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Beschluss des SPD-Parteivorstandes am 24. September
2001
Antrag des Parteivorstandes (auf Initiative des
Kulturforums der Sozialdemokratie; Vorsitzender Wolfgang Thierse,
stellvertretender Vorsitzender Julian Nida-Rümelin)
Für eine gestaltende Kulturpolitik
1.
Kultur ist kein Selbstzweck, sondern ein unverzichtbares gesellschaftliches
Gut, ebenso wie der Sozialstaat und das friedliche Zusammenleben
der Menschen. Die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur fördert
die Vielfalt unseres Lebens, bringt grundlegende Werte zum Ausdruck,
schärft den Blick für soziale Teilhabe und ist Teil von Emanzipation
und Persönlichkeitsentwicklung, von individueller Freiheit, Sinn-
und Selbstbestimmung.
Der Kultur kommt heute, in einer Phase tiefgreifender
wirtschaftlicher und sozialer Umbrüche, besondere Bedeutung zu.
Sie trägt dazu bei, konkrete Visionen zu entwickeln, die unserer
Gesellschaft ein humanes Gesicht geben. Kunst und Kultur schaffen
Räume für den Menschen jenseits der marktgemäßen Rollen als Arbeitskraft
und Konsument. Kultur ist ein zentraler Aspekt gesellschaftlicher
Reform- und Zukunftsfähigkeit.
Die Sozialdemokratie verstand sich in der Tradition
von Humanismus und Aufklärung von Beginn an auch als Kulturbewegung.
Als Partei der Gerechtigkeit hat sie sich immer gegen Ausgrenzung
und Ausbeutung gestellt. Die SPD ist für die Freiheit von Kunst
und Kultur eingetreten, für die Förderung und Ermöglichung künstlerischen
Schaffens, sie hat eine eigene demokratische Arbeiterkultur begründet
und sie hat sich dafür eingesetzt, dass allen Menschen gleichermaßen
Zugänge zu Bildung und kulturellem Reichtum eröffnet werden. Dieses
sozialdemokratische Grundverständnis gilt nach wie vor - das Grundsatzprogramm
der SPD beschreibt das Ziel der freien, gerechten und solidarischen
Gesellschaft daher auch als "neue Kultur des Zusammenlebens und
Zusammenwirkens". Vor dem Hintergrund des tiefgreifenden Wandels
der Gesellschaft müssen diese kulturpolitischen Leitideen der Sozialdemokratie
aber jeweils neu ausgestaltet und mit Inhalten gefüllt werden. Ohne
diese Form von Auseinandersetzung würden sie ihre Gestaltungskraft
verlieren; ein Bezug zur Lebenswirklichkeit der Bürgerinnen und
Bürger wäre nicht mehr gegeben.
In der mit dem Namen Willy Brandts verknüpften
Zeit innerer Reformen kam es zu einem kulturpolitischen Aufbruch
mit einem starken politischen Engagement von Künstlern und Künstlerinnen
sowie Intellektuellen. Die neue Kulturpolitik der 70er Jahre trug
unübersehbar eine sozialdemokratische Handschrift. Ihre Ausrichtung
war primär eine soziale: Mit der maßgeblich von Hilmar Hoffman geprägten
Perspektive "Kultur für alle" ging es in erster Linie um die Verallgemeinerung
kultureller Teilhabe. Dieser programmatische Ansatz war überaus
erfolgreich. Die Öffnung der etablierten Kulturinstitutionen für
breite Schichten gelang in beeindruckendem Maße.
Die 80er und 90er Jahre waren vom Aufkommen des
wirtschaftlichen Neoliberalismus, des geistig-politischen Neokonservatismus
und einer angespannten Situation der öffentlichen Haushalte gekennzeichnet.
Diese Konstellation hat die Erfolge des Programms "Kultur für alle"
nicht rückgängig machen können, aber doch die Kulturpolitik insgesamt
in die Defensive gebracht. Viele Künstlerinnen und Künstler, viele
Intellektuelle zogen sich aus dem öffentlichen Diskurs zurück. Kunst
und Kultur wurde immer deutlicher auf einen wirtschaftlichen Standortfaktor
reduziert: Die kritischen Stimmen von Künstlerinnen, Künstlern und
Intellektuellen fanden weniger Gehör. Die neoliberale Ideologie
verkürzte das Menschenbild auf seine ökonomische Dimension.
Nicht zuletzt mit dem Regierungswechsel von 1998
gelang es, diesen Trend zu wenden. Es ist das eingetreten, was die
SPD in ihrem Wahlprogramm gefordert hat: Die kritische Intelligenz
mischt sich verstärkt in öffentliche Diskurse ein, der geistige
Mehltau ist abgeschüttelt, es gibt eine neue Offenheit von Politik
und Kultur. Künstlerinnen und Künstler sowie Intellektuelle stehen
wieder mehr zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung und finden
Ansprechpartner - auf Bundesebene in der neuen Regierung, aber auch
vor Ort in den regionalen Kulturforen der Sozialdemokratie. Sozialdemokratische
Politik weiß, dass sie die kritische Einmischung und kreative Ergänzung
braucht, um die Probleme von morgen zu erkennen und Lösungen abzuwägen.
2.
Zu der Trendwende hat auch beigetragen, dass ein Ausschuss für Kultur
und Medien im Deutschen Bundestag eingerichtet worden ist und dass
die sozialdemokratisch geführte Bundesregierung der Kultur in der
Bundespolitik durch die Berufung eines Beauftragten für Angelegenheiten
der Kultur und der Medien im Amt eines Staatsministers beim Bundeskanzler
einen größeren Stellenwert gegeben hat. Die in der Koalitionsvereinbarung
festgelegten kulturpolitischen Maßnahmen sind von Bundestag und
Bundesregierung in Zusammenarbeit mit den Ländern zügig umgesetzt
worden:
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Die Verbesserung der Lage der Künstlerinnen und Künstler ist
der Bundesregierung ein wichtiges Anliegen: Die Novellierung
der Künstlersozialversicherung und die noch für diese Legislaturperiode
vorgesehene Reform des Urhebervertragsrechtes sind hierzu erste
wichtige Schritte. |
| · |
Die Bundesregierung hat sich zur verstärkten Förderung kultureller
Einrichtungen bekannt, nicht zuletzt in den neuen Ländern und
in der Hauptstadt Berlin. |
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Nach breiter und offener Diskussion kann nun das Denkmal für
die ermordeten Juden Europas auf der Grundlage des Bundestagsbeschlusses
vom 25. Juni 1999 errichtet werden. In Kooperation mit den Ländern
wurde ein Konzept für die Gedenkstättenarbeit in Deutschland
vorgelegt. |
| · |
Durch die Reform des Stiftungssteuerrechts haben Bundesregierung
und Bundestag Mäzenen und Stiftern neue Möglichkeiten eröffnet.
Mit der Reform werden zivilgesellschaftliche Strukturen ausgebaut,
auf die eine lebendige Kultur angewiesen ist. |
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Orientiert am Ziel der Erhaltung einer pluralistischen Medienlandschaft
und der Stärkung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist eine
Novellierung der Medienordnung eingeleitet worden. |
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Die Bundesregierung hat in schwierigen Verhandlungen erreicht,
dass die EU-Kommission die Buchpreisbindung im Rahmen nationaler
Regelungen akzeptiert. Die in der anschließend verabschiedeten
Novelle des deutschen Wettbewerbsgesetzes enthaltene Reimportklausel
legt fest, dass die Wiedereinfuhr preisgebundener Bücher aus
dem Ausland unzulässig ist, wenn ihr alleiniger Zweck die Umgehung
der Preisbindung ist. Um die Position des Buches als Kulturgut
zu stärken, werden wir ein Gesetz zur Buchpreisbindung vorbereiten.
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Durch neue Fördermaßnahmen konnte der deutsche Film vor allem
unter kulturellen Aspekten gestärkt werden. Die Sozialdemokratie
strebt eine weitgehende Reform der deutschen Filmförderung in
Kooperation von Bund und Ländern an. |
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Dank gemeinsamer Anstrengungen von Kommunen, Ländern und Bund
sind -trotz der angespannten Lage der öffentlichen Haushalte
- wesentliche Schritte zum Erhalt des kulturellen Reichtums
Ostdeutschlands unternommen worden. |
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Mit der Neukonzeption ist die Auswärtige Kulturpolitik als
3. Säule der Außenpolitik fortentwickelt worden. Es geht dabei
um die Anpassung der Mittlerorganisationen an die Bedingungen
der Medien- und Kommunikationsgesellschaft und die Ermöglichung
von mehr Flexibilität und Effizienz. Ein Schwerpunkt liegt aber
auch auf den inhaltlichen Herausforderungen, die sich im Zuge
der Globalisierung stellen. Zentral sind hier die Aspekte Dialog
der Kulturen, Demokratieförderung, Verwirklichung der Menschenrechte
und Nachhaltigkeit des Wachstums. |