ÜBERSICHT: Berliner Themen > Reden und Vorträge

Reden und Vorträge
11. November 2002
 

Seite 1/1

Statement für Pressekonferenz „LernWelten“
Bildung ist unser Reichtum

Die Bildungspolitik ist in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. PISA hat gezeigt, wo wir stehen. Gute Ausbildung und Bildung ist so wichtig wie die Luft zum Atmen. Wir brauchen deshalb die besten Bildungschancen, die in Deutschland möglich sind. Die Förderung muss schon in der Grundschule bzw. im Kindergarten anfangen, wenn unsere Kinder gut an den Hochschulen ankommen wollen. Junge Fachkräfte und Akademiker sind unerläßlich, wenn wir an der Spitze bleiben wollen.

Die Bundesregierung hat deshalb die Weichen gestellt; ich umreiße nur kurz, was in der Zukunft passieren wird und was schon passiert ist:

•  Das JUMP-Programm hat bis heute bereits rund 400.000 jungen Leuten zu Ausbildungs- bzw. Arbeitsplätzen verholfen.
•  Es werden 10.000 neue Ganztagsschulen mit 4 Milliarden Euro gefördert. Dafür sind auch neue pädagogische Konzepte erforderlich (= individuelle Förderung und soziales Lernen).
•  Wir brauchen nationale Bildungsstandards, die in allen Bundesländern verbindlich sind. Die Kinder müssen unabhängig vom Wohnort die gleichen Chancen haben.
•  Diese Bildungsstandards müssen regelmäßig von einer nationalen Evaluationseinrichtung überprüft werden. Erfolgreiche PISA-Ländern tun dies bereits.
•  Es muss eine nationale Bildungsberichterstattung etabliert werden.

Der Weg ist bereits beschritten, aber er ist noch weit. Das Bildungssystem läßt sich weder in kurzer Zeit noch durch Verwaltungsakte oder Gesetze kurzfristig ändern. Deshalb sind Initiativen wie die Harburger LernWelten nicht nur wichtig, sondern geradezu unerläßlich. Es gilt, das sich für ein besseres Bildungssystem und bessere Chancen für unsere Kinder die Menschen ändern müssen. Nur wenn sich die Einstellungen gegenüber tradierten Modellen der Arbeitswelt verändern, können wir etwas erreichen. Eltern und Lehrer müssen zu Neuem bereit sein, die Politik wird sie dabei unterstützen.

Gerade unser Landkreis Harburg braucht dieses tatkräftige Engagement der Wirtschaft, der verschiedenen Einzelpersonen und der Verwaltung. Nur wenn hier alle an einem Strang ziehen, wird sich etwas ändern. Sie alle kennen die Situation im Landkreis, z.B. sind die Qualifizierungs- und Weiterbildungsangebote nicht sehr ausgeprägt und wenig koordiniert. Das wird sich ändern müssen, denn die Berufsbildung ist und bleibt das Herzstück aller Bemühungen.

Deshalb müssen wir nicht nur über bessere Vernetzung nachdenken, sondern beispielsweise auch darüber, wie wir die unterschiedlichen Lebenslagen, in denen Menschen sich befinden, besser berücksichtigen können. Es bietet sich beispielsweise an, ein System von Qualifizierungsbausteinen zu etablieren, an dessen Ende eine komplette Berufsausbildung oder wenigstens Teilqualifizierungen stehen.

Besonders betroffen von der gegenwärtigen Arbeitsmarktsituation sind Frauen und Familien. Ich möchte darauf etwas näher eingehen, weil mir das Problem der Frauenarbeitslosigkeit und der gleichzeitigen hohen Qualifizierung vieler Frauen besonders am Herzen liegt.

Die aktuellen Vorschläge der Hartz-Kommission sind hier ein Durchbruch zur deutlichen Senkung der Frauenarbeitslosigkeit. Denn das Reformkonzept erkennt die große Bedeutung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei der Vermittlung arbeitsloser Mütter an. Vor allem viele allein Erziehende haben das Problem, keine Arbeit oder Fortbildung aufnehmen zu können, weil die entsprechende Kinderbetreuung fehlt.

Deshalb wird es Aufgabe der JobCenter sein, bei der Beschaffung beispielsweise von Kindertagesstättenplätzen zu helfen. Um eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erreichen, werden die finanziellen Mittel gebündelt. Die JobCenter können so gemeinsam mit Kommunen, Trägern, Privatinitiativen oder Unternehmen zusätzliche Betreuungskapazitäten schaffen.

Hintergrund dieser Erweiterung der Aufgaben des Arbeitsamtes ist die ganzheitliche Betrachtung des Arbeitslosen. Der Arbeitslose bekommt ein Gesicht, er ist nicht mehr anonym. Der einzelne Mensch und seine persönliche Lebenslage, hier die Verantwortung für Kinder, rücken in den Blickpunkt des Vermittlers.

Die Arbeitsvermittlung wird folglich auch familienfreundlich. Wer für Kinder sorgen muss, trägt besondere Verantwortung und bekommt deshalb bei der Vermittlung Vorrang. Bei gleicher Qualifikation werden Familienmüttern und -vätern eher Jobs angeboten als anderen Bewerbern.

Die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf leistet auch einen Beitrag zur Lösung des Fachkräftemangels. Denn die bestausgebildete Frauengeneration, die Deutschland je hatte, kann nur erwerbstätig sein, wenn es für den Nachwuchs genügend Kindertagesstätten und Ganztagsschulen gibt.

Die Hartz-Vorschläge sind modern, zeitgemäß und zukunftsorientiert. Denn wir wissen um die Bedeutung der Kinderbetreuung und Ganztagsschulen für die Bildungschancen der nachwachsenden Generation. Wir berücksichtigen den Wunsch der meisten jungen Menschen, Familie und Beruf zu vereinbaren. Wir wissen, wie wichtig es ist, dass Familien selbst für sich sorgen können. Und wir wissen um die Bedeutung der hochqualifizierten und motivierten Frauen für den Wirtschaftsstandort Deutschland.

All dies gilt natürlich auch für den Landkreis Harburg. In der Einladung für heute ist von einer Bildungsoffensive für den Landkreis die Rede. Neben dem, was ich bereits gesagt habe, scheint es mir besonders wichtig zu sein, dass zwischen Landkreis und Stadt Hamburg ein enges Netz der Kompetenzen geknüpft wird. Firmen könnten z.B. Aufträge zur Bearbeitung unternehmensspezifischer Probleme an Schulen und Universitäten geben. Schüler und Studenten werden so frühzeitig an die Praxis der Wirtschaft herangeführt. Wenn dies international verknüpft wird, werden die Einblicke in Bedingungen, Chancen und Risiken der Globalisierung sehr deutlich.

Es ist aber auch nötig, hier auch wieder besonders für Frauen, das Selbständigkeit gefördert wird. Das Hartz-Konzept bietet die erwähnten Anreize, es gibt auch spezielle Förderprogramme des Bundesbildungsministeriums, z.B. den Aufbau eines Service- und Informationszentrums „Existenzgründung von Frauen“.

Ich denke, es ist tatsächlich notwendig, offensiv mit den Problemen umzugehen und sie aktiv anzugehen. Die Harburger LernWelten zeigen bereits deutliche Ergebnisse aber eben auch Bedürfnisse und Notwendigkeiten. Das Wichtigste ist, das angesprochene Netz möglichst breit zu knüpfen und möglichst viel Kompetenz von allen Seiten einzubinden. Die regionale Wirtschaft und die hier lebenden Menschen haben es in die Hand genommen, dabei werde ich sie auch weiterhin unterstützen, wo ich kann.