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Anrede,
ich danke Ihnen und Euch sehr. Nicht nur, dass ich heute abend eingeladen wurde, um über Grenzen zu reden, sondern auch dafür, dass eben diese Initiative überhaupt ergriffen und gegründet wurde. Die SPD ist eben doch eine innovative Partei!
Es trifft sich, dass wir gerade jetzt auch in der Bundespolitik über genau die in der Begrüßung angesprochenen Themen breit diskutieren. Natürlich hat der 11. September des letzten Jahres hier eine Initialzündung verursacht. Virulent waren diese Themen aber schon immer.
Es ist ja tatsächlich so, dass wir immer und überall von Grenzen umgeben sind, sie schaffen oder erhalten. Das fängt natürlich im eigenen Kopf an und hört an Staatsgrenzen nicht auf. Ich finde deshalb diese Initiative nicht nur gut, sondern nötig, scheint sie mir doch geeignet zu sein, einen Prozess in Gang zu setzen. Diesen Prozeß möchte ich ein wenig unter die Lupe nehmen.
Es stellt sich zunächst die Frage, wo wir hin wollen. Ich glaube, es kann nicht darum gehen, das wir „grenzenlos“ werden wollen oder sollen. Grenzen sind notwendig bzw. einfach existent, jedenfalls dort, wo es um die Bildung von Identitäten geht. Gerade im Zeitalter der Globalisierung werden Identitäten immer wichtiger, es finden Rückbesinnungen statt, die mit Tradition, Sprache, Religion, d.h. mit Kultur im weitesten Sinne zu tun haben. Es ist gar nicht wünschenswert, Grenzen dieser Art aufheben zu wollen, da nur durch sie kulturelle Vielfalt, die vielbeschworene Diversität, erhalten werden kann. Wir dürfen deshalb auch nicht allzu idealistisch an dieses Thema heran gehen, denn ohne die gegenseitige Akzeptanz der Unterschiede und die Toleranz gegenüber Werten kann es auch keine Grenzüberwindung geben. Damit sage ich nicht, dass wir gewisse, manchmal auch vermeintliche, Werte tolerieren sollen. Es geht mir nicht um einen Werterelativismus. Wo Menschen- oder Freiheitsrechte missachtete werden, endet die Toleranz, eine Grenze muss gezogen werden. Schwierig wird dies aber da, wo gerade auf diesen Werten Identitäten aufgebaut werden. Wir können dies an der ganzen Debatte um die asiatischen Werte sehen. Hier wurde versucht, quasi anders herum Grenzen zu ziehen. Das Eigene wurde benutzt, um sich gegen das Andere abzugrenzen, mit dem Hinweis, das man sich doch bitte nicht einmischen solle. Wieder eine Grenze, diesmal unter dem Vorzeichen der kulturellen Abgrenzung und Eigenständigkeit.
Diese Beispiele könnte man unendlich fortführen. Die Frage ist, wie wir damit umgehen. Es kann, so finde ich, nur darum gehen, sich offen und ohne Vorurteile zu begegnen. Es kann nur versucht werden, einen Dialog in Gang zu bringen, der am Anfang wenigstens auf gegenseitiger Neugier, gepaart mit Toleranz, gegründet sein muß. Allein dieser Schritt ist schon schwierig genug. Vor allem seit den Anschlägen in den USA sehe ich viele Vorbehalte, die ja auch verständlich sind. Nur werden wir natürlich Fanatiker sowieso nicht erreichen können. Vielmehr muss es darum gehen, geeignete sogenannte Multiplikatoren zu erreichen, die eine ausreichende Wirkungsmöglichkeit in ihre jeweiligen Gesellschaften haben. Wir sollten uns also zunächst darum bemühen, die richtigen und geeigneten Menschen zu finden und in Dialogstrukturen einbinden. Diese Zielgruppendebatte wird im Moment in der auswärtigen Kulturpolitik geführt. Die Neupositionierung der Deutschen Welle beispielsweise fußt zu einem ganz entscheidenden Teil auf diesen Überlegungen. Aber auch die Programme des Auswärtigen Amtes zum Dialog mit den islamisch geprägten Ländern setzen hier an.
Diese Überlegungen und Maßnahmen, so wichtig sie sind, sollten aber nicht darüber hinweg täuschen, dass es nicht nur um den Islam allein gehen kann. Überall haben wir Konfliktherde, die nicht nur auf religiösen Ursachen beruhen. Ethnische Konflikte, Kämpfe um Wasser und nationalistisch geprägte Konflikte sind virulent oder in der heißen Phase und sind natürlich nicht weniger gefährlich als religiös motivierte Anschläge. Israel und Palästina sind da nur die Speerspitze, hier geht es um eine brisante Gemengelage, die alle angesprochenen Aspekte besitzt.
Wenn wir nun davon ausgehen, dass jeder Konflikt auch mit kulturellen Abgrenzungen zu tun hat, so sehe ich hier einen Ansatz, mit kulturellen Maßnahmen wie auch immer einzugreifen. Ich denke hier vor allem an präventive Maßnahmen. Da gibt es eine breite Diskussion, bei der es darum geht, wie mit Kultur gegen Krisen vorzugehen sei. Es geht also letztendlich um die Frage, wie man Grenzen überwinden kann, die es bisher verhindert haben, Auseinandersetzungen oder Begegnungen möglich zu machen. Der weiche Faktor „Kultur“ wird zu einem harten Faktor in der Sicherheitspolitik und geht damit über die bisherige Auswärtige Kulturpolitik hinaus. Wir müssen also die Überwindung kultureller Differenzen, nicht im Sinne einer Homogenisierung, sondern im Sinne der Verständigung über Werte, Ideen, Normen etc. leisten, um in Zukunft tragfähige Politiknetzwerke in den internationalen Beziehungen zu haben. Die klassische Diplomatie wird davon nur noch ein Teil sein.
Die Frage der Abgrenzungen oder der Grenzen und ihren Funktionen ist damit nicht obsolet. Ich möchte hier nochmals betonen, das kulturelle Vielfalt auf jeden Fall wünschenswert ist. Nur darf man nicht denen folgen, die glauben, dass es so etwas wie eine überlegene oder einzigartige Kultur gibt. Diese Art von Grenzziehung kann nur negative Folgen haben. Wenn wir also Grenzen weiterhin brauchen, dann kann es nur darum gehen, diese positiv zu besetzen und sie produktiv und kreativ zu nutzen. Vor allem muss man sie aber anerkennen. Ich denke, das ist der Anfang des oben beschriebenen Prozesses.
Wenn wir davon ausgehen, dass die Globalisierung auch eine kulturelle Komponente hat, es also auch darum geht, ob kulturelle Vereinheitlichungsprozesse zu befürchten sind, dann müssen wir an den damit einher gehenden Ängsten ansetzen. Ich habe dies an anderer Stelle „McDonaldisierung“ genannt. Wir müssen deutlich machen, dass gewalttätige Reaktionen darauf nicht nur irrational sind, sondern uns tatsächlich dazu herausfordern, auch dort anzusetzen, wo diese Reaktionen entstehen. Das bedeutet auch, dass wir bei uns selber nachforschen, ob wir – bewußt oder unbewußt – Abgrenzungen geschaffen haben, die bei anderen dazu führen, in nicht mehr nachvollziehbarer Weise zu reagieren.
Sie sehen: die Debatte über Brücken oder Grenzen, und sei sie auch nur auch einen einzigen Bereich wie den der Kultur beschränkt, wirft schon so viele Fragen auf, das eine Veranstaltung wie heute nur den Anschub zu einer Debatte geben kann. Das ist aber schon viel und ist vor allem auch dringend nötig. Ich gehe fest davon aus, das Kultur und Kulturpolitik in Zukunft eine viel stärkere Rolle in der Politik spielen müssen, als dies bisher der Fall war.
Zum Schluß noch ein entscheidender Punkt: Ich hoffe, ich habe mit meinen wenigen Beispiele auch deutlich machen können, dass in die Kulturarbeit, national und international, mehr als bisher investiert werden muss. Vor allem sollte sich die Sichtweise ändern. Bisher werden Investitionen in die Kultur als konsumptive Ausgaben gesehen. Das heißt, ihnen wird ein eher kurzfristiger Charakter zugeschrieben. Ich sehe aber, das solche Investitionen
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