Umweltpolitik und -schutz sind Notwendigkeiten,
deren ökologischer Sinn nicht mehr ernsthaft in Frage gestellt wird.
Umweltschutz ist heute ein ökonomischer Standortfaktor ersten Ranges.
Angesichts von mehr als sechs Millionen Arbeitslosen in unserem
Land ist es notwendig und richtig, immer wieder darauf hinzuweisen,
daß er ganz erheblich dazu beigetragen hat, daß die Arbeitsplätze
in Deutschland erhalten geblieben sind.
Die umwelttechnologische Entwicklung der vergangenen
25 Jahre hat wirtschaftliche Modernisierung, Forschung und Innovation
in unserem Land maßgeblich vorangetrieben. Eine Million Menschen
sind heute bei uns im Umweltschutz beschäftigt. Das sind 2,7 Prozent
aller Erwerbstätigen - immerhin soviel wie in der Schlüsselbranche
Automobil. Rund die Hälfte davon sind direkt oder indirekt mit der
Erstellung von Umweltschutzgütern und -leistungen befaßt - mit Schwerpunkten
im Maschinenbau, in der Elektrotechnik, im Baugewerbe und immer
stärker in umweltbezogenen Dienstleistungen - zum Beispiel bei Ingenieurbüros,
in Unternehmensberatungen und natürlich auch in der Umweltverwaltung.
Dieser letzte Aspekt erscheint mir ganz wichtig, weil alle Experten
übereinstimmend auf die besondere Rolle des Dienstleistungssektors
für künftige Wachstumsstrategien verweisen. Dieser Sektor ist eindeutig
der beschäftigungspolitische Hauptgewinner der umweltökologischen
Entwicklungen der letzten Jahre: Inzwischen wirken sich fast 40
Prozent der durch Umweltschutz ausgelösten Arbeitsplatzeffekte im
Dienstleistungssektor aus, weil in zunehmendem Maße umweltbezogene
Beratungs-, Planungs-, Finanzierungs- und Serviceleistungen erforderlich
werden.
Hinzu kommt noch ein zweiter Aspekt: Innovativer,
also in die Produkte und in die Produktion von vornherein integrierter,
Umweltschutz gewinnt gegenüber den klassischen, nachsorgenden Umweltschutzanlagen
immer stärker an Bedeutung. Solche innovativen integrierten Umweltschutzmaßnahmen
erfordern aber vielfach eine langfristige Unternehmensplanung und
individuell angepaßte Verfahren - also umfassende Dienstleistungen,
die immer häufiger von umweltschutzerfahrenen Ingenieurbüros erbracht
werden.
Wir brauchen in allen Branchen neue Produkte und
hochproduktive Herstellungsverfahren. Diese Technologien, Produkte
und Verfahren müssen ein neues Merkmal aufweisen: ein Höchstmaß
an ökologischer und gesundheitlicher Verträglichkeit, deren Einzelteile
in biologische und technische Kreisläufe zurückgeführt werden können.
Ein Hemd, das keine Krätze verursacht ist im übrigen immer ein qualitativ
besseres Produkt. Richtig ist: Nur durch mehr Innovation wird es
zu den Investitionen kommen, die für die Sicherung und Schaffung
von Arbeitsplätzen erforderlich sind. Und nur durch mehr Innovationen
können neue Zukunftsmärkte erschlossen werden. Allein das Weltmarktvolumen
für Umwelttechnologien und -management wird nach Schätzungen internationaler
Institutionen (zum Beispiel der OECD) bis zum Jahr 2000 bei rund
600 Millionen Dollar liegen.
Am Wissenschaftszentrum Berlin ist vor wenigen
Monaten eine bemerkenswerte Studie veröffentlicht worden, in der
die Umweltpolitik von 35 Ländern untersucht wurde. Diese Studie
kommt zu einem ganz eindeutigen Ergebnis: Staaten, die in der nationalen
Umweltpolitik eine Vorreiterrolle einnehmen, leiden nicht in ihrer
internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Im Gegenteil: Es geht ihnen
ökonomisch besser als anderen. Heute spielen in Europa vor allem
Dänemark, die Niederlande, Schweden und auch Finnland umweltpolitisch
eine Vorreiterrolle. Außerhalb Europas gilt dies u.a. für Neuseeland
und Südkorea - also durchweg kleinere Länder, die mit dem Weltmarkt
stark verflochten sind.
Als geradezu sensationell empfinden es die Autoren
der Studie, daß diese Länder zugleich in der Arbeitsmarktpolitik
erfolgreicher sind als andere: Die Niederlande, Dänemark und auch
Neuseeland haben ihre Arbeitslosenquote seit der Rezession von 1993
um etwa ein Drittel verringert. Auch in Schweden geht die Arbeitslosigkeit
zurück - wie übrigens insgesamt in den skandinavischen Ländern.
Gleichzeitig haben die nordischen Länder neben anderen Umweltabgaben
eine CO2-Steuer eingeführt und inzwischen sogar noch verschärft.
In Dänemark und Schweden hat in der Wirtschaftskrise 1993 sogar
eine regelrechte ökologische Steuerreform stattgefunden! Die Niederlande
haben eine Energiesteuer umgesetzt, die immerhin 95 Prozent der
nationalen Energieverbraucher erfaßt. Finnland war 1993 das einzige
Land Europas, das die gescheiterte EU-Richtlinie über eine kombinierte
CO2-Energiesteuer in nationales Recht umgesetzt hat. Die Skandinavier
und die Niederländer haben einen "nationalen Umweltplan" zur Umsetzung
der in Rio beschlossenen Agenda 21 aufgestellt. Er macht der eigenen
Industrie langfristig ökologische Zielvorgaben. Die Kosten von einem
Prozent des Bruttosozialprodukts müssen sich über Umweltabgaben
selbst finanzieren. Selbst Südkorea hat sich mit einem "nationalen
Umweltplan" das Ziel gesetzt, von einem "Musterland des Wirtschaftswachstum"
zum "Musterland des Umweltschutzes" werden. Und die Exportstrategie
des Landes umfaßt jetzt ausdrücklich Umwelttechnik und angepaßte
Technologien für Entwicklungsländer.
Umweltschutz - so das Fazit der Studie - ist kein
Hindernis, um im globalen Wettbewerb zu bestehen. Eine vernünftige
Umweltpolitik wird vielmehr zum "Schlüsselindikator" für die Wettbewerbsfähigkeit
eines Landes. Angesichts dieser deutlichen Fakten brauchen wir auch
in Deutschland eine neue Offensive in der Umweltpolitik - auch aus
ökonomischen Gründen. Die Schlüsselbegriffe für die Zukunft unserer
Volkswirtschaft heißen Innovation, technisch-ökologischer Fortschritt
und Qualifikation. Hier passiert leider immer noch viel zu wenig.
Statt neue umweltverträgliche Produkte und Verfahren zu entwickeln,
spart die deutsche Wirtschaft an den Forschungs- und Entwicklungsaufgaben:
Die Forschungsetats der deutschen Wirtschaft sind heute nominal
gerade einmal so hoch wie 1989. Das entspricht real - nach Abzug
der Inflationsrate - einer zweistelligen Minusrate. Wenn wir die
mangelnden Forschungsausgaben der Wirtschaft beklagen, müssen wir
bedauerlicherweise hinzufügen, daß es der Bund nicht anders macht.
Wer sich den Haushalt der alten Bundesregierung für 1997 ansieht,
wird feststellen, daß der Bildungs- und Forschungsetat erneut um
eine knappe Milliarde Mark zusammengestrichen wurde! Zu diesem Abwärtstrend
kommt - man muß es so hart sagen - auch häufig Einfallslosigkeit
hinzu: Die deutschen Unternehmen geben heute dreimal soviel Geld
für ausländisches Know-how aus, wie noch vor zehn Jahren. Und sie
zahlen doppelt so viele Gebühren für Patente aus Fremdländern wie
sie selbst von ausländischen Kunden einnehmen. Das bedeutet: Große
Teile der deutschen Wirtschaft ruhen sich auf den Erfolgsstrategien
der Vergangenheit aus. Die negativen Folgen geben sie direkt an
den Arbeitsmarkt - und somit auch an die Finanzierung des Sozialstaates
- weiter, statt neue Strategien zu entwickeln. Deshalb setzt sich
die neue sozialdemokratisch geführte Bundesregierung auch das Ziel,
die Forschungsausgaben innerhalb von 4 Jahren zu verdoppeln.
Experten berechnen, daß die fossilen Brennstoffe
noch 42 Jahre Bestand haben. Deshalb muß jetzt die Strategie fürs
nächste Jahrtausend auf den Weg gebracht werden. Die Lösungen sind
da, man muß sie nur umsetzen; dies hat der Gründer des "Alternativen
Nobelpreises", Jakob von Uexküll, mit allen Projekten, die jedes
Jahr ausgezeichnet werden, immer wieder bewiesen. Und auch die Atomskandale
um Castor und Co. der letzten Monate zeigen: Atomenergie ist nicht
fehlerfreundlich, wir müssen raus aus der Atomenergie und die Wiederaufarbeitung
muß gestoppt werden, denn sie ver26facht den Müll.
Das Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie
hat errechnet, daß bis 2005 zwischen 150.000 und 210.000 neue Stellen
besonders im Baugewerbe, im Maschinenbau und im Handwerk geschaffen
werden können, wenn der Kohlendioxid-Ausstoß nur um 20 Prozent verringert
wird. Diese Jobs entstehen nicht nur in der Wärmetechnik oder der
Altbausanierung, sondern langfristig vor allem in den Zukunftsbranchen
Solar-, Bio- und Windenergietechnik. Die Kosten für die Einrichtung
dieser Arbeitsplätze sind verglichen mit den Kosten für einen Arbeitslosen
preiswert: Ein Windenergiearbeitsplatz kostet 10.000,-- DM, ein
Sonnenenergiearbeitsplatz kostet 20.000,-- DM, ein Arbeitsloser
40.000,-- DM.
Wir brauchen nun endlich eine ökologisch orientierte
und zukunftsgerichtete Politik. Eine solche Politik ruht auf vier
Säulen:
· nationalen Umweltplänen
· einem modernen, effizienten Ordnungsrecht
· einer gezielten Förderung ökologisch orientierter Forschung und
Technologie und
· einem ökologisierten Steuersystem.
Die erste Säule ist ein nationaler Umweltplan,
in dem alle gesellschaftlichen Gruppen, also Wissenschaft, Gewerkschaften,
Umweltverbände, Verbraucherverbände, Kirchen, Frauenorganisationen,
Betriebe, Organisationen und viele andere, Ziele festlegen, wie
der wirtschaftlich-ökologische Umbau vollzogen wird. 171 Staaten
haben den Prozeß in der Agenda 21 1992 in Rio vertraglich vereinbart.
In vielen Kommunen in Deutschland ist der Prozeß auf dem Weg - jetzt
brauchen wir sowohl auf nationaler wie auch auf europäischer Ebene
entsprechende Vereinbarungen und Rahmenbedingungen - die überprüfbar
sein müssen. Ziele können sein: Positivlisten für Inhaltsstoffe
von Gebrauchsgütern, Steigerungsraten für den Anteil von regenerativen
Energien, höhere Anteile von Naturschutzflächen. Einen zentralen
Stellenwert haben dabei Vereinbarungen mit den Entscheidungsträgern
aus Wirtschaft und Institutionen. So könnten etwa Vereinbarungen
getroffen werden, den Flottenverbrauch für Kraftfahrzeuge bis zu
einem bestimmten Termin zu halbieren, die Abfallmenge aus dem Produktbereich
auf eine festgelegte Größe zu reduzieren und den Wasserverbauch
in der Industrie auf ein vereinbartes Niveau zu senken. Dies hätte
den Vorteil, daß ständige Kontrolle bestimmter Entwicklungen überflüssig
werden, aber die Ziele dennoch erreicht werden. Mit einem nationalen
Umweltplan wird es auch gelingen, die Vielzahl der Einzelvorschriften
und Vorgaben abzubauen, weil über die Ziele Einigkeit besteht.
Die zweite Säule ist ein modernes Ordnungsrecht.
Allein auf Freiwilligkeit und Vereinbarungsebene funktioniert die
wirtschaftlich-ökologische Erneuerung nicht. Unter einem modernen
Ordnungsrecht versteh ich dynamische Umweltstandards, eine ursachengerechte
Betreiber- und Produzentenhaftung, und eine Vereinfachung der Genehmigungsverfahren,
die es möglich macht, daß alte und umweltbelastende Anlagen und
Produkte so schnell wie möglich durch neue und umweltverträgliche
ersetzt werden. Keinesfalls darf es deshalb bei der Verfahrensbeschleunigung
eine Senkung der Umweltstandards geben! Der Spitzenplatz, den Deutschland
noch bis vor zwei Jahren bei den klassischen Umwelttechnologien
eingenommen hat, wäre ohne ordnungsrechtliche Maßnahmen - etwa zur
Luftreinhaltung oder zur Abwasserreinigung - nie erreicht worden.
Da die meisten Länder der Welt die Umweltstandards
Deutschlands und anderer Industrieländer bei weitem noch nicht erreichen,
ist das Exportpotential beachtlich. Der massive Export deutscher
Umwelttechnologie setzt aber den schrittweisen Export hoher Umweltstandards
bei Gesetzgebung und Verwaltung voraus. Eine Chance besteht für
die deutsche Umweltexportwirtschaft, wenn bei der anstehenden Osterweiterung
der EU hohe Umweltstandards durchgesetzt werden. Gerade auch für
die Fragen des Natur-, Gewässer-, Boden- und Gesundheitsschutzes
brauchen wir klare Rahmenbedingungen, die in einem einheitlichen
Umweltgesetzbuch zusammengefaßt werden sollen. So können wir es
schaffen, die rund 2250 Vorschriften mit unterschiedlichen Typologien
auf etwa 775 Paragraphen in einheitlicher Sprache zu reduzieren.
Dabei soll auch den anerkannten Umweltverbänden ein Verbandsklagerecht
eingeräumt werden. Die Erfolge in den Ländern, z. B. in Niedersachsen,
die bereits ein solches Recht verankert haben, zeigen, daß Prozesse
vermieden werden und frühzeitig die Bedenken von Bürgerinnen und
Bürgern in das Verfahren einbezogen werden. Moderne Instrumente
wie Antragskonferenzen und Sternverfahren haben in Niedersachsen
dazu geführt, daß 75 Prozent aller Bundesimmissionsschutzverfahren
innerhalb von sechs Monaten abgewickelt werden. Ähnliches müssen
wir auf allen Ebenen erreichen. Ich warne allerdings davor, allein
auf Anzeigeverfahren zu setzen (siehe Castortransport). Natur und
Mensch haben ein Recht, vor Schäden, die für sie nicht kalkulierbar
sind, geschützt zu werden. Besonderes Augenmerk muß daher in Zukunft
z.B. auf den Bereich der endokrinen Stoffe gelegt werden. Alarmierende
Studien aus den USA zeigen, daß die Fruchtbarkeit durch diese Substanzen
drastisch zurückgegangen ist, aber auch das Immunsystem geschädigt
wird. Jüngst erschien eine Studie, die belegt, daß Asthma die häufigste
Krankheit bei Kindern ist.
Die dritte Säule ist die Förderung der ökologisch
ausgerichteten Forschung und Technik. Mit einer Verdoppelung der
Forschungsausgaben können neue Verfahrenstechniken, die Vermeidung
schädlicher Substanzen und neue Werkstoffe, die für den Nutzer unschädlich
sind, unterstützt werden. Gesundheitliche und ökologische Unbedenklichkeit
muß zum Marktvorteil für die Hersteller werden. Zukunftsweisende
Techniken wie die Nanotechnologie zeigen, daß Fortschritt nicht
immer mit zusätzlichen Belastungen für die Umwelt verbunden sein
muß. Die Energieforschung muß von der derzeit schwerpunktmäßigen
Atomenergie auf Einsparung, Effizienz, Suffizienz und regenerative
Energien umgelenkt werden. So darf der Quantensprung in der Photovoltaik
z.B. durch neue Oberflächentechniken nicht am Geld scheitern.
Die vierte Säule einer wirtschaftlich-ökologischen
Erneuerung ist eine ökologische Steuerreform. Das bedeutet: Die
externen ökologischen Effekte von Produkten und Konsum müssen stärker
als bisher in die einzelwirtschaftliche Kalkulation einbezogen werden.
Das geschieht am besten über den Preis im Rahmen einer allgemeinen
Steuerreform. Die Grundidee ist einfach und klar. Sie besteht aus
zwei Teilen, die untrennbar miteinander verbunden sind:
Auf der einen Seite eine Entlastung des Faktors
Arbeit durch Senkung der Lohnnebenkosten. Auf der anderen Seite
Belastungen des umweltschädlichen Ressourcen- und Energieverbrauchs,
maßvoll und berechenbar. Durch die Verzahnung der beiden Seiten,
der Entlastungsseite und der Belastungsseite, wird sichergestellt,
daß eine an ökologischen Kriterien ausgerichtete Steuerreform insgesamt
aufkommensneutral ist, das heißt also: Es geht dabei keineswegs
um eine Erhöhung der Steuer- und Abgabenbelastung insgesamt, sondern
um eine Strukturreform innerhalb des Steuer- und Abgabensystems.
Eine Entlastung des Faktors Arbeit kommt allen
Arbeitnehmern und allen Unternehmern zugute. Bei den Unternehmern
profitieren vor allem die arbeitsintensiven Betriebe in Mittelstand
und Handwerk. Die eindeutigen Gewinner dieser Reform sind die Anlagenindustrie,
die Meß- und Regeltechnik, die Elektronikbranche, die Klimatechnik,
die Bauindustrie und die Hersteller regenerativer Energietechnologien
- um nur einige wenige zu nennen. Das sichert vorhandene Arbeitsplätzen
und erleichtert Neueinstellungen. Damit ist die ökologische Strukturreform
auch ein ganz kurzfristig wirkendes Programm zur Bekämpfung der
Arbeitslosigkeit.
Aber auch die Belastungsseite führt zu Anpassungsreaktionen:
Wenn der umweltschädliche Ressourcen- und Energieverbrauch teurer
wird, dann wird die Nachfrage nach Primärrohstoffen und Primärenergie
entsprechend den Gesetzen des Marktes zurückgehen und neue Dienstleistungssysteme
wie das Ökoleasing finden ihren Weg. So wird man in Zukunft mehr
und mehr dazu übergehen, statt Produkten, die später für den Nutzer
nur Sondermüll darstellen, Dienstleitungen in Anspruch zu nehmen.
Statt einer Waschmaschine die irgendwann kaputt ist, kauft man 2.000
Waschvorgänge. Der Hersteller kann dann mehr auf Materialenauswahl
Wert legen und nutzt nur solche Stoffe, die er auch wieder verwenden
kann. Echte Kreislaufwirtschaft und nicht DSD-Müll, der als Bergeversatz
im Bergwerk landet. Oder ein Teppichboden, der nur geleast wird,
aus zwei Komponenten besteht und vom Hersteller an den Stellen ausgetauscht
wird, die schadhaft sind. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung eines
Konzepts für ein umweltverträgliches, produktorientiertes Wirtschaften.
Ein solches Konzept ist die Voraussetzung für einen Weg aus der
gegenwärtig vorherrschenden Sonderabfallwirtschaft und damit ein
Weg hin zu nachhaltiger Entwicklung.
Das Abfallaufkommen in Europa und anderen Ländern
ist in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen; gleichzeitig
hat sich eine Entsorgungsbranche etabliert, die nicht eigentliche
Entsorgung betreibt, sondern lediglich das Auftreten von Umweltschädigungen
verzögert. In der Abfallbranche ist es zu einer monopolartigen Konzentration
gekommen, die der Industrie gegenüber steht. Die Abfallwirtschaft
ist lediglich als Endstufe der Produktionsindustrie zu begreifen.
Eine Folge ist, daß Abfälle behandelt und nicht vermieden werden.
Abfallkosten sind volkswirtschaftlich unsinnig, da sie keinen Nutzenfaktor
für die Bevölkerung darstellen. Darüber hinaus können wir nachhaltig
nur produzieren, wenn wir vom Verhältnis "20% der Menschen verbrauchen
80% der Ressourcen" wegkommen. Ansonsten gibt es keine nachhaltige
Entwicklung für die Länder der sogenannten dritten Welt.
Der Ausweg aus dieser Situation ist die konsequente
Umsetzung des Versursacherprinzips in der Marktwirtschaft. Die Unterscheidung
der Produkte in Verbrauchsgüter, Gebrauchsgüter und unveräußerliche
Güter ist dabei hilfreich.
Verbrauchsgüter sind nicht mehr vorhanden, wenn
sie konsumiert wurden (Waschmittel etc.). Hier müssen wir Produkte
mit definierten Inhaltsstoffen entwickeln, die umwelt- und gesundheitsverträglich
sind und z.B. keine Kläranlage brauchen (biologische Kreisläufe).
Gebrauchsgüter werden im Rahmen der Nutzung einer
Dienstleistung genutzt und dann zurückgegeben Das sind z.B. Autos,
Fernseher, PCs aber auch Teppiche und Fenster. Hier müssen wir ebenfalls
zu einer Materialauswahl kommen, die in technischen Kreisläufen
gleichwertig genutzt werden kann. Bei diesem "Ökoleasing"
werden die Produkte nur ausgeliehen und dann an den Produzenten
zurückgegeben. Normalerweise ist beim Recycling die Verwendung von
Verbundmaterialien problematisch, so daß die aus rückgewonnenen
Materialien hergestellten Produkte qualitativ minderwertiger als
das Ausgangsprodukt sind ("downcycling"). Deshalb ist es
notwendiger Bestandteil europäischer Umwelt-, Wirtschafts- und Gesundheitspolitik,
Anforderungen an Materialien und Präferenzlisten für Inhaltsstoffe
zu erstellen.
Denn: der Aufbau einer Abfallindustrie löst keine
Probleme, sondern verhindert die Produktion umweltverträglicher
Güter. Das aber würde zur nachhaltigen Entwicklung beitragen. Europa
ist folglich dadurch gefährdet, daß die Entwicklung von Produkten
bisher nur den Kriterien der Kapital- und Sozialverträglichkeit
und nicht auch denen der Umwelt- und Gesundheitsverträglichkeit
folgt.
Nachhaltiges Wirtschaften, also die Schonung der
natürlichen Ressourcen kann nicht nur auf die industrielle Produktion
gerichtet sein. Ziel dieser Politik muß auch eine umweltschonende
Landbewirtschaftung auf der ganzen Fläche sein. Der Boden muß Grundlage
für unsere Ernährung und Wurzel für eine vielfältige Kultur- und
Naturlandschaft bleiben. Damit auch nachfolgende Generationen ihre
Früchte aus der Erde ernten können, müssen wir den Einsatz von Pflanzenbehandlungsmitteln
mindern, den erosionsbedingten Schwund des Bodens verhindern und
eine flächengebundene Tierhaltung fördern, damit auch die Stickstoffbelastung
im Boden - und in der Luft - abnimmt.
Eine Agrarpolitik, die das Überleben der bäuerlich
strukturierten Landwirtschaft im Westen ermöglicht, aber auch den
historisch bedingten, völlig anderen Betriebsstrukturen im Osten
Rechnung trägt und beiden eine verläßliche Zukunftsperspektive eröffnet,
muß erreicht werden. Auf europäischer Ebene müssen wir uns dafür
einsetzen, daß für die Landbewirtschaftung gleiche Standards gelten,
um den Wettbewerbsdruck zu mindern. Unser Ziel muß es sein, den
ökologischen Landbau bis zum Jahr 2000 zu verzehnfachen. Voraussetzung
dafür ist eine Verbesserung der Vermarktung und die Gewinnung von
Großkunden wie Betriebskantinen, Großküchen und Vorverarbeitungsbetrieben
für Öko-Produkte.
Nur wenn wir darangehen, die beschriebenen Konzepte
und Ideen in die Tat umzusetzen, schaffen wir es, unseren Kindern
eine bewohnbare Erde zu hinterlassen. Eine ökologisch nachhaltige
Politik ist unverzichtbarer Bestandteil aller nationalen und internationalen
Politik.