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Eröffnung der Ausstellung des Leopold-Museums in Wien und des Horst-Janssen-Museums Oldenburg am 29. Oktober 2004
Anrede,
ich freue mich sehr, sie alle heute Abend in diesem schönen Museum zur Eröffnung der Ausstellung „Selbstinszenierungen. Eros und Tod. Egon Schiele und Horst Janssen“ begrüßen zu dürfen.
Vor fast vier Jahren wurde dieses einmalige Grafik-Museum, das einzige „Horst-Janssen-Museum“, in Oldenburg in Anwesenheit des Bundeskanzlers Gerhard Schröder eröffnet. Ein Museum mit etwa 1000 Quadratmetern Ausstellungsfläche, das ca. 2000 Arbeiten des Künstlers aus allen Schaffensphasen versammelt, von denen aber immer nur ein Bruchteil ausgestellt werden kann. Es ist in den letzten Jahren zu einem Treffpunkt für viele Kunstkenner und Janssen-Liebhaber aus nah und fern geworden. In diesem Jahr soll der 250000ste Besucher empfangen werden.
Oldenburg, die Stadt, in der Horst Janssen aufgewachsen ist, die ihn zum Ehrenbürger ernannt hat und in der er begraben wurde, ist damit zu einer Kunststadt geworden. Die Stadt, in der er sich zu Lebzeiten stets geborgen gefühlt hat, ist nun auch eine Heimat für sein Werk, Arbeitswerkzeug und persönliche Gegenstände geworden.
In den letzten Jahren sind hier in Oldenburg die großartigen Werke Janssens denen Albrecht Dürers, Francisco de Goyas, Jacques Callots, Max Klingers und Jean Dubuffets gegenübergestellt worden.
Und nun ist es Egon Schiele, dem wir hier in einer Vielzahl von Arbeiten begegnen. Es ist die erste Ausstellung mit Bildern dieser Künstler, die sich beide – der Titel der Ausstellung sagt es – künstlerisch sowohl in Selbstbildnissen mit der eigenen Gestalt als auch mit der Erotik des weiblichen Körpers auseinandersetzten. Betrachtet man die hier ausgestellten Bilder – durch den Katalog habe ich schon einen Eindruck der Ausstellung gewinnen können - so fällt auf, dass das Leid in diesen Werken selten fern ist. Es spricht aus vielen Gesichtern, zeichnet die Körper, liegt spannungsvoll in der Luft, wenn sich Menschen begegnen. Der Tod umarmt manche der dargestellten Figuren.
Und obwohl die Künstler zu unterschiedlichen Zeiten wirkten, eckten sie beide mit diesen so ähnlichen Motiven an. Sowohl Egon Schiele als auch Horst Janssen befreiten sich von der gängigen Technik und Darstellungsweise und forderten so mit eigentlich altbekannten Motiven das Publikum heraus. Sie brachen gesellschaftliche Tabus, provozierten - und wurden doch ausgestellt, fanden Anerkennung.
Heute sind die Werke beider Künstler nicht nur begehrt bei Sammlern und Kennern, sondern erfreuen sich einer großen Beliebtheit.
Und diesen Umstand, die Wertschätzung - schon zu Lebzeiten - von künstlerischen Werken, die anders sind als das, was das Auge kennt und deshalb eine intensive Auseinandersetzung fordern, halte ich für bemerkenswert und wichtig. Heute sollte sie als Teil der künstlerischen Freiheit selbstverständlich sein.
Die künstlerische Freiheit ist die Voraussetzung für kulturelle Vielfalt.
Ihr Schutz auf internationaler Ebene ist ausgesprochen wichtig. Mit dem Antrag „Schaffung eines internationalen Instruments zum Schutz der kulturellen Vielfalt unterstützen“ der SPD wird die Bundesregierung aufgefordert, sich weiterhin aktiv an der Erarbeitung eines Übereinkommens zum Schutz der kulturellen Vielfalt im Rahmen der UNESCO zu beteiligen. Die Debatte über die Notwendigkeit des Erhalts der kulturpolitischen Handlungsfähigkeit eines jeden Staates kommt zu einer guten Zeit, da gerade auch in der EU die Dienstleistungsrichtlinie diskutiert wird, die einen Einstieg bietet, die kulturellen Dienstleistungen und Güter – d. h. alle Formen künstlerisch-kreativen Handelns und seine Produkte - einem Marktgeschehen zu unterwerfen und damit die kulturelle Vielfalt zu gefährden. Die UNESCO hat in ihrem Entwurf betont, dass diese Besonderheit zu beachten ist und dass kulturelle Güter als Träger von Identitäten, Wertvorstellungen und Sinn nicht einfach als Waren und Konsumgüter betrachtet werden können. In der EU wird uns genau diese Frage auch im Rahmen der GATS-Verhandlungen noch intensiv beschäftigen.
Es sollte deshalb jedem Staat überlassen sein, im Rahmen internationaler Verpflichtungen seine eigene Kulturpolitik zu definieren und umzusetzen. Nur dann ist auch eine nationale staatliche Förderung künstlerischen Schaffens und der Ausstellung ihrer Produkte möglich.
Deshalb möchte ich die hohe Bedeutung öffentlicher (und mit öffentlichen Mitteln unterstützter) Einrichtungen im Kulturbereich betonen. Dazu zählen neben Theatern und Konzertsälen, Bibliotheken und Kulturprojekten auch die Museen mit ihren ständigen und wechselnden Ausstellungen, in denen jeder Mensch Zugang hat zu den Werken von Künstlern aus Vergangenheit und Gegenwart.
Bilder, die den Sehgewohnheiten entsprechen, rufen kaum Nachdenken oder Diskussion hervor. Schiele und Janssen aber, unter Zeitgenossen als „enfants terribles“, als Rebell und Unzeitgemäßer empfunden, haben ihre Mitmenschen in ihrer Kunst (wie ihrem Lebensstil) nicht geschont. Künstler sind stets empfindsame Menschen, empfindsamer als manch Anderer, haben ein Gespür für die Realität – auch wenn diese verdeckt ist, für Missstände in der Gesellschaft und notwendige Veränderungen. Schiele und Janssen haben von den Menschen gefordert, durch die Beschäftigung mit ihren eigenwilligen Werken diese Normalität der Welt zu hinterfragen. Sie ermöglichten ihren Zeitgenossen, sich mit der Sicht des Künstlers auf die Welt und seinem Erleben der Wirklichkeit auseinander zu setzen, die diese Welt möglicherweise richtiger fassen können als der gewöhnliche Bürger.
Und vielleicht tun sie dies auch heute noch. Auch wenn sie schon lange zur etablierten Kunst gezählt werden. Denn noch immer scheinen ihre Werke aktuell, herausfordernd, mehr als „nur schön“.
Darum freue ich mich, dass sie in diesem Rahmen - in dieser Form der Gegenüberstellung - neu zu sehen sind und bin gespannt auf die Gespräche, die sie mit Sicherheit auch heute hervorrufen werden.
Ich danke ganz herzlich allen, die diese Ausstellung ermöglicht haben und Ihnen für ihre Aufmerksamkeit.
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