| Die ersten drei Monate der Osterweiterung der Europäischen Union liegen hinter uns. Was wissen wir über die neuen Mitglieder? Kennen wir uns? Die kulturelle Vielfalt in Europa bleibt immer etwas im Dunklen, sie spielt auch eine Rolle in unserer Region, denn die Fragen nach der Sicherung kultureller Vielfalt in Europa (und anderswo) werden immer dringlicher. Nicht zuletzt die GATS-Verhandlungen haben gezeigt, dass kulturelle Dienstleistungen und mediale Produktionen mitnichten Waren wie Eier, Butter oder Würste sind. Sie sind zwar handelbar, aber eben nicht ausschließlich ein Wirtschaftsgut. Die Einsicht, dass kulturelle und künstlerische Produkte und Dienstleistungen das (wirtschaftliche) Potenzial der Zukunft sind, greift immer mehr um sich. Es ist also klar, dass die kulturelle Vielfalt in Europa gewahrt bleiben muss. Und weil diese Vielfalt mit dem geographischen Raum zusammenhängt, in dem sie entsteht, gibt es einen Bezug zwischen Kultur und Territorium. Das gilt auch für die Medien, wenn man Medien jeglicher Art als kulturelles Produkt begreift. In der Europäischen Union gilt die Richtlinie „Fernsehen ohne Grenzen“, die auf dem Prüfstand steht. Sie ist zu eng gefasst und nicht geeignet, eine wirkliche Freiheit der Medien in Europa zu unterstützen. Genau das aber brauchen wir, und zwar umso mehr, je größer diese Union wird. Ich glaube, dass Europa nur dann wirklich zusammen wachsen kann, wenn wir mehr übereinander lernen. Nach wie vor ist das Unwissen über unsere Nachbarn zu groß, als dass in Europa ein Prozess der Annäherungen statt finden könnte. Auf der politischen Ebene klappt das vielleicht ganz gut, im kulturellen Dialog, d.h. einem Dialog, der auf der Prämisse der Unterschiedlichkeit und gleichzeitigen Toleranz fußt, ist das noch schwierig. Deshalb kommt den Medien die wichtigste Rolle in der europäischen Einigung zu. Und diese Rolle kann nur glaubwürdig erfüllt werden, wenn die Chance besteht, dass sie auf der kulturellen Vielfalt Europas und seiner Territorien beruht. Eine Regionalzeitung aus Sizilien kann sicher besser über Politik auf Sizilien berichten als die RAI. Der Radiosender aus Schleswig-Holstein ist kompetent, über die Minderheiten an der deutsch-dänischen Grenze zu berichten. Eine mediale Vielfalt reflektiert die kulturelle Vielfalt und ist deshalb unerlässlich, denn diese Vielfalt ist Europas Stärke. Andererseits müssen die großen öffentlich-rechtlichen und privaten Sender, die als nationale Programme empfangbar sind, Europa zum Programm machen, wenigstens teilweise. Dazu sind sie durch die erwähnte Fernsehrichtlinie verpflichtet. Mir scheint jedoch dieser Rahmen zu eng zu sein. Laut Europäischer Charta der Grundrechte (Art. 11) muss die Kommission Informationsfreiheit und Medienpluralismus in Europa sichern. Wenn wir keine „McDonaldisierung“ der Medien in Europa haben wollen, ist dies auch dringend geboten. Deshalb ist ein starker öffentlicher Mediensektor in Europa unerlässlich, denn nur wenn ein Sender nicht dem Wettbewerb ausgeliefert ist, kann er einem Bildungs- und Kulturauftrag nachkommen und damit zur Vielfaltssicherung beitragen. Die Digitalisierung schreitet voran und macht alte Übertragungswege obsolet, Wissen und Informationen gehen heute anders in die Welt und werden anders abgerufen als noch vor 10 Jahren. Jeder aus jeder Region in Europa kann in diesem Spiel mitspielen, schauen wir nur auf die unendlich vielen privaten Websites, die schon oftmals traditionelle Medien als Informationsquelle über eine Stadt, eine Region oder auch nur die Geschichte eines Gebäudes abgelöst haben. Das sichert Vielfalt. Das sind gute Voraussetzungen für eine europäische Öffentlichkeit. Dabei sind vor allem die grenzüberschreitenden Regionen in Europa gefordert. In ihnen vermischen sich verschiedene kulturelle Einflüsse zu etwas Neuem, was auch in den Medien seinen Niederschlag finden sollte. Diese Territorien sind der Experimentierraum für ein Europa der Kulturen. Dabei müssen wir darauf achten, dass Medienkonzentrationen und –fusionen keine Gefahr für Pluralismus und kulturelle Vielfalt werden. Europa findet wenig Raum in der Berichterstattung, schon gar nicht, wenn es um lokale oder regionale Ereignisse und Entwicklungen geht. Es besteht eine Diskrepanz zwischen der staatlichen Einigung in Europa und der gesellschaftlichen Realität eben dieser Einigung. Deshalb ist die Sicherung der kulturellen Vielfalt in Europa so wichtig. Ohne sie gibt es kein Europa. Der Bezugspunkt ist das eigene Territorium und die eigene Region. Vielfalt lässt sich nicht verordnen: sie existiert, muss aber die Chance haben, sich auch zu artikulieren und zu entfalten. |