Monika Griefahn, Vorsitzende des Ausschusses für
Kultur und Medien, teilt zum Entwurf der EU-Grundrechtscharta und
zur aktuellen Diskussion über eine "Leitkultur" mit:
"Der Entwurf der EU-Grundrechtscharta ist auf kulturellem
Gebiet enttäuschend. War in den Verträgen von Maastricht und Amsterdam
die Förderung von Kulturen und Sprachen explizit genannt, so fehlt
dieser Aspekt in dem vorgestellten Entwurf komplett. Den Bereichen
Umweltschutz und Bildung wird in der Charta der Status der "Grundrechte
der Dritten Generation" zugewiesen, der Umweltschutz wird sogar
als verbindliche Weisung aufgenommen. Als Vorsitzende des Ausschusses
für Kultur und Medien ist es meine Pflicht, auf diesen Mißstand
hinzuweisen. Der Artikel 151,4 des Amsterdamer Vertrages muss durch
eine eigene verbindliche Weisung seine Entsprechung in der Charta
finden. Es kann nicht sein, dass im Amsterdamer Vertrag darauf hingewiesen
wird, dass die Gemeinschaft "...bei ihrer Tätigkeit den kulturellen
Aspekten Rechnung..." zu tragen habe, dies aber in einer Charta
der europäischen Grundrechte keinerlei Niederschlag findet. Die
Erwähnung von "Beiträgen" der Union zur Entwicklung und Achtung
der kulturellen Vielfalt in der Präambel deutet zwar auf kulturpolitische
Absichten hin. Dies wird aber im Text nirgendwo konkretisiert; es
gibt keinen Artikel, der etwa mit "Recht auf Kultur" überschrieben
wäre.
Gerade zu einer Zeit, zu der in Deutschland über
die "deutsche Leitkultur" diskutiert wird, muss der internationale
Dialog der Kulturen an Bedeutung gewinnen. Die Zeiten nationalstaatlicher
Kultur, sofern es sie je gegeben hat, ist lange vorüber. Kulturelle
Abgrenzungen sind nicht nur realitätsfern, sondern geradezu gefährlich.
Und genau darum geht es: nicht die Konkurrenz, sondern die gegenseitige
Stimulation muss im Mittelpunkt europäischer Kulturpolitik stehen.
Dies kann aber nur geschehen, wenn verbindlich anerkannt wird, dass
es ein Recht auf Kultur(en) und die Entwicklung ihrer Vielfalt in
Europa gibt. Dies muss in die Grundrechtscharta aufgenommen werden.
Schließlich erkannte schon Jacques Delors, dass Europa ohne die
kulturelle Dimension nicht zu bauen ist. Die Regierungschefs sollten
bei ihrem Treffen in Nizza im Dezember 2000 der Charta in ihrer
vorliegender Version nicht zustimmen."