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Anrede,
bisher vorgelegte Konzepte zur Informationsgesellschaft (und zwar „information economy“, nachindustrielle Gesellschaft und informatisierte Industriegesellschaft) verengen meines Erachtens den Blick zu sehr auf das Ökonomische und das technisch Machbare. Der Begriff der „Information“ wird reduziert auf die Austauschbarkeit von Daten, auf das nachrichtentechnisch Mögliche. Sie sind im Großen und Ganzen eine Fortschreibung der Industriegesellschaft (informatisierte Industriegesellschaft) bzw. ihrer Überwindung (information economy und nachindustrielle Gesellschaft).
Im Zeichen der Globalisierung haben wir es aber inzwischen mit ganz anderen Phänomen zu tun. Ich spreche von der digitalen Spaltung, die zu einem Problem wird, wenn die Schere weiter auseinander geht und gleichzeitig die Kommunikation und die dazugehörige Technik nicht gleichmäßig verteilt sind.
Gesellschaften, die dadurch gekennzeichnet sind, das ihre Teilsysteme in Kommunikation miteinander treten, und das trifft auf moderne Gesellschaften zu, sind im eigentlichen Sinne Informationsgesellschaften. Dazu bedarf es natürlich auch der technischen Mittel. Gesellschaften, in denen dies nicht möglich ist, sind abgespalten von der Entwicklung und können sowohl innerhalb als auch mit den Teilsystemen anderer Gesellschaften nicht adäquat kommunizieren. (Eliten sind die Ausnahme).
So basiert die globale digitale Spaltung durchaus auch auf einer eklatanten infrastrukturellen Spaltung, da im Vergleich zur OECD zum einen die Telefondichte in den Entwicklungsländern etwa um den Faktor 10 geringer ist, zum anderen auch zwei von drei PC und sogar über acht von zehn Internet-Hosts in der EU oder in Nordamerika stehen. Allein in New York wurden 2001 mehr Telefone genutzt als im gesamten ländlichen Asien, existierten in London mehr Internet-Accounts als in ganz Afrika und entsprach die gesamte Internet-Bandbreite Afrikas in etwa der der brasilianischen Stadt Sao Paolo, die addierte Bandbreite Lateinamerikas der der südkoreanischen Hauptstadt Seoul.
Das führt mich zu einer anderen Frage: wie ist es mit der kulturellen Vielfalt im Zeitalter der globalisierten Medien bestellt?
Die globale Informationsgesellschaft bietet ein großes Potenzial zur Wahrung und Förderung der kulturellen Vielfalt und Sprachenpluralität in der Welt. Sie kann so einen wichtigen Beitrag leisten zur Wahrung einer auf Selbstbestimmung und Pluralität basierenden Lebensumwelt für alle Bürgerinnen und Bürger sowie zur Wahrung des kulturellen Erbes zum Nutzen kommender Generationen, wie es in der „Allgemeinen Erklärung zur kulturellen Vielfalt“ der UNESCO vom 2. November 2001 gefordert wird.
Im Mittelpunkt der Diskussion steht die Frage, ob es infolge der wirtschaftlichen Globalisierung zugleich zu einer Vereinheitlichung der nationalen und lokalen Perspektiven, Erfahrungs- und Handlungskontexte sowie Wertesysteme und damit zu einer Verringerung der globalen kulturellen Diversität kommt.
Als Ursache der Vereinheitlichungstendenzen gelten die ökonomisch bedingten Standardisierungen von Inhalten, Produkten und Kommunikationsformen, die wachsende weltweite Angleichung der Lebensstile vor allem junger Menschen und die zunehmende Dominanz der englischen Sprache in der globalen Kommunikation. In der Informationsgesellschaft zeigt sich diese angelsächsische Dominanz bei der Sprachverteilung sowohl innerhalb der Internetnutzerinnen und –nutzer als auch hinsichtlich der Sprachen, in denen die Internetangebote verfasst sind.
Fast jeder zweite Internetnutzer war 2001 englischsprachig und knapp 70 v.H. aller Webinhalte sind in Englisch verfasst. In Anbetracht der beschriebenen ungleichen Verteilung der Internet-Hosts wie der Internetnutzer wird die Dominanz des Englischen als neuer „digitalen Universalsprache“ der globalen Informationsgesellschaft offenkundig.
Die kulturelle und sprachliche Vielfalt sowie Diversität lokaler und regionaler Kontexte bilden eine Grundvoraussetzung für die Schaffung neuer, kreativer Inhalte und innovativen Wissens. Sie sind unverzichtbarer Bestandteil des menschlichen Kulturerbes und Motor der weltgesellschaftlichen Entwicklung. Die globale Informationsgesellschaft bietet gerade durch die erhebliche Senkung der Zutrittsbarrieren und Transaktionskosten weitaus mehr kulturellen Gemeinschaften die Möglichkeit, sich im Internet darzustellen und den Erfahrungsaustausch zu intensivieren.
Wir müssen deshalb prüfen, mit welchen spezifische Fördermaßnahmen und internationalen Kooperationsprojekten Anreize zur Produktion, Distribution und Nutzung entsprechend vielfältiger regionaler, lokaler oder individueller kultureller Inhalte für die Informations- und Wissensgesellschaft geschaffen werden können. Hierbei ist die Dominanz klassischer elektronischer Medien wie Fernsehen und Hörfunk in den Entwicklungsländern zu berücksichtigen.
Hier deutet sich an, in welche Richtung es meiner Meinung nach gehen muß. Die Bewahrung kultureller Vielfalt muss sogar Kernbestand aller Konzepte für Informationsgesellschaften sein bzw. werden. Wir verlieren sonst die Basis des menschlichen Daseins.
Vielen Dank.
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