Keine drei Wochen ist es her, dass
ein Schüler 16 Menschen und sich selbst sinnlos ermordete. Unwillkürlich
stellt sich die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung.
In welchem Klima, unter welchen Umständen wachsen Jugendliche auf,
die zu einer solchen Tat fähig sind? Neben den persönlichen und
familiären Umständen ist dies die gar nicht so neue Frage nach dem
Gewaltpotenzial in unserer Gesellschaft und in den Medien. Rund
5000 Studien, die sich mit den Wirkungen von Gewaltszenen im Fernsehen
auf das Verhalten von Jugendlichen beschäftigen, bleiben eine eindeutige
Antwort schuldig. Dargestellte Gewalt bleibt folgenlos, sagen die
einen, dargestellte Gewalt macht Menschen zu Monstern fürchten die
anderen. Nur weil Jugendliche gerne Actionfilme sehen und Ballerspiele
spielen, werden sie nicht automatisch zu Amokläufern. Der Zusammenhang
zwischen gesehener und ausgeübter Gewalt ist kein Automatismus,
wohl aber kann Gewalt in den Medien problematische Lebenseinstellungen
forcieren. Fest steht: Wer tagtäglich körperliche Gewalt als erfolgreiches
Mittel der Durchsetzung erfährt, der wird sein Weltbild durch Filme,
in denen Konflikte gleichfalls permanent mit Gewalt gelöst werden,
bestätigt finden. Kindern muß deshalb die Entwicklung von Selbstwertgefühl,
Kompetenz und Interpretationsfähigkeit ermöglicht werden, denn gerade
verunsicherte Jugendliche lieben Actionfilme und starke Helden.
Aggressivität ist nur ein Alarmsignal!
Es geht nicht um die schnelle Antwort,
Gewaltvideos und Filme zu verbieten; die Widersprüche sind tiefer
zu suchen. So sollen wir in einer globalisierten Welt flexibel sein
und werden dabei immer mehr zu einem funktionierenden Rad im Getriebe.
Auf der anderen Seite suggerieren uns die Werbung und damit die
Hersteller von Produkten wie individuell wir sind: 150 verschieden
Typen einer Automarke, 160,- Euro für ein Paar Turnschuhe sollen
uns einzigartig machen. Aber werden Jugendliche wirklich als Einzelne
wahrgenommen, gebraucht, geschätzt? Als Eltern, Schulen und Politiker
haben wir die dringende Aufgabe, jeden einzelnen Menschen wichtig
zu nehmen und sollten nicht nur schnelle Gesetze erlassen und durchführen.
Eines ist jedoch klar: es geht uns alle an. Denn ob Eltern, Schule
oder Spieleproduzenten und Politiker - wir alle haben Verantwortung
für die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. Die Notwendigkeit,
diese Herausforderung ist in Erfurt in tragischer Weise deutlich
geworden.