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Die Medien sind voll davon, jede
noch so kleine Erosion in Fraktion und Partei der SPD wird aufmerksam
verfolgt, kommentiert und bewertet und kaum einer findet den Weg
zur sachlichen Debatte: die Neustrukturierung unseres Gesundheitssystems
und des Arbeitsmarktes sind sicherlich große Vorhaben, die vielen
vieles abverlangen. Auch den Abgeordneten, von denen einige ihre
tiefen Überzeugungen schmerzlich prüfen müssen. Wir beobachten im
Moment den alten Konflikt zwischen Gewissensfreiheit und der Notwendigkeit
von gesicherten Mehrheiten im Parlament, die zur vernünftigen Ausübung
der Regierungsarbeit unablässig sind. Nicht umsonst verknüpft der
Bundeskanzler sein persönlich politisches Schicksal mit der Umsetzung
der eingeleiteten Gesetzesvorhaben. Diese sind nicht nur dringend
nötig, sondern verlangen den Einsatz aller Mandatsträger, der Regierung,
aber auch der gesellschaftlichen Kräfte. Mir ist völlig klar, dass
es grobe Fehler in der Kommunikation gegeben hat. Das macht die
Vorhaben in der Sache nicht unnötiger, hat aber wohl dazu geführt,
dass sich der Zuspruch in der Bevölkerung in Grenzen hält. Hier,
und nicht in der internen Auseinandersetzung, sehe ich das größere
Problem. Denn es ist nicht so, dass die Abgeordneten, die gegen
die Agenda 2010 sind, als Kronzeugen für deren angebliche Unausgewogenheit
und Ungerechtigkeit angeführt werden können, nur weil sie Abgeordnete
sind. Ich respektiere, dass mancher gegen seine Überzeugungen eine
Politik unterstützen soll, die er oder sie nicht mit tragen möchte.
Dann müssen sich diese Abgeordneten aber darüber im klaren sein,
dass sie damit eventuell einen notwendigen Prozeß zum Erliegen bringen
und sich dann gar nichts tut, weil die Regierung handlungsunfähig
wird bzw. nur noch mit Unterstützung der Opposition agieren kann.
Das mag für große Vorhaben wie die Gesundheitsgesetze vielleicht
ein gangbarer Weg sein, aber wenn jede heikle Abstimmung davon abhängt,
wie sich eine Handvoll Abgeordneter gegenüber der eigenen parlamentarischen
Mehrheit verhält, driften wir ganz schnell in eine Situation, die
sich schon Kanzler Helmut Schmidt anders vorgestellt hat. Die Folge
waren 16 Jahre Stillstand. Natürlich tun Veränderungen immer weh;
das geht gar nicht anders. Aber wir müssen endlich anfangen, auch
lieb gewonnene Gewohnheiten und Ansprüche auf den Prüfstand zu
stellen und unser politisches Denken an die realen Gegebenheiten
anzupassen. Die Gesellschaft hat sich – in den letzten 20 Jahren
immer schneller - verwandelt. Vieles, was früher gut und richtig
war, geht heute nicht mehr. Politik verlangt heute ganz generell
einen viel globaleren und gleichzeitig differenzierteren Ansatz,
als das früher nötig war. Die Verflechtungen auf allen Ebenen sind
so international, das wir mit einem Blick, der kurz vorm nationalen
Tellerrand halt macht, einfach nicht mehr weiter kommen. Nur am
Rande: ich war vor kurzem in Afghanistan. Dort kann man sehen,
welche Probleme in einem Land herrschen, in dem zum Teil erst an
den Universitäten Lesen und Schreiben gelernt wird! Also: auch
wenn manches nicht optimal gelaufen ist, bleibt es dennoch richtig,
dass wir Veränderungen, und zwar umgreifend, voran bringen. Dazu
brauchen wir auch Ihre Unterstützung und die Mitarbeit und Eigeninitiative
von jedem in der Gesellschaft. Vor allem aber: Geduld und Ausdauer.
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