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Reden und Vorträge
11. Oktober 2003
 

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„Die Bedeutung von Jugendherbergen und Umweltstudienplätzen für die Umwelterziehung“
Jubiläumsfeier Naturkundliches Museum Handeloh/Umweltstudienplatz Nordheide
Anrede,

das heutige Doppeljubiläum freut mich, weil es zeigt, dass das ehrenamtliche Engagement vieler Einzelner bzw. eines Verbandes zu etwas führt, was wirklich sinnvoll ist. Sinnvoll ist vor allem die Zusammenarbeit zwischen Jugendherberge und Museum hier in Handeloh.

Mir scheint, dass hier die traditionelle Nähe des 1909 gegründeten Jugendherbergswerkes zu Themen des Naturschutzes und des Naturerlebens ihre Fortsetzung – angepaßt an die heutige Zeit – gefunden hat.

Das Selbstverständnis des Deutschen Jugendherbergswerkes und seiner Häuser als internationale Begegnungsstätten, die einen professionellen pädagogischen Rahmen für außerschulische Bildung bieten, ist in Inzmühlen eindrücklich unter Beweis gestellt.

Einzelne Jugendherbergen haben dementsprechende Spezialisierungen, so haben sie z.B. Umweltstudienplätze eingerichtet. Das ist Ihnen allen nichts Neues, aber ich verweise nochmals darauf, weil es hier – und auch das möchte ich hervor heben – etwas Anderes gibt:

das „Handeloher Modell“ ist anders konzipiert als die anderen Umweltstudienplätze in den Jugendherbergen. Durch die Einbeziehung „externen Sachverstandes“ ist das Spektrum erweitert worden, die Vermittlung von Wissen steht im Fokus der Arbeit. Um das zu würdigen, reicht ein Blick ins Programm.

Der Umgang mit der Natur und das Wissen über sie werden zunehmend wichtiger. Auch ich kann in meinem Bereich eine „Verarmung“ bezogen auf biologische und ökologische Abläufe feststellen. Die Schulen können oftmals und aus vielen Gründen keine adäquaten Angebote machen; es bleibt immer mehr der Eigeninitiative überlassen.

Das finde ich einerseits gut, weil dadurch die Verantwortung der Eltern neu gefordert ist. Andererseits sind die „Gegenangebote“ so vielfältig und auch verführerisch, das es schwer ist, die Kinder, und auf sie kommt es in erster Linie an, zu motivieren.

Ich bin dennoch optimistisch, da beispielsweise mit dem neuen Programm für die Einrichtung von Ganztagsschulen die große Chance besteht, nicht nur im musischen Bereich, sondern auch in der Naturkunde mehr zu tun. Ich halte solche Angebote, die in einer Ganztagsschule auch vertiefter behandelt werden können, für wesentlich in der Bildung unserer Kinder. Denn nicht nur die Vermittlung von Wissen ist wichtig, sondern gerade das praktische Erleben, das Anfassen, Fühlen und Riechen machen das Wissen erst erfahrbar. Das gilt für die Musik wie für die Natur. Das ist entscheidend.

Ich finde es besonders lobenswert, dass sich Jugendherberge und Museum zusammengefunden haben, um dem Gedanken der Nachhaltigkeit zum Durchbruch zu verhelfen. Sie wissen alle, das dieser Begriff eine eigentümliche Karriere hinter sich hat. Inzwischen ist er in aller Munde und wird für nahezu jeden Bereich angeführt und eingefordert.
Aber wer weiß schon genau, was sich dahinter verbirgt? Ich werde jetzt nicht zu einem Referat über Nachhaltigkeitspolitik ansetzen; nur so viel:

Was immer es im Einzelnen bedeutet, eines ist klar: wenn wir nicht darauf achten, das unsere Handlungen zu unwiderruflichen Schäden führen, die es unseren Kindern unmöglich machen, menschenwürdig zu leben, dann haben wir versagt. Das gilt nicht nur für die Natur, das gilt auch für unseren Umgang mit Kultur und für die Art und Weise, wie wir anderen Menschen begegnen.

Denn der Mensch und seine kulturellen „Hervorbringungen“ gehören selbstverständlich zum Ökosystem dazu. Die Ökologie ist nicht allein in der natürlichen Umwelt auszumachen; viele scheinen diesem Denkmodell immer noch zu folgen.

Nur wenn wir begreifen, den Menschen und sein Handeln und Wandeln als Teil eines Gesamtsystems zu sehen, kommen wir weiter. Dann können wir plötzlich begreifen, warum es nicht möglich ist, uns die Natur untertan zu machen.

Ich sehe betrachte deshalb die Kultur als die einigende Klammer:

alles, was wir tun, ist kulturell bestimmt, selbst wirtschaftliches, also gewinnorientiertes Handeln folgt in letzter Konsequenz einem kulturellen Konzept. Ist man einem solch breiten Kulturbegriff verbunden, folgt daraus, dass wir anfangen, anders zu bewerten.

Der Umgang mit Natur und Umwelt erscheint in einem anderen Licht: nicht die Notwendigkeit ihres Erhalts motiviert das Handeln, sondern die Erkenntnis, das wir es ohne Respekt und Toleranz niemals schaffen werden, unsere Umwelt - sei sie natürlich, seien es unsere Mitmenschen -, nachhaltig zu beeinflussen.

Als ein wichtiger Ansatzpunkt für eine kulturelle Unterfütterung des Nachhaltigkeitsdiskurses ist die 1992 auf dem "Weltgipfel Umwelt und Entwicklung" in Rio verabschiedeten Agenda 21 anzusehen, die für eine zukunftsfähige Entwicklung ein angemessenes Zusammenspiel von Ökonomie, Ökologie und sozialen Faktoren erkannt hat. In jüngerer Zeit sind eine Reihe von Initiativen entstanden, die die Ansätze in den Agenda 21-Prozessen und in der Kulturpolitik verbinden wollen.

Das Konzept Nachhaltige Entwicklung soll dergestalt vertieft und weiterentwickelt werden, dass es gleichberechtigt mit Ökonomie, Ökologie und Sozialem auch Kultur als übergreifende Dimension umfaßt.

Mittlerweile gibt es zahlreiche Initiativen mit dem Ziel, die Wechselbeziehung zwischen natur- und sozialwissenschaftlichen fundierten Strategien einerseits und kulturell-ästhetischer Gestaltungskompetenz weiter zu untersuchen und sie zugleich für die Weiterentwicklung der Agenda 21 nutzbar zu machen.

Ein deutliches Zeichen wurde auch im „Tutzinger Manifest“ gesetzt, das mit Blick auf die Weltkonferenz für Nachhaltige Entwicklung in Johannesburg 2002 eine strukturelle Einbeziehung der kulturell-ästhetischen Dimension in die Nachhaltigkeitsstrategien forderte. Dort heißt es u.a.:

„Das Konzept Nachhaltige Entwicklung kann und muss in der Weise vertieft und weiterentwickelt werden, dass es gleichberechtigt mit Ökonomie, Ökologie und Sozialem auch Kultur als quer liegende Dimension umfaßt. Es geht darum, die auf Vielfalt, Offenheit und wechselseitigem Austausch basierende Gestaltung der Dimensionen Ökonomie, Ökologie und Soziales als kulturell-ästhetische Ausformung von Nachhaltigkeit zu verstehen und zu verwirklichen. Globalisierung braucht interkulturelle Kompetenz im Dialog der Kulturen.“

Der von der Bundesregierung eingesetzte Rat für Nachhaltige Entwicklung hat diese Überlegungen aufgenommen und die Kulturpolitik als einen wichtigen Eckpfeiler für eine nachhaltige Entwicklung ausgewiesen. In einem Dialogpapier stellt er u.a. fest:

„Kulturelle Grundwerte der Gesellschaft, Lebensstile, Religion und ethische Verhaltensnormen, Bildung und soziales Engagement verhelfen dem Individuum, seine geistigen und sozialen Fähigkeiten auszubilden. Die von einer Reihe internationaler Nicht-Regierungsorganisationen entwickelte Erd-Charta hebt Werte, Fähigkeiten und Wissen hervor, die für eine nachhaltige Lebensweise nötig sind. Die Fähigkeit, Probleme zu erkennen und Lösungsmöglichkeiten zu finden, nach ethischen Grundsätzen zu handeln, eigene Initiativen mit den Handlungsmöglichkeiten anderer Menschen zu verbinden – das sind wesentliche Herausforderungen der Nachhaltigkeit. Es sind auch Aufgaben für die Bildung, Ausbildung und berufliche Qualifikation.“

Es kommt jetzt darauf an, dieses in die Praxis umzusetzen und die Debatte in breite Schichten der Bevölkerung zu tragen.

Das Naturkundemuseum und die Jugendherberge gehen in diesem Sinne einen richtigen Weg. Ich möchte beide dazu ermuntern, nicht nur auf diesem Weg weiter zu gehen, sondern darüber hinaus ihre Arbeit in einen noch größeren kulturell-ökologischen – so möchte ich es einmal nennen – Zusammenhang zu stellen, um so den ohnehin internationalen Charakter der Jugendherbergen nachhaltig zu erweitern.

Schon in Paragraph 6 der Satzung des DJH zur Verwirklichung seines Vereinszweckes, nämlich dem gegenseitigen Verständnis und dem friedlichen Miteinander der Völker zu dienen, die Verbindung junger Menschen und Familien “zur Natur, ihr Umweltbewußtsein und ihre Gesundheitserziehung” zu fördern, ist dieses Prinzip angelegt.

Die Umweltstudienplätze sind entsprechend diesen Grundsätzen eingerichtet. Sie sind „Lern- und Erfahrungsorte, von deren Lernumfeld und Programm ökologische und soziale Lernimpulse ausgehen. Sie orientieren sich an einem Leitbild, das umweltverträgliches, sozial verantwortliches und wirtschaftlich vertretbares Handeln auf allen Ebenen zum Ziel hat.

In diesem Sinne wird auch das eigene Angebot kontinuierlich auf Grundsätze der Nachhaltigkeit überprüft. Und die Grundsätze und Arbeitsschwerpunkte wie –methoden des Naturkundlichen Museums Handeloh passen zu Umweltstudienplatzprinzipien des DJH.

Es ist also alles vorhanden, was nötig ist, um – diese Anregung sehen Sie mir als Kulturpolitikerin sicher nach – den Fokus zu erweitern und die kulturelle Dimension, wie ich sie umrissen habe, mit zu denken.

Denn gerade die praktische Arbeit, wie sie hier betrieben wird, ist bestens dazu geeignet, junge und erwachsene Menschen mit ihrem Ökosystem in Verbindung zu bringen. Oft ist diese Verbindung an vielen Stellen gekappt, wir haben hier in der Nordheide ja noch das Glück, viel Natur vor der Haustüre zu haben. Aber in vielen Gegenden ist dies nicht so, und die „gegnerischen Angebote“ sind ja mit der modernen Technik überall zu bekommen. Die Herausforderungen werden also nicht weniger, sondern mehr.

Ich setze mich dafür ein, dass diese Gedanken auch in der Politik Widerhall finden. Es ist manchmal schwer, aber langsam scheint sich etwas zu bewegen, auch wenn die Karriere der Nachhaltigkeit manchmal etwas obskur erscheint.

Die Jugendherberge Inzmühlen und das Naturkundemuseum Handeloh jedenfalls zeigen mit ihrem Engagement für Umwelt und Natur, das es nicht nur anders geht, sondern das es auf die einzelnen, engagierten Bürgerinnen und Bürger ankommt. Diese Engagement müssen wir stärken und für dieses Engagement danke ich Ihnen.

Ich gratuliere Ihnen zu Ihren beiden Jubiläen und wünsche Ihnen für die Zukunft viel Erfolg und Kraft und ich wünsche mir – wenn das gestattet ist - Ihr weiteres Engagement.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.