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In verlässlich regelmäßigen Abständen bestimmen Geschehnisse die Aufmacher der Zeitungen, die jeden Globalisierungsaktivisten zum Nachdenken bringen sollten. Egal ob es nun um die iranische Euphorie, Atommacht sein zu können, um Karikaturen, einen muslimischen Konvertiten oder Gewalt an Deutschen Schulen geht; immer mehr Ereignisse kondensieren an einem Grundproblem. Das „Kulturelle Unverständnis“. Zunehmend setzt sich das schon jetzt gefährlich starke Gefühl auf allen Seiten durch, eine fremde Kultur bedrohe die eigene. Die Reaktionspalette reicht von Skeptizismus über eine Abwehrhaltung bis hin zu gewaltsamen Angriffen. Dabei geraten wir innenpolitisch als auch außenpolitisch immer weiter in eine Spirale, an deren Ende nur noch mehr Frustration und Gewalt stehen kann.
In der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik geht Deutschland schon seit vielen Jahren einen guten Weg der Verständigung zwischen den Kulturen. Davon zeugen viele Beispiele: An den Goethe-Instituten lernen die Menschen anderer Länder unsere Sprache, unsere Kunst und Kultur kennen. Durch Stipendien kommen ausländische Studenten nach Deutschland und bleiben, zurück in ihrem Heimatland, oftmals auf ewig mit Deutschland verbunden. Deutsche Auslandschulen, Bibliotheken oder Ausstellungen vermitteln unsere Kultur im Ausland und zwar nicht durch starre Repräsentation, sondern indem unsere Kultur jeden Tag aufs Neue von Menschen für die Menschen vor Ort erlebbar gemacht wird. Mit der veränderten Lage in der Welt, in der immer mehr Spannungen gerade im Nahen und Mittleren Osten die Außenpolitik beeinflussen, hat sich auch der Schwerpunkt der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik verlagert.
Exemplarisch hat der nach dem 11. September 2001 eingerichtete „Europäisch-Islamische Kulturdialog“ seitdem an Bedeutung gewonnen. Neben einem Goethe-Institut in Kabul finden zum Beispiel Radioprojekte für Jugendliche, Stipendienprogramme für irakische Studierende, Projekte zur Förderung der Gleichstellung der Frau oder die Aktion „10.000 Bücher für den Irak“ statt. Doch die Mittel im Bundeshaushalt sind knapp und deswegen müssen wir Prioritäten setzen. Vornan steht die Überlegung, wie die Arbeit in Westeuropa, die bis jetzt Bedeutendes auf dem Weg zum geeinigten Europa geleistet hat, umstrukturiert werden kann, um auch in anderen Regionen, für die nötige Verständigung arbeiten zu können. Das Goethe-Institut bringt 42 Prozent seiner Mittel für Westeuropa auf und hat beispielsweise sieben Vertretungen in Italien aber nur zwei in China. Trotz aller Wertschätzung für die nach wie vor wichtige Arbeit in unseren unmittelbaren Nachbarländern bin ich dennoch der Überzeugung, dass sich unser Schwerpunkt in fernere Regionen verlagern muss. In Europa kämpft schon lange keiner mehr für sich allein. Kooperationen der Deutschen Mittlerorganisationen mit dem Institut Français, dem British Council oder dem Instituto Cervantes können nicht nur effektiver sein, sondern auch viel unmittelbarer wirken.
Anders ist das beispielsweise in den islamisch geprägten Ländern. Hier muss es darum gehen, selbst vor Ort präsent zu sein, um ein anderes Bild von uns vermitteln zu können, als es von radikalen und fanatischen Islamisten an die Wand gezeichnet wird. Auch wenn die Medien es uns anders zeigen und Muslime auf der Mattscheibe schnell auf mit Waffen bepackte und gewaltbereite Menschen reduziert werden, so stehen dem doch eine Vielzahl aufgeschlossener, interessierter und friedfertiger Menschen gegenüber. Die Trennlinie, an der immer wieder Streitigkeiten ausbrechen, verläuft eben nicht zwischen Europa und den islamisch geprägten Staaten. Man kann sie nicht auf einer Landkarte einzeichnen. Stattdessen verläuft die Trennlinie zwischen den Menschen, die offen sind für den Dialog und denen, die ein Interesse an der Eskalation haben.
Unsere Initiative ist wichtig. Durch den Austausch vor Ort, durch das Gespräch und die Diskussion können wir den Menschen dort und auch uns zeigen, dass sich die unterschiedlichen Kulturen nicht widersprechen oder entgegenstehen. Stattdessen kann die Auseinandersetzung damit beide Seiten bereichern. Auch wenn ich für mehr Verständnis und Akzeptanz füreinander werbe, sage ich damit nicht, dass unser Engagement im Ausland vor Ungerechtigkeiten und der Missachtung von Menschenrechten die Augen schließen darf. Doch ich frage mich, wie lange der Irrglaube von erfolgreich aufgezwungenen europäischen Werten noch wirkt, wo doch schon längst klar geworden ist, dass nur eine demokratische Entwicklung aus der Gesellschaft selbst heraus zum Ziel führen kann. Solch einen Prozess können wir zwar befördern aber nicht bestimmen. Deswegen ist es wichtig, dass wir unsere Werte und Normen vor Ort mit Leben füllen. Lebendige Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit oder Religionsfreiheit hat eine eigene, viel intensivere Wirkung als es der von fern drohende Zeigefinger wohl haben könnte.
Vor zweieinhalb Jahren durfte ich bei der Wiedereröffnung des Goethe-Instituts in Kabul dabei sein. Obwohl die sehr große Zerstörung in Afghanistan das Leben der Menschen bestimmte, war das Interesse gigantisch. Besonders bewegend war, wie ein bayrischer Zitterspieler zusammen mit afghanischen Musikern auf traditionellen Instrumenten musiziert hat. Und das, nachdem in der sechsjährigen Herrschaft der Taliban überhaupt keine Musik gemacht werden durfte! Nichts symbolisiert den gemeinsamen und friedlichen Austausch von Kultur besser für mich.
Können wir uns nun zufrieden zurücklehnen und darauf hoffen, dass die Kulturarbeit im Ausland es schon für uns richten wird? Nein. Die Verbindungen zu unserem alltäglichen Leben in Deutschland sind überdeutlich. An einem Programm der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik zeigt sich das besonders gut.
Seit 2002 besteht das deutsch-türkische Kooperationsprojekt „Intensivsprachkurse für türkische Imame mit landeskundlichem Programm“. Dabei finden am Goethe-Institut Ankara sprachliche und kulturelle Vorbereitungskurse für Imame statt, die im Auftrage des türkischen Amts für religiöse Angelegenheiten (Diyanet) zur Betreuung türkischer Muslime nach Deutschland entsandt werden. Die Kosten übernehmen je zur Hälfte das Auswärtige Amt und das Diyanet. Der Erfolg dieser Kurse und das beiderseitige Interesse daran sind sehr groß, weshalb es diese Zusammenarbeit auch in Zukunft weiterhin geben wird. Hat für uns in Deutschland ein Sprachkurs in der Türkei zunächst kaum eine Bedeutung, so betrifft uns diese Arbeit dann ganz unmittelbar, wenn diese Imame in Deutschland in Moscheen predigen und hier lebende Muslime betreuen. Dieses und andere Projekt versprechen nicht nur positive Einflüsse auf den Integrationsprozess, sondern auch eine konfliktpräventive Wirkung im Sinne der Förderung des interreligiösen Verständnisses und der Abwehr extremistischer Bestrebungen in Deutschland durch Information und kulturelle Sensibilisierung.
Hier wird Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik schnell zu einem Gewinn für das Zusammenleben in Deutschland, doch genauso schnell kann fehlendes außenpolitisches Engagement zur innenpolitischen Gefahr werden. Während die nötige Sensibilität mit fremden Kulturen im Ausland zwar nicht gerade von jedem deutschen Urlauber berücksichtigt wird, so ist die Notwendigkeit dafür doch eher akzeptiert als im eigenen Land. Doch es ist genau der falsche Weg, Integration allein als einseitige Eingliederung zu verstehen. So ist es ein falsches Zeichen, auf der einen Seite die Deutschkenntnisse zum non plus ultra der Integration zu machen, auf der anderen Seite aber nicht genügend Studenten in den so genannten Orchideenfächer, also in Studiengänge wie Islamwissenschaften, auszubilden. Wenn wir von ausländischen Mitbürgern erwarten, dass sie in diesem Sinne zur gegenseitigen Verständigung beitragen, dann ist es richtig, auch selbst noch mehr dafür zu tun.
Es ist eine bekannte Tatsache, dass viele in Deutschland lebende Ausländer ihre Traditionen noch viel intensiver und gewissenhafter pflegen als das im Heimatland getan wird. Das gibt ihnen die Möglichkeit, sich ihrer Kultur nach wie vor verbunden zu fühlen. Wenn wir nun den Druck erhöhen, so dass das Gefühl aufkommt, es ginge um ein erzwungenes Überstülpen unserer Kultur, dann erreichen wir damit in meinen Augen nur noch mehr kompromissloses Beharren auf der eigenen Kultur. Ein Integrationsmodell wie es einige in der CDU/CSU verfolgen, innerhalb dessen nur von Pflichten und Regeln geredet wird, löst nicht Konflikte, sondern säht sie auf lange Zeit. Stattdessen sollte es der Ansatz sein, uns im gemeinsamen Kennenlernen unserer Kulturen zu nähern. Auch dafür müssen wir unsere Hausaufgaben noch machen. An der Debatte um das Staatsziel Kultur im Grundgesetz wird das deutlich. Alle in diesem Land hören es gern, wenn wir als „Volk der Dichter und Denker“ bezeichnet werden. Jede und jeder beschwört immer wieder gern Deutschland als Kulturnation. Doch wenn es um die Verankerung dieses kulturellen Selbstverständnisses im Grundgesetz geht, das unserer Gesellschaft und unserem Land zugrunde liegt, dann wird gezögert. Dabei würde es uns ein solches selbstsicheres, geeintes und dadurch starkes Bekenntnis erleichtern und uns helfen, im Ausland und Ausländern in Deutschland zu vermitteln, was uns und unsere Kultur ausmacht.
All diese Forderungen richten sich nicht nur an die Politik. Sie richten sich auch an jede und an jeden einzelnen. Es gibt viele Möglichkeiten zu einer besseren Verständigung und einem besseren Miteinander beizutragen: ob nun im Gespräch mit den ausländischen Nachbarn, ob in der Auseinandersetzung mit anderen Kulturen auf Reisen, ob im Verein oder beim Elternabend in der Schule. Überall haben wir die Chance auf einen Dialog. Sehen wir Integration nur als etwas, was „die anderen“ tun müssen, dann wird sich das „Kulturelle Unverständnis“ verstärken und immer wieder neuen erschreckenden Zeitungsaufmachern auf sich aufmerksam machen.
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