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Reden und Vorträge
3. Mai 2005
 

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Rede zur Stolpersteinverlegung in Rotenburg
Sehr geehrter Detlef Eichinger
Sehr geehrte Familien Dell, Jacobsohn, Appel de Scholem, und Appel de Levy,
Meine sehr verehrten Damen und Herren,

vor 60 Jahren ist der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen. Doch das Leid, dass dadurch über die Menschen gebracht wurde, war lange Zeit nicht zu Ende. Unzählige Familien waren auseinander gerissen, Angehörige kamen nicht mehr aus den Arbeitslagern oder der Kriegsgefangenschaft zurück und die Ungewissheit um die Eltern, Kinder, Ehepartner oder andere Familienmitgliedern gehörte lange Zeit zu den schlimmsten Folgen des Krieges.

Ich finde es eine wunderbare Idee, den in Auschwitz ermordeten Eheleuten Hermann und Gertrud Cohn, ihren Angestellten Paul Immermann und Bernhard Heilbronn sowie ihren Töchtern Hildegard Jacobsohn und Emma Appel-de Levy mit Stolpersteinen des Künstlers Gunter Demnig zu gedenken.

Inzwischen sind es in etwa 5.000 dieser Steine in 88 Städten, die uns immer wieder geistig stolpern lassen sollen. Das ist eine ganz besondere Möglichkeit, die Menschen im Alltag und in ihrem direkten Lebensumfeld zu erreichen, zum Nachdenken zu bringen und an die Menschen wie die Familie Cohn zu erinnern.

Es müssen eben nicht immer riesige Gebäude oder Installationen sein, die uns in Deutschland unsere Geschichte und die daraus resultierende Verantwortung ins Gedächtnis rufen. So ein kleiner glitzernder Stolperstein kreuzt viel unverhoffter unseren Weg, durch ihn bleiben wir stehen, er bringt uns zum Nachdenken.

Ich finde es wunderbar, dass Rotenburg nun sechs solcher Steine bekommt. Neben dem Verdienst des Künstlers Gunter Demnig sind dabei auch diejenigen zu nennen, die sich dafür eingesetzt haben, dass es die Stolpersteine und die Feierstunde heute gibt. Dafür möchte ich ganz besonders Hedda Braunsberger und der gesamten SPD im Stadtrat danken, die sich gegen einige Widerstände und sogar Anfeindungen mit diesem Vorhaben durchgesetzt haben.

Die Gedenkpraxis in unserem Land ist eben nicht nur Sache des Bundes. Die Länder und besonders auch die Kommunen müssen sich ebenso mit ihrer ganz konkreten Vergangenheit auseinandersetzen. Die Stolpersteine sind dabei eine große Hilfe.

In der Bundespolitik ist die Beauftragte für Kultur und Medien Christina Weiss auf Regierungsebene für Gedenkstätten zuständig und genauso befassen wir uns im dementsprechenden parlamentarischen Ausschuss damit. Neben den Ländern fördert auch der Bund finanziell sowie institutionell Gedenkstätten nationaler und internationaler Bedeutung. Obwohl die Kulturhoheit hier bei den Ländern liegt, kann der Bund bis zu 50 Prozent der Finanzmittel bereitstellen.

Als Staat engagiert sich Deutschland besonders für Gedenkstätten-Stiftungen in den Ländern Brandenburg, Thüringen, Sachsen und Berlin und für einzelne Gedenkstätten wie Dachau, Neuengamme, Bergen-Belsen oder Flossenbürg.

Eine ganz besonderer Ort des Gedenkens wir in der nächsten Woche am 10. Mai eingeweiht. Ich rede vom Holocaust Denkmal für die ermordeten Juden Europas mit dem Stelenfeld von Peter Eisenman. Dadurch, dass das Mahnmal gleich neben dem Brandenburger Tor ist, können die im Jahr 1,5 Millionen Besucher des Reichstags auch den ‚Ort der Information’ beim Mahnmal besuchen.

Heute möchte ich neben den engagierten Menschen, die diese 6 Stolpersteine ermöglicht haben auch herzlich den Sponsoren, die die anfallenden Kosten übernommen haben. Die Tatsache, dass nicht einmal alle Spender bekannt sind, zeigt wie sehr hier die Sache im Vordergrund steht.

Und in der Sache geht es natürlich um die ermordeten Rotenburger aber auch um deren Angehörige. Dabei ist es wundervoll – und das meine ich im wahrsten Sinne des Wortes –, dass die Angehörigen der Familie Cohn durch diese Stolpersteinverlegung wieder zusammenkommen.

Vor über 70 Jahren flüchteten Sie aus Deutschland und heute sind Sie aus Kolumbien, Ecuador, England und Deutschland hier nach Rotenburg gekommen. Manche sehen sich hier sogar erst seit damals wieder und viele wahrscheinlich zum allerersten Mal.

Wenn von solch einem Anlass des Gedenkens ein frohes und lebensbejahendes Zeichen – das des Wiedersehens – ausgeht, gibt das Mut für die Zukunft und hilft zumindest etwas, alte Wunden zu heilen.

Ich wünsche Ihnen, den Einwohnern Rotenburgs, weiterhin viel Interesse und Aufgeschlossenheit bei der Auseinandersetzung mit der Geschichte Ihrer eigenen Stadt. Den anderen Städten in Deutschland, die noch keine Stolpersteine haben, wünsche ich ebenso für das Gedenken engagierte Bürger.

Und letztendlich wünsche ich Ihnen, sehr verehrte Angehörige der Familie Cohn, dass sie nach dem ganzen Trubel auch Zeit für die Familie haben und diese genießen.

Vielen Dank