| Anrede,
„Nachhaltige Entwicklung“ ist seit Rio zu einem Leitmotiv der internationalen Politik geworden. Nicht auf Kosten künftiger Generationen oder der Menschen in anderen Teilen der Welt zu leben – das ist das wichtigste Prinzip der nachhaltigen Entwicklung. Eine ausgewogene Balance zwischen den heutigen Bedürfnissen und den Lebensperspektiven künftiger Generationen soll eine hohe Lebensqualität, den Erhalt von Natur und Umwelt, den sozialen und kulturellen Zusammenhalt und die Wahrnehmung internationaler Verantwortung in einer globalisierten Welt gewährleisten.
Diese Definitionen kennen Sie, die Debatten beziehen sich allerdings fast ausschließlich auf die Umweltdiskussion. Wir haben es aber hier mit komplexeren Vorgängen zu tun. Genauso wie die Bäume feste Wurzeln brauchen, um gesund und standhaft in ihrer Umwelt bestehen zu können, so brauchen auch die Menschen ihre Wurzeln. Diese Wurzeln sind kulturelle Wurzeln:
die Verbundenheit mit der Region, in der man lebt,
der Erhalt von Traditionen und Bräuchen,
die Sorge um den Erhalt der Lebensumwelt,
die Schaffung eines Umfeldes, in dem kulturelle Bedürfnisse befriedigt werden können.
Diese Liste ließe sich fortsetzen, eines ist aber klar:
genauso, wie wir Luft und Wasser zum Leben brauchen, brauchen wir ein intaktes kulturelles Umfeld. Schon aus wohlverstandenem Eigeninteresse, denn eine nachhaltige Wirtschaft ist ohne ihre kulturelle Basis gar nicht zu verwirklichen. Unternehmer sehen dies ja auch, viele erkennen, dass der Schutz der natürlichen Umwelt nicht nur dem Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen – und damit einem erfolgreichen Wirtschaften dient, sondern dass auch zu den natürlichen Lebensgrundlagen der Erhalt der kulturellen Vielfalt gehört.
Wenn es für die Nachhaltigkeit wichtig ist, z.B. die Artenvielfalt zu schützen, so ist genauso wichtig, die kulturelle Vielfalt zu erhalten. Denn sie umfasst ja alles, was der menschliche Geist und das menschliche Schaffen hervorbringen. Also dienen kulturelle Projekte und künstlerisches Schaffen der Nachhaltigkeit, indem sie andere als ökonomische Perspektiven aufzeigen. Wir sehen das in den Arbeiten von Marion Schweer.
Ein anderes Beispiel ist die Kulturpolitik. Wir sorgen dafür, dass der Boden bereitet wird für Begegnungen und kulturellen Austausch. Die Sichtweise des Anderen und die Bereitschaft, diese auch zu anzunehmen, sind Voraussetzung für einen Dialog, der darauf gerichtet ist, nachhaltig zu wirken. Umgekehrt ist nachhaltiges Wirtschaften die Voraussetzung für einen fruchtbaren Dialog und kulturelles Schaffen.
In der internationalen Kulturpolitik sind wir deshalb dabei, die Prävention von Krisen immer mehr in den Vordergrund zu rücken. Und zwar mit kulturellen Mitteln abseits der klassischen Diplomatie. Die Eröffnung eines Goethe-Lesesaals in Pjöngyang im Juni dieses Jahres ist das aktuellste Beispiel. In Nordkorea ist die Lage so prekär, dass die Menschen auf kulturelle Angebote geradezu losstürmen. Wir haben die große Chance, durch die Bereitstellung von Räumen, und zwar sowohl physischer wie geistig-kultureller Art, den Menschen in Nordkorea die Möglichkeit zu Austausch, relativ gefahrloser Begegnung und geistiger Auseinandersetzung mit anderen, mit unseren Ideen zu bieten. Dies hat so großen Zuspruch gefunden, das mir schon bei der Eröffnung klar wurde, dass die Kraft, Menschen zu gewinnen, über die Transportschiene der Kultur am allerbesten funktioniert. Sie können sich vorstellen, welche politischen Wirkungen dies haben kann!
Ein anderes Beispiel aus jüngerer Zeit ist die Eröffnung des Goethe-Instituts in Kabul im letzten September. Nach über 20 Jahren Krieg und Bürgerkrieg war es die Bundesrepublik, die vor allen anderen die kulturelle Präsenz eines europäischen Landes in Afghanistan als vorrangig angesehen hat. Dazu kommt, dass unser Auslandssender, die Deutsche Welle, die Weltnachrichten für das afghanische Fernsehen produziert – täglich und live! Damit tragen wir wesentlich zum kulturellen und demokratischen Wiederaufbau bei. Und dieser ist die Basis für alles weitere. Im Sinne der Nachhaltigkeit, davon bin ich überzeugt, kann es nur die Kultur(politik) sein, die den Weg für das wirtschaftliche und sonstige politische Engagement ebnet, bzw. dieses festigt. Kultur ist das Fundament für nachhaltig wirksame Beziehungen.
Gleiches wollen wir im Irak erreichen – hier ist ungleich schwieriger, die Herausforderungen sind groß, weil wir es hier zusätzlich mit religiösem Fanatismus zu tun haben. Aber gerade deshalb ist es umso wichtiger, kulturelles Engagement zu leisten, auch um Alternativen aufzuzeigen.
Kehren wir zurück in die unmittelbare Umgebung:
Schauen Sie in Hamburgs Süden: die Lüneburger Heide ist eine Kulturlandschaft, geschaffen durch Menschen. Sie zu erhalten bedeutet, sie als Wirtschaftsraum nutzen zu können und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass ihre Funktion als Kulturraum mit seinen Bräuchen und Traditionen nicht verloren geht. Die Menschen, die in und von der Heide leben haben ein ureigenes Interesse daran, die Natur und die daraus entstandene Kultur, z.B. die Heidschnuckenzucht und alles, was damit zusammenhängt (Küche, Tourismus) zu schützen.
Dies zeigt: wenn wir beim Thema Nachhaltigkeit zu sehr auf die Umweltdebatte schauen, die immer noch zu sehr von technisch orientierten, nur Expertenzirkeln zugänglichen Foren dominiert wird, dann vernachlässigen wir die kulturellen Grundlagen und Voraussetzungen dieser Debatte. Die Lüneburger Heide wird eben nicht durch umweltpolitische Maßnahmen allein erhalten. Das hat alles keinen Erfolg, wenn nicht die Wurzeln der Menschen berücksichtigt werden.
Um hier erfolgreich zu sein, müssen wir unseren Begriff von Kultur weit fassen: er beinhaltet die Gesamtheit der geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte, die eine Gesellschaft kennzeichnen. Dies schließt nicht nur Kunst und Literatur ein, sondern auch Lebensformen, Wertvorstellungen, Traditionen und Glaubensrichtungen. Kultur ist in dieser Sicht der Schlüsselbegriff für das Gesamtgeflecht von Verhaltensmustern, Normen und Werten einer Gesellschaft.
D.h., wir müssen die Nachhaltigkeitsdebatte zu einem Diskurs über Ästhetik, Werte, Kultur und Lebensstile machen. Wir können sehen, dass die Werke von Frau Schweer und Frau Kirchhof-Stahlmann dieses aufgreifen.
Hier sehe ich auch praktische und unmittelbar erfahrbare Ansätze für eine Verbindung der Dimensionen Nachhaltigkeit, Kunst und Kultur. Gebrauchte Materialien werden „wiederverwertet“, indem sie vom ökonomischen oder natürlichen Kreislauf in die künstlerische Produktion überführt werden. Damit kommen sich die Sphären nahe und ihre gegenseitige Beeinflussung wird sicht- und erfahrbar.
Es muss klar werden, dass Nachhaltigkeit ohne die Bewahrung der kulturellen Vielfalt bei uns, aber auch weltweit, nicht zu haben ist. Deshalb ist sie für viele Menschen auch noch nicht erfahrbar, weil sie zu abstrakt bleibt. Wenn wir also bedenken, dass auch alles wirtschaftliche Handeln auf kulturellen Prämissen beruht, dann muss diese Kultur in den Vordergrund. Schauen Sie sich die großen wirtschaftlichen Debatten um den Erfolg der asiatischen Tiger in den 90er-Jahren an:
hier ging es um nichts anderes als um die Arbeitsethik, das Menschenbild des Kollektivismus und um die Struktur von Gesellschaft. Dies sind aber alles kulturelle Argumente, und selbst wenn sie vorgeschoben sein sollten, dann gilt dennoch, dass die Kultur bemüht wurde, um den Erfolg zu erklären. Das zeigt uns heute, dass wir eine Kultur der Nachhaltigkeit nur hinbekommen, wenn wir uns um den Schutz und den Erhalt der Kultur selbst – in allen ihren Erscheinungsformen - kümmern. Wenn Künstler sich intensiv mit der Umwelt, ihren Erscheinungen und ihrer Gefährdung auseinandersetzen können, dann können wir erwarten, dass auch die Nachhaltigkeit als Begriff und Konzept einen Wert bekommt, der in der Gesellschaft verankert werden kann. Dazu müssen wir auch die Kultur und die Künstler fördern, und hier ist wieder die Kulturpolitik gefragt. Da schließt sich der Kreis.
Sie sehen, und das ist der entscheidende Aspekt, es macht nur Sinn, über die Verbindung von Nachhaltigkeit und Kultur zu reden, wenn wir sowohl die nationale als auch die internationale Ebene im Blick behalten, Es nützt gar nichts, wenn wir es zuhause vielleicht ganz gut in den Griff kriegen, aber in Europa oder gar weltweit uns nur um den einen oder den anderen Aspekt kümmern.
Hier sind auch Sie als Unternehmer gefragt: Bei allen Ihren Geschäften im Ausland sind Sie immer auch Botschafter unseres Landes. Und wir sind eine europäische Kulturnation, die wirtschaftlich immer noch stark genug ist, um der Bedeutung von Kultur zu ihrem Recht zu verhelfen. Ich glaube, dass die politische und damit auch wirtschaftliche Kraft von Kultur in der Zukunft noch eine viel größere Rolle spielen wird, als das bisher der Fall ist.
Ich glaube auch, dass wir langfristig nur erfolgreich sein können, wenn wir dies berücksichtigen. D.h., dass wir immer auch darauf achten sollten, Begegnungen auf „kultureller Augenhöhe“ zu initiieren, dass wir in gleichberechtigte, tolerante Dialoge eintreten und dass wir die Kultur immer mitdenken. Das ist in meinen Augen die Grundlage für Nachhaltigkeit.
Das Ziel, für das wir arbeiten, ist es, Nachhaltigkeit in diesem Sinne als einen kulturellen Wert zu verankern. Die Debatte um die Begriffe können wir anderen überlassen; für Unternehmer und Politiker kommt es darauf an, so konkret wie möglich für praktische Umsetzungen zu sorgen. Jeder in seinem Bereich.
Wenn wir eine Kultur der Nachhaltigkeit erreichen wollen, kommt es darauf an, Nachhaltigkeit als kulturelles Phänomen zu begreifen. Dies können wir auf vielen Wegen erreichen. Wichtig ist, ich wiederhole mich, sowohl den Schutz der natürlichen wie auch der kulturellen Vielfalt als gleichberechtigt zu betrachten. Das eine kann es ohne das andere nicht geben. In Europa sind wir bereits auf diesem Weg, etwas schwieriger ist es auf der globalen Ebene. Allerdings sind auch dort ernsthafte Ansätze vorhanden, um eine internationale Konvention zum Schutz der kulturellen Vielfalt zustande zu bringen, die weltweit unsere kulturellen Lebensgrundlagen und kulturelle Rechte kodifiziert. Langsam greift die Erkenntnis um sich, dass wir langfristig nur zurecht kommen können, wenn wir in unserem politischen und wirtschaftlichen Handeln umfassender als bisher die verschiedenen Bereiche unserer Lebensumwelt berücksichtigen.
Ich hoffe, etwas Licht in den Zusammenhang von Kunst, Kultur und Nachhaltigkeit gebracht zu haben. Sie, die Sie ja hauptsächlich Unternehmer sind, konnten, so wünsche ich es mir, vielleicht die eine oder andere Anregung für „nachhaltiges Wirtschaften“ aus einer etwas anderen Perspektive mitnehmen.
Ich gratuliere BAUM zum Jubiläum und zur erfolgreichen Arbeit in den letzten 20 Jahren und hoffe auf weitere fruchtbare Zusammenarbeit, vielleicht auch mit der Kulturpolitik. Ihnen allen wünsche ich einen erfolgreichen Kongress und ästhetische Genüsse in der Ausstellung von Marion Schweer.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
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