Auf Einladung des SPD-Unterbezirks
Landkreis Harburg war jetzt die Bundesgesundheitsministerin Ulla
Schmidt zu Gast in der Kreisstadt Winsen (Luhe).
Zunächst stand ein Besuch des Krankenhauses
Winsen und ein Fachgespräch mit Vertretern der Kreiskrankenhäuser
Buchholz und Winsen an. Norbert Böttcher, Geschäftsführer der gemeinnützigen
Krankenhaus-GmbH und für die beiden Krankenhäuser Winsen und Buchholz
zuständig, trug die Sorgen der Kreiskrankenhäuser vor. Die derzeit
noch gültige Budgetierung treffe die Kreiskrankenhäuser besonders
stark, weil das derzeitige Abrechnungssystem mit ihrer Budgetierung
auf den Zahlen aus dem Jahr 1992 basiere, die Kreiskrankenhäuser
aber schon früh Wirtschaftlichkeitsreserven ausgeschöpft hätten
und nun dafür bestraft werden. Mit Anstrengung sei es gelungen,
für das letzte Jahr eine "schwarze Null" zu realisieren. Böttcher
beklagte auch, dass viele Krankenkassen ihren Verpflichtungen nicht
nachkämen und - anstatt zu zahlen - lieber den Gang vor das Sozialgericht
in Kauf nähmen, weil man in Niedersachsen 3 Jahre auf einen Gerichtstermin
und in Hamburg 5 Jahre warten müsse. Daneben saßen Chefärzte aus
Winsen und Buchholz, die Verwaltungsleitung, Vertreter des Pflegedienstes
und des Personals mit am Tisch, die ebenfalls Stellung nahmen.
Gesundheitsministerin Ulla Schmidt
hatte Verständnis für die Probleme gerade der kleineren Krankenhäuser,
konnte aber keine schnelle Abhilfe versprechen. Jedoch werde mit
der Einführung des Fallpauschalensystems, das schrittweise zwischen
2004 und 2007 eingeführt werden soll, mehr Gerechtigkeit hergestellt.
Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt
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Im Anschluss daran trat Bundesgesundheitsministerin
Ulla Schmidt auf einer öffentlichen Veranstaltung im Winsener Marstall
auf. Mit auf dem Podium: Landrat Prof. Dr. Jens-Rainer Ahrens und
SPD-Bürgermeisterkandidat Dr. Dieter Bender. Die örtliche Bundestagsabgeordnete
Monika Griefahn moderierte die Veranstaltung.
Folgende Rede hielt Bundesgesundheitsministerin
Ulla Schmidt auf der Veranstaltung "Die Zukunft des Gesundheitswesens"
am 3.9. in Winsen/Luhe:
"Liebe Monika Griefahn, meine Damen
und Herren,
über kaum ein Thema wird zur Zeit
so viel geredet, wie über die Gesundheitspolitik. Vom Umbau ist
die Rede und von Forderungen nach einer großen Gesundheitsreform.
Vor allem die Opposition tut sich
mit Vorschlägen, die die Versicherten zusätzlich belasten würden,
hervor. Sie hat nichts aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt.
Mit den Folgen dieser Politik haben
wir noch heute zu kämpfen. Die aktuellen Beitragsatzsteigerungen
der Krankenkassen sind zum größten Teil ein Erbe der vorherigen
Bundesregierung. Ihre Gesundheitspolitik steht für Beitragssatzsteigerungen,
Leistungskürzungen und zusätzliche Belastungen für kranke Menschen.
Zur Erinnerung: Unter Herrn Seehofer
wurde ein Notopfer für die Krankenhäuser und Einschränkungen bei
den Kuren verabschiedet. Es gab keinen Zahnersatz mehr für Kinder
und keine Präventionsangebote für die Versicherten.
Trotz dieser Leistungseinschränkungen
waren Beitragsatzsteigerungen an der Tagesordnung, insgesamt um
1,3 Beitragssatzpunkte in den Jahren 91-98. Ohne die Leistungskürzungen,
die Herr Seehofer eingeführt hat, wären es sogar 1,8 Beitragssatzpunkte
gewesen.
Herr Seehofer hatte auch eine Lösung
für die steigenden Beitragsätze. Er wollte bei jeder Beitragsatzerhöhung
den Patientinnen und Patienten bei den Arzneimitteln tiefer in die
Tasche greifen. AOK-Versicherte in Hessen müssten heute für die
große Packung statt 10 DM 23 DM zahlen.
Nun tritt Herr Seehofer vehement
den Vorstellungen der CDU entgegen, die einen Regel- und Wahlleistungskatalog
in der gesetzlichen Krankenversicherung will. Im von Frau Merkel
vorgestellten Positionspapier zur "neuen sozialen Marktwirtschaft"
ist eine zentrale Forderung die GKV soll sich "auf einen Katalog
von Kernleistungen" konzentrieren. Statt dessen will er einen Selbstbehalt
einführen, der die Beitragssätze für diejenigen, die den Selbstbehalt
wählen, verringern soll. Den würden ja wohl Gesunde wählen und damit
wären die Kranken erneut bestraft und ausgegrenzt.
Von der Opposition ist also nichts
zu erwarten. Jetzt streiten sie sich. Wer sich durchsetzen wird,
ist durchaus offen. Unsozial und zu Lasten der Patientinnen und
Patienten sind beide Vorschläge.
Bei unserer Gesundheitspolitik ist
das anders. Im Mittelpunkt stehen die Patientinnen und Patienten.
Um sie geht es, und nicht um die Honorare der Ärztinnen und Ärzte,
die Interessen der Krankenkassen, die Finanzierung von Krankenhäusern
oder Gewinnstrategien der Pharmaindustrie, der Apotheker oder des
Großhandels. Sie alle müssen sich einem unterordnen: der besten
Versorgung der Patientinnen und Patienten.
Deshalb haben wir nicht nur die
Arzneimittelzuzahlungen abgesenkt, das Krankenhausnotopfer abgeschafft
sowie Zahnersatz für Kinder und Präventionsangebote wieder eingeführt.
Wir haben das alles auch solide gegenfinanziert durch Krankenkassenbeiträge
für 630 DM-Jobs.
Und wir haben ein zukunftsweisendes
Konzept. Dabei sind mir zwei Dinge wichtig:
· Erstens eine bessere Qualität der Versorgung,
vor allem bei chronisch kranken Menschen
· Zweitens die Ausschöpfung von vorhandenen Einsparreserven. Das
ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass unser Gesundheitswesen
bezahlbar bleibt und von den Menschen akzeptiert wird.
Wir wollen auch in Zukunft das medizinisch
notwendige solidarisch finanzieren. Diese Solidarität von Gesunden
mit Kranken, Reichen mit Armen und Singles mit Familien gibt den
kranken Menschen das, was sie am meisten brauchen: Sicherheit. Und
es gibt noch ein Argument für die solidarische Krankenversicherung:
70 Mio. Männer, Frauen und Kinder vertrauen darauf.
Das Risiko Krankheit ist - anders
als das Risiko Alter bei der Rentenversicherung - nicht zu kalkulieren.
Denn niemand kann sagen, wann er aus welchem Grund in welchem Umfang
medizinische Hilfe braucht.
Mit der Gesundheits-Reform 2000
haben wir bereits wichtige Weichen hin zu mehr Qualität und Wirtschaftlichkeit
gestellt: Stärkung der Patientinnen und Patienten, Verpflichtung
aller Einrichtungen zur Qualitätssicherung, eine bessere Zusammenarbeit
aller Beteiligten und mehr Prävention sind die Stichworte.
Jetzt geht es darum, die Bestimmungen
der Gesundheitsreform endlich umzusetzen. Ich denke dabei vor allem
an die bessere Zusammenarbeit zwischen den behandelnden Ärztinnen
und Ärzten, den Krankenhäusern und vielleicht auch den Rehabilitationseinrichtungen.
Wenn alle Leistungserbringer im
Gesundheitswesen besser zusammenarbeiten, können die Patientinnen
und Patienten nicht nur besser behandelt werden. Auch belastende
Mehrfachuntersuchungen werden überflüssig.
Es gibt Patientinnen und Patienten,
die mit ihrer Chipkarte von Arzt zu Arzt gehen, obwohl das medizinisch
nicht notwendig ist. Das ist nicht nur teuer, sondern dient auch
nicht dem Behandlungserfolg. Deshalb brauchen wir einen Lotsen,
der die Patientinnen und Patienten durch das Gesundheitswesen schleust.
Diese Funktion kann am ehesten der
Hausarzt übernehmen. Denn er kennt nicht nur die Patientinnen und
Patienten, sondern auch das Angebot auf dem Gesundheitssektor. Ich
halte es deshalb für sinnvoll, dass Patientinnen und Patienten möglichst
zuerst ihren Hausarzt aufsuchen. Hierfür könnte ich mir finanzielle
Anreize, wie z.B. einen Rabatt für die Patientinnen und Patienten,
die sich daran halten, vorstellen.
Mit unseren aktuellen Gesetzesvorhaben
setzen wir den eingeschlagenen Weg konsequent fort. Z.T. wurden
diese Gesetze schon verabschiedet, zum Teil befinden sie sich in
der parlamentarischen Beratung.
Mit dem Gesetz zur Ablösung des
Arzneimittelbudgets verbessern wir die Ausgabensteuerung im Arzneimittelbereich.
Unwirksame und ungerechte Instrumente wie Arzneimittelbudget und
Kollektivregress werden durch Arzneimittelvereinbarungen der regional
verantwortlichen Selbstverwaltungspartner ersetzt. Damit wird auch
die Versorgung chronisch Kranker verbessert."
Im Anschluss an den Vortrag hatten
viele Zuhörer die Gelegenheit, direkt Fragen an die Bundesgesundheitsministerin
zu stellen.