Daß Umweltschutz eine ökologische Notwendigkeit
ist, wird heute von niemandem mehr ernsthaft in Frage gestellt -
auch wenn um das "Wie" manchmal heftig gestritten wird. Auf jeden
Fall ist er kein Luxusartikel mehr, den man sich nur in besseren
Zeiten leisten sollte.
Umweltschutz ist heute ein ökonomischer Standortfaktor
ersten Ranges. Angesichts von mehr als sechs Millionen Arbeitslosen
in unserem Land ist es notwendig und richtig, immer wieder darauf
hinzuweisen, daß er ganz erheblich dazu beigetragen hat, daß die
Arbeitsplätze in Deutschland nicht weiter weggeschmolzen sind.
Die umwelttechnologische Entwicklung der vergangenen
25 Jahre hat wirtschaftliche Modernisierung, Forschung und Innovation
in unserem Land maßgeblich vorangetrieben.
Eine Million Menschen sind heute bei uns im Umweltschutz
beschäftigt. Das sind 2,7 Prozent aller Erwerbstätigen - immerhin
soviel wie in der Schlüsselbranche Automobil.
Rund die Hälfte davon sind direkt oder indirekt
mit der Erstellung von Umweltschutzgütern und -leistungen befaßt
- mit Schwerpunkten im Maschinenbau, in der Elektrotechnik, im Baugewerbe
und immer stärker in umweltbezogenen Dienstleistungen - zum Beispiel
bei Ingenieurbüros, in Unternehmensberatungen und natürlich auch
in der Umweltverwaltung.
Dieser letzte Aspekt erscheint mir ganz wichtig,
weil ja alle Experten übereinstimmend auf die besondere Rolle des
Dienstleistungssektors für künftige Wachstumsstrategien verweisen.
Dieser Sektor ist eindeutig der beschäftigungspolitische
Hauptgewinner der umweltökologischen Entwicklungen der letzten Jahre:
Inzwischen wirken sich fast 40 Prozent der durch
Umweltschutz ausgelösten Arbeitsplatzeffekte im Dienstleistungssektor
aus, weil in zunehmendem Maße umweltbezogene Beratungs-, Planungs-,
Finanzierungs- und Serviceleistungen erforderlich werden.
Hinzu kommt noch ein zweiter Aspekt: Innovativer,
also in die Produkte und in die Produktion von vornherein integrierter,
Umweltschutz gewinnt gegenüber den klassischen, nachsorgenden Umweltschutzanlagen
immer stärker an Bedeutung.
Solche innovativen, integrierten Umweltschutzmaßnahmen
erfordern aber vielfach eine langfristige Unternehmensplanung und
individuell angepaßte Verfahren - also umfassende Dienstleistungen,
die immer häufiger von umweltschutzerfahrenen Ingenieurbüros erbracht
werden.
Das Beispiel Dienstleistungen macht zweierlei deutlich:
1. Arbeitsplätze durch Umweltschutz sind in wachsendem
Maße moderne, hochqualifizierte und zukunftsorientierte Tätigkeiten.
Das Bild vom minderqualifizierten Umweltmitarbeiter, der im Grunde
nur den Dreck wegräumt, den andere auftürmen, entspricht längst
nicht mehr der Realität. Und darf auch nicht die Perspektive sein.
2. Es kann bei dem notwendigen technisch-ökologischen
Innovationsschub nicht mehr nur um die "klassischen", meist nachgeschalteten
Umwelttechnologien gehen. Wir brauchen vielmehr in allen Branchen
neue Produkte und hochproduktive Herstellungsverfahren. Und: Diese
Technologien, Produkte und Verfahren müssen ein neues Merkmal aufweisen:
ein Höchstmaß an ökologischer und gesundheitlicher Verträglichkeit,
deren Einzelteile in biologische und technische Kreisläufe zurückgeführt
werden können. Ein Hemd, das keine Krätze verursacht ist im Übrigen
immer ein qualitativ besseres Produkt.
Richtig ist: Nur durch mehr Innovation wird es
zu den Investitionen kommen, die für die Sicherung und Schaffung
von Arbeitsplätzen erforderlich sind. Und nur durch mehr Innovationen
können neue Zukunftsmärkte erschlossen werden.
Allein das Weltmarktvolumen für Umwelttechnologien
und -management wird nach Schätzungen internationaler Institutionen
(zum Beispiel der OECD) bis zum Jahr 2000 bei rund 600 Millionen
Dollar liegen. Das wäre eine glatte Verdreifachung innerhalb nur
eines Jahrzehntes.
Beim Export von Umweltschutztechnologien war Deutschland
bis 1994 mit einem Welthandelsanteil von 21 Prozent eindeutig Marktführer
vor den USA (16 Prozent) und Japan (13 Prozent). Auf dem europäischen
Markt lag der deutsche Anteil sogar bei über 30 Prozent.
Inzwischen haben aber die USA den Spitzenplatz
eingenommen, Deutschland liegt heute vor Japan nur noch auf Rang
zwei.
Diese Entwicklung ist ein deutliches Warnsignal.
Sie zeigt, wohin es auch ökonomisch führt, wenn eine führende Industrienation
wie Deutschland in der Umweltpolitik die Zügel schleifen läßt.
Die Vorstellung, wir seien weltweit ohnehin die
Öko-Musterknaben - wir könnten uns schon deshalb eine Pause gönnen
-, entspricht ja längst nicht mehr der Realität. Wenn wir uns heute
in der Welt umsehen, müssen wir leider feststellen, daß andere uns
mittlerweile um Längen voraus sind.
Am Wissenschaftszentrum Berlin ist dazu vor wenigen
Monaten eine bemerkenswerte Studie veröffentlicht worden, in der
die Umweltpolitik von 35 Ländern untersucht wurde. Diese Studie
kommt zu einem ganz eindeutigen Ergebnis: Staaten, die in der nationalen
Umweltpolitik eine Vorreiterrolle einnehmen, leiden nicht in ihrer
internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Im Gegenteil: Es geht ihnen
ökonomisch besser als anderen. Heute spielen in Europa vor allem
Dänemark, die Niederlande, Schweden und auch Finnland umweltpolitisch
eine Vorreiterrolle. Außerhalb Europas gilt dies u.a. für Neuseeland
und Südkorea - also durchweg kleinere Länder, die mit dem Weltmarkt
stark verflochten sind.
Als geradezu sensationell empfinden es die Autoren
der Studie, daß diese Länder zugleich am Arbeitsmarkt erfolgreicher
sind als andere: Die Niederlande, Dänemark und auch Neuseeland haben
ihre Arbeitslosenquote seit der Rezession von 1993 um etwa ein Drittel
verringert. Auch in Schweden geht die Arbeitslosigkeit zurück -
wie übrigens insgesamt in den skandinavischen Ländern.
Gleichzeitig haben die nordischen Länder neben
anderen Umweltabgaben eine CO2-Steuer eingeführt und inzwischen
sogar noch verschärft. In Dänemark und Schweden hat in der Wirtschaftskrise
1993 sogar eine regelrechte ökologische Steuerreform stattgefunden!
Die Niederlande haben eine Energiesteuer umgesetzt,
die immerhin 95 Prozent der nationalen Energieverbraucher erfaßt.
Finnland war 1993 das einzige Land Europas, das
die gescheiterte EU-Richtlinie über eine kombinierte CO2-Energiesteuer
in nationales Recht umgesetzt hat.
Die Skandinavier und die Niederländer haben einen
"nationalen Umweltplan" zur Umsetzung der in Rio beschlossenen Agenda
21 aufgestellt. Er macht der eigenen Industrie langfristig ökologische
Zielvorgaben. Die Kosten von einem Prozent des Bruttosozialprodukts
müssen sich über Umweltabgaben selbst finanzieren. Selbst Südkorea
hat sich mit einem "nationalen Umweltplan" das Ziel gesetzt, von
einem "Musterland des Wirtschaftswachstum" zum "Musterland des Umweltschutzes"
werden. Und die Exportstrategie des Landes umfaßt jetzt ausdrücklich
Umwelttechnik und angepaßte Technologien für Entwicklungsländer.
Umweltschutz - so das Fazit der Studie - ist kein
Hindernis, um im globalen Wettbewerb zu bestehen. Eine vernünftige
Umweltpolitik wird vielmehr zum "Schlüsselindikator" für die Wettbewerbsfähigkeit
eines Landes.
Angesichts dieser deutlichen Fakten brauchen wir
auch in Deutschland eine neue Offensive in der Umweltpolitik - auch
aus ökonomischen Gründen. Die Schlüsselbegriffe für die Zukunft
unserer Volkswirtschaft heißen für mich: Innovation, technisch-ökologischer
Fortschritt und Qualifikation.
Hier passiert leider immer noch viel zu wenig.
Statt neue umweltverträgliche Produkte und Verfahren zu entwickeln,
spart die deutsche Wirtschaft an den Forschungs- und Entwicklungsaufgaben:
Die Forschungsetats der deutschen Wirtschaft sind heute nominal
gerade einmal so hoch wie 1989. Das entspricht real - nach Abzug
der Inflationsrate einer zweistelligen Minusrate.
Wenn wir die mangelnden Forschungsausgaben der
Wirtschaft beklagen, müssen wir bedauerlicherweise hinzufügen, daß
es der Bund nicht anders macht. Wer sich den Haushalt der Bundesregierung
für 1997 ansieht, wird feststellen, daß der Bildungs- und Forschungsetat
erneut um eine knappe Milliarde Mark zusammengestrichen wurde!
In der Amtszeit von Helmut Kohl ist der Anteil
der Forschungsausgaben im Bundeshaushalt kontinuierlich gesunken:
von 4,7 Prozent im Jahr 1982 auf heute nur noch 3,4 Prozent.
Helmut Schmidt hat das auf einer Veranstaltung
der SPD-Bundestagsfraktion als die "dümmste Entscheidung der Bundesregierung
in einer ganzen Kette von Dummheiten" bezeichnet. Dem habe ich nichts
hinzuzufügen. Zu diesem Abwärtstrend kommt - man muß es so hart
sagen - auch häufig Einfallslosigkeit: Die deutschen Unternehmen
geben heute dreimal soviel Geld für ausländisches Know-how aus,
wie noch vor zehn Jahren. Und sie zahlen doppelt so viele Gebühren
für Patente aus Fremdländern wie sie selbst von ausländischen Kunden
einnehmen.
Das bedeutet: Große Teile der deutschen Wirtschaft
ruhen sich auf den Erfolgsstrategien der Vergangenheit aus. Die
negativen Folgen geben sie direkt an den Arbeitsmarkt - und somit
auch an die Finanzierung des Sozialstaates - weiter, statt neue
Strategien zu entwickeln. Deshalb setzt sich eine neue sozialdemokratisch
geführte Bundesregierung auch das Ziel, die Forschungsausgaben innerhalb
von 4 Jahren zu verdoppeln.
Es gibt aber auch positive Beispiele z.B. in Niedersachsen:
Die Windenergie hat sich seit Beginn der 90er Jahre
quasi aus dem Stand entwickelt. 1989 hat eine Handvoll engagierter
Ingenieure in Ostfriesland damit begonnen, effiziente Windräder
zu entwickeln. Heute sind in Deutschland um diese Branchen herum
rund 10.000 Arbeitsplätze entstanden. Der Gesamtumsatz hat die Milliardengrenze
überschritten.
Dieser Markt ist ein expandierender Zukunftsmarkt.
Deutsche Hersteller rangieren beim Export immerhin schon an zweiter
Stelle hinter Dänemark.
Für Deutschlands Exportchancen und damit für den
Arbeitsmarkt bedeutet das aber, daß sich die politischen Rahmenbedingungen
für die Windenergie in Zukunft nicht verschlechtern dürfen. Deswegen
muß eine neue sozialdemokratische Bundesregierung auch Stabilität
in der Stromeinspeisevergütung und ein neues Energiegesetz schaffen.
Sie wird die Spielräume der europäischen Richtlinie ausschöpfen
und damit Planungssicherheit für die wichtigen ökologischen Zukunftsbranchen
Wind, Sonne und Biomasse garantieren.
Ein Sorgenkind in Deutschland ist nach wie vor
die Solarenergie. Erst jetzt haben sich drei Großkonzerne entschlossen,
in unserem Land nennenswerte Produktionskapazitäten aufzubauen -
allerdings nicht, ohne sich reichlich aus den Subventionskassen
von Bund und Ländern zu bedienen. (Alleine die Shell kassiert in
Gelsenkirchen bei 44 Mio. Investitionssumme 12 Mio. von Bund und
vom Land Nordrhein-Westfalen.)
Nötig ist endlich eine Gesamtstrategie auf Bundesebene.
Eine von der SPD-Bundestagsfraktion entwickeltes 100.000 Dächer-Programm
für Deutschland wird von einer neuen Bundesregierung umgesetzt werden.
Denn wir müssen das große Ziel vor Augen haben: in 50 Jahren im
Solarzeitalter zu sein - vollständig ohne Atom und fossile Energien
auszukommen.
Klar ist, daß Experten berechnen, daß die fossilen
Brennstoffe noch 42 Jahren Bestand haben. Deshalb muß jetzt die
Strategie fürs nächste Jahrtausend auf den Weg gebracht werden.
Die Lösungen sind da, man muß sie nur umsetzen, hat der Gründer
des "Alternativen Nobelpreises", Jakob von Uexküll mit all den Projekten,
die jedes Jahr ausgezeichnet werden, immer wieder bewiesen.
Und auch die Atomskandale um Castor und Co. der
letzten Monate zeigen: Atomenergie ist nicht fehlerfreundlich, wir
müssen raus aus der Atomenergie und so lange die abgebrannten Brennelemente
an den AKWs lagern, bis ein Endlager gefunden ist und die stillgelegten
AKWs abgeklungen sind. Die Wiederaufarbeitung muß gestoppt werden,
denn sie ver26facht den Müll.
Das Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie
hat errechnet, daß bis 2005 zwischen 150.000 und 210.000 neue Stellen
besonders im Baugewerbe, im Maschinenbau und im Handwerk geschaffen
werden können, wenn der Kohlendioxid-Ausstoß nur um 20 Prozent verringert
wird, also nicht globalisierungsfähige Arbeitsplätze.
Diese Jobs entstehen nicht nur in der Wärmetechnik
oder der Altbausanierung, sondern langfristig vor allem in den Zukunftsbranchen
Solar-, Bio- und Windenergietechnik. Und: Die Kosten für die Einrichtung
dieser Arbeitsplätze sind vergleichsweise zu einem Arbeitslosen
preiswert: Ein Windenergiearbeitsplatz kostet 10.000,-- DM, ein
Sonnenenergiearbeitsplatz kostet 20.000,-- DM, ein Arbeitsloser
40.000,-- DM.
Wir brauchen in diesem Land endlich eine ökologisch
orientierte und zukunftsgerichtete Politik. Eine solche Politik
ruht auf vier Säulen:
1. einem nationalen Umweltplan,
2. einem modernen, effizienten Ordnungsrecht,
3. einer gezielten Förderung ökologisch orientierter Forschung und
Technologie und
4. einem ökologisierten Steuersystem.
Die erste Säule ist ein nationaler Umweltplan,
in dem alle gesellschaftlichen Gruppen, also Wissenschaft, Gewerkschaften,
Umweltverbände, Verbraucherverbände, Kirchen, Frauenorganisationen,
Betriebe, Organisationen und viele andere, Ziele festlegen, wie
der wirtschaftlich-ökologische Umbau vollzogen wird. 171 Staaten
haben den Prozeß in der Agenda 21 1992 in Rio vertraglich vereinbart.
In vielen Kommunen in Deutschland ist der Prozeß auf dem Weg - jetzt
brauchen wir sowohl auf nationaler wie auch auf europäischer Ebene
entsprechende Vereinbarungen und Rahmenbedingungen - die überprüfbar
sein müssen. Ziele können sein: Positivlisten für Inhaltsstoffe
von Gebrauchsgütern, die Steigerungsrate für den Anteil von regenerativen
Energien, der Anteil von Naturschutzflächen.
Einen zentralen Stellenwert haben dabei Vereinbarungen
mit den Entscheidungsträgern aus Wirtschaft und Institutionen. So
könnten etwa Vereinbarungen getroffen werden, den Flottenverbrauch
für Kraftfahrzeuge bis zu einem bestimmten Termin zu halbieren,
die Abfallmenge aus dem Produktbereich auf eine festgelegte Größe
zu reduzieren und den Wasserverbauch in der Industrie auf ein vereinbartes
Niveau zu senken. Dies hätte den Vorteil, daß ständige Kontrolle
bestimmter Entwicklungen überflüssig werden, aber die Ziele dennoch
erreicht werden. Mit einem nationalen Umweltplan wird es auch gelingen,
die Vielzahl der Einzelvorschriften und Vorgaben abzubauen, weil
über die Ziele Einigkeit besteht.
Die zweite Säule ist ein modernes Ordnungsrecht.
Allein auf Freiwilligkeit und Vereinbarungsebene funktioniert die
wirtschaftlich-ökologische Erneuerung nicht. Ein modernes Ordnungsrecht:
Darunter verstehe ich dynamische Umweltstandards, eine ursachengerechte
Betreiber- und Produzentenhaftung, und eine Vereinfachung der Genehmigungsverfahren,
die es möglich macht, daß alte und umweltbelastende Anlagen und
Produkte so schnell wie möglich durch neue und umweltverträgliche
ersetzt werden. Keinesfalls darf es deshalb bei der Verfahrensbeschleunigung
eine Senkung der Umweltstandards geben!
Denn machen wir uns nichts vor: Der Spitzenplatz,
den Deutschland noch bis vor zwei Jahren bei den klassischen Umwelttechnologien
eingenommen hat, wäre ohne ordnungsrechtliche Maßnahmen - etwa zur
Luftreinhaltung oder zur Abwasserreinigung - nie erreicht worden.
Da die meisten Länder der Welt die Umweltstandards
Deutschlands und anderer Industrieländer bei weitem noch nicht erreichen,
ist das Exportpotential beachtlich. Der massive Export deutscher
Umwelttechnologie setzt aber den schrittweisen Export hoher Umweltstandards
bei Gesetzgebung und Verwaltung voraus.
Eine Chance besteht für die deutsche Umweltexportwirtschaft,
wenn bei der anstehenden Osterweiterung der EU hohe Umweltstandards
durchgesetzt werden. Gerade auch für die Fragen des Natur-, Gewässer-,
Boden- und Gesundheitsschutzes brauchen wir klare Rahmenbedingungen,
die in einem einheitlichen Umweltgesetzbuch zusammengefaßt werden
sollen. So können wir es schaffen, die rund 2250 Vorschriften mit
unterschiedlichen Typologien auf etwa 775 Paragraphen in einheitlicher
Sprache zu reduzieren. Dabei soll auch den anerkannten Umweltverbänden
ein Verbandsklagerecht eingeräumt werden. Die Erfolge in den Ländern,z.
B. in Niedersachsen, die bereits ein solches Recht verankert haben,
zeigen, daß Prozesse vermieden werden und frühzeitig die Bedenken
von Bürgerinnen und Bürgern im Verfahren einbezogen werden. Moderne
Instrumente wie Antragskonferenzen und Sternverfahren haben z.B.
in Niedersachsen dazu geführt, daß 75 Prozent aller Bundesimmissionsschutzverfahren
innerhalb von sechs Monaten abgewickelt werden. Ähnliches müssen
wir auf allen Ebenen erreichen. Ich warne allerdings davor, allein
auf Anzeigeverfahren zu setzen (siehe Castortransport). Natur und
Mensch haben ein Recht, vor Schäden, die für sie nicht kalkulierbar
sind, geschützt zu werden. Ein besonderes Augenmerk muß daher in
Zukunft z.B. der Bereich der endokrinen Stoffe haben! Alarmierende
Studien aus den USA zeigen, daß die Fruchtbarkeit durch diese Substanzen
drastisch zurückgegangen ist, aber auch das Immunsystem geschädigt
wird. Gerade jüngst erschien eine Studie, die belegt, daß Asthma
die häufigste Krankheit bei Kindern ist.
Die dritte Säule ist die Förderung der ökologisch
ausgerichteten Forschung und Technik. Mit einer Verdoppelung der
Forschungsausgaben können neue Verfahrenstechniken, die Vermeidung
schädlicher Substanzen und neue Werkstoffe, die für den Nutzer unschädlich
sind, unterstützt werden. Gesundheitliche und ökologische Unbedenklichkeit
muß zum Marktvorteil für die Hersteller werden. Zukunftsweisende
Techniken wie die Nanotechnologie zeigen, daß Fortschritt nicht
immer mit zusätzlichen Belastungen für die Umwelt verbunden sein
muß. Und: z.B. die Energieforschung muß von derzeit schwerpunktmäßig
Atomenergie auf Einsparung, Effizienz, Suffizienz und regenerative
Energien umgelenkt werden. So darf der Quantensprung in der Photovoltaik
z.B. durch neue Oberflächentechniken nicht an Geld scheitern.
Die vierte Säule einer wirtschaftlich-ökologischen
Erneuerung ist der Teil des gesamten Steuerreformpaketes, das die
ökologischen Komponenten beinhaltet. Das bedeutet: Die externen
ökologischen Effekte von Produkten und Konsum müssen stärker als
bisher in die einzelwirtschaftliche Kalkulation einbezogen werden.
Das geschieht am besten über den Preis im Rahmen einer allgemeinen
Steuerreform.
Die Grundidee ist einfach und klar. Sie besteht
aus zwei Teilen, die untrennbar miteinander verbunden sind:
Auf der einen Seite eine Entlastung des Faktors
Arbeit durch Senkung der Lohnnebenkosten. Auf der anderen Seite
Belastungen des umweltschädlichen Ressourcen- und Energieverbrauchs,
maßvoll und berechenbar.
Durch die Verzahnung der beiden Seiten, der Entlastungsseite
und der Belastungsseite, wird sichergestellt, daß eine an ökologischen
Kriterien ausgerichtete Steuerreform insgesamt aufkommensneutral
ist, das heißt also: Es geht dabei keineswegs um eine Erhöhung der
Steuer- und Abgabenbelastung insgesamt, sondern um eine Strukturreform
innerhalb des Steuer- und Abgabensystems.
Eine Entlastung des Faktors Arbeit kommt allen
Arbeitnehmern und allen Unternehmern zugute. Bei den Unternehmern
profitieren vor allem die arbeitsintensiven Betriebe in Mittelstand
und Handwerk. Die eindeutigen Gewinner dieser Reform sind: Die Anlagenindustrie,
die Meß- und Regeltechnik, die Elektronikbranche, die Klimatechnik,
die Bauindustrie, die Hersteller regenerativer Energietechnologien
- um nur einige wenige zu nennen.
Das sichert vorhandene Arbeitsplätzen und erleichtert
Neueinstellungen. Damit ist die ökologische Strukturreform auch
ein ganz kurzfristig wirkendes Programm zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.
Aber auch die Belastungsseite führt zu Anpassungsreaktionen:
Wenn der umweltschädliche Ressourcen- und Energieverbrauch teurer
wird, dann wird die Nachfrage nach Primärrohstoffen und Primärenergie
entsprechend den Gesetzen des Marktes zurückgehen und neue Dienstleistungssysteme
wie das Ökoleasing finden ihren Weg.
So wird man in Zukunft mehr und mehr dazu übergehen,
statt Produkten, die später für den Nutzer nur Sondermüll darstellen,
Dienstleitungen in Anspruch zu nehmen. Statt einer Waschmaschine
die irgendwann kaputt ist, kaufe ich 2.000 Waschvorgänge. Der Hersteller
kann dann mehr auf Materialenauswahl Wert legen und nutzt nur solche
Stoffe, die er auch wieder verwenden kann. Echte Kreislaufwirtschaft
und nicht DSD-Müll, der als Bergeversatz im Bergwerk landet. Oder
ein Teppichboden, der nur geleast wird, aus zwei Komponenten besteht
und vom Hersteller an den Stellen ausgetauscht wird, die schadhaft
sind.
Ein anderes Argument, das immer wieder vorgetragen
wird lautet, gerade Pendler würden durch eine ökologische Umorientierung
stärker belastet, deshalb sei ein ökologisiertes Steuersystem unsozial.
Einige Beispiele, die das Gegenteil belegen:
Anläßlich der Diskussion um die Erhöhung des Rentenbeitrages
auf 21 Prozent im vergangenen Jahr, wurde gleichzeitig die Erhöhung
der Mehrwertsteuer um einen Prozentpunkt beschlossen. Alternativ
stand dagegen, die Mineralölsteuer um 10 Pfennige zu erhöhen. Schaut
man sich jetzt tatsächlich die Belastung von Pendlern oder von Arbeitnehmerhaushalten
an, stellt man unter Berücksichtigung verschiedener Prämissen folgendes
fest.
Ein Arbeitnehmer braucht das Auto für die Fahrt
zum Arbeitsplatz. Dorthin sind es 30 Kilometer. Eine Erhöhung des
Rentenbeitrages auf 21 Prozent würde bei einem Bruttoeinkommen von
2.400,-- DM zusätzlich 8,40 monatlich betragen. Wird die Mineralölsteuer
um 10 Pfennige erhöht, hätte er die gleiche Mehrbelastung, nämlich
8,40 DM. Wird statt dessen die Mehrwertsteuer um 1 Prozent angehoben,
stiegen seine Lebenshaltungskosten um 12,-- DM.
Ein alleinverdienender Familienvater hat 50 km
zum Arbeitsplatz zu fahren. Bei einem Bruttoverdienst von 5000 DM
müßte er im Monat 17,50 DM mehr in die Rentenversicherung zahlen.
Die Tankrechnung kostet ihn nur 14,-- DM zusätzlich. Aber eine erhöhte
Mehrwertsteuer macht den Haushalt um 25,-- DM im Monat teuerer.
Während die Ehefrau am Wohnort arbeitet, liegt der Arbeitsplatz
des Mannes 100 km entfernt. Bei einem Gesamteinkommen von 12.000,--
DM kostet die Rentenversicherung monatlich 42,-- DM mehr. Für die
Fahrten ins Büro müßte er hingegen 28,-- DM ausgeben. Die höhere
Mehrwertsteuer würden den Haushalt jedoch - genau wie beim Rentenbeitrag
um 42,-- DM monatlich verteuern.
Mit der ökologischen Steuerreform eröffnet sich
auch der Weg zu einer neuen Energie- und Verkehspolitik. Wir setzen
darauf, unseren Energiebedarf ohne die Risiken der Atomkraft zu
decken. Wir treten für eine Entsorgungskonzept ein, daß sich an
folgenden Punkten orientiert: Ausstieg aus der Atomernergie, Zwischenlagerung
an den Kraftwerksstandorten, direkte Endlagerung in einem einzigen
Endlager, keine Fortsetzung der Kernenergienutzung durch "neue"
Reaktorlinien.
Wir wollen einen sparsamen Verbrauch von Energie
und eine umweltschonende Erzeugung von Energie. Beides läßt sich
mit folgenden Schritten erreichen:
· Energieeinsparung: mit Vorschriften zur Wärmedämmung von Häusern
und Programmen zur Altbauisolierung
· Vorhandene Energien nutzen: Die Kraft-Wärme-Koppelung ist eine
längst bekannte Technik, um Wärme aus Kraftwerken für die Raumheizung
zu nutzen.
· die gezielte Förderung der regenerativen Energien durch den Ausbau
des Stromeinspeisungsgesetzes und Förderprogramme wie das 100.000
Dächer Programm für Solarenergie
Unsere Verkehrspolitik steht unter dem Motto: intelligent
und mobil. Ein Drittel des Gases, das die Erwärmung der Erdatmosphäre
verursacht, stammt aus dem Verkehr. Wollen wir das Klimaschutzziel
erreichen und bis 2005 die Kohlendioxid-Belastung um 25 Prozent
im Vergleich zu 1990 senken, müssen wir eine Wende in der Verkehrspolitik
erreichen. Wir machen die längst überfälligen Schritte zu einer
umweltverträglichen Mobilität. Unterstützt von der schrittweisen
Erhöhung der Kraftstoffkosten wollen wir
· die gezielte Verlagerung des Güterverkehrs auf Schiene und Wasserstraße
· Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel für den Nah- und Fernverkehr
· Konzepte zur Vermeidung von Verkehr durch ortsnahe Produktion
und Verteilung von Gütern und den Ausbau moderner Logistikkonzepte
· stärkere Rücksicht auf die Bedürfnisse von Fußgängern und Fahrradfahrern
und die kontinuierliche Senkung des Kraftstoffverbrauchs durch eine
Flottenverbrauchsregelung. Zielvorgabe ist das 3 Liter Auto.
Zusammenfassend ist zu sagen, daß wir gemeinsam
mit unseren europäischen Nachbarländern Europa ins 21. Jahrhundert
führen müssen. Dazu gehört auch, z.B. der Natur ihren Raum zu lassen.
Die Fauna-, Flora-, Habitatrichtlinie der Europäischen Union ist
so zu verwirklichen, daß wir uns das Ziel setzen, mindestens 10
Prozent der Grundfläche als naturnahe oder Naturschutzflächen auszuweisen.
Wir brauchen eine Stärkung der landwirtschaftlichen Faktoren, die
auf bodenschonende und wasserschonende Bewirtschaftung setzen, so
z.B. die Förderung des ökologischen Landbaus aber auch die Unterstützung
der extensiven Landwirtschaft. Insgesamt ist es wichtig, daß wir
eine Politik für den ländlichen Raum gestalten.
Die Europäische Kommission hat beschlossen, daß
innerhalb Europas ein Verbundnetz von Ökosystemen entwickelt wird.
Auch daran muß sich die Bundesrepublik aktiv beteiligen. Dazu gehört
z.B. ein Naturschutzgesetz, das diesen Namen auch verdient. Dazu
gehört aber auch die Unterstützung der Menschen, die den ländlichen
Raum kultivieren und pflegen, d.h. eine Perspektive für die Landwirte.
Wir wollen Umwelt und Natur für unsere Kinder schützen.
Die Bedrohung ist enorm: Tagtäglich werden in Deutschland 120 Hektor
Fläche überbaut und versiedelt. 40 Prozent der Pflanzenarten sind
gefährdet oder vom Aussterben bedroht.
Nachhaltiges Wirtschaften, also die Schonung der
natürlichen Ressourcen kann nicht nur auf die industrielle Produktion
gerichtet sein. Ziel dieser Politik muß auch eine umweltschonende
Landbewirtschaftung auf der ganzen Fläche sein. Der Boden muß Grundlage
für unsere Ernährung und Wurzel für eine vielfältige Kultur- und
Naturlandschaft bleiben. Damit auch nachfolgende Generationen ihre
Früchte aus der Erde ernten können, müssen wir den Einsatz von Pflanzenbehandlungsmitteln
mindern, den erosionsbedingten Schwund des Bodens verhindern und
eine flächengebundene Tierhaltung fördern, damit auch die Stickstoffbelastung
im Boden - und in der Luft - abnimmt.
Wir wollen eine Agrarpolitik, die das Überleben
der bäuerlich strukturierten Landwirtschaft im Westen ermöglicht,
aber auch den historisch bedingt völlig anderen Betriebsstrukturen
im Osten Rechnung trägt und beiden eine verläßliche Zukunftsperspektive
eröffnet. Auf europäischer Ebene müssen wir uns dafür einsetzen,
daß für die Landbewirtschaftung gleiche Standards gelten, um den
Wettbewerbsdruck zu mindern.
Unser Ziel muß es sein, den ökologischen Landbau
bis zum Jahr 2000 zu verzehnfachen. Voraussetzung dafür ist eine
Verbesserung der Vermarktung und die Gewinnung von Großkunden wie
Betriebskantinen, Großküchen und Vorverarbeitungsbetrieben für Öko-Produkte.
Dieses auf den Weg zu bringen, ist Aufgabe einer
neuen, sozialdemokratischen Bundesregierung und wir es anpacken,
damit unsere Kinder eine Zukunft haben. Denn wir haben die Erde
von unseren Kindern nur geborgt.