| Anfang des Monats wurde erstmals in 57 Jahren ein Lesesaal des Goethe Instituts in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngyang eröffnet. Das Goethe Institut ist die erste und bisher einzige ausländische Kulturorganisation, der dies erlaubt wurde. Wir waren eine Delegation unter der Leitung von Prof. Dr. Jutta Limbach, der Präsidentin des Goethe-Instituts. Wir hatten das wagemutige Unterfangen, eine „Vermittlungsstelle für Deutsche Wissenschaftliche und Technische Literatur im Goethe-Informations-zentrum Pjön-gyang“ zu eröffnen, mit der schriftlichen Zusicherung von Nordkorea, den freien Zugang für alle Nordkoreaner ohne Zensur zu ermöglichen. 4.000 Bücher, Filme und sonstige Medien (Zeitschriften, DVDs, CDs u.a.) auf 130 Quadratmetern im Kulturhaus in Pjöngyang in zentraler Lage gegenüber dem Krankenhaus und neben der Musikschule und Jugendbegegnungsstätte lassen auch auf Laufkundschaft hoffen. Wir sind gespannt! Das koreanische Fernsehen berichtet ausführlich, so dass auch in den Anfangstagen bereits erhebliche Anfragen zu verzeichnen waren. Vorher gab es einen Eklat auf dem Pekinger Flughafen: von den 18 Medienvertretern, die zum ersten Mal in einer so großen Zahl ein Einreisevisum für Nordkorea erhalten sollten, ist ganz kurzfristig den Tokio-Korrespondenten von FAZ und Spiegel die Einreise verweigert worden. Ein kurzer Moment der Ratlosigkeit, der damit endete – mit dem Einverständnis aller Anwesenden - die Delegationsreise fortzusetzen, aber vor Ort den Protest deutlich zu machen. Die Eröffnung läuft so, wie man sich das nordkoreanisch vorstellt: Etwa 100 Koreaner stehen in der Lobby wie angegossen und hören unsere Reden. Doch nach dem die Tür zum Lesesaal geöffnet wird, strömen sie, sie blättern in Büchern und besonders an den PCs mit Sprachkursen und einer Datenbank mit Literaturhinweisen und stürzen sich auf die Mitbringsel der Frankfurter Buchmesse wie Schlüsselbänder, Kulis und Goethe-Rucksäcke. Doch der Lesesaal ist nicht alles, was wir von Pjöngyang sahen, wir erleben eine lebendige Stadt – entgegen der Zeitungsberichte und Vorurteile - in der viele Menschen sehr korrekt gekleidet (in Anzug und Kostüm, Kinder in Schuluniform) zur Arbeit gehen. Man sieht kleine Verkaufsbuden mit Softeis, Gemüse und kleinen Straßencafés unter Zeltplanen, die man aus nordkoreanischen Berichten bislang nicht kannte. Deutlich wird in unserem Besuchsprogramm: Kinder und Ausbildung spielen eine große Rolle in der Gesellschaft, die immer noch auf der Juche-Ideologie fußt: Jeder schafft aus eigener Kraft eine Menge – aber er braucht das Rüstzeug dafür. So besichtigen wir den Volksbildungspalast, einen 100.000 m2 großes Gebäude mit Bibliotheken, Lehrräumen und Sprachlaboren, in dem pro Tag etwa 10.000 Menschen Fortbildungsmaßnahmen oder Sprachkurse besuchen oder die Bibliothek benutzen. Oder den Kinderpalast, wo schon 5jährige intensiven Musik-, Ballett- oder Akrobatikunterricht erhalten und perfekte Darbietungen zur Aufführungen bringen! Es wird deutlich, dass die Versuche der Öffnung bzw. der Annäherung an andere Standards langsam Früchte zu ragen scheinen. Man muss mit dieser Bewertung noch vorsichtig sein, und Pjöngyang ist sicher nicht mit dem Rest des Landes zu vergleichen. Dennoch: Allein die Tatsache, dass eine 30-köpfige Delegation aus Deutschland fast ohne Hindernisse ins Land kam, noch dazu mit massiver Medienbegleitung, ist schon etwas besonderes. Dazu kommt, dass China offenbar Druck ausübt, doch auch in Nordkorea das chinesische Modell auszuprobieren – Marktwirtschaft unter Beibehaltung der sozialistischen Staatsideologie. Es funktioniert ja leidlich in China, vor allem ist es sicher besser, als das momentane System in Nordkorea, auch wenn es uns nicht absolut gefallen kann. Das es dem Goethe Institut ermöglicht wurde, diesen Lesesaal zu eröffnen und es offenbar Anfragen seitens der nordkoreanischen Nationalbibliothek gab, dass die britische Botschaft eine ähnliche Einrichtung ermöglichen solle, lässt hoffen. Wieder einmal zeigt sich, dass Kultur und Kulturaustausch die Wegbereiter für politische Kontakte sein können, ja vielleicht sogar besser als die klassische Diplomatie geeignet sein können, die Menschen einander näher zu bringen. Damit kann ein Dialog eingeleitet werden, der es ermöglicht, dass die Menschen in Nordkorea andere Sichtweisen kennen lernen. Dies ist der erste Schritt für eine bessere Zukunft des Landes. Ich bin nach meinem Besuch in dieser anderen Welt jedenfalls positiv überrascht und zuversichtlich. Es bewegt sich etwas in Nordkorea, die Menschen sind hoch motiviert, gut ausgebildet und diszipliniert. Wenn die Öffnung weiter geht, dann wird Nordkorea das Estland Ostasiens werden. |