Der vorliegende dtv-Band untersucht den höchst
umstrittenen Entwurf eines "Multilateral Agreement on Investment"
(MAI), der im April 1998 nach zweijährigen Verhandlungen der OECD-Mitglieder
veröffentlicht wurde. Seit der Vertragsentwurf dem Ministerrat der
OECD vorgelegen hat, reißt die Diskussion um seinen Inhalt nicht
ab. Nicht wenige der an der Auseinandersetzung Beteiligten sehen
die Souveränität des Staates in Gefahr. Die "Ökonomisierung" der
Gesellschaft durch eine schon im Titel angesprochene Herrschaft
der (multinationalen) Konzerne ist das Schreckgespenst, das viele
heraufziehen sehen.
In einer historischen Einführung weist der Politologe
Peter Cornelius Meyer-Tasch auf die Nationalstaatswerdung und im
Besonderen auf die Entstehung des Begriffes der staatlichen Souveränität
hin. Die politische Philosophie von Denkern wie Jean Bodin, Thomas
Hobbes und Jean-Jacques Rousseau formt die Grundlage unseres heutigen
Denkens über Staatlichkeit. Sie verwiesen auf die Rolle der "Korporationen"
im Staatswesen, die, wenn man sie nicht kontrolliere, zu "Würmern
in den Eingeweiden des Staates" werden (Hobbes). Im Interesse der
Souveränität des Staates und des Gemeinwohls müsse ihnen Einhalt
geboten werden.
Im 20. Jahrhundert gingen die Staaten daran, zunehmend
Souveränitätsrechte an inter- und transnationale Organisationen
abzutreten, wobei in der Regel darauf geachtet wurde, staatliche
Aufgaben effizienter gestalten zu können. Es ging dabei aber nie
darum, "staatspolitische Regression" (Meyer-Tasch) um sich greifen
zu lassen. Der Entwurf des MAI sei aber nun eine solche Regression
in dem Sinne, daß multinationalen Unternehmen ("Korporationen")
umfassende Sonderrechte eingeräumt würden, die dazu geeignet seien,
die Multis zu den "Würmern" im Hobbes'schen Sinne werden zu lassen.
Die Folge könnte ein politischer Legitimitätsverlust (Souveränitätsverlust)
sein, der entsprechende Folgen für das Gemeinwohl nach sich ziehe.
Auch wenn Souveränität alleine nicht Garant für "optimale Gemeinwohlentscheidungen"
(Meyer-Tasch) sei, so ist sie doch Grundvoraussetzung für die Durchsetzung
solcher Entscheidungen.
Dem MAI will Meyer-Tasch deshalb die "Wolfszähne"
gezogen wissen, wobei die Öffentlichkeit viel mehr beteiligt (und,
so sei hinzugefügt, informiert) sein müsse, als dies im Moment der
Fall ist.
In der Kapitelabfolge erscheint dann der Text
des Abkommens selber, wie er seit Juni 1998 in deutscher Übersetzung
vorliegt. Daß der Text hier eingefügt ist, ist erstens begrüßenswert
und zweitens die Vorbereitung für die folgenden Kapitel. Kurt-Peter
Merk legt eine kritische Kommentierung des Abkommens vor, Sigrid
Skarpelis-Sperk fragt nach einem neuen Grundgesetz für die globale
Wirtschaft und John R. Saul untersucht das Verhältnis von MAI und
Demokratie.
Merk, Rechtsanwalt und Politikberater, führt in
seinem Beitrag zunächst in Zusammenhang und Diskussionstand ein.
Er betont dabei die Kritik am Abkommen, die insbesondere von Nichtregierungsorganisationen
(NRO) geübt wird. WWF und Friends of the Earth haben dezidierte
Kritik darüber geäußert, daß sich die OECD zwar auf die Ziele der
Agenda 21 berufe, aber ihr Augenmerk hauptsächlich auf die Rechtssicherheit
von Investoren gelegt habe. Damit ergeben sich Probleme bei der
Durchsetzung von internationalen und nationalen Umwelt- und Sozialstandards,
weil Investoren ein Klagerecht gegen Empfängerstaaten eingeräumt
bekommen sollen. Die NRO's sehen die Verfolgung umweltpolitischer
und sozialer Entwicklungsziele in höchstem Masse gefährdet. Durch
die Aushöhlung von Gestaltungsmacht sehen sie zudem Demokratiedefizite
auftauchen.
Merk würdigt dann die rechtliche Stellung des
Abkommens als völkerrechtlichen Vertrag. Er setzt sich im Einzelnen
mit der Bedeutung des Abkommens im internationalen Zusammenhang
auseinander. Darauf baut logisch richtig die Behandlung der Kernaussagen
und -bestimmungen auf. Sie folgt der Gliederung des Abkommens und
ist damit geeignet, die kritische Würdigung neben den Text des Abkommens
zu legen.
Der letzte Abschnitt des Beitrags setzt sich ausführlich
mit den Defiziten des MAI auseinander. Hier werden die "massive
Privilegierung ausländischer Investoren" und die "nahezu ausschließliche
Liberalisierung ausländischer Direktinvestitionen" (Merk) hervorgehoben.
Merk konstatiert die deswegen nachhaltige Behinderung von Sozial-
und Umweltpolitik auf allen legislativen und administrativen Ebenen.
Sozial- und Umweltdumping führen mittelfristig als Folge des MAI
zu Schäden, die die Umsetzung des Abkommens in Frage stellen. Ein
Rückfall in frühkapitalistische Strukturen sei zu befürchten, die
letztlich aber auch den priviligierten Investoren nur Nachteile
bringen würden.
Würde das MAI richtig verstanden, könne es aber
durchaus als Strukturierungsinstrument der Globalisierung gesehen
werden und bereits erreichte Ziele in der Umwelt- und Sozialpolitik
stabilisieren helfen. Dazu seien allerdings Ergänzungen zum Schutz
der Umwelt und von Sozialstandards notwendig, die Vorrangstellung
haben müssen. Er zeigt nachfolgend auf, in welchen Bereichen solche
Schutzklauseln nötig und möglich sind und das MAI zu einem völkerrechtlichen
Instrument werden könnte, das dem Primat der Politik und dem Ziel
nachhaltiger Entwicklung Vorrang gibt. Daneben beschreibt Merk ein
deutliches Demokratiedefizit, das sich durch die Teilnahme der EU
als Verhandlungspartner der OECD ergibt.
Merk sieht das MAI als "historische Chance", die
Globalisierung legislativ zu steuern. Bei Einführung der angesprochenen
Änderungen des Textes sei es geeignet, territoriale Souveränität,
Integrität und Personalhoheit der Staaten gegenüber ihren Bürgern
zu erhalten. Ansonsten verkämen die Staaten zu Subsystemen der Weltwirtschaft.
Die Bundestagsabgeordnete Sigrid Skarpelis-Sperk
beschäftigt sich mit der Frage nach einem "neuen Grundgesetz einer
einheitlichen Weltwirtschaft". Zunächst zeigt sie auf, daß das MAI
noch weitgehend unbekanntes Land sei, was auch mit seiner Kompliziertheit
zusammenhänge. Sie plädiert dafür, den Text einer breiten Öffentlichkeit
zugänglich zu machen, was durch das Buch nun geschehen ist. Sie
führt sodann zehn Gründe auf, die dazu geführt haben, daß die Diskussion
(nicht nur in Deutschland) bisher eher marginal war. Skarpelis-Sperk
setzt sich ausführlich mit diesen Gründen auseinander und legt dar,
was im Einzelnen zu der großen Kritik an dem Abkommen geführt hat.
Der Abschnitt bietet einen deutlichen Einblick in den Stand der
Diskussion und ist hilfreich für eine detaillierte Auseinandersetzung
mit den Argumenten der Kritiker.
Die Autorin legt als Abschluß ihres Beitrages
die Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten für eine weitere Beschäftigung
mit den Thema vor. Die bisherige Kritik an dem Abkommen hat in der
OECD schon zu Reaktionen geführt. US-Präsident Clinton hat eine
grundlegende Änderung der Informationspolitik seiner Regierung angekündigt.
Der bisherige Verhandlungsführer wurde durch Dr. Schomerus aus dem
Bundeswirtschaftsminsiterium ersetzt. So geht Skarpelis-Sperk auch
davon aus, daß das MAI in der vorgelegten Fassung nicht mehrheitsfähig
ist und Neuverhandlungen "unabweisbar" seien. Davor müsse jedoch
eine umfassende öffentliche Diskussion stehen. Sie führt dann vier
Optionen auf, die die Grundlagen einer solchen Diskussion sein könnten,
Diese führen von einer Null-Lösung (Scheitern der Verhandlungen)
über eine Konsolidierungslösung zu einem neuen MAI für Industrieländer
oder aber zum MAI als neue Weltwirtschaftsordnung.
Ihrer Aufforderung, erst nach einer breiten Auseinandersetzung
auf allen gesellschaftlichen Ebenen über das MAI im Bundestag abstimmen
zu lassen, kann man nur beipflichten. Ihr Beitrag bietet eine solide
Grundlage für den Beginn eines solchen Diskussionsprozesses.
Im abschließenden Beitrag des Buches setzt sich
John R. Saul, Kulturkritiker aus Kanada, mit der Frage nach dem
Verhältnis von MAI und Demokratie auseinander. Er greift wieder
den Gedanken an die Korporationen auf und versteht sie im geläufigen
Sinne als Koalitionen von Interessengruppen, die ihre Interessen
ausgleichen müssen. Legitimität geht nicht mehr von einer demokratisch
verfaßten Bürgergesellschaft aus, sondern Interessengruppen verfolgen
als spezifische Kommunikationssysteme die Verfolgung ihrer eigenen
Ziele. Öffentliches Interesse findet nicht mehr statt. Dies ist
sein Ausgangspunkt, das MAI und seine Entstehung und Behandlung
durch die Verantwortlichen zu beurteilen.
Er kritisiert die Verheimlichungspolitik aller
beteiligten "Korporationen" bzw. deren Repräsentanten. Er geht hart
in's Gericht mit der Art und Weise, wie die Implikationen des Abkommens
verharmlost werden. Er arbeitet deutlich heraus, wo das eigentliche
Demokratiedefizit des MAI liegt: die Behandlung der ausländischen
Investoren als Inländer. Dies führe, so Saul, dazu, daß die Bürger
in Zukunft nicht mehr über den Aufbau ihrer Gesellschaftsstruktur
bestimmen könnten, weil die Wirtschaft fremdbestimmt sei. Er kann
allerdings nicht überzeugend darlegen, warum dies so sein soll.
Er bezeichnet das MAI als den "letzten Kastrationsschritt in die
Verfügungsgewalt der Bürger über die Form ihres Gemeinwohls". Es
sei dazu geschaffen worden, "die Regierungen der demokratischen
Bürgerschaft aus dem politischen Entscheidungsprozeß auszuschließen".
In diesem Zusammenhang gibt er auch seiner Verwunderung über das
Schweigen der Parlamente Ausdruck. Saul treibt seine Kritik auf
die Spitze, indem er durch das MAI die Schaffung eines neuen Systems
internationaler Beziehungen heraufziehen sieht, eines Systems von
Unternehmen und Regierungen, das zum Vorteil der Unternehmen ausgestaltet
sei.
Zu Recht betont er auch die Tatsache, daß im Gegensatz
zur Erklärung der Menschenrechte das MAI ein völkerrechtlich verbindlicher
Vertrag wäre. Er zeigt damit ein grundsätzliches Problem internationaler
Vereinbarungen, die in der Regel nur im ökonomischen Bereich verbindlich
sind. Hier, so sei angemerkt, liegt ein großes und wichtiges Diskussionspotential
zur Gestaltung internationaler Politik, gerade im Zusammenhang mit
dem MAI. Damit zusammenhängend ist auch Saul's Forderung zu betrachten,
internationale Wirtschaftsverträge so auszugestalten, daß sie die
Errungenschaften des demokratischen Nationalstaates auf die internationale
Ebene übertragen und sie nicht aushöhlen. Die Korporationen sollen
sich auf ihre subsidiäre Rolle beschränken.
Das Buch ist eine willkommene Bereicherung in der
Diskussion um das MAI und sehr lesenswert. Es liegt erstmals in
deutscher Sprache eine Zusammenfassung vor, die allen mit der Thematik
Befassten an's Herz gelegt werden soll. Die Auseinandersetzung mit
den Prämissen des Abkommens ist dringend geboten, das Buch bietet
eine gute Gelegenheit dazu.