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Vortrag beim DAAD-Alumniseminar, Rom
Anrede,
Ich möchte mit einem Zitat beginnen:
„Eine vollkommene Menschheit wird es natürlich nie geben. Was wir erreichen können, ist, dass immer mehr Menschen zum Gespräch bereit werden, dass sie sich toleranter und friedlicher verhalten. Dadurch werden die zerstörerischen Kräfte zurückgedrängt. Das allein wäre schon ein Fortschritt.“
Diese Worte des Dalai Lama zeigen eindrücklich, worum es in der Auswärtigen Kulturpolitik in der Zukunft gehen muss.
Wir diskutieren seit langem über die Neuausrichtung der Auswärtigen Kulturpolitik; seit September 2001 wird diese Diskussion von Einigen wieder in die Richtung des „Kampfes der Kulturen“ gelenkt. Ich glaube, dies ist die falsche Richtung. Bundeskanzler Gerhard Schröder hat von einem „Kampf um die Kulturen“ gesprochen. Auch wenn ich hier weniger vom Kämpfen sprechen möchte, so ist doch klar, was gemeint ist:
Wir sollten uns darum bemühen, in den internationalen Kulturbeziehungen Strukturen zu schaffen oder zu fördern, die dazu geeignet sind, dass sich Menschen begegnen und in einen Austausch über Vorstellungen, Werte und Ideen treten können. Parlament und Auswärtiges Amt in Deutschland haben die Weichen für diese Orientierung der Auswärtigen Kulturpolitik bereits mit der Konzeption 2000 gestellt.
Ich glaube, dass die Schaffung umfassender Dialogstrukturen der einzige Weg ist, um im Sinne der Nachhaltigkeit auch für die Zukunft dauerhafte Beziehungen zu schaffen, auf die wir und diejenigen, die uns nachfolgen, in einem friedensstiftenden Sinne bauen können.
Auswärtige Kulturpolitik kann hier viel mehr leisten, als sich das manche vielleicht im Moment vorstellen können. Nur wenn es uns gelingt, uns in ehrlicher Art und Weise gegenseitig aufeinander einzulassen, wenn wir das Ziel haben, den jeweils anderen mit seinen Vorstellungen, Werten und Ideen nicht nur zu akzeptieren, sondern zu verstehen, kann die Auswärtige Kulturpolitik politisch langfristig wirken.
Dabei geht es auch und vermehrt darum, verstärkt europäische Kultureinrichtungen zu gründen. Es spricht nichts dagegen, sich im Ausland stärker als „Europa“ zu präsentieren, wo dies gewünscht wird und es machbar ist. Die positive Annahme des Euro nicht nur bei uns ist für diese Richtung nur ein weiterer Beleg, die uns auch stärker zu einer gemeinsamen europäischen auswärtigen Kulturpolitik führen kann.
Die deutsche AKP sollte also kulturelle Vielfalt als Teil europäischer Identität repräsentieren und so das zivilisatorische Integrationsprojekt in Europa vorantreiben. Dazu gehört vor allem die thematische Erweiterung der „Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik“ um den Faktor „Kultur“. Hier kann die Kultur ihr großes Potenzial als Friedens- und Sicherheitspolitik entwickeln.
Welche Herausforderungen stellen sich dabei der auswärtigen Kulturpolitik entwickelter Industriestaaten wie Italien, Frankreich, Großbritannien und Deutschland durch die Globalisierung?
Kann es in Europa zukünftig nicht nur eine GASP geben, sondern auch eine Gemeinsame Auswärtige Kulturpolitik? Wie müßte sie formuliert sein?
Auf nationaler Ebene:
Gibt es Anknüpfungspunkte für ein stärkeres gemeinsames Agieren der auswärtigen Kulturpolitiken unserer Länder?
Sollen wir unsere Energien auf nicht wegzuredende Konkurrenzen auf dem internationalen Bildungsmarkt richten oder auf die Suche nach Gemeinsamkeiten und Synergieeffekte?
Wie muß die Auslandskulturarbeit strukturiert sein oder eventuell umstrukturiert werden, um Erfolg zu haben?
Ein Menge Fragen. Ich hoffe, dass wir hierzu eine intensive Diskussion führen werden.
Ein Kernsatz des im letzten Jahr von meiner Fraktion im Deutschen Bundestag eingebrachten Entschließungsantrags zur Auswärtigen Kulturpolitik lautet: "Die Begegnung der Kulturen ist die Chance des 21. Jahrhunderts."
Es handelt sich dabei um eine der Chancen, die man nicht ausschlagen kann, ohne massive Probleme zu bekommen. Es gibt Rufer, die das Gegenteil beschwören. Samuel Huntington hat 1993 mit seinem "clash of civilizations" den Teufel an die Wand gemalt. Ich halte zwar seine Zukunftsaussichten für zu düster und pessimistisch. Aber seine Widerlegung kann schwerlich aus Nichtstun erfolgen, sondern sie muß aktiv erarbeitet werden. Die Antwort liegt in einer Stärkung der auswärtigen Kulturpolitik als integralem Bestandteil unserer Außenpolitiken.
Auch unter Beachtung der Prinzipien der Subsidiarität und der kulturellen Vielfalt reichen aus meiner Sicht die bisherigen Aktivitäten auf dem Gebiet einer gemeinsamen europäischen Kulturpolitik, wie sie u.a. im Programm "Kultur 2000" niedergelegt sind, nicht aus. Im globalen Verhältnis wird die Europäische Union gerade auf kulturellem Sektor bisher nicht deutlich genug wahrgenommen. Nach meinem Eindruck wundern sich viele Staaten darüber, dass die EU nicht deutlicher Flagge zeigt. Italien, Frankreich, Großbritannien und Deutschland sollten oder könnten hier eine Führungsrolle übernehmen. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Länder Bereiche ihrer jeweiligen Auslandskulturarbeit definieren können, in denen sie sehr nutzbringend gemeinsam arbeiten. Das könnte von gemeinsamer Anmietung und Nutzung von Liegenschaften für Kulturinstitute über einander ergänzende Kulturprogramme bis hin zu gemeinsamen Veranstaltungen reichen. Dabei muß sichergestellt sein, dass eine solche Zusammenarbeit auch anderen EU-Mitgliedstaaten offensteht.
Dass eine Zusammenarbeit selbst dort möglich und nutzbringend ist, wo zwischen unseren Ländern Konkurrenzen bestehen, zeigt sich am besten auf dem hart umkämpften internationalen Studien- und Forschungsmarkt. Angesichts einer angelsächsischen Dominanz ergeben sich für Deutschland, Italien und Frankreich sehr interessante Kooperationsmöglichkeiten.
Bei alledem sollten wir nicht vergessen, das angesichts der Attentate in Amerika es nun wieder verstärkt darum geht, das der sogenannte Westen, das Europa in den angestrebten Dialogen offensiv und ehrlich mit seinen eigenen Traditionen von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten umgeht.
Wir haben in dieser Hinsicht nichts zu verstecken und dürfen nicht in die Gefahr geraten, die offensichtlichen Mißbräuche von Religionen zu verschleiern, wie dies leider noch häufig aus einem falsch verstandenem Werterelativismus geschieht. Eine Auswärtige Kulturpolitik, die so angelegt ist, dass sie sehr klar zeigt, auf welchen Werten sie beruht, macht uns zum Makler eines Wertefundaments, das hier wohl breite Zustimmung findet. Auch in dieser Hinsicht spricht die „Konzeption 2000“ der deutschen AKP deutliche Worte.
Dialog als Konfliktvermeidungsstrategie
Das Modell der Zweibahnstrasse ist die Grundkonstruktion der neuen AKP 2000. Es bedeutet, dass um eine Politik des Gebens und Nehmens geht. Die Vielfalt der Kulturen ist dabei die Basis der Politik. Um den Dialog vorwärts zu bringen, müssen wir uns um die stärkere Einbeziehung der zivilgesellschaftlichen Gruppen kümmern. Auf dieser Ebene können Kontakte viel unmittelbarer geknüpft und gepflegt werden. Sie dienen als „Türöffner“ für die Politik. Das bedeutet z.B. auch die vermehrte Aufnahme von Künstlerinnen und Künstlern in offizielle Regierungsdelegationen. Diese Menschen haben naturgemäß ganz andere Kontakte und Herangehensweisen als Diplomaten und Politiker. Dieses Potential sollten wir im gegenseitigem Einvernehmen nutzen. Es gibt viel zu tun: der kulturelle Austausch in allen Bereichen muss verbessert werden, der Wandel in der Technologie sollte so genutzt werden, dass er das gegenseitige Verständnis fördert und die Menschen zusammenbringt, er sollte keine Ängste im Hinblick auf soziale Benachteiligung verursachen. Es muss mehr getan werden für die Festigung der Demokratie in allen Ländern und für die freie Teilnahme aller Bürger an der Zivilgesellschaft.
Wir als Parlamentarier müssen der Vorstellung mehr Gewicht verleihen, dass Dialog und kultureller Austausch seit jeher zum friedlichen Miteinander und zur kulturellen Vielfalt beigetragen haben. Dies heisst auch, die „McDonaldisierung“ zu verhindern, die im Zuge der Globalisierung stattfinden kann.
Um diese Ziele zu erreichen sollte jeder von uns in seinem Land Haushaltsfragen bezüglich Kultur, Bildung und den Austausch mit anderen Kulturen und Zivilisationen Aufmerksamkeit schenken. Ein internationaler Jugendaustausch ist besser als ein neues Verteidigungsprogramm. Ein Austauschprogramm via Internet öffnet denjenigen neue Tore, die nicht imstande sind, zu reisen.
Wir müssen deshalb anfangen, in „Bildern“ zu denken. Das heißt, wir müssen lernen, an welche „Bilder“ unseren Partnern in der Welt denken, wenn sie von „Menschenrechten“, „Sicherheit“, „Umwelt“ oder „nachhaltiger Entwicklung“ sprechen. Was bedeuten diese Worte in einer anderen Kultur, und was bedeuten sie für uns? Diese „Bilder“ sind entscheidend für das Ergebnis der Dialoge über Kultur und der Dialoge zwischen den Kulturen.
Wenn wir von Globalisierung oder von Überlebensstrategien sprechen, müssen wir die Gefahren und Risiken kennen, die Ängste der Menschen und wie wir den Ängsten der Menschen begegnen können.
Alle diese Bilder befinden sich in einem ständigen Prozess der Bestätigung durch die Realität. Dies dürfen wir nicht vergessen. Unsere Ideen, Wertvorstellungen und Wünsche sind Teil des globalen Wettbewerbs; sie sind ebenfalls in der Charta der Vereinten Nationen verankert. Wenn erst einmal die Bedeutung einer dialogorientierten Auswärtigen Kulturpolitik erkannt ist, haben wir die Chance für eine neue sicherheitspolitische Qualität in der allgemeinen Außenpolitik.
Lassen Sie mich deshalb mit einem weiteren Zitat schließen:
„Um etwas langfristig zu verändern, muß man lernen, falls es notwendig ist, kurzfristig zu verzichten. Wenn man begonnen hat, konkret etwas gegen die Gefahr zu unternehmen, wird man mit mehr Zuversicht der Zukunft entgegen sehen können.“
Mit diesen Worten des Dalai Lama bedanke ich mich für Ihre Aufmerksamkeit.
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