Meine verehrten Damen und Herren,
liebe Kolleginnen, Kollegen und Freunde,
wir befinden uns hier im Kreis von Experten für
auswärtige Kulturpolitik, ich möchte daher sofort in medias res
gehen.
Welche Herausforderungen stellen sich der auswärtigen
Kulturpolitik entwickelter Industriestaaten wie Frankreich und Deutschland
durch die Globalisierung? Kann es in Europa zukünftig nicht nur
eine GASP geben, sondern auch eine Gemeinsame Auswärtige Kulturpolitik?
Wie müßte sie formuliert sein? Auf nationaler Ebene: Gibt es Anknüpfungspunkte
für ein stärkeres gemeinsames Agieren der auswärtigen Kulturpolitiken
unserer Länder? Sollen wir unsere Energien auf nicht wegzuredende
Konkurrenzen auf dem internationalen Bildungsmarkt richten oder
auf die Suche nach Gemeinsamkeiten und Synergieeffekte? Wie muß
die Auslandskulturarbeit strukturiert sein oder eventuell umstrukturiert
werden, um Erfolg zu haben?
Ein ganzer Strauß von Fragen. Ich hoffe, dass wir
hierzu eine intensive Diskussion führen werden.
Ein Kernsatz des kürzlich von meiner Fraktion im
Deutschen Bundestag eingebrachten Entschließungsantrags zur Auswärtigen
Kulturpolitik lautet: "Die Begegnung der Kulturen ist die Chance
des 21. Jahrhunderts."
Es handelt sich dabei um eine der Chancen, die man nicht ausschlagen
kann, ohne massive Probleme zu bekommen. Es gibt Rufer, die das
Gegenteil beschwören. Samuel Huntington hat 1993 mit seinem "clash
of civilizations" den Teufel an die Wand gemalt. Ich halte zwar
seine Zukunftsaussichten für zu düster und pessimistisch. Aber seine
Widerlegung kann schwerlich aus Nichtstun erfolgen, sondern sie
muß aktiv erarbeitet werden. Die Antwort liegt in einer Stärkung
der auswärtigen Kulturpolitik als integralem Bestandteil unserer
Außenpolitik.
Vielleicht war es ein Fehler oder Versäumnis, Globalisierung
lange Zeit vornehmlich durch die Brille der Politik oder der Wirtschaft
zu betrachten. Aber es hat einen Lernprozeß gegeben. Heute wird
immer klarer, dass viele ihrer Wirkungen und Folgen unter kulturellem
Vorzeichen stehen. Wir beobachten, dass die traditionelle Bindekraft
von Nationalstaaten durch Globalisierungsprozesse abnimmt. Was liegt
näher, als eigene Identität verstärkt auf kultureller Basis zu suchen
und zu definieren, z.B. anhand der Ethnie oder der Religion. Industrialisierte
Staaten verbreiten die bei ihnen vorherrschenden Lebensformen weltweit.
Das ist an sich nichts Schlimmes. Aber Andere fühlen sich hierdurch
in ihrer eigenen kulturellen Identität bedrängt oder gar bedroht
und reagieren mit Abwehr. Und damit meine ich nicht die große Zahl
mehr oder weniger friedlicher Demonstranten, die sich aus völlig
unterschiedlichen Motiven gegen das zusammenschließen, was sie negativ
unter Globalisierung verstehen, wie in Genua am vergangenen Wochenende
oder vorher in Seattle, Prag, Nizza, Göteborg. Kultur und kulturelle
Eigenschaften können nicht per se als friedlich gelten. Unterschiedliche
Auffassungen über kulturelle Aspekte werden häufig auf geradezu
fundamentalistische Weise ausgetragen. Manche Beobachter der Globalisierung
meinen denn auch, Kultur sei stärker als Spaltpilz denn als Magnet
oder friedlich einigendes Band zu definieren.
Umso wichtiger ist heute der interkulturelle Dialog.
Mit gutem Grund wurde das Jahr 2001 von den Vereinten Nationen zum
Jahr des Dialoges zwischen den Kulturen gekürt. Dahinter steht die
feste Überzeugung, dass ein tieferes interkulturelles Verständnis
und die Achtung anderer Kulturen eine entscheidende Voraussetzung
für die Verhinderung von Konflikten ist - innerstaatlich ebenso
wie zwischenstaatlich. Ein malaysischer Delegierter sagte bei der
Verabschiedung der entsprechenden Resolution im Jahre 1998, es gehe
darum, "bounteous crossroads" zu schaffen, Straßenkreuzungen sozusagen,
auf denen man miteinander ins Gespräch kommen kann. Der Begriff
"Toleranz" muß eine ganz wichtige Rolle spielen - sowohl im eigenen
Kulturverständnis als auch in der internationalen Begegnung.
Die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik der
Bundesrepublik Deutschland ist seit langem dem Gedanken des Dialogs
zwischen verschiedenen Kulturen verpflichtet. Ihre Austausch- und
Förderprogramme unterstützen das gegenseitige Kennenlernen und den
Dialog einer Vielzahl von Menschen unterschiedlicher Alters- und
Bildungsstufen. Sie wirken langfristig und nachhaltig. Die Auswärtige
Kulturpolitik, so legt es die im vergangenen Jahr verabschiedete
Konzeption ausdrücklich fest, orientiert sich an den allgemeinen
Zielen der deutschen Aussenpolitik - Förderung des Friedens, der
Demokratie und der Menschenrechte - und unterstützt sie. Ich weiß,
dass die französische Kulturpolitik im Ausland ähnlichen oder gleichen
Zielen dient.
Ich freue mich auch und möchte das an dieser Stelle
betonen, dass es im Bereich der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik
ein hohes Maß an Übereinstimmung zwischen Parlament und Bundesregierung
gibt. Die von der erwähnten "Konzeption 2000" vorgenommene Positionsbestimmung
findet im Deutschen Bundestag volle Zustimmung. Die Konzeption ist
allerdings keine abschließende Zustandsbeschreibung, sondern die
Definition künftiger Aufgaben, ein Beginn und ein Arbeitsauftrag
für die Reform der Auslandskulturarbeit und für die Anpassung von
Strukturen an die sich globalisierende Welt.
Die Nutzung neuer Technologien ist hierbei ein
wichtiger Bereich. Schon heute spielt das Internet als Informations-
und Kommunikationsmittel in allen Bereichen der Auslandskulturarbeit
eine wichtige Rolle. Das reicht jedoch nicht aus. Um im internationalen
Wettbewerb um Aufmerksamkeit erfolgreich zu sein, muss das Internet
als dynamisches Medium und Netzwerk genutzt, entsprechende Angebote
bereitgestellt werden. Wenn sich die 'normale' Auslandskulturarbeit
aus Kostengründen mehr und mehr an Eliten und Multiplikatoren wendet,
ist darüber hinaus der Aspekt der durch das Internet möglichen Breitenarbeit
sehr wichtig. Das Internet wird in Teilbereichen zu Einsparungen
führen. Es kostet im Prinzip nicht mehr, ob man eine Information
an 20 Adressaten verschickt, an 20.000 oder an 2 Millionen. Um jedoch
eine Internetpräsenz zu erreichen, die Aufmerksamkeit erregt und
aufrecht erhält, insbesondere um dialogfähig zu werden, sind Investitionen
erforderlich. Dies sind Investitionen in die Zukunft.
Mit der Konzeption 2000 wurde auch die notwendige
Strukturreform auf den Weg gebracht.
- Die in diesem Jahr erfolgte Fusion von Goethe Institut und
Inter Nationes und ein neuer Rahmenvertrag sind das sichtbarste
Beispiel dafür. Wir versprechen uns von der Fusion eine effizientere
Nutzung der Mittel für die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik.
Die Umsetzung der Fusion erfolgt auf der Grundlage eines von
einem renommierten Wirtschaftsberatungsunternehmen erarbeiteten
Konzepts.
- Eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen dem Goethe-Institut
Inter Nationes (GIIN) und dem Auswärtigen Amt ist im Personalbereich
vereinbart worden. Danach sollen Mitarbeiter des Goethe-Instituts
an den Auslandsvertretungen in Shanghai, Havanna, Teheran und
Algier eingesetzt werden. Umgekehrt übernimmt der Kulturreferent
der Botschaft Addis Abeba gleichzeitig die Leitung des dortigen
GIIN-Instituts. Außerdem erfolgt ein Personalaustausch zwischen
der Kulturabteilung des Auswärtigen Amts und der Zentrale des
GIIN. Das ist für das französische System nichts Besonderes,
für unsere Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik aber sehr
neu.
- Auch die Überlegungen zu einem veränderten Personaleinsatz
werden vorangetrieben. Danach sollen in Zukunft verstärkt Ortskräfte
sowie Projektkräfte aus dem deutschen Kulturleben einbezogen
sein, die für einige Jahre an ein Auslandsinstitut entsandt
werden, also ebenfalls eine Annäherung an die französische Praxis.
- Der Kulturhaushalt des Auswärtigen Amts wird weiter flexibilisiert
mit dem Ziel, bei den Mittlerorganisationen Anreize zu wirtschaftlichem
Handeln zu schaffen. Dies soll nicht zur Ökonomisierung unserer
auswärtigen Kultur- und Bildungspolitk führen, vielmehr dazu,
dass die knappen Haushaltsmittel sinnvoller und sparsamer eingesetzt
werden.
- Die Koordination der Arbeit der deutschen Mittlerorganisationen
im Ausland und der Auslandsvertretungen wird verstärkt. Im Musikbereich
sind hierfür schon konkret neue Entscheidungsstrukturen zwischen
GIIN, Deutschem Musikrat und Auswärtigem Amt geschaffen worden.
Weitere Ansätze kann ich aus Zeitgründen hier nur stichwortartig
erwähnen. Dazu zählen z.B. die Erarbeitung von Regionalkonzepten
für die Auslandskulturinstitute in enger Abstimmung zwischen Auswärtigem
Amt und Goethe-Institut Inter Nationes oder auch die Einsetzung
einer Arbeitsgruppe zur Evaluierung der Programmarbeit im Ausland.
Dies soll dazu beitragen, auf der Basis empirischer Daten und sozialwissenschaftlicher
Methoden unsere Investitionen in diesem Bereich genauer zu steuern
und zu optimieren.
Das Sponsoring wird für Kulturveranstaltungen im
Ausland immer wichtiger. Zur Zeit wird innerhalb der Bundesregierung
ein Konzept erarbeitet, dass der Unabhängigkeit der Verwaltung gerecht
wird, gleichzeitig jedoch auch neue Ressourcen für die Auslandskulturarbeit
erschließt. Mich würde interessieren, wie stark Frankreich das Sponsoring
für diese Arbeit einsetzt und welche Erfahrungen Sie damit bisher
gemacht haben.
Schließlich der europäische Faktor: auch unter
Beachtung der Prinzipien der Subsidiarität und der kulturellen Vielfalt
reichen aus meiner Sicht die bisherigen Aktivitäten auf dem Gebiet
einer gemeinsamen europäischen Kulturpolitik, wie sie u.a. im Programm
"Kultur 2000" niedergelegt sind, nicht aus. Im globalen Verhältnis
wird die Europäische Union gerade auf kulturellem Sektor bisher
nicht deutlich genug wahrgenommen. Nach meinem Eindruck wundern
sich viele Staaten darüber, dass die EU nicht deutlicher Flagge
zeigt. Frankreich und Deutschland sollten hier eine Führungsrolle
übernehmen. Ich kann mir gut vorstellen, dass beide Länder Bereiche
ihrer jeweiligen Auslandskulturarbeit definieren können, in denen
sie sehr nutzbringend gemeinsam arbeiten. Das könnte von gemeinsamer
Anmietung und Nutzung von Liegenschaften für Kulturinstitute über
einander ergänzende Kulturprogramme bis hin zu gemeinsamen Veranstaltungen
reichen. Dabei muß sichergestellt sein, dass eine solche Zusammenarbeit
auch anderen EU-Mitgliedstaaten offensteht.
Dass eine Zusammenarbeit selbst dort möglich und
nutzbringend ist, wo zwischen unseren Ländern Konkurrenzen bestehen,
zeigt sich am besten auf dem hart umkämpften internationalen Studien-
und Forschungsmarkt. Angesichts einer angelsächsischen Dominanz
ergeben sich für Deutschland und Frankreich sehr interessante Kooperationsmöglichkeiten.
So haben sich deutsche und französische Hochschulen - und zwar auf
Initiative unserer beiden Konsulate vor Ort - im vergangenen Jahr
mit großem Erfolg auf einem gemeinsamen Stand bei der 'Education
& Careers Expo' in Hongkong präsentiert unter der Überschrift 'Studying
in the Heart of Europe'. Der Deutsche Akademische Austauschdienst
(DAAD) und die französische Agentur für Hochschulmarketing (EduFrance)
haben Gespräche aufgenommen, um Möglichkeiten zur weiteren Zusammenarbeit
zu identifizieren.
Mit Interesse habe ich erfahren, dass kürzlich
dem Ausschuss für Auswärtige Angelegenheiten der französischen Nationalversammlung
ein Bericht über den Zustand der französischen Kulturzentren im
Ausland vorgestellt wurde. Soviel ich weiß, ähneln viele der dort
behandelten Themen und Probleme denjenigen auf deutscher Seite.
Mich würde Ihre Einschätzung dieses Berichts interessieren. Felder
für ein vielversprechendes gemeinsames Vorgehen Frankreichs und
Deutschlands sind vorhanden. Wir sollten nun die konkreten Möglichkeiten
ausloten. Ich unterstütze daher die von den Kulturdirektoren der
Außenministerien jüngst verabredete Initiative zu einer verbesserten
Abstimmung der Programmarbeit von GIIN und den französischen Instituten,
die nach der diesjährigen Rentrée begonnen werden soll.