| Anrede,
als wir uns vor zwei Jahren trafen, sprachen wir schon über die Krise der Musikbranche. Nun beschäftigt sie uns immer noch, gerade vor drei Wochen hat der „Spiegel“ ausführlich darüber berichtet.
Das größte Problem ist, dass die illegalen Online-Börsen bisher - und wohl in einem gewissen Umfang immer noch – dem legalen Markt das Wasser abgraben. Dazu kommen die illegal gebrannten CD’s.
Die Zahlen kennen Sie alle. Allein in diesem Jahr sollen schon ca. 20 Prozent Umsatzrückgang zu vermelden gewesen sein. 2003 gab es ungefähr 600 Millionen herunter geladene Musiktitel und es wurden ca. 325 Millionen CD-Rohlinge verkauft. Siew haben diese Zahlen sicher alle parat. Ich will nur noch einmal die Dimension verdeutlichen.
Die Frage ist, was wir dagegen tun können und wo die Gründe liegen. Der Bundestag hat bereits weitgehend reagiert, in dem das Urheberrecht reformiert wurde, das Musikexportbüro mit Hilfe von Frau Weiss, dem BMWA und dem AA gegründet wurde und wir haben schon vor einiger Zeit die Besteuerung der ausländischen Künstler angepaßt.
Im Moment wird der sogenannte Zweite Korb des Urheberrechts verhandelt und wir diskutieren über die Möglichkeiten der Breitbandtechnologie und die Zukunft von Marktformen und Mehrwertdienstleistungen in der Musikbranche.
Eines scheint mir evident: die meiner Meinung nach immer stromlinienförmigere Vermarktung von Künstlern, die Förderung von Umsatzbringern und die gleichzeitige Vernachlässigung von Nachwuchs und von Musikern, die nicht im main stream schwimmen, hat bestimmt zur gegenwärtigen Lage beigetragen. Ein weiterer Faktor ist die Tatsache, dass CD’s einfach zu teuer sind. Jedenfalls für die große Masse der Musikkonsumenten, und das sind die Jugendlichen. Unter ihnen finden Sie dementsprechend die freudigsten Schwarzbrenner.
So haben wir eine Schere, von der bereits mein Kollege Gerd Andres sprach, die zwischen gekauften CD’s und Rohlingen immer weiter auseinanderklafft.
Das zeigt auch, dass es vielleicht nicht immer gelungen ist, auf Konsumentenwünsche schnell genug und umfassend genug einzugehen.
Verstehen Sie dies nicht als bloße Branchenschelte. Vielmehr muß es meiner Auffassung nach darum gehen, alte Wege zu überdenken, neue Chancen zu ergreifen und neue Arten von Arbeitsteilung zu finden.
Neue Chancen bestehen darin, die legalen Vertriebswege im Internet oder sogar über Handys zu nutzen und auszubauen. Sie sind die Zukunft. Der Markt wird sich, da bin ich ziemlich sicher, in diese Richtung entwickeln. Die Technik, die der Verbraucher dazu braucht, wird immer erschwinglicher, gleichzeitig verbreiten sich Breitbandtechnologien in den Haushalten, die auch das Herunterladen zu einer Sache machen, die für den privaten Musikliebhaber wirtschaftlich interessant wird.
Die Branche braucht deshalb, so glaube ich, eine neue Art von Arbeitsteilung: Geschäftsmodelle und technische Plattformen müssen von der Industrie entwickelt werden, Parlament und Regierung werden dafür die passenden rechtlichen Rahmenbedingungen herstellen.
Aber auch auf einer ganz anderen Ebene gibt es einiges zu tun, und da rechene ich mit Ihrer Unterstzützung: die Bundesregierung hat rund 4 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt, damit das Angebot an Ganztagsschulen erheblich ausgeweitet werden kann. Hier besteht die große Möglichkeit und Notwendigkeit, die musischen Fächer stärker zu unterrichten und die gewonnnen Schulzeit für kulturelle Bildung zu nutzen. Das dabei die Musik eine hoffentlich hervorragende Rolle spielt, finde ich naheliegend. Denn abgesehen von allne pädagogischen Vorteilen eines erweiterten Musikunterrichts werden auf diese Weise die Musikhörer und Konzertbesucher von morgen heran gebildet. Da liegt deshalb auch ein großes Marktpotenzial vor Ihnen!
Und wenn man darüber hinaus Musik als Brücke der Völkerverständigung betrachtet, so kann man noch auf ganz neue Ideen kommen, welche Wege die Musikindustrie in Zukunft gehen könnte.
Die Zeit der formatierten Starentwürfe á la „Deutschland sucht den Superstar“ ist eine vorübergehende; sie sind, so glaueb ich, einer gewissen Markthysterie geschuldet, gefährden aber auf mittlere Sicht den ganzen Markt. Denn sie untergraben das große Potenzial deutscher Musikkultur und geben einem letzlich nicht tragfähigen Massengeschmack zuviel Raum. Hier wie auch überall gilt: Vielfalt ist am Ende Garant für Erfolg. Denn auch nur mit einer vielfältigen Musiklandschaft ist diese auch interessant und macht neugierig. Das fehlt im Moment ein bißchen.
Ich wünsche Ihnen allen in diesem Sinne einen wirklich interessanten Kongreß und freue mich auf anregende, kreative Diskussionen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
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