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Reden und Artikel
Mittwoch, 8. November 2006
 
 
Beitrag von Monika Griefahn zur Veranstaltung „Einigkeit in der Vielfalt: Eine nachhaltige Welt ist möglich“

Ich freue mich, dass die Initiatoren der Veranstaltung „Einigkeit in der Vielfalt: Eine nachhaltige Welt ist möglich“ helfen, die Rolle von Studentinnen und Studenten als aktive Mitgestalter der Gesellschaft damit wieder stärker in den Vordergrund zu rücken. Die Stichworte Nachhaltigkeit und auch Vielfalt sind dabei wirklich gut gewählt, denn sie sind zentrale Grundvoraussetzungen für jede Zukunftspolitik. Gerade Nachhaltigkeit steht für ein universelles Prinzip, das seine Wirkung auf die unterschiedlichsten Bereiche entfaltet: Ökologie, Ökonomie, Soziales oder Kultur. Ausgangspunkt für die gesamte Diskussion war jedoch der Bereich des Umweltschutzes.

Dank der engagierten Arbeit vieler Menschen in den letzten 20 Jahren haben wir erreicht, dass eine nachhaltige Umweltpolitik als Notwendigkeit anerkannt und deren ökologischer Sinn nicht mehr ernsthaft in Frage gestellt wird. Umweltschutz ist heute ein ökonomischer Standortfaktor ersten Ranges geworden. Wir müssen in Deutschland immer wieder darauf hinzuweisen, dass unsere internationale Vorreiterrolle gerade bei der umwelttechnologischen Entwicklung ganz erheblich dazu beigetragen hat, nicht nur Arbeitsplätze in Deutschland zu erhalten, sondern auch viele neue Arbeitsplätze zu schaffen. Eine Million Menschen sind heute in diesem Sektor beschäftigt. Das sind 2,7 Prozent aller Erwerbstätigen.

Bei allen guten Nachrichten gibt es dennoch viel zu tun. Die Menschen müssen nicht nur in ökonomischer Hinsicht noch besser über die Nachhaltigkeit ihres Handelns informiert und aufgeklärt werden. Veranstaltungen wie „Einigkeit in der Vielfalt“ können helfen, noch besser klarzumachen, wie weit unsere heute getroffenen Entscheidungen für die Zukunft eine Rolle spielen.

Auch politisch müssen wir uns für noch mehr Nachhaltigkeit gerade beim Umweltschutz engagieren. Dafür will ich exemplarisch zwei Beispiele geben. Erstens: Wir brauchen klare Rahmenbedingungen, die in einem einheitlichen Umweltgesetzbuch zusammengefasst und vereinfacht werden. So können wir es nach der Änderung des Grundgesetzes in diesem Bereich schaffen, die rund 2250 Vorschriften mit unterschiedlichen Typologien auf etwa 775 Paragraphen in einheitlicher Sprache zu reduzieren. Zweitens: Ein nachhaltiges Wirtschaften, also die Schonung der natürlichen Ressourcen, kann zudem nicht nur auf die industrielle Produktion ausgerichtet sein. Ziel unserer Politik muss auch eine umweltschonende Landbewirtschaftung auf der ganzen Fläche sein. Der Boden muss Grundlage für unsere Ernährung und Wurzel für eine vielfältige Kultur- und Naturlandschaft bleiben. Damit die nachfolgende Generationen ihre Früchte aus der Erde ernten können, müssen wir den Einsatz von Pflanzenbehandlungsmitteln mindern, den erosionsbedingten Schwund des Bodens verhindern und eine flächengebundene Tierhaltung fördern, damit auch die Stickstoffbelastung im Boden - und in der Luft - abnimmt.

Neben Politik und Zivilgesellschaft trägt auch die Wirtschaft eine große Verantwortung. Für den Umweltschutz brauchen wir hier bessere Produkte und hochproduktive Herstellungsverfahren, die ein Höchstmaß an ökologischer und gesundheitlicher Verträglichkeit aufweisen und deren Einzelteile in biologische und technische Kreisläufe zurückgeführt werden können. Hier passiert leider immer noch zu wenig. Statt neue und bessere umweltverträgliche Produkte und Verfahren zu entwickeln, spart die deutsche Wirtschaft an den Forschungs- und Entwicklungsaufgaben.

Das Prinzip der Nachhaltigkeit wirkt jedoch neben dem Feld der Ökologie ganz unmittelbar auf weitere Bereiche des Lebens. Ich will dies anhand der Beispiele Kultur und Zivilgesellschaft kurz deutlich machen.

Eine Zeit lang hing in meinem Büro eine Fotoserie der Düsseldorfer Künstlerin Ursula Schulz-Dornburg mit 36 verschiedenen, jeweils einzeln porträtierten Weizensorten. Viele derjenigen, die das bei mir sahen, wussten noch nicht einmal, dass es sich um Weizen handelte, weil die Ähren vollkommen verschieden aussahen. Das Gleiche gilt für Kultur. Auch Kultur bezieht ihre Lebensfähigkeit und Stabilität aus Vielfalt - und ich meine keineswegs nur den künstlerischen Ausdruck, sondern Vielfalt als solche. Wir brauchen die Vielfalt, um uns insgesamt weiterzuentwickeln. Kultur und Nachhaltigkeit leben gleichermaßen durch das Zusätzliche, die Ergänzung. Denn wir wollen ja nicht nur immer wieder den Kölner Dom reparieren, was gewiss nachhaltig im Sinne seiner Erhaltung ist, womit wir aber nichts Neues schaffen. Wir brauchen eine Weiterentwicklung, weil das konventionelle abendländische Herangehen an Nachhaltigkeit eine Begrenztheit enthält, die, wenn man wirklich einmal weiterdenken würde, genau dieses System zum Ende führen kann. Wir brauchen ein Mehr an Toleranz, an Wissen und an Vielfalt als Grundlagen für ein nicht mehr quantitatives, sondern qualitatives Wachstum. Genau dafür setzen wir uns beispielsweise mit der UNESCO-Konvention zum Schutz der kulturellen Vielfalt ein. Hier haben wir erreicht, dass im Zusammenhang des GATS eine Möglichkeit geschaffen wurde genau diese Vielfalt zu erhalten und klarzumachen, dass Kultur eine Doppelnatur hat. Einerseits ist sie Handelsware, andererseits ist sie auch Kulturgut. Auch in der momentan eingesetzten Arbeitsgruppe des Deutschen Bundestages zusammen mit der französischen Asemblée National setzten wir uns dafür ein, Rahmenbedingungen zu identifizieren, mit denen wir die Rahmenbedingungen, aus denen eine möglichst große Vielfalt der Kulturen in Europa erhalten werden soll, verbessern können.

Inzwischen wird allgemein anerkannt, dass viele weltweite Probleme wie die Ausbeutung der Umwelt oder die fehlende Vielfalt der Kulturen nur zu lösen sind, wenn man dabei auch die sozialen und wirtschaftlichen Lebensverhältnisse der Menschen berücksichtigt. Damit kann auch der Gedanke der Nachhaltigkeit in einer Gesellschaft nur dann verankert werden, wenn er auf einer starken und funktionierenden Zivilgesellschaft fußt. Diese zeigt sich im gesellschaftlichen Engagement für Partizipation, Gleichberechtigung, Demokratie oder im Eintreten für die universellen Menschenrechte. Erst diese Stärken schaffen die Vorraussetzung für Anstrengungen für mehr Nachhaltigkeit.

Allein die wenigen angerissenen Punkte machen deutlich, dass wir mit singulärer Betrachtung von wenigen Bereichen nicht weit kommen werden. Stattdessen müssen wir uns immer wieder das generelle Prinzip des Nachhaltigkeitsgedankens ins Gedächtnis rufen. Nur so können wir uns selbst nachhaltig für Nachhaltigkeit engagieren. Die Veranstalter haben recht, wenn sie sagen: „Eine nachhaltige Welt ist möglich.“ - allein es liegt an uns, dies umzusetzen. Ich wünsche Ihnen viel Freude und Erfolg bei dieser Veranstaltung.