|
Meine Damen und Herren,
wenn Pop und Politik sich treffen, dann liegen dazwischen scheinbar die viel zitierten Welten, die fremden Sprachen, der ganz andere Alltag.
Wenn ich hier heute die Prinzen treffe, dann stehen mir als Bundespolitikerin nicht nur erfolgreiche Künstler gegenüber, die mit stets kritischen Anmerkungen den Weg in die Hitparaden schafften - dann treffe ich hier auch auf Leipzig und die berühmte 89er Wende, auf Pop aus dem Osten, der den Westen erreichte und begeisterte, auf die Biografien von fünf gesangsstarken Musikern, die zwei politische Systeme in Deutschland erlebten und daher mit all ihrem Wirken auch eine grosse Symbolkraft mitbringen, die für den weiteren Weg der Berliner Republik nicht unwichtig ist.
In grauer Vorzeit, in den Thomaner- und Kruzianer-Chören, fanden sie eine solide Ausbildung ihrer Stimmen, was sie direkt zum a-Cappella-Pop führte und weshalb man sie heute oft als die am besten ausgebildete Band der deutschen Popkultur bezeichnet.
Die Prinzen sind experimentierfreudig und gekennzeichnet durch ihren ständigen Soundwandel - mal sind Techno-Elemente mal Gitarrenrock oder Punk-Einflüsse zu hören - trotzdem bleibt ihr Sound unverwechselbar; die Fundamente ihrer Musik sind der a-Capella Gesang und ihre kritisch-frechen Texte. Sie haben erkannt, dass auch das grösser gewordene Deutschland nicht perfekt ist und der Beobachtung bedarf.
Wenn die Prinzen hier heute geehrt und mit einem „Meilenstein“ auf dem geplanten „Walk of Fame“ des deutschen rock'n'popmuseums bedacht werden, dann steht hierbei auch ein Song im Vordergrund, dessen Zeilen in bester Prinzen-Tradition Situationen reflektiert, die man als Alltag bezeichnen könnte. Das „Deutschland“-Lied der Prinzen ließ selten deutlich erkennen, dass hier keine Moralisierer am Werk sind – wer sich so über Eigenschaften wie Doppelmoral, Intoleranz und eine gewisse Grossmannssucht aufregt, der bringt öffentlichkeitswirksam aufs Parkett, was andere resignieren oder wegsehen lässt. Man muss hier gar nicht einer Meinung mit ihnen sein, aber was wäre unsere Kultur ohne solch gekonnte Provokationen ... ?!
Das garstige Lied über „Deutschland“ war wie immer ein Erfolg, aber was für einer. Überall regte man sich über die vermeintlichen „Nestbeschmutzer“ auf und übersah eine Kontinuität, die viel mit der Geschichte der deutschen Jugendkulturen der Nachkriegszeit zu tun hat. Mit derartigen Liedern erobern deutsche Künstler seit vielen Jahren die eigene Sprache zurück, greifen an, was sie als verlogen, unecht und aufgesetzt vorfinden, eine Kontinuität, die auch bis zu meiner Generation zurückreicht, als es in den Phasen nach dem legendären Jahr 1968 zwei Jahrzehnte lang gegen Obrigkeit, Spießigkeit und das böse, böse Establishment ging. Wie erfolgreich solche Auflehnung ist bzw. war, darüber scheiden sich die Geister, auch wird der Mensch bekanntlich von Jahr zu Jahr etwas gelassener und erträgt mehr.
Wenn dann also jetzt Künstler wie die Prinzen nachgerückt sind und wieder für heilige Unruhe sorgen, dann ist das gelebte Demokratie, dann sind sie schon so lange hier, dass sie uns genüsslich an unsere Schwachstellen erinnern, die viele längst nicht mehr stören, weil sie sich einem „Business as usual“ unterworfen haben.
Ich sprach von der Kontinuität der Jugendkulturen, in ihnen wird ein anderes Leben gelebt und entworfen, wird die Zukunft erprobt. Beeindruckend daran ist vor allem, dass das für uns alle tolle Songs abwirft, dass aus Unzufriedenheit Hits und Kulte entstehen, dass in den jeweiligen Subkulturen unglaubliche Kreativität freigesetzt wird und hier Möglichkeiten genutzt werden, die morgen schon Mode und Übermorgen neuer Standard auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen sein können. Pop ist also auch stets die nötige Avantgarde, die eine Kultur für ihre Weiterentwicklung und Rezeption benötigt, will sie nicht in unbedeutender Nostalgie vergreisen und sich rückwärtsgewandt aus der Gegenwart und der Zukunft verabschieden.
Und hier kommt auch die Bundespolitik zu ihrer Rolle. Die Förderung der Rock- und Popmusik in Deutschland ist einerseits breit gestreut; andererseits werden die Bemühungen stärker, gezielter und organisierter zu fördern. Wir wollen ein Deutsches Musikbüro, dessen Aufgabe es sein kann, gezielt Rock- und Popmusik zu vermitteln, und zwar einschließlich des Verkaufs von in Deutschland produzierter Musik. Es geht auch darum, analog zur Filmförderung ein Fördermodell für Rock- und Popmusik zu entwickeln, mit dem die Musikbranche unter kultur- und wirtschaftspolitischen Aspekten gefördert werden kann.
Ich hoffe, dass wir es gemeinsam schaffen, noch 2003 ein Deutsches Musikexportbüro aus der Taufe zu heben, das die internationalen Marktchancen deutscher Rock- und Popmusik tatsächlich befördert. Es haben auch bereits Gespräche stattgefunden, wie sich die deutsche Musikwirtschaft international besser auf Messen präsentieren könnte. Auch das ist eine hervorragende Aufgabe für das Deutsche Musikbüro, dessen finanzielle Ausstattung auch entsprechend sein müßte.
Dazu kommt, dass deutsche Popmusik in den heimischen Medien zwar natürlich präsent ist, aber eine weitere Stärkung der Präsenz in den Medien kann sicher nicht schaden. Die Regierung sondiert hier bereits mit den Ländern, da diese für den Rundfunk zuständig sind. Erste Gespräche haben vor knapp einem Monat stattgefunden.
Wir werden uns aber auch um einen verbesserten und verstärkten Musikunterricht in den Schulen kümmern müssen. Das neue Programm der Regierung für die Ganztagsschulen in Höhe von vier Milliarden Euro kann hier helfen, die Integration von kultureller Bildung und Kunst in den Unterricht zu befördern, aber auch die Musikwirtschaft, und insbesondere die Noten und Instrumenteproduzenten müssen hier beitragen, wollen sie ihre Kunden von morgen generieren.
Natürlich ist aber die Musikförderung Ländersache und der Bund kann nur begleitend und komplementär in dieses Geschäft einsteigen, da immer die Länderinteressen berücksichtigt werden müssen.
Wir erleben hier heute, wie ein Popmuseum in seiner Gründungsphase das einzig Richtige tut: Musik und Musiker in den Vordergrund stellen, das Medium Pop konsequent nutzen und hier eine Anlaufstelle für heiße Diskurse und Kontroversen, für Begegnungen und Würdigung unserer eigenen Musikkultur zu schaffen, was wirklich einmalig ist und jede Unterstützung wert ist.
Ich möchte daher den Machern des rock'n'popmuseums herzlich für ihr kulturelles Engagement danken und ihnen bei der Umsetzung des anspruchsvollen Vorhabens viel Erfolg wünschen. Ich möchte auch den Prinzen danken. Ganz schlicht für ihre Songs. Ich wünsche ihnen auf ihrer aktuellen Tournee viel Applaus und ihnen und uns noch viele großartige Hits.
Vielen Dank.
|