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Reden und Vorträge
4. Oktober 2003
 

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Fachpolitisches Geburtstagsstatement zum Festakt anlässlich des Jubiläumskongresses der Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung
am 4. Oktober 2003 in Remscheid
<Anrede>

ich bin der Bitte der BKJ, ein „fachpolitisches Geburtstagsstatement“ zu halten, sehr gerne nachgekommen.

Lassen Sie mich also zunächst an dieser Stelle, Ihnen, der Bundesvereinigung kulturelle Jugendbildung, ausdrücklich und ganz herzlich danken für Ihre wichtige und unverzichtbare Arbeit, die Sie in den zurückliegenden vier Jahrzehnten mit großem Erfolg geleistet haben und die Sie auch in Zukunft weiter leisten werden.

Gerade als gelernte Mathematikerin weiß ich, wie wichtig es ist, in unserer heutigen Zeit den Blick dafür zu schärfen, dass der Wert kultureller Kinder- und Jugendbildung von ganz erheblicher Bedeutung für unsere Gesellschaft ist.

Ich sehe in aller Deutlichkeit, dass Kulturelle Bildung das notwendige Komplement zur kognitiven Bildung ist. Erfolgreiche Pädagogik und Didaktik kommen ohne den Wert kultureller Kinder- und Jugendbildung nicht aus. Kulturelle Bildung ist das Desiderat einer erfolgreichen, umfassenden Persönlichkeitsbildung.

Sie ist nach meiner Überzeugung unverzichtbar für die Entwicklung sozialer Kompetenz, für die humane Dimension des Zusammenlebens und für das Interesse an geistigen und kulturellen Dingen, gleichzeitig aber ebenso für die Entwicklung allgemeiner Lernfähigkeit und damit auch für die Verbesserung kognitiver Fähigkeiten.

Diese doppelte Bedeutung der kulturellen Bildung belegt eindrucksvoll und ganz aktuell die bekannte „Berlin-Studie“ von Professor Bastian, die zwischen 1992 und 1998 an Berliner Grundschulen mit musikbetonten Zügen (zweistündiger Musikunterricht, Erlernen eines Instruments, Musizieren in Ensembles) und an zwei Vergleichsschulen mit konventionellem einstündigen Musikunterricht durchgeführt wurde. Musizieren unterstützt nachweislich die Entwicklung von Gemeinschaftsgefühl, Konfliktabbau, Kooperationsbereitschaft und Toleranz, und ebenso die kognitive Entwicklung.

Ich halte darüber hinaus kulturelle Kinder- und Jugendbildung für die adäquate Form für das, was man früher gerne die ästhetischen Bildung nannte, und die ästhetische Bildung für gleichbedeutend mit der pädagogischen Hinführung zu einem ästhetischen Urteilsvermögen. Und ästhetisches Urteilsvermögen ist Bedingung für die humane Entfaltung der Sinne bei jungen Menschen.

Wir legen damit in den Heranwachsenden die Grundlage für die Verwirklichung Ihres schönen und ebenso richtigen Slogans, den Sie diesem Kongress vorangestellt haben: „Kultur öffnet Welten“.

Der frühere Kulturstaatsminister Nida-Rümelin erklärte in seinem Eröffnungsvortrag beim 18. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft im vergangenen Jahr, wie ich finde zutreffend:

„Von besonderer Bedeutung ist der Bereich der ästhetischen Bildung. Mit Ästhetik meine ich nicht nur das Schöne im modernen Sinn, sondern den ursprünglichen Wortsinn der „Aisthesis“, die Dimension unseres Lebens also, in der wir Bezug nehmen auf Dinge, die uns durch Empfindungen und Wahrnehmungen zugänglich sind. Die kognitive Schlagseite unseres Bildungswesens drängt die musische Bildung an den Rand. (...) Es muss uns darum gehen, eine Balance herzustellen zwischen Sinnlichkeit und der Fähigkeit, Gründe abzuwägen und Urteile zu fällen.“

Ich finde das recht bemerkenswert, auch deshalb, weil Nida-Rümelin auf den ursprünglichen Wortsinn von Ästhetik hinweist und nicht dort stehen bleibt, wo ich als Kulturpolitikerin skeptisch geworden wäre, nämlich bei der Tradition Friedrich Schillers und Herders. Wir würden heute kaum noch die Überzeugung teilen wollen, dass der Mensch nur über die ästhetische Erziehung zu wahrer menschlicher Reife und Freiheit gelangen würde.

Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden. Vieles aus Schillers berühmten 27 Briefen „Über die ästhetische Erziehung“ ist auch heute für Kulturpolitiker bedenkenswert.

Denken Sie an seine Analyse von der Selbstentfremdung des Menschen, die bis zu Ludwig Markuses „Eindimensionalen Menschen“ gereicht hat oder an seine Idee vom Spiel und letztlich der Kunst als Ort der sogenannten „Leichtigkeit“, also frei von inneren und äußeren Zwängen.

Ganz nahe ist er uns sicherlich, wenn er etwa die „Aufhebung der Trennung von Kopf und Herz“ fordert.

Aber gut zweihundert Jahre nach Schiller nehmen wir mit Adorno, um einen weiteren bedeutenden Geburtstag ins Gespräch zu bringen, Abstand von jeder Propagierung einer musischen „Heilsganzheit“, die als Lösung zur Überwindung der Entfremdung des modernen Menschen von seinen natürlichen Lebensgrundlagen gedacht wird.

Außerdem zeigt die Überbetonung des organischen Gemeinschaftsbegriffs in der musischen Bildung, also in Schillers und Herders Konzeption der ästhetischen Erziehung, eine befremdliche Nähe zu totalitär gefärbten Gesellschaftsentwürfen.

Wenn wir heute dagegen von kultureller Bildung sprechen, dann beinhaltet das den Hinweis auf die Förderung von Möglichkeiten und Ressourcen, die in den Wissenschaften, insbesondere in den Naturwissenschaften und in der Mathematik, nicht oder nur in geringem Maße zur Verfügung stehen.

Wenn heute aber nach PISA von Bildung gesprochen wird, dann wird nach meiner Auffassung leider zu sehr von Basiskompetenzen und mathematisch-naturwisschaftlicher Grundbildung gesprochen. Beides halte ich für gleichermaßen wichtig, aber Bildung meint mehr.

Als Kulturpolitikerin fordere ich von Bildung mehr als die Befähigung des Einzelnen zu einem Beruf. Sie muss auch zur Persönlichkeits- und Identitätsbildung beitragen.

Und hier macht es durchaus Sinn, die Tradition des Humanismus, und zwar des Neuhumanismus des 19. Jahrhunderts, nicht aus dem Blick zu verlieren.

Wir sprechen dann nämlich von dem wesentlichen Ziel der Humboldtschen Bildungsreform, die den Menschen befähigen sollte, sich selbst zu werden, also autonom zu werden.

An die Stelle des Primats der Verwertbarkeit des Wissens trat das Ideal der Persönlichkeitsbildung. Leider wurde, wie die Geschichte gezeigt hat, dieser bemerkenswerte Grundgedanke konterkariert, weil die politische Rückständigkeit Deutschlands damit nicht Schritt halten konnte.

Mit dem ersten Weltkrieg, am Ende des 19. Jahrhunderts, kam der erste bedeutende Einschnitt, durch den der Grundgedanke dieser Bildungsreform abseitig wurde, und mit dem zweiten Weltkrieg und der Ermordung und Vertreibung der jüdischen, kritischen Intelligenz in Deutschland trat ein weiterer Verlust an intellektueller Substanz ein, von dem sich die Bundesrepublik bis heute nicht völlig erholt hat.

Es kamen dann die Aufbaujahre und die Dominanz der ökonomischen Aspekte, denken Sie an Pichts Wort von der deutschen Bildungskatastrophe, und schließlich die Bildungsdebatte der 68er, die vornehmlich – und zu Recht – unter der Leitidee der Partizipation stand.

Es ist dennoch unübersehbar, dass seither und erst recht in der Zeit der ihnaltlichen Erstarrung des bundesdeutschen Bildungswesens seit den 70er Jahren, eine Hinwendung zur Debatte oder gar Verständigung über kulturelle Leitideen, die dem Humboldtschen Grundgedanken entsprechen, nicht mehr erfolgte.

Die Bildungspraxis darf sich aber nicht ausschließlich an den Erfordernissen der Wirtschafts- und Sozialpolitik ausrichten. Sie muss vielmehr wieder die grundlegende Dimension der Kultur in den Blick bekommen.

Dazu gehört zum Beispiel auch der Aspekt der gesellschaftlichen Interaktion und der Fähigkeit zum Dialog. Das gilt nach innen wie nach außen.

Wir sind auch auf dem Weg zu einem gemeinsamen Europa, dessen Reichtum gerade die Verschiedenheit von Menschen und Kulturen ausmacht. Dies zu leben muss gelernt werden, Identität, Vielfalt und Pluralismus müssen gelernt werden.

Damit schaffen wir zugleich das demokratische und zivilgesellschaftliche Fundament, das in jeder Generation neu gelegt werden muss, um ein bereicherndes Miteinander der Kulturen leben zu können. In den internationalen Kulturbeziehungen und in der auswärtigen Kulturpolitik sehen wir, wie wichtig ein von möglichst Vielen getragener, umfassender Dialog der Kulturen ist.

Ich glaube, dass die Schaffung umfassender Dialogstrukturen der einzige Weg ist, um im Sinne der Nachhaltigkeit auch für die Zukunft dauerhafte Beziehungen zu schaffen, auf die wir und diejenigen, die uns nachfolgen, in einem friedensstiftenden Sinne bauen können.

Wir werden dabei in Zukunft noch viel stärker auf die Wirksamkeit der „Zweibahnstraße“ des kulturellen Dialogs für Toleranz und gegenseitiges Verständnis setzen müssen. Diesen Dialog kann man in der kulturellen Kinder- und Jugendbildung vorbereiten und lernen, und mit den Mitteln der musikalischen Bildung überwindet man Grenzen. Musik kommt ohne Sprache aus.

Verständigung wird in einer globalisierten Welt und in einer komplexen Gesellschaft also zu einem zentralen Wert.

Dies aber wird nur zu leisten sein, wenn kulturelle Bildung zu einem integralen Bestandteil von Bildungsplanung wird, wenn Selbstbildung im Sinne der ursprünglichen humanistischen Bildungskonzeption wieder ernst genommen wird.

Und damit geht, wie ich meine, die Befähigung zur Selbstbestimmung einher, und die Schlüsselkompetenz auf den Weg dorthin ist die Fähigkeit zur Orientierung an den Grundlagen unserer Kultur.

Dann werden wir aber die Dimension der Ästhetik im ursprünglichen Sinn wieder ernst nehmen müssen.

Kulturelle Kinder- und Jugendbildung muss dann wieder die Dimension unseres Lebens erschließen, in der wir Bezug nehmen auf das, was durch Empfindung und Wahrnehmung zugänglich ist.

Und hier sehe ich eine ganz besondere Chance und Aufgabe der Ganztagsschule: nicht als ein Ort des Verwahrens, sondern im Sinne der kulturellen Kinder- und Jugendbildung eben diese Dimension qualifiziert zu verstärken und zu bilden.

Die gebildete Person ist die Einheit aus sinnlichen Vermögen und kognitiven Fähigkeiten.

Sie sprechen in Ihrer Einladung daher völlig zu Recht von der „Bedeutung künstlerisch-kreativer Lernarrangements zur Erweiterung und Qualifizierung von Bildungsprozessen“. Und Sie sprechen weiter ebenso völlig zu Recht von „neuen Wegen und Perspektiven für das bürgerschaftliche Engagement junger Menschen in der Kultur und von der Stärkung der Zivilgesellschaft durch die Kultur.“

Kulturelle Bildung ist nichts Luxurierendes, sondern, in ökonomischen Begriffen, eine Ressource ersten Ranges. Sie vermittelt Schlüsselqualifikationen für eine gelingende Lebensführung und unter den Bedingungen der gesellschaftlichen Modernisierung wird sie auch als Sinn- und Orientierungsangebot immer wichtiger.

Mit Ihrem Engagement für die kulturelle Kinder- und Jugendbildung schaffen Sie daher einen unverzichtbaren Beitrag für das Gelingen unserer Zivilgesellschaft, und Sie öffnen damit im wahrsten Sinne des Wortes Welten, in denen freie und selbstbestimmte Generationen ihren Platz haben.