zugang zu relevanten Informationen und Multimedia-Vorlesungen für Studierende. Sie will den Internetzugang für alle Schulen auch in benachteiligten Gebieten. Und sie will Unterstützungsdienste für Lehrer und Schüler.

Diese Ziele sind auch die Ziele der Bundesregierung. In Zusammenarbeit mit der IuK-Branche sollen alle deutschen Schulen so schnell wie möglich mit Internetzugängen versehen werden. Eine anhaltende, kontinuierliche Kooperation mit IT-Fachleuten und Sponsoren soll durch Patenschaften für Schulen gewährleistet werden.

Unverzichtbar ist die informationstechnische Aus- und Weiterbildung. Die Bundesregierung verfolgt das Ziel, Abgängern aus IuK-Berufen, Quereinsteigern und Berufsanfängern eine systematische, hochqualifizierte Weiterbildung im IuK-Bereich zu ermöglichen. Sozialpartner, Branchen- und Unternehmensvertreter und Experten aus der Herstellerbranche und verschiedenen Anwenderbereichen wirken daran mit.

Es wird darauf ankommen, den jetzt eingeschlagenen Weg des Aufbaus eines modernen Weiterbildungs- und Qualifizierungssystems unbeirrt weiter zu verfolgen. Eine informationstechnische Grundausbildung sollte aber auch zum Standard in anderen als informationstechnischen Ausbildungsberufen werden. Die Ausbildungsordnungen müssen weiter modernisiert werden.

(Anrede)

Zum Schluß wünsche ich mir, daß dem Megatrend zur Informations- und Wissensgesellschaft in der Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird. Es ist höchst unbefriedigend, wenn das Internet immer nur in Zusammenhang mit Nazis und Kinderpornographie Erwähnung findet. Wie jedes Medium hat auch das Internet seine - in diese beiden Fällen besonders widerliche - Schattenseiten. Das Internet ist aber vor allem und hauptsächlich ein Medium, das uns allen nutzen kann und nutzen wird.

Das mit 670 Mio. DM ausgestattete Programm "Neue Medien" fördert die Entwicklung hochwertiger Lehr- und Lernsoftware. Mit der Förderung "virtueller Hochschulen" sollen die Voraussetzungen für überregionales, multimediales Lernen und Arbeiten an den Hochschulen verbessert bzw. erst geschaffen werden.

Die zeit- und ortsunabhängige Nutzung wissenschaftlicher Publikationen wird für Wissenschaftler und Studierende immer wichtiger. Deshalb ist der Aufbau einer "Digitalen Bibliothek", die den Zugang zu den global vorhandenen wissenschaftlich-technischen Informationen ermöglichen.