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Pressemitteilung 23/2004
Donnerstag, 25. März 2004
 
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Monika Griefahn fordert mehr Ausbildungsplätze
Die SPD-Bundestagsabgeordnete Monika Griefahn fordert weitere Anstrengungen von Industrie, Handel und Handwerk zur Schaffung von neuen und zusätzlichen Lehrstellen.

Monika Griefahn: „Wir können nicht zusehen, dass Jugendliche ohne Ausbildungsplatz und Perspektive bleiben und keinen Einstieg ins Berufsleben finden. In wenigen Jahren werden uns die Fachkräfte fehlen, die heute nicht ausgebildet werden. Ich würde es begrüßen, wenn eine Ausbildungsplatzabgabe nicht notwendig werden würde. Leider kommen die Unternehmen in ihrer Gesamtheit jedoch nicht ihrer Ausbildungsverpflichtung nach. Dies gilt insbesondere auch für die Industrie und die Großunternehmen. Nur rund 23 % der Betriebe bilden überhaupt noch aus. Die Zusagen und freiwilligen Selbstverpflichtungen einiger Spitzenverbände haben in der Vergangenheit leider nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Die Bundesregierung wird deshalb handeln müssen, wenn nicht bald eine Verbesserung der Ausbildungssituation eintritt.

Alle Beteiligten sind gefordert, den jungen Menschen eine betriebliche Ausbildung zu ermöglichen. Das Duale System, in vielen Punkten weltweit immer noch vorbildlich, muss allen Schulabgängern, die dies wünschen, eine qualifizierte berufliche Bildung bieten. Denn schon in wenigen Jahren werden wir in Deutschland einen ausgeprägten Fachkräftemangel haben, was angesichts der hohen Arbeitslosigkeit heute noch nicht zur Kenntnis genommen wird.

In diesem Zusammenhang begrüße ich die besonders engagierte Arbeit der IHK Wolfsburg-Lüneburg, die mit persönlichem Engagement vielen jungen Menschen zu einem Ausbildungsplatz verholfen hat. Zur Nachahmung empfohlen sind auch die Tarifverträge mit brancheneigenen Ausbildungsplatzumlagen, die zwischen der IG BCE und der IG Bau und den entsprechenden Wirtschaftsverbänden abgeschlossen worden sind.“

 

Daten und Fakten zur Ausbildungssituation

Die Lehrstellensituation hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter verschlechtert und droht auch 2004 prekär zu werden. Dies belegen die folgenden Fakten:

Die Zahl der neu besetzten betrieblichen und außerbetrieblichen Ausbildungsplätze war im Jahr 2003 bundesweit so niedrig wie seit mindestens 1992 nicht mehr (2003: 560.086, 1999: 631.015, 1995: 572.774 und 1992: 595.215, vgl. Anlage, Zeile 2). Dabei hat in dieser Zeit der Anteil der außerbetrieblichen Ausbildung noch zugenommen, der Anteil der betrieblichen Bildung noch abgenommen.

Seit dem Jahr 2000 hat sich die Zahl der betrieblichen Ausbildungsplätze in Ausbildungsberufen bundesweit von 564.379 auf 499.717 im Jahr 2003 reduziert. Dies entspricht einer Verringerung um rund 11,5% in nur vier Jahren. Der Anteil der betrieblichen Ausbildungsplätze an der Gesamtzahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge sank in diesem Zeitraum von 90,8% auf 89,2%, dementsprechend stieg der Anteil der staatlich finanzierten Plätze von 9,2% im Jahr 2000 auf 10,8% im Jahr 2003.

Von den zum 30.09.2003 abgeschlossenen 560.086 Ausbildungsverträgen entfielen 60.369 auf öffentlich finanzierte Programme. Nur noch 499.717 Ausbildungsplätze wurden seitens der Wirtschaft bis zu diesem Zeitpunkt besetzt. Der Rückgang der gesamten Zahl der Ausbildungsverträge ist somit nahezu ausschließlich auf die geringe Zahl der betrieblichen Ausbildungsverträge zurückzuführen.

Der Anteil der Absolventen aus allgemein bildenden Schulen, die eine Lehre absolvieren, war 2003 so niedrig wie kaum je zuvor (2003: 60,0 %, 1999: 68,8 %, 1995: 66,3 % und 1992: 77,0 %, vgl. Anlage, Zeile 2).

Am schlimmsten wiegt der Umstand, dass einer großen Zahl von Jugendlichen keine Lehrstelle angeboten werden konnte, obwohl sie eine suchten. Selbst wenn man nur die Differenz zwischen den noch offenen Plätzen und den noch Lehrstellen Suchenden betrachtet, geht die Schere immer weiter auseinander und besteht ein krasses Unterangebot an Lehrstellen (2003: -66.878 Lehrstellen zu wenig, 1999: -36.098 Lehrstellen zu wenig, 1995: + 23.109 Lehrstellenmehrangebot und 1992: + 104.790, vgl. Anlage, Zeile 14). Diese Zahlen beinhalten die Bewerber, die bis zum Ende des Geschäftsjahres nicht vermittelt werden konnten, und die Bewerber, die eine Alternative zu einer Lehre beginnen, aber weiter vermittelt werden wollen. Diese Betrachtung berücksichtigt noch nicht, dass Lehrstellen mit sehr unterschiedlicher regionaler Verteilung und auch nicht in den „Wunschberufen“ angeboten werden. Selbst wenn alle bestehenden Lehrstellen besetzt würden, blieben 2003 bundesweit mindestens 66.878 Jugendliche ohne Ausbildungsplatz. In Wirklichkeit sind es weit mehr. Das ist dramatisch.

Auch die jüngsten Zahlen der Ausbildungsvermittlungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) zum 31.1.2004 bestätigen den rückläufigen Trend bei den gemeldeten Ausbildungsplätzen: Bundesweit ging die Anzahl der Ausbildungsplätze von 336.797 (Januar 2003) um 22.729 oder 6,7% auf 314.068 zurück. Bei den gemeldeten Ausbildungssuchenden ist bundesweit weiter eine Zunahme zu verzeichnen; im Vergleich zum Januar 2003 sind dies 20.228 oder 4,7% Ausbildungssuchende mehr, nämlich 448.375.

Die öffentliche Hand reagiert neben ihrer Verpflichtung zur Finanzierung der Berufsschulen zunehmend mit Ausgabensteigerungen zur Schaffung zusätzlicher Ausbildungsplätze. Im vergangenen Jahr wurde jeder neunte der 560.086 von den Unternehmen neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen voll aus öffentlichen Mitteln bezahlt. Bei den Ausgaben zur Schaffung zusätzlicher Ausbildungsplätze (1997: 608 Mio. Euro / 2003: 733 Mio. Euro) handelt es sich zu einem beträchtlichen Teil um Ausbildungskosten, die der Staat den Ausbildungsbetrieben teilweise erstattet.

Im Zusammenhang mit dem Thema „Ausbildungsfähigkeit“ Jugendlicher ist darauf hinzuweisen, dass die Bundesregierung ihrer Verantwortung nachkommt und erhebliche Summen in die Berufsvorbereitung und Qualifizierung investiert. Einen starken Anstieg erlebte die individuelle Förderung der beruflichen Ausbildung durch die Bundesagentur für Arbeit, zum Beispiel im Rahmen der Förderung benachteiligter Zielgruppen, die von rund 1,3 Milliarden Euro im Jahre 1998 auf über 2,2 Milliarden Euro im Jahre 2003 anwuchs.

Mittlerweile bilden von den fast 2,1 Millionen Betrieben nur noch rund 23 % aus. Die Ausbildungsquote (bundesweites Verhältnis der Auszubildenden zur Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten) liegt bei den kleineren Unternehmen (vor allem Handwerksbetriebe) mit 8 % deutlich besser als bei Großunternehmen.

Die Zahl der unversorgten Schulabgänger steigt von Jahr zu Jahr. Am 30.9.2003 ist die Zahl der noch nicht vermittelten Bewerberinnen und Bewerber gegenüber dem Stichtag im Jahr 2002 um 11.632 oder 49,7% auf 35.015 gestiegen. Besonders aufschlussreich ist ein Blick auf die Entwicklung der Lücke, das heißt die Differenz zwischen der Zahl der noch offenen Plätze und der Zahl der noch nicht vermittelten Bewerber. War dieses Verhältnis im Jahre 2001 mit +4.073 noch positiv, so entstand 2002 eine Lücke von 5.378 und 2003 sogar von 20.175 (vgl. Anlage, Zeile 13).

Zu den am 30.9.2003 bei den Arbeitsämtern gemeldeten 35.015 unversorgten Bewerbern kommen noch diejenigen hinzu, die sich in so genannten Warteschleifen befinden, aber nicht in der BA-Statistik geführt werden. Dabei handelt es sich um Jugendliche, die sich wegen erfolgloser Lehrstellensuche eher unfreiwillig in Alternativen (z.B. Berufsvorbereitungsjahr) befinden und versuchen, ihrer Situation positive Seiten abzugewinnen. Ein großer Teil möchte aber weiterhin so schnell wie möglich in eine Lehre und hält auch offiziell seinen Vermittlungswunsch aufrecht. Ihre Zahl ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen, 2003 waren es bundesweit 46.700 Bewerber.

Inzwischen gibt es nach der Statistik der BA etwa eine halbe Million Menschen ohne Arbeit, die jünger als 25 sind, und von denen hat wiederum rund die Hälfte keine Berufsausbildung. Die Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz von heute sind die Langzeitarbeitslosen von morgen!

Aufgrund der demographischen Entwicklung werden im Vergleich des Jahres 2001 zum Jahr 2015 in Deutschland mehr als eine Million Fachkräfte fehlen.

All dies macht deutlich, dass das in Deutschland zur Verfügung stehende künftige Fachkräftepotenzial seitens der Arbeitgeber nicht ausgeschöpft wird. Diese Entwicklung gefährdet die künftige wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen.

 

Anlage: Entwicklung des Ausbildungsplatzangebots und der Ausbildungsplatznachfrage in Deutschland von 1992 bis 2003

 
Diese Pressemitteilung finden Sie auf: www.monika-griefahn.de