(Dt.-Franz. Kolloquium,
Schloss Genshagen bei Berlin, 23./24.9.1999)
Anrede,
wir leben heute in einem Spannungsverhältnis von
globalen Entwicklungen und wiedererwachten nationalen Bewegungen.
Gerade in Europa wird dies immer wieder deutlich. Für Politik und
Gesellschaft ergibt sich daraus die Frage, wie wir damit umgehen.
Wir haben einerseits die schon weit fortgeschrittene
europäische Integration, andererseits kämpfen wir immer noch und
immer wieder gegen nationalistische Bestrebungen in Teilen Europas.
Die Prämissen der internationalen Politik haben sich nach dem Ende
des Ost-West-Gegensatzes derart geändert, dass wir gefordert sind,
uns neue Gedanken über ein friedliches Zusammenleben der Kulturen
und Gesellschaften zu machen.
Europäische Kultur- und Aussenpolitik ist ein probates
Mittel zur Konfliktbewältigung und und vor allem zur europäischen
Identitätsbildung.
Außenpolitik ist Friedenspolitik
Im Selbstverständnis der Vereinbarungen der deutschen
Regierungskoalition aus SPD und Bündnis 90/DIE GRÜNEN ist deutsche
Außenpolitik als Friedenspolitik konzipiert. Diese Auffassung bildet
das Fundament auswärtiger Sicherheits-, Wirtschafts- und Kulturpolitik.
Mir liegt viel daran, dies hier festzuhalten.
Dabei werden die Grundlinien deutscher Außenpolitik
weiterentwickelt. Die Einbindung europäischer Sicherheitspolitik
in das transatlantische Bündnis, die gesamteuropäische Zusammenarbeit
im Rahmen der OSZE, die Verantwortung für die Stabilität in Mittel-,
Süd- und Osteuropa, die Förderung nachhaltiger Entwicklung in den
Ländern des Südens und die Vertiefung, Erweiterung und Entwicklung
der Europäischen Union zu einem Europa der Regionen sind die Hauptlinien
der Außenpolitik der neuen Regierung.
Wir haben in Deutschland eine lange und stabile
Kontinuität, ja man kann fast schon von Tradition sprechen, wenn
es darum geht, die Integration Europas zu fördern. Deutschlands
Einbindung in die Europäische Union ist von zentraler Bedeutung;
für Deutschland und für Europa. Aus deutscher, aber auch aus meiner
persönlichen Sicht, kann es in Europa nur darum gehen, die Bemühungen
zur Weiterentwicklung der EU zu einer Politischen Union voranzutreiben.
Nur so lassen sich die Menschen in Europa einander
näher bringen. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir an einer bürgernahen
Gestaltung der Union, einer EU der Bürger, noch hart arbeiten.
Die deutsche Regierung hat sich vorgenommen, die
Arbeitslosigkeit nicht nur im eigenen Land zu bekämpfen. Auch in
Europa ist das ein Hauptanliegen der Politik. Das Ziel ist ein europäischer
Beschäftigungspakt. Die EU sollte bei ihren Anstrengungen davon
ausgehen, eine Politik der ökologischen Modernisierung zu verfolgen,
um Arbeitsplätze zu schaffen. Dazu gehören auch Anstrengungen bei
Forschung und Entwicklung neuer Technologien und der Ausbau moderner
Infrastrukturen für transeuropäische Netze. Europäische Umweltpolitik
im Sinne eines grenzübergreifenden Umweltschutzes unter Anwendung
des Integrationsprinzips gehört unbedingt dazu. Auch allgemeine
sozial- und umweltpolitische Standards beim neuen Welthandelsabkommen
müssen auf europäischer Ebene verhandelt und festgeschrieben werden.
Alle diese Politikbereiche sind geeignet, die Menschen
in ihrem Verständnis einander näher zu bringen und so dazu beizutragen,
ein gemeinsames Bewusstsein zu entwickeln. Denn die Probleme sind
europäisch.
Lassen Sie mich nun den Kern der (neuen) deutschen
Europa- und Außenpolitik näher beleuchten.
Bundesaußenminister Joschka Fischer hat im Frühjahr
in Berlin aus Anlaß des Besuches von Generalsekretär Kofi Annan
davon gesprochen, daß es in Zukunft darum gehen muß, neue Akzente
in der auswärtigen Politik zu setzen. Er meinte damit die Einbeziehung
der Zivilgesellschaft in den Dialog und damit in die Entscheidungsprozesse
der Außenpolitik. Die Probleme Europas, aber auch globale Fragen,
können nicht mehr von Nationalstaaten allein gelöst werden. Im Zeitalter
der viel beschworenen Globalisierung ist dies fast eine Binsenweisheit.
Aber Globalisierung kann eben nicht nur unter dem Gesichtspunkt
der wirtschaftlichen Globalisierung betrachtet werden. Wir haben
es heute in Europa und anderswo vorwiegend mit einer Renationalisierung
von Konflikten zu tun. Sie betrachte ich als die Gegenseite, vielleicht
sogar als die Konsequenz der Globalisierung.
Die vielfältigen Bemühungen zur Konfliktvermeidung
und -lösung auf ziviler Ebene begrüsse ich ausdrücklich, möchte
jedoch hinzufügen, dass die Ansätze weiter greifen müssen. Im Sinne
der Europäischen Charta müssen wir uns verstärkt darum kümmern,
altbewährte Instrumente der Verständigung und Begegnung wieder zu
nutzen und sie auszubauen.
Was spricht dagegen, engagierte Bürger noch stärker
einzubinden, bessere, aber vor allem gezieltere Informationspolitik
in den Mitgliedsländern der Union zu betreiben und Strukturen der
Bürgerbeteiligung und des europäischen Politik- und Kulturdialogs
zu fördern bzw. zu etablieren?
Es gibt viele gute Ansätze, ich denke hierbei vor
allem an die vielen Wissenschafts- und Studentenprogramme in Europa,
sowie die Städtepartnerschaften - ein ganz wichtiges Projekt der
Zusammenarbeit, das auch für Rußland später verändert werden kann.
Diese Ansätze können wirkungsvolle Bausteine auf dem Weg zu einer
europäischen Identität sein.
Wir müssen also den Aspekt der Begegnung und des
kulturellen Dialogs stärker im Bewusstsein der europäischen Bürger
verankern. Nur durch das gegenseitige Kennenlernen der jeweils anderen
kulturellen Vorstellungen und Gewohnheiten lässt sich auf Dauer
ein gegenseitiges Verständnis aufbauen. Ich betrachte eine wirkliche
europäische Kulturpolitik als ein dazu geeignetes Mittel . Ich rede
dabei nicht von einer europäischen Kultur. Sie gibt es nicht und
sie ist nicht wünschenswert. Aber gerade die Vielfalt der europäischen
Völker, ihre Eigenarten und Sprachen, ihre Musik und Literatur,
ihre Philosophie und ihr Kino (und nicht zuletzt ihre Speisen und
Getränke!) sind der reiche Fundus, aus dem geschöpft werden kann.
Hier liegen die Chancen, die Menschen für Europa zu gewinnen.
Nur wenn es uns gelingt, das Interesse an der Erhaltung
der europäischen kulturellen Vielfalt als europäisches Interesse
zu definieren, können wir ein Netzwerk europäischer Kulturen und
Regionen, die über Ländergrenzen hinweg gehen, schaffen. Ich glaube,
daß ein solches Netzwerk das stärkste Band sein kann, um Europa
zusammen zu halten. Es wäre auch ein gutes Mittel, den beabsichtigten
Grundrechtsschutz auf europäischer Ebene zu stärken und mit Leben
zu erfüllen. Auch die Ernennung von Javier Solana zum Hohen Repräsentanten
für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik kann im Sinne von
europäischer Kulturpolitik als präventiver Sicherheitspolitik genutzt
werden. Ab dem 18. Oktober hat dieser Politikbereich der Europäischen
Union Gesicht und Stimme und damit eine gute Chance, eine neue Kultur
der Vernetzung und Kooperation auszuprobieren. Jedenfalls ist dies
ein Schritt in die richtige Richtung. Wo anders, wenn nicht auf
dem Feld der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik, ließe sich
in Europa zeigen, daß Austausch mit Vertretern der Zivilgesellschaft
zu "kreativen Synergien" und zu einem konstruktiven Miteinander
führen können. Der Integration Europas kann dies nur gut tun.
Und deshalb müssen wir in diesen Bereichen auch
aktiv werden:
Die Probleme sind in ihren Ursachen und Wirkungen
eng verbunden. Der Bundesaußenminister und wir als Außenpolitiker
plädieren deshalb für einen neuartigen zusammenführenden Ansatz,
um diese Probleme in den Griff zu bekommen. Eine Kultur der Vernetzung
und der Kooperation soll zum Markenzeichen der deutschen Außen-
und damit auch Europapolitik werden Andersherum könnte man auch
sagen: gerade weil die Integration Europas schon einen langen Weg
gegangen hinter sich hat, liegt es an uns, neue Wege zu gehen bzw.
sie wenigstens auszuprobieren. Denn vieles ist festgefahren und
müßte gerade unter dem Gesichtspunkt der Bürgernähe überdacht werden.
Ich erinnere nur an die Gründe für den Rücktritt der Kommission.
Solche Ereignisse sind den Bürgern nicht zu erklären. Noch schlimmer
ist, daß sich viele Menschen resigniert abwenden und von Europa
nichts halten.
Die Bundesrepublik hat noch während ihrer Präsidentschaft
dafür Sorge getragen, daß die Neuerungen in der Gemeinsamen Außen-
uns Sicherheitspolitik, wie sie im Amsterdamer Vertrag geregelt
sind, auf den Weg gebracht wurden. Der Vertrag ist nun seit dem
1. Mai in Kraft.
Die Bundesrepublik wird die neugeschaffenen Instrumente
der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik fördern und einzusetzen
wissen. Auch auf diesem Gebiet wird sie in der Zukunft ein verläßlicher
europäischer Partner sein.
Der unter deutscher Ratspräsidentschaft eingeschlagene
Weg, die weitergehende Integration der Union, sind notwendige Schritte
der europäischen Einigung. Nicht nur Deutschland, auch die Europäische
Union muß sich für den Weg ins 21. Jahrhundert bereithalten. Die
unter den Vorzeichen des Aufbruchs und der Modernisierung angetretene
deutsche Regierung wird sich, wie bisher, dafür einsetzen, daß wir
eine echte Gemeinschaft in Europa bekommen. Niemand braucht dabei
Angst vor einem zu großen oder einem zu starken Deutschland haben.
Deutschland ist ein europäisches Land, kein Nationalstaat,
der Alleingänge versucht.
Lassen Sie mich mit einem abgewandelten Wort von
unserem Bundespräsidenten Johannes Rau schließen:
Man kann in Europa ruhig patriotisch gegenüber
seinem Land eingestellt sein. Dies ist aber streng von Nationalismus
zu trennen. Er hat in unserer Zeit nichts mehr verloren. In diesem
Sinne, ich denke, das kann ich hier sagen, werden wir, die Parlamentarier,
wird die deutsche Regierung und wird hoffentlich die deutsche Bevölkerung
kontinuierlich an einem vereinten Europa arbeiten. Wir haben keine
Alternative. Das Projekt Europa wird weiter voran gebracht. Allein
kann in Zukunft kein Land Europas in einer globalisierten Welt bestehen,
schon gar nicht wenn es es darum geht, in Europa wenigstens ansatzweise
eine gemeinsame Identität zu stiften. Der hier aufgezeigte Gedanke
der Bildung von kulturellen, sozialen und politischen Netzwerken
unter Einbeziehung der Zivilgesellschaft scheint mir der gangbarste
Weg zu sein. Zumindest ist er der Diskussion wert.