| Anrede,
ich freue mich, die Gelegenheit zu haben, anläßlich der neuen Ausgabe des großen Werks August Sanders ein paar Bemerkungen machen zu können.
Wie Sie alle wissen, hat die Fotografie schon länger den Stellenwert einer ernst zu nehmenden Kunstrichtung eingenommen. Ich begrüße diese Anerkennung und Entwicklung, denn die Fotografie mit ihren vielfältigen Ausdrucksformen steht natürlich gleichberechtigt neben Malerei oder Bildhauerei. Das war nicht immer so!
Fotografen, gerade zur Zeit Sanders in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts, wurden immer eher als Handwerker denn als Künstler angesehen. Heute hat sich die Fotografie den Stellenwert erarbeitet, der ihr unter den Bildenden Künsten zukommt. Einer der Wegbereiter, vor allem im Bereich der sachlichen, porträtierenden oder dokumentarischen Fotografie war eben August Sander.
Als ich mit seinem hier vorliegenden Werk – „Menschen des 20 Jahrhunderts“ – näher auseinandersetzte, fiel mir zunächst die ungeheure Beobachtungsgabe auf. Es ist viel über dieses Werk und seine Art zu fotografieren geschrieben worden, gerade auch im vorliegenden Studienband, der die Ausgabe begleitet. Dennoch möchte ich diesen Aspekt betonen, er hat mich als Soziologin angesprochen. Die weitgehende Nüchternheit seiner Bilder lassen den Blick aufs Wesentliche zu. Gesichter können studiert werden, die Kleidung der abgebildeten Menschen ist gut sichtbar. So kann aus vielen Details auf den Bildern in den sieben Gruppen wirklich ein Bild der Gesellschaft gewonnen werden, so wie Sander dies gewollt hat.
Mich hat das sehr beeindruckt. Ich kenne kein vergleichbares Werk, das es erlaubt, ein Gefühl für die Zeit zu bekommen, das aber auch auf vielfältige andere Art und Weise berührt. Für meinen Geschmack ist das das Beste, was Kunst erreichen kann. Eine Auseinandersetzung sehr persönlicher Art findet statt. Sanders Blick auf den Menschen erscheint mir einerseits distanziert, andererseits aber sehr nah und läßt so viel Spielraum für eigene Vorstellungen und Gedankenläufe. Dadurch gelingt es ihm, die abgebildeten Menschen – so ist jedenfalls mein Eindruck – so darzustellen, dass man das Gefühl hat, die Fotografierten sind authentisch.
Ich finde es besonders schön, dass die Kulturstiftung der Sparkasse Köln das Werk Sanders gesichert und nun diese Ausgabe seiner „Menschen des 20 Jahrhunderts“ vorgelegt hat. Das ist ein Beispiel dafür, was private Stiftungen leisten. Wir Kulturpolitiker des Bundes haben dem Rechnung getragen durch die noch andauernde Reform des Stiftungsrechts. Mit dem Stiftungssteuerrecht haben wir schon einen „Stiftungsfrühling“ eingeläutet, ein Stiftungssommer soll mit dem Stiftungszivilrecht folgen.
Nur kurz ein paar Zahlen, um die schon sichtbaren Veränderungen deutlich zu machen:
bereits jetzt ist wieder eine steigende Anzahl von Stiftungserrichtungen zu verzeichnen. Während die Zahl der Neugründungen im Jahre 1990 noch bei 181 lag, wurden im Jahr 2000 bereits 681 und im Jahr 2001 sogar über 1000 Stiftungsneugründungen registriert. Auch vom Bundesverband deutscher Stiftungen wird dieses erneuerte Stiftungssteuerrecht begrüßt und anerkannt, dass wir die Weichen richtig gestellt haben.
Damit dieser Trend zum Stiften anhält und sich noch verstärkt, muss das Stiftungsrecht transparent sein, ein Recht auf Stiftung einräumen, wie dies vorgesehen ist, und sich in der Praxis bewähren.
Entscheidend für die weitere „Stiftungsfreudigkeit“ wird sein, wie zügig und reibungslos potentielle Stifter ihre Vorhaben verwirklichen können. Ein positives Beispiel ist hier die Kulturstiftung des Bundes, eine Privatstiftung, die mit einem kurzen Vorlauf gestartet werden kann.
Unsere Reform des Stiftungsrechtes hat schon und wird, davon bin ich überzeugt, diese Anreize zur Förderung der Künste, der Kultur, des ökologischen und sozialen Engagements geben, und insgesamt zivilgesellschaftliches Handeln ermutigen und stärken. Das ist genau das, was wir erreichen wollen.
Wenn dann Werke von Weltgeltung, wie das von Sander, in einer solchen Weise gesichert und präsentiert werden können, ist mir um das Engagement der deutschen Kunst- und Kulturstiftungen nicht bange. Hier haben wir ein schönes Beispiel, wie öffentliches und privates Kulturengagement ineinandergreifen und etwas Wertvolles schaffen.
Wir werden uns weiter um die Verbesserung der Rahmenbedingungen kümmern. Sie haben es dann leichter, Sander und andere zu erforschen und zu publizieren und so die großen Potenziale in unserer Gesellschaft zu fordern und zu fördern.
Vielen Dank.
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