Kategorie-Archiv: Allgemein

Bäume hören nicht auf McKinsey

Von  Petra Reinken

Der Österreicher Erwin Thoma ist gelernter Forst- und Betriebswirt. Heute, mit Mitte 50, ist er Inhaber eines Unternehmens, das Massivholzhäuser baut – und zwar ohne Schrauben, ohne Leim. Er ist auch Autor, und er hat eine Botschaft: Seid wie die Fichte!

„Die Fichte ist der Baum, der am wenigsten kann“, erzählt Erwin Thoma bei einem unterhaltsamen Vortrag in Hollenstedt. Der Zimmereibetrieb Holzbau Mojen hatte dazu ins Weinkonzept im Gewerbegebiet eingeladen. Mehrere hundert Zuhörer ließen sich vom Referenten aus Österreich in die Wunderwelt der Bäume entführen und vom Massivholzbau begeistern. Und vielleicht auch davon, ein bisschen mehr zu sein wie die Fichte, wie der Baum, der am wenigsten kann. „Das Holz der Fichte ist nachgiebig“, sagt Thoma, „der Baum schmalbrüstig, seine flachen Wurzeln überlassen das Erdreich den anderen.“ Trotzdem sei die Fichte der Baum, der sich am weitesten durchgesetzt habe. „Wie kann das sein?“

Thoma löst das Rätsel selbst auf: „Die Fichte, die hätte jeder gerne als Nachbarn. Sie tut niemandem weh, sie kann teilen, sie wird gerne geduldet. Und damit kommt sie am weitesten.“ Diese Kooperationsbereitschaft der Fichte, die sei auch das Credo für sein Leben geworden. Dass er sein Wissen über den Wald, die Bäume und den Massivholzbau in Büchern veröffentliche – es mit anderen teile – das habe sich zig-fach ausgezahlt durch Aufträge bis hin ins ferne Japan. „Bäume hören nicht auf McKinsey“, fasst Thoma zusammen – ein Seitenhieb auf alle Unternehmensberater mit Ellenbogenmentalität.

Eindringlich ließ er die Zuhörer teilhaben an seiner Familiengeschichte: dass er die Firma mit seinem Großvater zusammen gründete, der weise sagte: „Du musst das Holz in seiner besten Form verwenden: schlage es bei abnehmendem Mond“. Dazu ließ er sich mehr überreden als überzeugen, doch heute sagt er in seinem so stark österreichischen Dialekt, dass der Norddeutsche ihn phasenweise kaum versteht: „Wos der Opa g‘wusst hat, des is a Woahnsinn!“ Seine „Mondbäume“ zeigten sich deutlich resistenter gegenüber Pilzen und Insekten als Bäume, die zu anderen Zeiten geschlagen wurden. Chemische Behandlungen, die aus dem Naturstoff Holz Sondermüll machen, brauchen sie nicht.

In seiner besten Form – das bedeutet auch: massiv. Thoma hat eine Massivholzbauweise entwickelt, die einzelne Holzlagen verzapft, sodass keinerlei Schrauben nötig sind. Gleichzeitig behält der Naturstoff seine hervorragenden Eigenschaften was Dämmung, Feuerfestigkeit und Temperaturkonstanz angeht. Der Unternehmer hat all dies in seiner Laufbahn beweisen müssen, um Baugenehmigungen zu bekommen. Und zusammen mit dem Mediziner Maximilian Moser bewies er auch noch, dass das Wohnen im Holzhaus den Menschen gesundheitlich guttut: Es stärkt das Immun- und Nervensystem und sorgt für einen tieferen Schlaf. Der Herzschlag verlangsamt sich. Thoma selbst scheint der beste Beweis: Es ist 55 Jahre alt und dabei ein Mann mit unbändiger Energie. Sein Vortrag trägt weit über den Abend hinaus. Bleibt nur am Ende die Frage, was man nun tun soll, mit dem Backsteinhaus, in dem man wohnt.

… dann kommt der Preis eben zu ihr

Von Monika Griefahn / Right Livelihood Award Foundation

Eigentlich haben wir den letzten Right Livelihood Award („Alternativen Nobelpreis“) im November 2016 verliehen. Da aber unsere Preisträgerin Mozn Hassan aus Ägypten nicht ausreisen durfte, konnte sie an der Zeremonie in Stockholm nicht teilnehmen. Nun kam der Preis zu ihr: Eine Delegation unserer Stiftung, begleitet von Abgeordneten aus dem deutschen, schwedischen und dem Europaparlament war Ende März in Kairo, um das Engagement der Frauenrechtlerin Mozn Hassan und der Gruppe Nazra zu würdigen und ihr den Preis zu überreichen.

Wir hoffen, ihrem Anliegen damit eine Stimme zu verleihen und der jungen Frau und ihren MitstreiterInnen Stärke zu geben. Denn: Ihre Situation ist schwierig. Aufgrund ihres Engagements für die Gleichstellung von Mann und Frau droht ihr die Schließung der Organisation. Die Konten sind bereits eingefroren, sodass keine Gehälter oder Mieten mehr bezahlt werden können. Mit einem neuen NGO-Gesetz versucht die ägyptische Regierung, alle Bürger, die nicht ausschließlich die Meinung der Regierung vertreten, mundtot zu machen. Nach diesem Gesetz ist es verboten ausländisches Geld für zivilgesellschaftliche Arbeit in Ägypten anzunehmen. Die Angst war vor und selbst bei der feierlichen Zeremonie immer im Raum, und dennoch blieb Mozn Hassan mutig und unerschrocken. Sie reiht sich ein in die Riege der Preisträger, die die drängendsten gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit angehen – auch unter Lebensgefahr.

Für unsere Delegation war die Reise eine Gelegenheit, die fragile Situation in Ägypten hautnah zu erleben. Im Vorhinein war nicht klar, ob wir einreisen durften, ob wir den Raum, den wir angemietet hatten, wirklich für die Feierlichkeiten nutzen konnten und ähnliche Unsicherheiten mehr. Es hat geklappt, und viele engagierte Menschen aus der ägyptischen Gesellschaft sind gekommen und haben einen Abend lang gefeiert. Viele fühlten sich gestärkt – allein dadurch, dass die Right Livelihood Award Foundation sie beachtet und würdigt.

Leider wissen wir nicht, wie lange die scheinbare Ruhe hält. Am nächsten Tag, nachdem wir das Büro von Nazra besucht hatten, kam die Geheimpolizei. Wie lange die Organisation – wenn auch unter erschwerten Bedingungen – überhaupt noch arbeiten kann, ist unklar.

Nachfolgend die Pressemitteilung, die unsere Stiftung über die Preisverleihung herausgegeben hat:

Trotz Ausreiseverbot: Ägyptische Feministin Mozn Hassan erhält ihren „Alternativen Nobelpreis“

Die ägyptische Frauenrechtlerin Mozn Hassan, die sich derzeit nicht international bewegen kann und der eine 25-jährige Haftstrafe droht, hat ihren „Alternativen Nobelpreis“ in einer privaten Zeremonie in Kairo entgegengenommen.

Sie erhielt ihn gemeinsam mit ihrer Organisation Nazra für feministische Studien „für ihr Bestehen auf Frauenrechte und auf die Gleichstellung der Frau in Umständen, in denen sie und ihre Organisation Opfer von fortdauernder Gewalt, Missbrauch und Diskriminierung sind.“

Hassan konnte der Verleihungszeremonie in Stockholm im November 2016 nicht beiwohnen, da sie Ausreiseverbot hat. Die ägyptischen Machthaber verhängten es gegen sie und andere prominente Aktivisten. Ihr Vermögen und das von Nazra ist eingefroren – Teil von derzeit laufenden Ermittlungen gegen diverse ägyptische NGOs mit dem Vorwurf, ausländische Gelder angenommen zu haben.

In ihrer Dankesrede sagte Hassan: “Die Entscheidung der Right Livelihood Award Stiftung, für die Preisverleihung nach Ägypten zu kommen, ist wirklich wichtig. Denn sie bedeutet, dass uns Wertschätzung und Solidarität auch bei einem Ausreiseverbot erreichen kann. Heute fühlen wir, dass die Arbeit der ägyptischen Frauenrechtlerinnen, besonders nach 2011, von verschiedenen Akteuren auf der ganzen Welt gesehen und wertgeschätzt wird.“

Zur Verleihung, die auf dem Restaurant-Schiff Le Pacha 1901 stattfand, kamen rund 150 Gäste, darunter wichtige Personen der ägyptischen Zivilgesellschaft, europäische und ägyptische Parlamentarier, andere Preisträger, Diplomaten und Würdenträger.

Die Stiftungsvorsitzende Monika Griefahn überreichte den Preis. „Mozn Hassan und Nazra für feministische Studien verkörpern die jüngste Generation in einer langen Reihe von Anführerinnen der ägyptischen Frauenbewegung. Alle haben eine unglaublich wichtige Rolle gespielt, um die Gleichberechtigung im Land voranzubringen.“

„Die derzeitigen Sanktionen gegen Mozn Hassan und Nazra sind nicht nur ungerecht, sondern machen es auch schwieriger, ihre wichtige Botschaft weiter zu verbreiten und den Frauen in Ägypten und im weiteren Nahen Osten Stärke zu geben“, fügte Griefahn hinzu. Sie forderte, dass alle Anschuldigungen gegen Hassan fallengelassen werden sollten.

In der Zeremonie sprach auch Lynn Boylan, die im europäischen Parlament die Sinn Féin Partei vertritt. Sie sagte: „Überall auf der Welt versuchen jene, die sich von starken Frauen bedroht fühlen, diese loszuwerden und zu beleidigen. Aber Feministen werden sich nicht unterkriegen lassen. Jede neue Generation wird weiter starke und mutige Frauen haben bis die Gleichberechtigung durchgesetzt ist.“

Cecilia Magnusson, Mitglied im schwedischen Parlament, sagte: „Auch in Schweden gibt es für Frauenrechte noch etwas zu tun, aber es ist wichtig, dass wir, die wir schon so viel erreicht haben, jenen den Rücken stärken, die in anderen Ländern kämpfen, wo noch so viel im Argen liegt.“

Bärbel Höhn als Mitglied im Deutschen Bundestag sagte: „In Deutschland haben wir ebenfalls hart für unsere Rechte kämpfen müssen. Es brauchte Veränderungen in der Gesellschaft, auch Veränderungen in der Sichtweise der Männer, die nicht gewillt waren ihre Macht abzugeben. Aber es ist Fakt: Eine Gesellschaft, die die Fähigkeiten von der Hälfte der Bürger ungenutzt lässt – also die der Frauen -, wird nie die besten Ergebnisse erzielen und verschwendet ihre Möglichkeiten.

Mit der Verleihung des „Alternativen Nobelpreises“ an Mozn Hassan und Nazra geht die Auszeichnung das dritte Mal an Menschen und Organisationen in Ägypten: 1980 bekam Hassan Fathy, bekannt als der „Architekt der armen Leute“ den Preis. Die Entwicklungsinitiative Sekem und ihr Gründer Ibrahim Abouleish erhielten die Auszeichnung im Jahr 2003.

Zur Organisation Nazra

Internationale Umweltaktivisten diskutieren über Cradle to Cradle

Von Monika Griefahn

Beim diesjährigen Treffen internationaler Umweltpreisträger in Freiburg interessierten sich Teilnehmer aus Brasilien, China, Indien und anderen Ländern auch für das Cradle to Cradle Designkonzept. Wir hatten nach dem einführenden Vortag über das Konzept eine lebhafte, interessante Diskussion.

Das Treffen der internationalen Umweltpreisträger wird alljährlich von der European Environment Foundation organisiert. Es gibt den Teilnehmern die Chance, sich kennenzulernen und im Idealfall gemeinsam grenzübergreifend zu arbeiten. Ungefähr 100 Aktivisten nehmen in jedem Jahr teil. Die engagierten Menschen haben es in ihren Ländern nicht immer leicht – so ist die Jahrestagung auch eine Möglichkeit, unter Gleichgesinnten Kraft zu tanken für die Herausforderungen der eigenen Arbeit. Dass Umweltschützer unter Umständen gefährlich leben, zeigen Beispiele wie das von Berta Cáceres, die 2016 in ihrem Haus in Honduras getötet wurde, weil sie sich unter anderem gegen illegale Bauprojekte einsetzte. Die Preisträger verfassten auch aus diesem Anlass zum Ende der Konferenz einen Aufruf gegen die Unterdrückung von Umweltaktivisten (siehe PDF am Ende des Artikels).

In meinem Workshop zu Cradle to Cradle, überschlugen sich die Teilnehmer mit Fragen und Diskussionsbeiträgen. Besonders interessant für mich waren in der Diskussion zwei Themen: Zum einen die Frage, ob C2C-Produktionen immer teurer seien als herkömmliche. Das konnte ich verneinen, denn oft geht die Veränderung eines Produkts nach C2C-Kriterien mit einer Verringerung der Inhaltsstoffe einher. Die alte Rezeptur zu entschlüsseln und eine neue zu entwickeln, mag mehr Geld kosten. Das neue Produkt selbst kann dann aber unter Umständen sogar günstiger werden als das alte.

Zum anderen verfochten die Teilnehmer die Ansicht, man brauche ein Label, um die C2C-Wertigkeit deutlich zu machen. Nun ist es auch bei Cradle to Cradle möglich, einen Zertifizierungsprozess zu durchlaufen. Der zeigt in verschiedenen Abstufungen von Basic bis Platin, wie sehr sich ein Hersteller schon mit seinem Produkt beschäftigt hat: Wie gut kennt er die Inhaltsstoffe, hat er problematische Inhaltsstoffe ausgetauscht, hat er ein funktionierendes Rücknahmesystem entwickelt? Letztlich aber geht es doch hauptsächlich um Transparenz, die auch ohne Label möglich ist. Der Zertifizierungsprozess macht das Produkt letztlich teurer. Offenbar aber sorgen Zertifizierungen für eine höhere Glaubwürdigkeit – mindestens im internationalen Kontext – sodass jedes Unternehmen überlegen muss, ob sich der Prozess bezahlt macht. Die Teilnehmer des Workshops jedenfalls fanden ein Label zur Orientierung wichtig.

Ich freue mich, Cradle to Cradle international bekannter gemacht zu haben. Nun hoffe ich, dass sie in ihren Ländern davon erzählen – bei den Kollegen aus den NGOs, den Unternehmen und den Kommunen. Anregungen gab es in der lebhaften Diskussion dazu allemal.

Masterclass-Video hier ansehen

Aufruf gegen die Unterdrückung von Umweltaktivisten

„Inside Fukushima“

Von Monika Griefahn (Foto: Andreas Conradt)

Wie wichtig, dass wir uns das alle noch einmal klarmachen: Anlässlich des sechsten Jahrestages der Nuklearkatastrophe von Fukushima hat das Literaturfestival „Lesen ohne Atomstrom“ ein fast vergessenes Thema aufgegriffen: „Wegwerfarbeiter“ in Atomkraftwerken. Die Diskussionsrunde in Hamburg, die ich moderiert habe, war großartig besetzt: Der japanische Journalist Tomohiko Suzuki stellte sein Buch „Inside Fukushima“ vor, das nur wenige Tage zuvor auf Deutsch erschienen war. Und weil er dafür undercover in dem havarierten Atomkraftwerk gearbeitet hatte, war es mehr als naheliegend, den deutschen Enthüllungsautoren Günter Wallraff mit aufs Podium zu holen. Auch er hatte in den 1980er Jahren undercover die Strukturen der Personalrekrutierung für Atomkraftwerke aufgedeckt. Schauspielerin Anna Thalbach las mit beeindruckender Wirkung aus „Inside Fukushima“, und Sebastian Pflugbeil als Kenner der Atomszene und Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz  sorgte für viele Details auch aus den nationalen und internationalen Aufsichtsbehörden. Wäre es nicht so ein bedrückendes Thema gewesen, wären die Erlebnisse der Undercover-Recherchen nicht so entsetzlich – und entsetzlich ähnlich –, die rund 500 Zuhörer und ich hätten beschwingt nach Hause gehen können.

Doch was wir hörten, war ernüchternd: Die Arbeiter seien einfache Menschen, die Geld bräuchten, beschreibt Suzuki seine Kollegen aus der Undercover-Zeit. Die Rekrutierung läge in den Händen der japanischen Mafia, der Yakuza. Ihre Angehörige seien anerkannte Personen und hervorragend in der Gesellschaft verankert.

Nichts anderes berichtet Günter Wallraff aus den 1980er Jahren in Deutschland. Die „Menschenhändler, die die Mitarbeiter für besonders gefährliche Aufgaben in Atomkraftwerken rekrutierten, seien bestens vernetzt und angesehen in der lokalen Politik gewesen. Sie hätten sogar Obdachlose rekrutiert, da die Höchst-Strahlendosis seinerzeit für die Arbeiter sehr schnell erreicht wurde und man jede Menge Leute benötigte. Nicht umsonst nennen Kritiker diese Menschen „Wegwerfarbeiter“.

Tatsächlich stützt auch Atomkenner und –kritiker Sebastian Pflugbeil diese Aussagen auf Basis zur Verfügung stehender Daten. Im regulären Betrieb von 17 deutschen AKW standen 2009 nach einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken den knapp 6000 Mitarbeitern des Eigenpersonals, die in Bezug auf die Strahlenbelastung überwacht werden, gut 24.000 überwachte Fremdarbeiter gegenüber. „Festangestellte Fachleute“, stelle Pflugbeil nüchtern fest, „sind zu teuer, um sie hohen Strahlendosen auszusetzen, sie sind dann zu schnell nicht mehr einsetzbar.“

Japans Umgang mit der Atomkraft ist für ihn befremdlich. Trotz der Erfahrung mit den zum Ende des Zweiten Weltkriegs abgeworfenen Atombomben in Hiroshima und Nagasaki schöben die Menschen das Thema gerne weg. An Hochschulen gebe es eine Furcht, sich mit dem Thema zu beschäftigen – Projekte, die die Gefahr plastisch machen, würden zurückgezogen.

Das bestätigt auch Suzuki: Die Folgen des Fukushima-Tsunamis seien nicht so dramatisch gewesen, wie zunächst befürchtet. So habe sich mehrheitlich der Eindruck durchgesetzt, der Unfall gefährde den Alltag nicht und man würde die Kernenergie schon in den Griff bekommen. Dennoch glaubt er, dass es irgendwann keine Atomkraftwerke auf der Welt mehr geben werde. Vielleicht trägt er mit seinem Buch ein kleines bisschen zu diesem Ziel bei.

Zum Buch „Inside Fukushima“

Zur Veranstaltung „Lesen ohne Atomstrom“

 

Nichts geht verloren! Cradle to Cradle Pioniere aus der Textilbranche diskutieren

Vom Cradle to Cradle e.V. – leicht geändert, leicht gekürzt und mit herzlichem Dank!


Die geliebte Jeansjacke wandert, nachdem sie lange gute Dienste erwiesen hat, einfach auf den Kompost und bleibt so als Nährstoff im natürlichen Kreislauf erhalten. Die metallischen Knöpfe werden zu einem neuen Rohstoff im technischen Kreislauf… Nichts geht verloren!

So kann nach dem Cradle to Cradle Konzept die Zukunft unsere Textilien aussehen. Welche Erfolge mit Cradle to Cradle im Textilbereich bereits erzielt wurden, welche innovativen Ideen nur noch auf ihre Umsetzung warten und welche Hürden noch genommen werden müssen, darum ging es beim Expertenforum #2 „Textilien – Kreisläufe – Beschaffung – Lieferketten“ im Sarah Wiener Restaurant in Berlin. Die Veranstaltung gehört zu einem Format, das branchenbezogen Praktiker aus der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik  zusammenbringen soll.

So diskutierten Experten unter anderem der Textilindustrie, Modedesign, Politik, Beratung und Forschung zu den Themen gesunde Textilien, Materialkreisläufe und transparente Lieferketten. Die Herausforderungen rund um die sortenreine Trennung natürlicher und künstlicher Materialen sowie ihre Rückführung in den natürlichen bzw. technischen Kreislauf, aber auch der grundsätzliche Einsatz gesunder Materialen wurden erörtert.

Zu Beginn betonte Monika Griefahn die Tragweite des Themenfeldes Textilien als wichtigen Bestandteil unseres täglichen Lebens. Cradle to Cradle stehe für Gesundheit, für Qualität und insbesondere für Kreisläufe.

Rita Schwarzelühr-Sutter, Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, bezeichnete die Textilbranche als einen der umsatzstärksten Wirtschaftszweige und informierte über die Ziele der Politik: Die Bundesregierung habe sich bis 2020 verpflichtet, die Hälfte der öffentlich beschafften Textilien anhand von Nachhaltigkeitsstandards auszuwählen. Sie unterstrich die Bedeutung der Vorbildfunktion der öffentlichen Hand.

Designerin Friederike von Wedel-Parlow schilderte ihre einschneidenden Erlebnisse auf der Pariser Modewoche, die sie dazu bewogen, sich mit neuen Konzepten zur Gestaltung von Textilien zu beschäftigen. So stieß sie auf die Cradle to Cradle Idee, welche sie seitdem in ihrer Funktion als Professorin für „Sustainable Design Strategies“ an der Kunsthochschule ESMOD mit Masterstudierenden auf kreative Weise umgesetzt hat. Im Herbst 2016 gründete sie das „Beneficial Design Institute“ und arbeitet dort mit verschiedenen Firmen an der Marktreife von Cradle to Cradle Produkten. Die Aufgabe der zukünftigen Konsumenten sei es dann zu lernen, die genutzten Textilien an die richtigen Adressaten zu geben.

Albin Kälin, Gründer und Geschäftsführer der EPEA Switzerland GmbH, brachte mehrere Praxisbeispiele aus seiner Arbeit mit verschiedenen Textilunternehmen mit. Unter anderem veranschaulichte er die Notwendigkeit eines Neudenkens von Textilien am Bespiel eines BHs, „weil ein BH mit seinen verschiedenen Bestandteilen ein Chemiecocktail ist.“ Für die bisher verwandten Materialien gesunde Alternativen zu finden und diese anschließend sortenrein in ihre entsprechenden Kreisläufe zurückführen zu können, sei eine Herausforderung. Mit den kürzlich in Paris präsentierten Wolford-Produkten sei man ab 2018 auf dem Weg.

Volker Steidel, seines Zeichens geschäftsführender Gesellschafter beim Garn- und Gewebehersteller Lauffenmühle, zeigte unter anderem anhand der Geschichte seines Produkts infinito, wie mit viel schöpferischer Kraft Materialien entwickelt werden können, die echte Lösungen darstellen. Mit der Polymerfaser infinito, die biologisch kreislauffähig ist, könnten wir bereits heute „tolle Produkte machen“, die Cradle to Cradle Standards entsprächen. Er betonte auch die Wichtigkeit von Transparenz „von der Faser bis zum Endprodukt“. Gerade Berufskleidungen seiner Firma, die heute besonders nach Cradle to Cradle Kriterien hergestellt würden, eigneten sich besonders für Kreisläufe.

Nach der offiziellen Diskussionsrunde taten die Gäste das, was auch wichtig ist – etwas essen und die Gespräche untereinander weiterführen. So trafen sich Firmenvertreter und Einzelpersonen – darunter Mitarbeiter aus dem Bundesentwicklungs- und dem Umweltministerium sowie Designer, Vertreter unterschiedlicher C2C Unternehmen und Entscheider verschiedenster Institutionen und Unternehmen.

Ein drittes Expertenforum ist bereits in Planung – voraussichtlich wird es an einem Termin im Sommer um das Thema Verpackungen gehen.

Hier geht es zum Cradle to Cradle e.V.

Nachhaltigkeit bei Immobilien: Energieeffizienz – und dann?

Von Petra Reinken

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Gaaaanz langsam scheint sich die Sichtweise in der Immobilienwirtschaft – und vielleicht auch dann irgendwann in der Bundesförderpolitik – durchzusetzen, dass ein dick gedämmtes Haus vielleicht nicht viel Energie verbraucht, aber doch die eine oder andere neue Schwierigkeit mit sich bringt: schlechte Innenraumluft, technisch aufwändige Lüftungen, um Schimmel zu vermeiden und ähnliches. Beim ECE-Nachhaltigkeitskongress in Hamburg war das das Thema des Tages: Wie sieht die Immobilie von morgen aus, wie sieht die Stadtplanung von morgen aus, wie das Quartier von morgen? Prof. Kunibert Lennerts vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) brachte es in der letzten Diskussionsrunde auf den Punkt: Er wünsche sich bei der Immobilie der Zukunft, dass man auch einfach mal wieder das Fenster aufmachen könne. Erstaunlich deutlich sahen die meisten Teilnehmer dieser Diskussionsrunde den großen Hemmschuh für eine sinnvolle nachhaltige Immobiliensanierung bei der Förderpolitik des Bundes.

Man könne gerade im Bestand nicht alle Häuser über einen Kamm scheren, individuelle Lösungen seien aber in der hoch reglementierten Bauwirtschaft kaum möglich. Und: Es ginge bei den Förderprogrammen fast nur um Neubauten, wo doch das große Potenzial in der Sanierung des Bestandes liege. Die 2016er Verschärfung der Energieeinsparverordnung (EnEV), die für Neubauten gilt, bringe fast nichts an CO2-Einsparungen, Neubauten würden aber um acht Prozent teurer.

Immerhin, der Zentrale Immobilienaussschuss (ZIA), das Lobbyorgan der Immobilienwirtschaft, ist da tatsächlich schon deutlich weiter. Er wirbt dafür, Quartiere unter ganzheitlichen Gesichtspunkten zu betrachten. Da müsse es möglich sein, individuell die beste Form der Energieversorgung für den jeweiligen Standort zu prüfen, da müsse Energieberatung für die Mieter dabei sein, da müssten Handwerker qualifiziert werden für komplexe technische Wärmelösungen. Zu meiner Freude und ganz im Sinne des Cradle to Cradle Konzepts kamen sogar Begrünungspläne und soziale Räume in der Quartiersplanung vor.

Am weitesten ging mit seinen Ideen Bernd Schwarzfeld von BZE-Ökoplan: Er forderte, bei Bestandssanierungen und Umnutzungsprojekten in Städten eine eigene Wärmeversorgung zu verbieten und stattdessen nach kreativen Lösungen zu suchen, wie die Energieversorgung aus Überschüssen der Umgebung gewonnen werden könnte. Ob das in jedem Fall realisierbar ist, mag dahingestellt sein, es ist auf aber ein Ziel, das technische Innovationen jenseits der Mainstream-Konzepte anstoßen kann.

Insgesamt aber gab es leider kaum Beiträge in den Diskussionen und Vorträgen, die wegführten vom Credo der Effizienzpolitik. Was leider auch – und das kam ein ums andere Mal durch – daran liegt, dass Themen wie gesunde Innenraumluft, verwendete Materialien oder soziale Komponenten von Wohnungs- und Ladenmietern oder Kunden selten angesprochen werden. Doch den schwarzen Peter woanders hinzuschieben, sollten Investoren und Objektanbieter nur bedingt. Wenn – wie sich in mehreren Gesprächen zeigte – etliche Teilnehmer eines Nachhaltigkeitskongresses ohne groß nachzudenken mit dem Flieger anreisen, aus Städten mit hervorragenden Bahnverbindungen, dann ist da auch auf der eigenen Baustelle noch viel zu tun.

GAME 2016 – Experiences in a scientific exchange program

Ein interessanter Bericht von Dea Fauzia Lestari, Master-Studentin aus Indonesien, die im Rahmen eines Austausch-Projektes in Deutschland zur maritimen Umwelt geforscht hat. AIDA Cruises hat das Projekt unterstützt, und Dea Fauzia Lestari berichtet in Englisch über ihre Forschungsarbeiten.

Von Dea Fauzia Lestari, Indonesien

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“I’d like to share a couple of the hundreds of experiences I had while in Germany for GAME 2016 research exchange.

My name is Dea Fauzia Lestari, currently I’m completing a Master’s degree in Marine Science of Bogor Agricultural University at Indonesia. I joined GAME (Global Approach by Modular Experiment) which was conducted by GEOMAR, Kiel. This research exchange was followed by 10 participants from different universities around the world, such as Germany, Portugal, Spain, Indonesia, Japan, and Chile.

We had 10 months for our program, we spent 4 months in Kiel, Germany (March, October – December 2016) and 6 months in our own countries (April – September 2016). We had many activities during GAME program. For example we visited Geltinger Birk and a fossil beach area in Maasholm. We learned about the importance of protected areas for animals and its relation to human life. Additionally in the fossil beach we learned how to recognize fossil shapes of marine organism which could be found on the flaky rock. Another activity was a one day excursion with Alkor, one of GEOMAR research vessels, it was a very memorable experience. We joined benthos sampling in the Baltic Sea with benthic researchers of the institute.  As young researchers we also got the chance to spend the night at a light house in the Wadden Sea area, a UNESCO world heritage site. During the fieldtrip we observed organisms and phenomena that occurred in the very large intertidal zone.

The main activity of the program was a laboratory experiment using marine filter feeder. We worked together with one foreign partner student. My partner came from Spain, so I did not work alone on the lab. In Indonesia we used Asian green mussel Perna viridis and we took it from Banten Bay, Indonesia. We tested interaction effects of different temperature and microplastic levels (as stressor) on physiological effect. This research is important to investigate the phenomena on the environment which become trending topic like global warming and microplastic pollution. The result showed different responses for each stressor. Perna viridis was highly reactive to heat stress and microplastic on respiration rate but not for the interaction of both stressor. High temperature also influenced the survival rate of this mussel species.

It is not so easy to work together with many different people, different brains, and different characters. But in this program we learned how to make a good team work and respected each other to get to the same main purpose. Many days were used for discussions and data analysis of our experiment result. We were also required to be able to convey and communicate our research results to the public such as in presentations and scientific papers. Hence we got the training about how to have a good presentation and write a scientific journal. After getting the training we presented the research result in Bogor Agricultural University and several universities in Germany such as Kiel, Bremen, Rostock, Oldenburg, and Hamburg University. Additionally, the presentations have been conducted in Toxicology Institute of Kiel, GEOMAR, and school kids.

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We also had the opportunity to present our result in front of our sponsor. In this event I meet the Chief Sustainability Officer of AIDA Cruises as my sponsor. I appreciated this company because it is a company who cares for science and environment issues. This company continually supports the GAME program from year to year. This support is needed by young researchers like me to keep working on science and have the opportunity to work abroad.

After my own experience, I now believe that research exchange programs can develop human resources and are the most powerful way to see another world from science perspective.“

„Alternativer Nobelpreis“ – Besuch beim Bundespräsidenten und im Bundestag

Von Monika Griefahn, Vorsitzende des „Alternativen Nobelpreises“

Right Livelihood Award 2016 Stockholm 11 / 2016 Photo: Wolfgang Schmidt

Right Livelihood Award Stockholm 11/2016; Foto: Wolfgang Schmidt

Zunächst war es eine Hiobsbotschaft, dann machten wir das Beste daraus – und vielleicht ist es jetzt sogar besser als vorher: Der Right Livelihood Award („Alternativer Nobelpreis“) durfte 2016 nicht mehr im schwedischen Reichstag verliehen werden, wo er seit 1985 alljährlich verliehen worden ist. In diesem Jahr also waren wir gezwungen, für die Zeremonie ein Umfeld zu finden, das genauso gut deutlich macht, wie wertvoll dieser Preis für die ist, die ihn bekommen. So erhielten die Preisträger ihre Urkunden 2016 im Stockholmer Vasa Museums vor der Kulisse des pompösen und so kläglich untergegangenen historischen Kriegsschiffes Vasa. Ein wunderbares Symbol für unser Anliegen!

In diesem Jahr ging der Preis an die russische Menschenrechtlerin Svetlana Gannushkina, an die ägyptische Frauenrechtlerin Mozn Hassan, an die Redakteure der türkischen Zeitung Cumhuriyet und an den syrischen Zivilschutz „Weißhelme“. Mozn Hassan wurde die Ausreise aus Ägypten verweigert, sie konnte ihre Urkunde nicht persönlich entgegennehmen. Das mag deutlich machen, wie wichtig es ist, dass unser Preis, den Jakob von Uexküll einst ins Leben rief, Öffentlichkeit schaffen kann.

In einem mehrtägigen, internationalen Programm in Schweden, Deutschland und der Schweiz haben wir den Preisträgern Türen geöffnet, ihre Arbeit bekannt zu machen. Besonders hat mich gefreut, dass sich in Deutschland eine neue Parlamentsgruppe „Alternativer Nobelpreis“ gegründet und die Preisträger empfangen hat. Im Europasaal des Bundestages gab es viele Gespräche und bewegende Momente – besonders, als Ahmad al-Jussuf von der riskanten Arbeit der syrischen Weißhelme erzählte (Blog-Artikel „Weißhelme“).

Auch, dass der scheidende Bundespräsident Joachim Gauck sich Zeit für die Gäste nahm, war Balsam für die Seelen. Alle Preisträger hatten Gelegenheit, weitere Menschen zu treffen, die ihnen bei ihrem Engagement helfen könnten, die ihnen zumindest deutlich machen können, dass sie mit ihrem Anliegen nicht allein sind – darunter Justizminister Heiko Maas und die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung Bärbel Kofler. Das war auch in den vergangenen Jahren schon so: Unsere Preisträger sind sehr mutige Leute, sie kämpfen oft unter Einsatz ihres Lebens dafür, die Welt besser zu machen. Mit dem „Alternativen Nobelpreis“ versuchen wir, ihnen jede mögliche Unterstützung zu geben. Öffentlichkeit kann helfen, sie zu schützen.

Das Deutschlandprogramm umfasste zum Beispiel einen Besuch bei „Reporter ohne Grenzen“ für die Vertreter der Tageszeitung Cumhuriyet, einen Auftritt im Deutsch-russischen Forum für Svetlana Gannushkina und ein Gespräch der Weißhelme mit „Human Rights Watch“. In Genf war die Podiumsdiskussion „Speaking Truth to Power“ mit allen Preisträgern hervorragend besucht, und in Zürich sprach Can Dündar in einer öffentlichen Vorlesung an der Universität. Dündar ist der ehemalige Chefredakteur von Cumhuriyet. Er wurde in der Türkei der Veröffentlichung von Staatsgeheimnissen für schuldig befunden, nachdem er darüber berichtet hatte, dass der türkische Geheimdienst islamische Milizen in Syrien mit Munition versorgt hat. Dündar ist nach Deutschland geflohen.

Indes – die Geschichten dieses Jahres waren auch besonders bedrückend. Alljährlich zeigen uns die Preisträger, wie viel Ungerechtigkeit, Willkür und Unglück auf der Welt herrschen. Die Probleme in Deutschland werden kleiner in solchen Momenten. Selten kommt bei ihnen Hoffnungslosigkeit durch, sie sind alle stark und zuversichtlich. Doch in diesem Jahr, vor allem mit dem Blick nach Syrien, war das ein bisschen anders. Wertvoll ist und bleibt jedoch, die Menschen kennenzulernen, die an das Gute glauben. Wenn wir ihnen helfen können, müssen wir es tun.

Mehr zur Right Livelihood Award Foundation

Krieg ohne Regeln: Weißhelme in Syrien zwischen Anerkennung und bitterer Realität

Von Monika Griefahn, Fotos Janine Escher

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Wir wollten mit der Right Livelihood Award Stiftung („Alternativer Nobelpreis“) ein Zeichen setzen gegen den Krieg in Syrien und haben in diesem Jahr einen der vier Right Livelihood Awards („Alternative Nobelpreise“) an die Weißhelme in Syrien vergeben. Was für mutige Menschen! In diesem jahrelang andauernden Krieg, der keine Regeln mehr zu kennen scheint, retten sie verletzte, verschüttete Zivilisten aus zerstörten Häusern, aus den Trümmern ihres Lebens. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich die Bilder ihrer Arbeit sehe. Und dann, am Tag nach der Bekanntgabe der Auszeichnung, wurden große Teile ihre Ausrüstung im Bombenhagel von Aleppo zerstört. Ohnmächtig vor Wut.

Die syrischen Weißhelme, auch Zivilschutz genannt, sind eine Gruppe aus rund 3000 Freiwilligen, die seit 2013 ihr eigenes Leben riskieren, um das anderer zu retten. Mehrere zehntausend Menschen konnten sie schon aus den Trümmern des Krieges befreien, ungeachtet ihrer Religion oder ihrer politischen Einstellung. Sie versuchen auch, zerstörte Infrastruktur wieder aufzubauen und über Sicherheitsmaßnahmen aufzuklären, damit die Menschen besser wissen, wie sie sich schützen können. Aus Schneidern, Lehrern und Händlern machte der Krieg Feuerwehrleute und Katastrophenhelfer.

Viele von ihnen sind in den letzten Gefechten ums Leben gekommen. Wir trauern um sie!

Es ist gut zu wissen, dass selbst in Zeiten solch dramatischer Verhältnisse, wie sie derzeit in Syrien herrschen, noch Menschlichkeit existiert. Es ist gut, dass die Barbarei anderer nicht abgefärbt hat auf jene, die an das Gute glauben. Ich wünsche mir, dass die Auszeichnung mit dem „Alternativen Nobelpreis“ den Weißhelmen in Syrien hilft, nicht den Mut zu verlieren.

Ahmad al-Jussuf gehört dem syrischen Zivilschutz an. Er ist zur Preisverleihung nach Stockholm gekommen und hat dann auch Ende November vor der neu gegründeten Parlamentariergruppe „Alternativer Nobelpreis“ des deutschen Bundestages gesprochen haben. Der Abgeordnete Michael Brand trug danach die Rede von Ahmad al-Jussuf im Parlament vor. Dafür herzlichen Dank.

Rede von Ahmad al-Jussuf:

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„Mein Name ist Ahmad al-Jussuf. Ich bin aus Syrien, repräsentiere hier den syrischen Zivilschutz, die sogenannten Weißhelme, die einzige Organisation in Syrien zur Rettung von Zivilisten, die Opfer des täglichen Bombardements werden. Bei uns arbeiten etwa 3000 Freiwillige in 120 Stützpunkten in acht syrischen Provinzen, die sich dafür entschieden haben, ihr Leben einzusetzen für die Rettung von Menschenleben an einem der gefährlichsten Orte der Welt, wo die Moral der Welt angesichts der Barbarei verschwunden ist und angesichts des organisierten Verbrechens, das dem syrischen Volk, aber auch der ganzen Menschheit angetan wird. Ganz ehrlich gesagt, ich bin ratlos und stehe hilflos vor Ihnen und hilflos vor meinen Angehörigen in Syrien, insbesondere in der östlichen Region von Ghuta bei Damaskus und in Aleppo. Aleppo, wo die Welt heute zusieht, wie Menschen abgeschlachtet werden, und wo die Welt zusieht, wie ganze Städte zerstört werden.

Ehrlich gesagt, ich habe gezögert, bevor ich mich entschied, hierherzukommen. Ich erinnere mich an meine Kameraden, meine 150 Kameraden vom Zivilschutz, die bei ihrer Arbeit, bei ihrem Versuch, Menschenleben zu retten, selbst ums Leben kamen. Ich habe mit vielen von ihnen gesprochen, und ich habe sie zurückgelassen. Sie blicken dort dem Tod ins Auge, und ich weiß nicht, mit welcher Botschaft ich zu ihnen zurückkommen soll.

Wir schätzen es sehr, dass Sie uns diesen Preis verliehen haben. Wir bedanken uns für alle Preise; denn sie sind eine Botschaft der Solidarität, die uns Hoffnung gibt. Wir bedanken uns auch für die Krankenwagen und die Feuerwehrfahrzeuge, die Sie uns schicken und die uns dabei helfen, Zivilisten zu retten, bevor sie von syrischen und russischen Flugzeugen bombardiert werden. Gleichzeitig ist es mir aber auch peinlich, solche Preise entgegenzunehmen, während unsere Angehörigen in Syrien Tag für Tag getötet werden.

In diesem Moment, während ich zu Ihnen spreche, werden Zivilisten in Aleppo, in Ost-Aleppo, obdachlos gemacht. Sie fliehen aus der Katastrophe. Sie laufen durch Trümmer und suchen nach einem Schutz. Währenddessen verbluten Verwundete angesichts der Ohnmacht der Ärzte, die ihnen keine Medikamente mehr und keine Behandlung mehr zuteilwerden lassen können, nachdem syrische und russische Flugzeuge alle Krankenhäuser und Kliniken zerstört haben. Stellen Sie sich einmal vor, welch dramatische Situation das ist! Was in Syrien passiert, ist ein unbeschreiblicher und unglaublicher Schrecken, und das Unvermögen der Welt, Schritte zu unternehmen, um all das zu beenden und um das Töten zu beenden, ist ebenso unglaublich! Was sich daraus entwickeln wird, aus Tragödien, Schmerz und Hass, ist ebenso unglaublich.

Wir tragen die Botschaft des Lebens an unser Volk und an die Welt. Wo sind unsere Partner? Wer wird sich bereiterklären, uns angesichts dieses Todes in Syrien beizustehen und uns auf dem Weg des Lebens zu begleiten? Stehen Sie zu uns, meine Damen und Herren! Stehen Sie uns bei! Stehen Sie der Menschlichkeit bei!“

Video der Rede von Michael Brand im Deutschen Bundestag

Mehr zu den syrischen Weißhelmen

An die U-40-Jährigen: Kämpft für eure Zukunft!

Von Monika Griefahn

Please find the English version here!

Das zweite Mal innerhalb weniger Wochen haben die jungen Leute einen Sieg für jene ermöglicht, die sie eigentlich ablehnen. Erst bleiben viele bei der Abstimmung zum Brexit in Großbritannien zu Hause und reiben sich dann am Tag danach verwundert die Augen über das Ergebnis. In den USA hätte die junge Generation den Wahlausgang drehen können – wenn sie denn wählen gegangen wäre. Unter den Millennials, also den 21- bis 42-Jährigen, stimmte eine Mehrheit für Hillary Clinton. Allein – nur die Hälfte der ganz jungen Wähler ging zur Wahl. Schaut man sich die Karte der USA an, wenn nur Junge gewählt hätten, dann sähe die Wahl anders aus (Quelle: Survey Monkey):

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Und auch das Wahlsystem mit dem Prinzip „The winner takes it all“ ist das zweite Mal in der Geschichte zu Gunsten der Republikaner ausgegangen. Schon Al Gore hatte mehr Wählerstimmen als sein republikanischer Gegenkandidat, leider aber nicht mehr „Wahlmänner“. So verlor er eine Wahl, die er eigentlich gewonnen hatte.

Was sagt uns das?

Denen, die sich von Demokratie und politischen Institutionen abwenden oder einfach nur phlegmatisch sind, müssen wir entgegenschreien: Kämpft lieber für die Demokratie! Kämpft für Freiheit, Meinungsfreiheit und –vielfalt, kämpft für Zukunftsthemen, lasst nicht jene siegen, die in die fünfziger Jahre zurück wollen! Denn statt Freiheit und Demokratie bekommt ihr jetzt Kleinstaatentum, Nationalismus, mehr Macht für die Waffenlobby, mehr Kohlekraft und einen Ausstieg aus dem Klimaverhandlungen. Ist das tatsächlich im Interesse der jungen Leute? Sie gehen gegen den Klimawandel auf die Straße, aber nicht zu den Wahlen. Das kann nicht funktionieren, denn in der Politik werden die Entscheidungen getroffen. Dafür sind politische Institutionen da.

Es macht keinen Sinn die Politiker, die sich bemühen, auch noch anzugreifen und jedes Wort auf die Goldwaage zulegen, jene die handeln wollen mit einem Shitstorm im Internet zu überziehen. Wichtig ist, sich einzumischen, mit zu tun, zu versuchen die Dinge wirklich für die (eigene) Zukunft zu lösen. Nicht nur dagegen zu sein, sondern auch für etwas. Und zwar in allen Lebenssituationen: in seinem Betrieb, in der Schule, in den Institutionen, und eben auch in der Politik! Und wir brauchen Respekt vor denen, die sich engagieren. Die allermeisten machen es, weil sie die Welt positiv gestalten wollen und Ziele für diese Erde haben.

Wenn wir jetzt sehen, dass die Republikaner im Repräsentantenhaus und im Senat der USA die Mehrheit stellen, dass Viktor Orban in Ungarn durchregiert , dass Erdogan seine antidemokratische Politik ohne Skrupel durchsetzt, dass die nächste Präsidentin in Frankreich vielleicht Le Pen heißt oder in Holland Gerd Wilders Macht erlangt, dann wird mir schlecht. Und wer hilft diesen Menschen an die Macht? Ja: Diejenigen, die sich nicht einmischen, sondern gepflegt meckern, anstatt etwas zu tun, die phlegmatisch und unpolitisch sind, die gedankenlos nur protestwählen, müssen sich hier an die eigene Nase fassen.

Also, liebe Leute: Interessiert euch. Informiert euch. Engagiert euch. Bringt euch ein in demokratische Prozesse. Und denkt an eure Zukunft. Geht auch die Mühen der Politik ein! Gerade wir in Europa haben lange für Demokratie gekämpft. Wir versuchen seit Jahrhunderten, die Errungenschaften der Aufklärung zu verbessern. Im Moment ist das in ernster Gefahr. Lassen wir uns das nicht gefallen.

Zu den US-Wahlen:

Hier gibt es Infos über das Wahlverhalten der jungen Generation

Hier gibt es Infos über die Nichtwähler

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