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Reden und Vorträge
26. Juni 2003
 

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Plenarrede zum Antrag „50 Jahre Deutsche Welle...“

Anrede,

am 3. Mai jährte sich die Gründung der Deutschen Welle zum fünfzigsten Mal. In diesen Tagen wird viel über die Welle berichtet, die ansonsten in der Öffentlichkeit ein eher unbeachtetes Dasein fristet. Und seit 1998 debattieren wir darüber, in welcher Form das Gesetz der Deutschen Welle reformiert werden soll oder muß. Heute steht der Sender als Auslandsrundfunk vor neuen Herausforderungen und er ist kurz davor - mit dem Umzug in das neue Funkhaus in Bonn - zum technisch modernsten Sender Europas zu werden. Beides zusammen hebt die Welle aus der Landschaft des Rundfunks heraus, gleichzeitig bedarf es der Neuregulierung.

Ich möchte aber der Welle heute zunächst einmal für die geleistete Arbeit in den vergangenen fünfzig Jahren danken. Sie hat in dieser Zeit sehr viel dazu beigetragen, das Bild Deutschlands im Ausland positiv zu prägen. Die Arbeit des Intendanten und aller seiner rund 1500 Mitarbeiter aus der ganzen Welt trägt täglich dazu bei, zu verschiedenen Zeiten in rund 30 verschiedenen Sprachen die Welt mit Informationen aus und über Deutschland zu versorgen und in vielen Gebieten auch dafür zu sorgen, dass die Menschen etwas über ihre eigene Region erfahren. Sie helfen in Afghanistan, um einen Fernsehsender aufzubauen, im Kosovo wurden Familien zusammen geführt und die Informationsfreiheit in vielen Ländern wird durch die Programme der Welle erfüllt.

1953 startete die Welle mit dem guten Wunsch von Theodor Heuss, zur „Entkrampfung“ der deutschen Außenbeziehungen beizutragen. Dies ist gelungen. Schon 1959 kommen zur Erfüllung dieses Wunsches arabische Radioprogramme dazu und in den sechziger Jahren wird das Angebot um mehr als 20 Sprachen erweitert.

1966 fängt die Welle an, Rundfunkfachkräfte aus Entwicklungsländern auszubilden, die heute zum Teil als Botschafter, Intendanten oder Minister in ihren Ländern arbeiten.

Während der Regierungskrisen in der Tschechoslowakei und in Griechenland 1968 und 1969 bestand die Deutsche Welle ihre erste Bewährungsprobe als Krisenrundfunk, was bis heute den guten Ruf des Senders als freies Informationsmedium in Krisen und Konflikten gegründet hat und seine Fortsetzung in Ruanda und im ehemaligen Jugoslawien ebenso gefunden hat wie in Afghanistan. Hier ist sie als einziger Auslandssender beauftragt, das dortige Fernsehen programmlich wieder aufzubauen. Darüber hinaus produziert die Deutsche Welle eine tägliche Nachrichtensendung in den Landessprachen Dari und Paschtu für Kabul, Kandahar, Djalalabad und andere Probvinzen sowie ein Programmfenster in Arabisch für die arabischen Staaten.

Die Welle engagiert sich außerdem in Zusammenarbeit mit Cap Anamur bei der Aktion „100 Klassenzimmer für Afghanistan“, die sie medial begleitet und für die sie die Spenden über das Internet akquiriert.

Sicher, es gab und gibt viele Debatten über Sinn oder Unsinn der Welle, über ihr Programm und über ihre Zielgruppen. Diese Debatten sind notwendig. Ohne sie kann die Welle nicht das leisten, was sie leisten soll. In den letzten Jahren hat sie sich zu einem modernen Sender entwickelt, der in der sogenannten „medialen Außenrepräsentanz“ der Bundesrepublik eine entscheidende Rolle spielt. Dieser Begriff besagt allerdings nicht allzu viel, so dass es nun darum geht, der Welle eine zeitgemäße Basis zu geben, die den Herausforderungen der internationalen Politik und vor allem der internationalen Kulturbeziehungen gerecht werden kann. Vor allem der Programmauftrag des Deutsche-Welle-Gesetzes muß darauf ausgerichtet und konkretisiert werden.

Die Welle ist heute ein modernes Medium, das bestens dazu geeignet ist, eine Plattform des kulturellen Austausches zu sein. Hier - wie in der auswärtigen Kulturpolitik im allgemeinen – wollen wir erreichen, dass der Sender mit seinen drei Säulen - nämlich Fernsehen, Hörfunk und Internet – dazu beiträgt, die Zweibahnstraße des Kulturaustausches zu begehen.

Allein durch ihre Kooperationen mit europäischen Auslandssender hat die Welle bereits gezeigt, das sie dazu bestens gerüstet ist. So wird sie zusammen mit Radio France International am heutigen Tag in Paris mit dem Deutsch-Französischen Journalistenpreis 2003 in der Kategorie Hörfunk für die Produktion einer CD zum 40jährigen Jubiläum des Elysée-Vertrages ausgezeichnet.

Die Kooperation mit dem Goethe Institut zur Entwicklung und Verbreitung von Deutschkursen über das Internet ist ein anderes Beispiel für erfolgreiche Kooperationen in der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik.

Das alles sind Bausteine, die helfen, dass die Welle nicht mehr nur ein reiner Nachrichtensender ist, sondern dazu beiträgt, im Austausch mit den Hörern, Zuschauern oder Online-Nutzern, ein Forum des Dialogs in, über und mit Deutschland zu sein. So erfahren wir die Ansichten der Anderen und gleichzeitig können wir im Dialog unsere Sichtweisen mitteilen und darstellen. So stelle ich mir einen modernen Auslandsrundfunk vor, der eben nicht mehr ein reines Transportmittel für „...deutsche Auffassungen zu wichtigen Fragen...“ (so §4 DW-Gesetz) ist. Die globale Präsenz der Welle trägt dazu bei, kulturelle Brücken zwischen Deutschland und der Welt zu bauen.

Unkenntnis ist immer der Grund für Vorurteile, Hass und Intoleranz. Sie machen Verständigung unmöglich. Wir brauchen die geistig-kulturelle Verständigung und den Austausch, weil nur sie das Interesse aneinander wecken können. Das wiederum ist Basis nicht nur für besseres Verständnis, sondern auch für wirtschaftliches Handeln. Wenn das Bild Deutschlands nicht nur von der Vergangenheit, sondern von von dem, was heute passiert, bestimmt ist, dann haben wir die Chance, ein zeitgemäßes, der Lebenswirklichkeit nahe kommendes Image zu etablieren.

Denn selbst in uns nahestehenden Ländern wie den USA oder Frankreich ist das Bild und das Wissen übereinander manchmal erschreckend lückenhaft. Nach einer kürzlich erschienenen Studie des Deutsch-Französischen Jugendwerkes haben ausgerechnet Jugendliche, und zwar auf beiden Seiten, starke Klischeebilder vom jeweils anderen Land. Und das, obwohl seit 1963 ca. sieben Millionen Jugendliche am deutsch-französischen Jugendaustausch teilgenommen haben. Interessant ist dabei, dass beide Seiten die Beziehungen für „gut“ bis „sehr gut“ halten, ihr Wissen übereinander aber tatsächlich aus Stereotypen, wie „Baguette“, Eiffelturm“ und „Käse“ auf deutscher Seite und „Zweiter Weltkrieg“, „deutsche Automarken“ und „Deutsche Küche“ auf französischer Seite zu bestehen scheint.

Es ist klar, das hier noch gearbeitet werden muß. Deshalb wollen wir u.a. erreichen, dass die Präsenz der Welle in den Telemedien gesetzlich abgesichert wird, um so ein sicheres drittes Standbein zu schaffen. Das Internet stellt heute sowohl in der Erreichung bestimmter Zielgruppen als auch in der Verbreitung das wichtigste Medium dar, um schnell, umfassend und aktuell zu informieren und Politik zu vermitteln.

Gleichzeitig ist es aber das geeignete Medium für gezielte Interaktion. Mit Radio und Fernsehen läßt sich dies nicht erreichen.

Und auch für die Verstärkung der krisenpräventiven Arbeit ist nicht nur der Hörfunk von Bedeutung, sondern das Internet wird immer mehr dazu genutzt werden können, um direkten Austausch zu praktizieren und damit die Kommunikationsfähigkeiten in Krisen zu erhöhen. Deshalb muß die Welle diese Instrumente schärfen, um ihren Ruf als „ehrlicher Makler“ zu festigen. Dies dient auch dem positiven Bild Deutschlands in der Welt.

Von entscheidender Bedeutung für die zukünftige Arbeit der Welle wird eine engere Zusammenarbeit mit den Verfassungsorganen sein. Leider war es bisher so, dass die Zuleitung der jährlichen Aufgabenplanung an den Bundestag quasi Anfangs- und zugleich Endpunkt der Zusammenarbeit darstellte. Damit waren die Formalien erfüllt.

Wir wollen zukünftig einen transparenten Prozeß, der es Welle in einer Art Selbstevaluation ermöglicht, in Konsultationen mit Bundestag, Bundesregierung und Öffentlichkeit über Zielgruppen, Aufgabenplanung, Sendegebiete und Vertriebswege zunächst selbst zu bestimmen und dann in einem offenen Prozeß zu justieren.

Das Parlament bekommt so die Möglichkeit, sich intensiver als bisher mit der Arbeit der Welle auseinanderzusetzen. Die Welle andererseits kann sich in einem regelmäßigen Konsultationsprozeß in die politische Diskussion „einklinken“. Dieser Prozeß soll offen und transparent gestaltet werden, damit diesbezügliche Lücken im Gesetz geschlossen werden.

Die Deutsche Welle soll sich darüber hinaus weiterhin für die Verbreitung von Deutsch-Sprachkursen engagieren, wie sie das bisher schon in Eigenregie und in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut tut. Die Welle bleibt natürlich ein deutscher Auslandssender, auch wenn wir die Anteile und Möglichkeiten zum interkulturellen Austausch stark erhöhen wollen.

Die Deutsche Welle soll und wird alle notwendigen Mittel bekommen, das Parlament wird ihre Arbeit weiter wohlwollend begleiten, aber auch stärker als bisher in die politische Diskussion mit dem Sender einsteigen. Wir brauchen mehr denn je einen leistungsfähigen Auslandsrundfunk, dessen Aufgaben sicher nicht weniger, sondern angesichts vielgestaltiger Krisen eher zunehmen werden. Die Vermittlung von Demokratie und Menschenrechten und vor allem ihre praktische Umsetzung in der täglichen medialen Arbeit der „kleinen UNO“, ist für die „mediale Außenrepräsentanz“ und die auswärtige Kulturpolitik unverzichtbar. Dazu gehört, auch die technischen Entwicklungen genau zu beobachten und in die Arbeit einzubeziehen. Ich glaube, wir werden beispielsweise sehr bald darüber nachdenken müssen, welche Möglichkeiten interaktives Fernsehen für unsere internationalen Kulturbeziehungen bieten könnte.

Für diese und andere Entwicklungen brauchen wir einen modernen, leistungsfähigen Auslandsrundfunk. Ich wünsche der Welle deshalb nochmals alles Gute und viel Erfolg auch in der Zukunft!