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Reden und Vorträge
9. September 2002
 

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Verleihung des Kulturpreises 2002 der Kupoge an die Cranach-Stiftung Wittenberg

Liebe Frau Löber, Liebe Stiftungsmitglieder, sehr geehrte Kulturverantwortliche aus Stadt und Land, meine sehr geehrten Damen und Herren,

Wir haben uns hier, an dieser herrlichen historischen Stätte aus einem sehr schönen Anlaß versammelt- der Verleihung des Kulturpreises der Kulturpolitischen Gesellschaft an die Cranach Stiftung Wittenberg.

Es ist mir eine Ehre und eine Freude, die Laudatio auf diese so lebendige, dynamische, international orientierte und vielfältig arbeitende Stiftung zu halten!

Ich werde zunächst den Blick in die bewegte Vergangenheit dieses Ortes schweifen lassen, mich dann der Arbeit der Cranach Stiftung Wittenberg widmen, um zum Schluß einen kurzen Ausblick auf die Planungen für eine gemeinsame Europäische Kulturhauptstadt Dessau-Wittenberg im Jahr 2010 zu geben.

 

I. Blick in die Historie

Die Tatsache, dass wir uns heute hier zusammenfinden können verdanken wir einem Kunst- und Kulturförderer seiner Zeit: dem Kurfürsten Friedrich dem Weisen (1463-1525), der Wittenberg durch den Neubau von Schloß und Schloßkirche und die 1502 gegründete Universität in eine repräsentative Residenz verwandelte.

An der Schlosskirche schlug Martin Luther seine Thesen an- seine darin enthaltene Erklärung der Gewissensfreiheit des Einzelnen wird als der Beginn der Neuzeit angesehen. Erwähnt seien an dieser Stelle die zahlreichen Porträts die Lucas Cranach der Ältere in seiner Wittenberger Zeit von seinem guten Freund Martin Luther anfertigte.

Friedrich der Weise also berief, im Jahre 1505 den Maler Lucas Cranach den Älteren zum Hofmaler an seinen kurfürstlichen Hof in Wittenberg.

Cranach, selbst schon Sohn eines Malers, war zu diesem Zeitpunkt 33 Jahre alt.

Er wird nicht geahnt haben, dass er fast 45 Jahre seines Lebens in Wittenberg leben und arbeiten sollte. 1512 erwarb Cranach die Grundstücke Markt 3 und 4 und gründete dort seine berühmte Maler-werkstatt mit zahlreichen Gesellen (zwischen drei und neun, je nach Auftragslage).

Ihre „Nachfolgerin“ in heutigen Tagen, die Malschule der Cranach Stiftung, werde ich später würdigen.

1515 wurde sein Sohn Lucas Cranach der Jüngere in Wittenberg geboren, der auch ein berühmter Maler werden sollte.

Zu der Malwerkstatt traten später noch eine Druckerei, in der Cranach das Neue Testament Martin Luthers in deutscher Sprache verlegte und illustrierte, und die Apotheke in dem Gebäude Schloßstraße 1 hinzu, in dem wir uns befinden.

Aber er war nicht nur als Künstler und Handwerker tätig, nein Lucas Cranach der Ältere bekleidete auch das Amt des Stadtkämmerers und er war während mehrerer Amtsperioden Bürgermeister der Stadt Wittenberg.

So gibt er uns ein interessantes Beispiel dafür, wie sich Gemeinsinn und Kunstverständnis treffen und gegenseitig bereichern können. Fast scheint es so, als sei das Eine- die Entscheidung für das politische Engagement- aus dem Anderen, der künstlerischen Tätigkeit und engen Verbundenheit mit der Stadt und ihren Bürgerinnen und Bürgern- entstanden.

So ähnlich, stelle ich mir vor, war es auch bei den „Gründungsmüttern- und -vätern“ der Cranach Stiftung.

Eines der ganz wichtigen Ziele der Cranach Stiftung, gemeinsam mit der Stadt Wittenberg ist es, die für die Stadtstruktur des 16. Jahrhunderts typischen Hofanlagen, Cranach-Höfe I und II, Markt 4, und das Gebäude Schloßstraße 1, bis 2003- dem 450 Todestag von Lucas Cranach dem Älteren, zu sichern, die Instandsetzung abzuschließen und die dnekmalschutzgerechte Restaurierung zu beenden; Zum Glück stehen die Gebäude seit 1991 im städtischen Eigentum.

 

II. Die Cranach Stiftung Wittenberg

Am Anfang eine Rückblende:

In den 70ger und 80ger Jahren befinden sich die beiden Cranach- Höfe und die Gebäude in einem sehr schlechten Zustand. Der Verfall der Häuser droht.

Im Herbst 1989 wurde in den Kirchen der Stadt Wittenberg ein Aufruf zur Rettung der Cranach Höfe verlesen. Dies war der Anstoß für die Gründung einer Bürgerinitiative , die sich zum Ziel setzte, die wertvolle Bausubstanz zu retten, und die Gebäude als kulturelle Stätte der Begegnung zu gestalten.

Diese Zielsetzung hat bis heute Gültigkeit und beides ist der Cranach Stiftung in außerordentlicher Weise gelungen- die Restaurierungsarbeiten schreiten voran und, fast noch wichtiger, die Cranach Höfe und Einrichtungen sind fest in der Stadt verankert, die Bürgerinnen und Bürger haben sie angenommen, sie sind ein beliebter Ort für kulturelle Ereignisse verschiedener Art und ein Anziehungspunkt für Gäste von außerhalb.

Zurück zur Entstehungsgeschichte- am 7. November 1989 tritt Bürgerinitiative mit dem folgenden Text an die Öffentlichkeit –ich zitiere einen Ausschnitt:

In Sprechchören haben in diesen Wochen viele gerufen: Wir sind das Volk! Das heißt auch: Dies ist unser Land, dies ist unsere Stadt. Vieles ist in einem traurigen Zustand. So ist der berühmte Cranachhof nur noch mit Scham vorzeigbar. Der Hof Cranach des Jüngeren muss der Öffentlichkeit ganz verborgen bleiben. Und er wäre doch so schön. Wir rufen heute zu einer Bürgerinitiative Cranachhof auf. Sie soll sich zusammen mit allen staatlichen Verantwortlichen für stufenweise, aber rasche Schritte für Sanierung stark machen. Wir wollen den Verfall dieser Stadt nicht länger hinnehmen! Wir wollen Druck machen und mitmachen. Dazu gehört:

-das Mitbedenken alternativer Konzeptionen für beide Höfe

-das eigene Handanlegen....und die Werbung um einen nationalen und internationalen Freundeskreis, um einen Fond zu bilden! ....

Im Februar 1990 erfolgte dann die Gründung des Vereins „Cranach Höfe Wittenberg e.V.“, der sich mit großem Engagement für die Rettung der Cranach Höfe einsetzte und einsetzt.

Ende 1994 gründete der Verein mit den gesammelten Spenden eine Stiftung bürgerlichen Rechts, um die Basis für eine langfristige und kontinuierliche Arbeit zu schaffen und durch die kulturelle Wiederbelebung der Cranach Höfe das Andenken Lucas Cranachs zu pflegen. Das eingebrachte Kapital betrug immerhin 350.000 DM.

1996 übernahm Frau Prof. Dr. Rita Süssmuth, die damalige Präsidentin des Deutschen Bundestages, die Schirmherrschaft über die Cranach Stiftung und würdigt in einem Festakt das „Engagement“ und „Durchhaltevermögen“ der Gründer der Bürgerinitiative zur Rettung der Cranach Höfe.

Ein ganz wichtiger Bestandteil der kulturellen Arbeit der Cranach Stiftung Wittenberg wird in der Folge die Malschule in der Cranach Werkstatt.

Die Idee zu dieser Malschule entwickelte sich in enger Zusammenarbeit mit dem Bauhaus in Dessau, der EXPO Gesellschaft Sachsen-Anhalt und dem Kultusministerium. 1996 beginnt die Malschule mit ihrer Arbeit und schon im April 1997 wird ihr eine große Anerkennung zu Teil durch die Aufnahme als EXPO-Projekt in der Korrespondenzregion der Weltausstellung Hannover.

Die Malschule in der Cranach Werkstatt verfolgt viele Ziele:

-die Vermittlung alter und neuer Techniken
-Kinder- und Jugendkunsterziehung
und
-Jugendaustausch mit Jugendlichen aus anderen Staaten

Die Malschule setzt hierbei ihren Schwerpunkt bei der Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Kindern.

Diesen Aspekt möchte ich besonders hervorheben. Anders als im Schulunterricht mit seiner begrenzten Stundenzahl können sich hier Künstlerinnen und Künstler viel Zeit nehmen, um den Kindern Grundtechniken und Handwerkszeug zu vermitteln, ihre Phantasie anzuregen und zugleich einiges über die Geschichte der Cranach Malerwerkstatt zu erzählen. Ganz nebenbei beschäftigen sich die Kinder so auch noch mit der Reformation, der Renaissance und der Geschichte ihrer Stadt.

Bei der Vorbereitung auf diese Preisverleihung habe ich mir viele Arbeiten angesehen und war begeistert von der Vielfalt der Formen und Themen und der Kreativität der Kinder und Jugendlichen- das Spektrum reicht ja sehr weit, von Linolschnitten über Collagen bis zu Arbeiten in Siebdrucktechnik und „Lichtkunst nach Lucas Cranach“.

 

Bei der von der Malschule bereits mehrfach veranstalteten internationalen Malwerkstatt für Kinder und Jugendliche tritt noch der Austausch mit Jugendlichen aus anderen Ländern hinzu.

Hier eignet sich die Kunst besonders gut als „Kulturbotschafterin“; benötigt sie doch keine Sprache und läßt Barrieren klein erscheinen. Das gemeinsame Erleben und Schaffen ist wichtiger, als das ein oder andere nicht verstandene Wort.

Im Jahr 1999 hatte die internationale Malwerkstatt das Thema „Tiergeschichten“, 2001 waren es die Menschenbilder, und heute beginnt die diesjährige Malwerkstatt für Kinder- und Jugendliche die sich dem Thema „Begegnungen“ in verschiedenen Schattierungen widmet Begegnungen mit Erde, ungewöhnliche Begegnungen, Buch der Begegnungen- Druck und Buch, Begegnungen/Metamorphosen/Fotoübermalungen und Begegnungen/An-sichten, Fotographie. Ich wünsche der Veranstaltung und den teilnehmenden deutschen und ausländischen Kindern und Jugendlichen ganz viel Erfolg und Spaß dabei! (diese internationale Malwerkstatt haben wir mit der Flick Stiftung gefördert)

Die Malschule ist aber noch mehr:

sie ist Fortbildungsstätte für Kunsterzieher
-Bildungsstätte für Handwerker im Denkmalschutz
und
-Ort für künstlerische Kurse für Menschen jeden Alters.

In Belebung der alten Tradition der Malerwerkstatt werden

Stipendien vergeben, die das Land Sachsen-Anhalt als Förderung für Künstler zur Verfügung stellt, die im Cranach Hof leben und arbeiten können. Was früher der Geselle Lucas Cranach des Älteren war ist heute der Künstler, der wie ein „Stadtschreiber“ für die Dauer seines Stipendiums ein Bürger Wittenbergs und ein Helfer und Partner der Malschule ist, also auch an der pädagogischen Arbeit beteiligt wird.

Neben der Malschule arbeitet unter dem Dach der Cranach Stiftung auch eine historische Druckerei, die kleinere Druckaufträge ausführen kann. Sie knüpft an die Tradition der Druckwerkstatt Cranachs des Älteren an.

Regelmäßig stattfindende Veranstaltungen strukturieren das Jahr und sorgen für die Lebendigkeit des Kulturortes:

Die Malferien für Kinder im Juni, die schon erwähnte internationale Malwerkstatt im August/September, die Kinderkunstausstellung im Dezember und der Wettbewerb zum Alternativen Weihnachtsmarkt ebenfalls im Dezember. All diese Veranstaltungen, so wie die „offenen Ateliers“ der Stipendiaten sorgen dafür, dass die Cranach Höfe zu einem festen Bestandteil der Kunst- und Kulturszene Wittenbergs geworden sind und zu einer Attraktion für Gäste- ihr Entwicklung zeigt den Erfolg solch bürgerschaftlichen Engagements!

 

III. Europäische Kulturhauptstadt Dessau-Wittenberg

Im Frühjahr diesen Jahres haben die Städte Wittenberg und Dessau entschieden, sich für das Jahr 2010 gemeinsam als Europäische Kulturhauptstadt zu bewerben. Das konzeptionelle Fundament ihrer Bewerbung bilden die drei großen Bewegungen, die ihre für alle sichtbaren Spuren in der Region hinterlassen haben: die Reformation, die Aufklärung und die Moderne.

Ich wünsche der gemeinsamen Bewerbung ganz viel Erfolg! Falls es gelingt, diese Auszeichnung zu erhalten, wird sich das sicher auch positiv auf die Cranach Höfe und die Arbeit der Cranach Stiftung Wittenberg auswirken.

Ich komme nun zum Schluß und möchte noch einen Satz anfügen: mir ist im Vorfeld die Sorge zugetragen worden, angesichts der enormen Wiederaufbaukosten in den von der Flut geschädigten Gebieten, insbesondere im Osten Deutschlands befürchte man, dass die knappen Mittel nur noch in große Projekte gesteckt würden, wie etwa die Beseitigung der Schäden an der Semper-Oper. Ich kann Ihnen versichern, dass unser Kulturstaatsminister, dessen Arbeit ich schätze und die er auch nach dem 22. 9. meiner Ansicht nach weiterführen soll, und meine Kolleginnen und Kollegen im Kulturausschuss großen Wert auf eine gerechte und gleichmäßige Verteilung bei der Kulturförderung legen.

Unser besonderes Interesse am Ostteil Deutschlands haben wir durch das von uns aufgelegte Programm zur Kulturförderung im Osten unterstrichen. Natürlich belasten die Kosten des Wiederaufbaus in den betroffenen Regionen die Haushalte, aber wir werden uns alle dafür einsetzten, das darunter gerade nicht solche herausragenden und regional wichtigen kulturellen Initiativen wie hier in Wittenberg leiden müssen.