| Anrede,
im letzten Jahr gab es in Halle die in den Feuilleton nur mäßig aufgenommene Tagung zur Krise des Feuilletons. Dies war Anlaß für eine kleine Debatte, die sich z.B. im „Perlentaucher“ nachvollziehen lässt. Soweit ich es übersehen kann, war es das auch schon.
Es stellt sich daher für mich die Frage, ob das Feuilleton und der Kulturjournalismus nicht mal mehr in der Lage sind sich ordentlich mit sich selbst zu beschäftigen. Wolfram Schütte hatte sich in der Perlentaucherdebatte im letzten Jahr u.a. so geäußert, dass ein Feuilleton, das selbst für Akademiker nicht mehr verstehbar sei, nicht die Frage nach der Lesbarkeit des Feuilletons aufwerfe, sondern eher die Frage nach den Fähigkeiten der Akademiker.
Ich kann Ihnen versichern: ich bin selber Akademikerin, wenn auch in der praktischen Politik beschäftigt, aber ich habe schon manchmal Schwierigkeiten, sowohl einzelne Texte als auch Debatten in den Feuilletons nachzuvollziehen.
Mir fehlt manchmal die Leitfunktion des Feuilletons: Anregung, Lust auf etwas Neues oder auch nur der Genuss des Lesens kommt mir zu kurz. Natürlich gilt das nicht immer und nicht für jedes Feuilleton, doch die hochkulturelle Beschäftigung mit Themen, auch wenn sie nicht aus der unmittelbaren Sphäre der Kultur kommen, entbehren für meinen Geschmack oft der Nähe zu Subjekt.
Mir kommt der Alltag zu kurz. Die klassischen Rezensionen finden zwar statt, aber oft in einer Art und Weise, die nichts mehr mit dem Gegenstand der Rezension zu tun haben. Das politische Feuilleton versteigt sich oft in Höhen, denen man schwierig folgen kann. Und die Nachrichten aus der Welt der Kultur und Kulturpolitik sind oft nur kleine Meldungen und werden nicht mehr in einen Kontext eingebettet.
Im Fernsehen wird das Servieren von Häppchen immer moderner, wobei auch noch oft an der Moderation gespart wird. Das Herstellen von Zusammenhängen ist dadurch nicht mehr möglich, auch hier kommt das Einbetten in Kontexte zu kurz. Im Moment scheint es mir so, dass eigentlich nur noch das Radio Zeit hat, sich intensiver der Auseinandersetzung und Kulturberichterstattung zu widmen. Ich sage bewusst, es scheint mit so, denn natürlich behaupte ich nicht, den kompletten Überblick zu besitzen und ich möchte auch nicht alles über einen Kamm scheren. Ich wurde aber auch nach meinen persönlichen Eindrücken gefragt.
Und da ist mit auch folgendes aufgefallen: immer wieder, so auch auf dieser Veranstaltung, taucht die Frage auf, für wen das Feuilleton und der Kulturjournalismus schreiben oder senden sollen. Ich finde, es gibt eine ganz wichtige Zielgruppe, die durch den Rost fällt: das sind die jugendlichen Zeitungsleser und Hörer bzw. Zuschauer. Wenn ich mir manches Feuilleton anschaue, so fällt es mit einigermaßen schwer, Leseanreize für dieses Publikum zu finden. Im Fernsehen kommen die Kultursendungen – außer der „Kulturzeit“ - in der Regel ab 23.00 Uhr.
Ich finde das nicht sehr jugendfreundlich. Ich finde aber auch, dass die jungen Leser und Hörer und Zuschauer das Zukunftspublikum sind und das sie eigentlich diejenige Gruppe sind, auf die sich die Öffentlich-Rechtlichen besonders stürzen müssten, weil hier der Bildungs- und Kulturauftrag fruchtbaren Boden finden könnte. Dazu bedarf es natürlich auch besonderer Formate. Ich möchte dies als Anregung in die Runde geben.
Das oftmals Unspezifische in den Feuilletons ist dann problematisch, wenn es sich nicht mehr auf etwas beziehen kann. Das Feuilleton scheint mir zu einer Art übergreifenden Erklärungs- und Deutungsinstanz geworden zu sein, die sich für alles zuständig fühlt. Der Kulturjournalismus erfährt damit eine Erweiterung, was ja per se nicht schlecht ist: auch ich vertrete einen weiten Kulturbegriff. Aber es besteht auch die Gefahr, dass er sich verliert und letztlich die Kultur aus dem Auge verliert. Der Bezug zum eigentlichen Gegenstand könnte in Gefahr geraten.
Ich plädiere hier nur zum Teil für eine Rückkehr zum „klassischen“ Kulturjournalismus. Rezensionen, die Lust auf ein Konzert, ein Buch oder einen Film machen, sind doch nicht schlecht. Es ist zwar interessant, etwas über Meinungen, Einstellungen und Vorlieben des Rezensenten zu erfahren, Wenn man aber nichts mehr über die Musik, das Buch oder den Film erfährt, weiß man nicht so recht, was man davon halten soll.
Kulturjournalisten sollen aber auch – so finde ich jedenfalls – ihre ganz eigenen Kompetenzen einbringen, um andere Lichter auf Gegenstände zu werfen. Dadurch könnten sich ganz eigene Spezialisierungen ergeben, die interessant sind.
Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus meinem eigenen Arbeitsfeld. In der Auswärtigen Kulturpolitik gibt es immer wieder Debatten über Ziele, Selbstverständnis und Notwendigkeiten der internationalen Kulturbeziehungen. Der Punkt ist, dass diese Debatten weitgehend in Expertenzirkeln verbleiben.
Nehmen Sie beispielsweise die Novellierung des Deutsche-Welle-Gesetzes. Hier wurden in dem neuen Gesetz erstmals Bestimmungen verankert, die etwas absolut Neues für eine öffentlich-rechtliche Anstalt sind. Wahrgenommen wurde dies wieder nur in den Expertenzirkeln: außer in „epd-medien“ und außer im Kulturausschuss des Bundestages gab es wenig bis kein Echo. Und ich meine ein Echo, das sich mal intensiv und außerhalb der Expertenzirkel mit diesen Fragen beschäftigen würde.
Dabei geht es um Fragen wie:
Wie soll sich Deutschland in der Welt darstellen?
Was bedeutet es, eine europäische Kulturnation zu sein?
Wie vermitteln wir Werte wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Gleichberechtigung?
In meinen Augen sind dies Fragen von höchster kulturpolitischer und kultureller Bedeutung. Sie haben damit zu tun, wie wir uns selber sehen, wie wir mit der Welt kommunizieren, was und wie wir zu Frieden und Demokratisierung in Welt beitragen können.
Der internationale Blickwinkel also ist es, der mir zu kurz kommt. Unser Debattenfeuilleton kreist sehr oft um innere Zustände, verengt den Blick auf das interne Befinden.
Das hat alles seine Berechtigung, kann aber nicht ohne den größeren Zusammenhang existieren. Zwar finde ich oft Beiträge über den sog. Dialog der Kulturen, über die islamische Welt usw. Sie erscheinen mir aber oft losgelöst von aktuellen Entwicklungen. Um auf das Beispiel der Deutschen Welle zurück zu kommen:
hier wäre ein Anlass, den Dialog der Kulturen anhand eines Medienunternehmens und seiner Stellung in der deutschen auswärtigen Kultur- und Medienpolitik einmal aus völlig neuen Blickwinkeln zu beleuchten. Hier wäre es interessant, aus der Sicht von Kulturjournalisten eine Auseinandersetzung mit Fragen des Deutschlandbildes in der Welt zu initiieren. Was nämlich bisher meistens stattfindet, ist die reine Berichterstattung über die finanzielle Situation des Senders.
Das Feuilleton und der Kulturjournalismus im Allgemeinen haben nach meiner Auffassung die Aufgabe, den „anderen Blick“ auf die Dinge zu werfen. Sie können die Foren bilden für eine breitere Auseinandersetzung. Sie sind in der Lage, Zusammenhänge herzustellen und darzustellen. Es sollte aber auf die Sache bezogen bleiben. Die Romanistin Barbara Jantzen hat es im letzten Jahr so gesagt: „Die Leser des Feuilletons wollen Brot, keine Spiele“. Ich finde dieses Bild gut, weil es folgendes verdeutlicht:
die meinungsbildende Kraft in kulturellen Angelegenheiten ist die eigentliche Aufgabe des Feuilletons, nicht die (Selbst)darstellung des Feuilletonisten steht im Vordergrund.
Vielleicht fühlen sich einige von Ihnen provoziert. Ich hoffe, es sind Anstöße zur Debatte. Für mich ist das Feuilleton und die Kulturberichterstattung in den sendenden Medien ja auch ein Arbeitsinstrument. Als solches bietet es mir die Möglichkeit, mich über das Denken und die Debatten über diejenigen Gebiete, die ich im Bundestag zu verhandeln habe, zu informieren.
Insofern ist das Feuilleton ein wichtiges Bindeglied zwischen der Welt der Politik und der Welt der Kultur. Da wir im Bundestag ja die Rahmenbedingungen für das kulturelle und mediale Schaffen bereitstellen, ist es für uns wichtig, zu erfahren, wie diese Rahmenbedingungen wirken. Sicherlich bieten die parlamentarischen Entscheidungen genug Anlass für Debatten. Der Kulturjournalismus kann hier Dinge aufnehmen und tiefer diskutieren und beschreiben, als das im Parlament möglich ist. Das wäre eine Erweiterung der kulturellen Auseinandersetzung mit Kulturpolitik.
Kulturjournalisten werden, so bin ich überzeugt, immer wichtiger. Ihre Rolle als Interpreten menschlichen Schaffens beschränkt sich nicht auf die kulturelle Produktion allein. Ich glaube, dass die Kultur in der Politik immer wichtiger wird, vor allem ihre integrierende aber auch distanzierende Kraft. Denn letztlich sind Konflikte zumindest in ihren Wurzeln kulturelle Konflikte.
Kulturjournalisten müssen deshalb vielleicht - aus internationaler Perspektive - Fachleute für Kulturen werden. Das Verstehen des Fremden, die Kritik des Eigenen und umgekehrt sowie die Möglichkeiten der Annäherungen werden Themen auf der Agenda werden. Denn Kultur ist nicht etwas Nationales. Und sofern es nicht um Rezensionen einheimischer Produktionen geht, ist Kulturjournalismus per se international (und oft gilt dies auch für die einheimischen Produktionen).
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