Die aufgetretenen Fälle von BSE
in der Bundesrepublik werfen neben allen bekannten Fragen der Ernährungssicherheit
auch Fragen nach unserem Umgang mit den uns umgebenden Lebewesen
auf. Die industrialisierte Landwirtschaft ist in vielen Regionen
zu Nahrungsmittelproduktionstätten verkommen, in denen nach nahezu
fordistischen Prinzipien gewirtschaftet wird. Die Tiere werden als
reine Produktionsfaktoren betrachtet und so behandelt. Dass die
Fütterung und Haltung dann nach Effizienzgesichtspunkten geschieht
liegt zwar auf der Hand, ist aber für Mensch und Tier nicht verträglich
und letztlich kontraproduktiv: denn entdeckte BSE-Fälle ziehen die
Tötung der ganzen Herde nach sich, das kann nicht im Interesse des
Landwirtes liegen.
Gut für unseren Landkreis Harburg
ist, dass hier schon früh die Direktvermarktung begonnen hat, d.h.
dass das Verhältnis von Landwirt zu Verbraucher viel direkter ist.
Das hilft, Vertrauen zu schaffen und zu erhalten. Es ist deswegen
ein Umdenken bezüglich der Produktionsweisen in der Landwirtschaft
nicht nur dringend angeraten, sondern wir sollten uns auch darauf
besinnen, wo der Begriff "Kultur" ursprünglich herkommt: aus der
Landwirtschaft.Er beschreibt die Urbarmachung des Bodens, das "Kultivieren"
von Nahrungspflanzen und anderen landwirtschaftlichen Nahrungsmitteln.
So betrachtet ist die BSE-Krise eine Krise der landwirtschaftlichen
Kultur. Wir haben uns weit von der reinen Urbarmachung des Bodens
zum Zwecke der Ernährung der Bevölkerung entfernt. Zugegeben: die
steigenden Bevölkerungszahlen ziehen die Erweiterung der Anbauflächen
und die effizientere Nutzung der Produktionsmethoden nach sich.
Berichte von UNO und NGO's zeigen, dass auf Dauer nicht nur unsere
Böden und die Umwelt irreparabel darunter leiden, sondern dass wir
uns am Ende durch die "unkultivierte" Verfütterung von Tiermehl
und anderen, mitunter "kannibalistisch angereicherten" Futtermitteln
krank essen. Dennoch gibt es immer noch Überproduktion, Export und
andere Elemente, die eher Überfluss als Mangel suggerieren.
Das gemeinsame Essen, in der Familie,
im Restaurant, ist auch und vor allem ein soziales Ereignis. Insofern
ist es eine kulturelle Erscheinung, die nicht durch fragwürdige
und gesundheitsschädigende Methoden der Nahrungsmittelproduktion
gefährdet werden darf. Auch deshalb ist die Umorientierung auf eine
ökologische und umweltorientierte, den Regionen angepasste Produktion
in der Landwirtschaft nötig. Dazu ist eine verstärkte Förderung
des ökologischen Landbaus und des Absatzes seiner Produkte erforderlich,
damit Anreize für verträgliche Nahrungsmittel geschaffen werden.
In unserer Region müssen wir die Umstellung forschend begleiten.
Damit erreichen wir mindestens zwei Ziele: schonender Umgang mit
den Böden und Produktion gesunder Nahrungsmittel. Betrachten wir
unsere Landwirtschaft auch als eine kulturelle Errungenschaft anstatt
nur als einen reinen Wirtschaftsbereich, sollte ein Umdenken gelingen.