
Günter Danner (2. von rechts) informierte über
die Gesundheitssysteme in Europa; rechts die Bundestags-
abgeordnete Monika Griefahn, links Claus Wiltzer
und Hannelore Kaiser von der Walsroder SPD.
|
 |
Über das Thema „Wird unser Gesundheitssystem nur schlecht geredet?“ wollte die Walsroder SPD mehr erfahren und hatte dafür Günter Danner, den stellvertretenden Direktor der Europavertretung der Deutschen Sozialversicherung am 1. November 2004 zu einer öffentlichen Veranstaltung in die Stadthalle Walsrode eingeladen. Hannelore Kaiser, stellvertretende Bürgermeisterin in Walsrode, und der Vorsitzende der SPD-Stadtratsfraktion, Claus Wiltzer, führten in die Veranstaltung ein. Die ebenfalls anwesende Bundestagsabgeordnete Monika Griefahn freute sich darüber, denn viel mehr Menschen müssten wissen, wie es mit den Gesundheitssystemen um sie herum aussieht, um das eigene System schätzen zu können. In Deutschland erhalten immer noch alle Menschen die notwendige medizinische Versorgung und sie verwies auf die derzeitigen Diskussionen um Bürgerversicherung oder Kopfpauschale, um ein leistungsfähiges Gesundheitssystem erhalten zu können. Dies ging dem Referenten Günter Danner nicht weit genug: „Die Diskussionen müssen weiter gehen als nur bis zur Kopfpauschale oder Bürgerversicherung.“
In seinem verständlich und humorvoll vorgetragenen Referat ging er darauf ein, „wie es in der bisherigen EU der 15, der EU der 25 und der EU der 25 plus X aussieht“. „Alle haben den Euro“, betonte Danner, „aber 25 verschiedene Gesundheitssysteme und Rentenversicherungssysteme.“ Auf Großbritannien ging er ausführlicher ein, wo es einen staatlichen Gesundheitsdienst gibt, der durch Steuergelder finanziert wird und eine „Mangelsteuerung“ betreibt: Um die Gesundheitskosten niedrig zu halten, werden bewusst wenig Finanzmittel dafür vorgehalten. Auf den Zugang zu Fachärzten warten viele Patienten daher bis zu eineinhalb Jahren, auch auf Operationen. „Irgendwann erhalten die Patienten dann einen Termin.“ Doch zuvor müssen sie genug „Punkte“ erworben haben, um an der Reihe zu sein. „Über eine Million Menschen in Großbritannien wartet auf etwas, auf einen Termin beim Hautarzt bis zur Strahlenuntersuchung.“
Zudem gibt es dort ein „rigides Erstarztsystem“, wo sich Patienten bei einem Arzt zur Erstversorgung einschreiben lassen und ihn dann zuerst im Krankheitsfall aufsuchen müssen. Wobei man dort den Arzt selbst dann auch nicht immer zu Gesicht bekommt, sondern auch mal die Krankenschwester Penizillin bei einer Blaseninfektion verschreiben kann. Der National Health Service bezahlt diese Erstärzte pro eingetragenen Patienten. Besser sind die Patienten dran, die eine Behandlung privat bezahlen können. Da gibt es dann keine Wartezeiten. „Es gibt genügend Ärzte, aber zu wenig Geld für die Gesundheitsversorgung“, erklärte Danner. „Großbritannien ist lange nicht so verschuldet wie Deutschland, doch verhält sich unsozialer, denn sie geben weniger Geld für die Gesundheit her. Die Abhängigkeit vom Staatshaushalt ist das Problem.“
Auch in Schweden gibt es diese Abhängigkeit von den Staatsfinanzen, doch da läuft es anders. Nach einem Beinahe-Staatsbankrott im Jahre 1972/93 wurde das Sozial- und Gesundheitssystem kräftig umstrukturiert, doch trotzdem steht das Gesundheitswesen dort besser da. In Frankreich gibt es eine Mischfinanzierung mit Eigenbeitrag und Steuermitteln. Jeder ist in einer staatlichen Grundversicherung, so einer Art Volksversicherung. Dort hat man auch schon über eine reine Steuerfinanzierung nachgedacht. Der Basisbeitrag deckt 60 % der stationären und 80 % der ambulanten Behandlungen, der Rest muss privat dazu gezahlt werden. Beim Arzt muss Geld abgegeben werden für einen Behandlungsschein, dann erhält der Patient eine Rechnung und muss sich um eine Kostenerstattung bemühen.
In den östlichen Ländern, außer Slowenien, wurde das russische Gesundheitssystem übernommen. Das brach schrittweise weg durch den Fall des Kommunismus. Erst gab es regionale Gebietskassen, dann größere Zusammenschlüsse, doch auch die gingen bankrott. Kassen zahlen dort nichts für die Gesundheitserbringer, z.B. die Krankenhäuser. Das staatsnahe Einheitsmodell wird meist umgangen. Da die Ärzte so schlecht bezahlt werden, gibt es dort im Ausmaß von 35 bis 40 % eine „Schattenwirtschaft“: „man geht zum Arzt und muss schmieren“. Dies sei durch die Umstände bedingt, erläuterte Günter Danner, denn wenn ein Arzt in Budapest 380 Euro im Monat verdiene, davon 30 % „für nichts“ abführen müsse, dann sei ein solches Verhalten mit Privatzahlungen unumgänglich. Krankenhäuser werden dort meist in kommunaler Trägerschaft vorgehalten, doch da kreist auch schnell der Pleitegeier wegen er Kosten. „Schattenwirtschaft ist der Tod eines Sozialsystems.“ Günter Danner rechnet mit 10 bis 20 Jahren, bis sich in diesen Ländern auch eine Sozialversicherungsstruktur bildet. „Der Wunsch nach dem deutschen System ist da. Und dann hören sie, was die Deutschen alles für einen Quatsch über ihre Versicherungen verbreiten.“ Die Gesellschaft in Deutschland müsse sich klar darüber sein, was es heiße, in einer Kassenversicherung zu sein. Um dies zu erhalten, brauche man ein nachhaltiges System von Solidarität.
|