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Unsere Kindheit: „Wie entbehrungsreich war sie, niemand von uns wollte diese Zeit noch einmal erleben. Wir waren arm gewesen, hatten furchtbaren Hunger gelitten, wie oft im Winter der Kälte getrotzt, und trotzdem waren wir auf unsere Art und Weise glücklich gewesen.“
Lieber Herr Dr. Huffmann (Verleger)
liebe Frau Prof. Süssmuth,
liebe Teilnehmer des Wettbewerbs,
liebe Jurymitglieder,
liebe Literaturliebhaberinnen und -liebhaber,
Der zitierte Auszug stammt aus einer der drei Geschichten, die heute mit dem Frieling-Zeitzeugenpreis ausgezeichnet werden. Diese wenigen Sätze stehen stellvertretend für die Erzählungen, die der Jury bei diesem Wettbewerb vorgelegen haben. Denn im Kern berichten die Zeitzeugen von einem ähnlichen Leben in ihrer Kindheit in der Nachkriegszeit. Auch wenn das Schicksal und die Situation, in der sich die Zeitzeugen damals befanden, vergleichbar sein mögen – die Erzählungen sind es ganz und gar nicht.
Es war für mich sehr interessant und auch bewegend, in die einzelnen Leben der Teilnehmerinnen und Teilnehmer hineinlesen zu dürfen und ich glaube, ich kann in diesem Punkt auch für die gesamte Jury sprechen.
Mit diesem Preis ermöglicht der Frielingverlag den Lesern, in Berichten von Zeitzeugen zu schmökern, die eindringlich und spannend aus der Zeit zwischen 1945 bis 1960 in Berlin-Brandenburg erzählen. Ich denke, die Tatsache, dass es so persönliche Berichte sind, ist ein wirklich gutes Argument dafür, einen Preis auszuloben, denn die Erinnerungskultur wird dort am lebendigsten, wo Menschen von ihren ganz individuellen Schicksalen erzählen. Besonders schätze ich auch die Idee, dass hier Menschen zum Schreiben animiert wurden, die keine Literaten im professionellen Sinne sind.
Das, was den Roman eines Schriftstellers wirklich gut werden lässt, ist die Kunst den Text so zu dichten und zu verfassen, dass er uns die Handlung und die Personen nahe bringt. Bei den Geschichten der Zeitzeugen war es für uns als Jury natürlich schön, wenn die Texte sprachlich toll geschrieben waren aber das stand nicht unbedingt im Vordergrund. Es hat dagegen eine ganz besondere Qualität, wenn die Leser ganz eigene und dadurch auch so unmittelbar geschilderte Erlebnisse lesen. Die größte Wirkung haben solche Texte natürlich, wenn sie von Menschen sind, die wir selbst kennen.
Man könnte es mit dem Schriftsteller Tschingis Aitmatow sagen (*1928 kirgisisch-sowjetischen Schriftsteller): „Die Zeit ist gekommen, Literatur nicht vom Standpunkt traditioneller ästhetischer Ideale aus zu beurteilen, sondern vor allem von der Höhe der aktuellen und brennenden Anforderungen des Tages her.“
Ich glaube, nicht nur auf den heutigen Anlass bezogen hat er Recht. Gerade Berichte, die von einer Zeit handeln, die schon 60 Jahre zurückliegt, werden weniger durch ästhetischer Ideale als durch unmittelbare Erinnerung lebendig.
Ich denke da zum Beispiel an viele ältere Menschen, die ihre Lebensgeschichte schreiben. Einerseits beginnen sie oft, sich selbst mit ihrem Leben und dabei gerade auch mit der kritischen Zeit des Nationalsozialismus und den Jahren danach auseinanderzusetzen. Andererseits gibt es besonders ihren Kindern und Enkeln aber auch anderen die Möglichkeit, ganz unmittelbar eigene Geschichte zu erleben.
An diesem Prinzip orientiert sich auch die Gedenkkultur innerhalb der Bundeskulturpolitik. Es geht eben nicht nur darum eine Gedenkstätte nach der anderen in die Landschaft zu pflanzen, sondern es geht um die Auseinandersetzung mit Geschichte. Natürlich ist es sinnvoll, diese an einem Ort zu zentrieren aber für wichtiger halte ich das, was darüber hinaus angeboten wird.
So habe ich mich beispielsweise vehement dafür eingesetzt, dass die „Gedenkstätte für die ermordeten Juden Europas“ einen Ort der Information enthält.
In diesem wurde zum Credo erhoben, Erinnerung durch die Darstellung exemplarischer Lebens- und Familiengeschichten zu personalisieren.
An der Resonanz auf das Mahnmal merke ich, dass dieses Dokumentationszentrum eine wichtige Ergänzung zu dem Stehlenfeld von Peter Eisenman ist. Wenn Sie noch nicht die Möglichkeit hatten, die Gedenkstätte zu besuchen, möchte ich Ihnen das sehr empfehlen und ans Herz legen.
Den erst im Mai des letzten Jahres eröffnete "Ort der Information" unter dem Holocaust-Mahnmal Mahnmal haben mittlerweile mehr als 350.000 Menschen besucht. Und dies hat übrigens nicht wie befürchtet zu einem Besucherrückgang bei anderen Berliner NS-Gedenkstätten geführt. Ganz im Gegenteil. Auch die "Topographie des Terrors" und die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen haben im Jahr 2005 einen deutlichen Anstieg von rund 15 Prozent bei den Besucherzahlen registriert. Das Interesse ist also da.
Heute am Vorabend des Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus ist es genau richtig diese Preisverleihung zu veranstalten. Der Gedenktag soll an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 erinnern. Doch nicht nur das. Der heutige Tag soll vor allem für einen Umgang mit Geschichte stehen, für eine Aufklärung unserer Geschichte, die durch die bewusste und mahnende aber auch die stille Erinnerung an Vergangenes geprägt ist. Dies gilt es zu vergegenwärtigen.
Lassen Sie mich Ihnen kurz von der morgigen Gedenkveranstaltung im Deutschen Bundestag berichten. Zu dieser Veranstaltung zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus sind auch 80 Jugendliche aus Polen, Frankreich und Deutschland zu Gast. Der Deutsche Bundestag lädt nun bereits seit neun Jahren junge Menschen zu dieser Jugendbegegnung ein, die sich ehrenamtlich in Projekten und Initiativen zur Geschichte des Nationalsozialismus oder gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus engagieren, oder aufgrund ihre Herkunft, ihres Glaubens oder des Schicksals ihre Angehörigen persönlich vom Anliegen des Gedenktages betroffen sind.
Die Jugendlichen führen mehrtägige Workshops in der Mahn- und Gedenkstätte des ehemaligen Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück und in Berlin zu dem Thema "Täter im Nationalsozialismus" durch. Ihre Ergebnisse diskutieren sie dann im Anschluss an die morgige Gedenkstunde gemeinsam mit den Abgeordneten.
Diese Form der Aufarbeitung und der Diskussion über den Nationalsozialismus finde ich persönlich besonders wertvoll. Aus meiner Sicht wird ein wesentlicher Teil von Erinnerungsarbeit auch in Zukunft darin bestehen, zu informieren und aufzuklären. Auch hier steht die ganz persönliche Auseinandersetzung mit Geschichte als erlebtes Gedenken im Vordergrund.
Es liegt an jedem von uns, an denen, die die Zeit selbst erlebt haben und ebenso an denen, die zumindest noch das Gespräch mit den Überlebenden führen konnten, diese Eindrücke und Erlebnisse weiter zu tragen und damit die Erinnerung am Leben zu erhalten. Ohne diese Erinnerung kann es keinen respektvollen und aufgeklärten Umgang miteinander geben. Eine friedliche und von Freiheit geprägte Zukunft lebt von den Erfahrungen der Vergangenheit. "Gemeinsame Erinnerungen sind manchmal die besten Friedensstifter." hat Marcel Proust (1871-1922, frz. Romanschriftsteller) einmal gesagt und ich meine, dass uns dieser Satz im Umgang mit diesem Teil deutscher Geschichte leiten sollte.
Zum Abschluss möchte ich dem Frielingverlag herzlich danken. Es ist wunderbar, dass Sie die Zeit und die Kraft aufgebracht haben, neben dem sicherlich sehr emsigen Tagesgeschäft, den Zeitzeugenpreis auszuloben, zu betreuen und mit der heutigen Preisverleihung zu vergeben.
Ich wünsche allen Teilnehmern des Wettbewerbs, dass sie durch das Schreiben, Lust bekommen haben weiterzuschreiben. Dazu kann ich Sie nur ermutigen.
Mein herzlicher Glückwunsch gilt natürlich den Gewinnern des Preises und nicht zuletzt dem Frielingverlag, der einen gelungenen Preis ins Leben gerufen hat, der vielleicht sogar eine Fortsetzung findet. Wünschen würde ich es uns.
Vielen Dank
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