Anrede,
Globalisierung hat zwei Seiten.
Dienstleistungen sind rund um die Uhr verfügbar.
Zu jeder Tages- und Nachtzeit kann man bei der Lufthansa anrufen
und einen Flug buchen. Wenn ich dann am späten Abend mit einem freundlichen
"Guten Morgen" begrüßt werde, weiß ich daß ich in Indien, Australien
oder auch Neuseeland gelandet bin. Globalisierung schafft im Dienstleistungssektor
Arbeitsplätze. Programmierer und Buchhalter in Bangalore finden
Arbeit, wenn Lufthansa, verschiedene Banken und Computerfirmen ihre
Softwareentwicklung und Buchhaltung dorthin verlegen.
Globalisierung hat auch negative Seiten. Wenn
in Botswana von der EU Rinderzuchtanlagen finanziert werden, müssen
Rinder her. Diese Rinder brauchen Weideland. Dafür wird Savannenland
zu Weideland gemacht. Das hat ökologische Folgen. Profitieren tun
in der Regel wir davon, wenn das so erzeugte Fleisch bei uns auf
dem Teller landet. Mit den Umweltschäden in Botswana haben wir nichts
zu tun.
Uns muß es darum gehen, für diese Zweischneidigkeit
Lösungen zu erarbeiten.
Ich meine: Globalisierung ist kein natürliches
Phänomen. Sie ist ein politisches Programm, das wirtschaftlich gesehen
nicht auf Freihandel, sondern auf forciertem Handel beruht.
Bei Licht betrachtet, ist Globalisierung weniger
eine De-Regulation der Märkte, viel eher könnten wir von einer Re-Regulation
zum Vorteil internationaler Märkte sprechen - die lokalen Märkte
spielen keine Rolle. Gefordert ist die Institutionalisierung dieser
Vorgänge.
1945 wurden die Vereinten Nationen gegründet.
Sie haben als einzige Organisation die Legitimation, weltweit Konfliktlösungen
durchzusetzen. Gerade vor dem Hintergrund heutiger Konflikte im
militärischen und im Umweltbereich gilt es, die VN zu stärken. Wenn
wir den nun befriedeten Kosovo-Konflikt als eine Folge globaler
Entwicklungen zu Beginn der 90er-Jahre begreifen und uns auch vor
Augen halten, daß Umweltzerstörungen nicht vor Staatsgrenzen halt
machen, so wird schnell deutlich, das der Regelungsbedarf für diese
Konfliktpotentiale nur bei den VN liegen kann. Für diese neuen Aufgaben
verdienen die VN Unterstützung von allen Mitgliedstaaten. Die Grundidee
bei Gründung der VN, ein weltweit gültiges System des friedlichen
Zusammenlebens zu schaffen, hat jetzt Chancen, wiederbelebt zu werden.
Oder nehmen wir die internationale Umweltpolitik.
In diesem Politikfeld sehen wir die Folgen der Globalisierung sehr
deutlich. Die Riokonvention, das Abkommen über Biodiversität, das
Abkommen zur Wüstenbekämpfung, die Klimakonvention und Habitat zeigen
alle, daß versucht wird, die Umweltpolitik international zu koordinieren.
Die Aufbruchstimmung nach dem Gipfel von Rio war aber schon fünf
Jahre später verschwunden. Viele Teilnehmer sagten: Das war nicht
Rio plus 5, sondern Rio minus 5. Offenbar ist der Weg in einer Sackgasse
gelandet.
Es ist eine Binsenweisheit, daß die Folgen von
Umweltzerstörung, von unverantwortlichem Umgang mit Ressourcen vor
keiner Landesgrenze haltmachen.
Dennoch gehen viele davon aus, daß Globalisierung
Chancen birgt, jedenfalls soweit es die Umwelt und ihren Schutz
angeht. Vor allen Dingen aber bedeutet Globalisierung Herausforderungen
für die internationale Umweltpolitik. Eine Globalisierung der Märkte
ohne eine Globalisierung der Umweltpolitik ist ein gefährliches
Spiel.
Warum machen wir uns nicht ernsthaft Gedanken über
die Gründung einer Weltumweltorganisation im System der Vereinten
Nationen? Ansätze in diese Richtung gibt es ja immerhin schon. Hier
z.B. könnten die VN die erforderliche Aufwertung erfahren und ihre
Kompetenzen einbringen.
Auch wenn wir eine steigende Anzahl internationaler
Zusammenkünfte auf dem Gebiet der Umwelt in den letzten 10 Jahren
beobachten, bleibt doch die Frage, wie dieser offensichtliche Wille
der Regierungen in konkrete Politik umgesetzt wird.
Denn wir haben bedenkliche Entwicklungen zu registrieren,
die vom Umweltprogramm der VN als "globale Umwelttrends" bezeichnet
wurden. Allen voran ist hier der nicht nachhaltige Gebrauch von
erneuerbaren Energien, die steigenden Auch die Kulturen bleiben
nicht unberührt von weltweiten Entwicklungen. Begreifen wir Regionalisierung
als eine Folge von Globalisierung, dann sehe ich hier sogar eine
Chance für die Weiterentwicklung und den Erhalt von Kulturen und
ihren spezifischen Erscheinungen. Wenn sich als Folge globaler Investitions-
und Produktionsaktivitäten von multinationalen Konzernen regionale
Abwehrerscheinungen herausbilden, dann muß das nicht unbedingt negativ
bewertet werden.
Immerhin kann das dazu führen, daß Menschen sich
ihrer Wurzeln bewußt werden und danach handeln. Nur darf dies natürlich
nicht zu nationalistischen und chauvinistischen Ausschreitungen
führen. Hier ist die Politik gefordert, das ihrige dazu zu tun,
daß diese Chancen begriffen werden.