5.
Die SPD wird Sorge dafür tragen, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen
für die kulturelle Entwicklung weiter verbessert werden. Ordnungspolitische
Aufgaben fallen in erster Linie in die Kompetenz des Bundes. Ihre
Lösung liegt aber im gemeinsamen Interesse von Kommunen, Ländern
und Bund, denn die Kultur in Deutschland insgesamt ist auf günstige
Rahmenbedingungen angewiesen.
Unsere ordnungspolitischen Forderungen sind insbesondere:
| · |
die übermäßige Besteuerung ausländischer Künstlerinnen und
Künstler, die für den Rückgang des Kulturaustausches um ein
Drittel verantwortlich ist, umgehend (zum Beispiel durch eine
Freigrenze mit einem Progressionstarif) zu korrigieren, |
| · |
weitere Verbesserungsmöglichkeiten zu prüfen, die im Steuerrecht
und dem Sozialhilferecht der besonderen Situation von Künstlerinnen
und Künstlern Rechnung tragen, |
| · |
darüber hinaus nach Wegen zu suchen, lebende, noch nicht etablierte
Künstlerinnen und Künstler dadurch zu fördern, dass Anreize
zum Ankauf ihrer Werke geschaffen werden und |
| · |
bei aller Anerkennung der notwendigen Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung
keine weiteren Einsparungen bei der Auswärtigen Kulturpolitik
vorzunehmen und ihre Strukturen weiterzuentwickeln, um alle
Chancen zu nutzen, das Bild Deutschlands im Ausland zeitgemäß
und weltoffen zu präsentieren und den Dialog der Kulturen zu
ermöglichen. |
Darüber hinaus sollten die folgenden ordnungspolitischen
Forderungen so bald wie möglich umgesetzt werden:
| · |
die zweite, zivilrechtliche Stufe der Stiftungsrechtsreform, |
| · |
die Weiterentwicklung des Künstlergemeinschaftsrechts, |
| · |
die Stärkung der Position der Urheberinnen und Urheber durch
eine Reform des Urhebervertragsrechts, |
| · |
die Sicherung der Vielfalt der Buchkultur durch ein nationales
Gesetz zur Buchpreisbindung, |
| · |
die Verbesserung der medialen Außenrepräsentanz Deutschlands
auch durch eine Neuorientierung und Neuorganisation der Deutschen
Welle und |
| · |
die Novellierung der Filmförderung. |
Mit der geplanten Errichtung einer Kulturstiftung
der Bundesrepublik Deutschland, vorzugsweise in gemeinsamer Trägerschaft
des Bundes und der Länder (das heißt unter Einbeziehung der Kulturstiftung
der Länder) sollen national bedeutsame kulturelle Projekte gefördert
werden. Es geht dabei vorrangig um
| · |
das Bewahren und Vermitteln von Leistungen und Werken der
Künste und der Kultur in Deutschland, |
| · |
die Förderung kultureller Innovation und zeitgenössischer
künstlerischer Entwicklungen im internationalen Kontext, |
| · |
die Überbrückung kultureller Grenzen und die kulturelle Integration
von zugewanderten Minderheiten, |
| · |
die kulturelle Kooperation und den kulturellen Austausch zwischen
In- und Ausland. |
Die Stiftung soll nicht nur von Seiten des Staates,
sondern auch von der Bürgerschaft und der Wirtschaft unterstützt
werden. Mit ihrer Etablierung würde eine Idee realisiert, die letztlich
auf Initiativen von Willy Brandt und Günter Grass in den siebziger
Jahren zurückgeht.
Die SPD will die kulturelle Dimension in der europäischen
Zusammenarbeit stärken. Ihr kulturpolitisches Engagement wird in
Zukunft vermehrt der Schaffung einer europäischen Öffentlichkeit
gelten. Seit dem Vertrag von Maastricht ist Kulturpolitik als Querschnittsaufgabe
festgeschrieben, eine Art "Kulturverträglichkeitsprüfung" für alle
Politikbereiche wurde vorgeschrieben. Im Zeitalter globaler Vernetzung
werden die herkömmlichen Grenzen zunehmend durch die grenzenlosen
Möglichkeiten der Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft übersprungen.
Die SPD wird sich auf der europäischen Ebene mit Nachdruck dafür
einsetzen, selbstbewusste Formen der kulturellen Integration bei
Wahrung der kulturpolitischen Eigenständigkeit zu entwickeln.
Mit ihrem neuen Grundsatzprogramm wird sich die
SPD - geleitet nicht zuletzt von einem wohlverstandenen Begriff
der Integration - für eine gestaltende Kulturpolitik als genuine
Querschnittsaufgabe einsetzen. Zentrale Zukunftsaufgaben wie die
Gestaltung einer nachhaltigen Entwicklung sind auch kulturelle Herausforderungen.
Gesellschaftliche, ökologische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung
bleiben in einem komplexen Prozess aufeinander bezogen. Sozialdemokratische
Politik muss dem gerecht werden mit Gestaltungsanspruch, Wertorientierung
und Urteilskraft.